Bild: Mikhail Sytenkov
Mit LUMINISCENCE kommt ab dem 2. Juli 2026 ein immersives Live-Erlebnis in den Hamburger Michel, das Architektur, Geschichte, Lichtprojektionen und Musik miteinander verbindet. Die 360°-Inszenierung mit Orgel und Live-Chor wurde ursprünglich in Frankreich entwickelt. Ingrid Langheld und Manuel Meloh haben sie dort in Lille zum ersten Mal gesehen und waren so begeistert, dass sie das Konzept nach Deutschland geholt haben. Inzwischen setzen sie LUMINISCENCE hierzulande um: Ingrid verantwortet die Veranstaltung, Manuel die technische Umsetzung vom Mapping bis zur Integration der Projektionen im Kirchenraum.
In Münster und Nürnberg hat LUMINISCENCE bereits für große Begeisterung gesorgt. Jetzt geht es in Hamburg direkt ins Wahrzeichen der Hansestadt: die Kirche St. Michaelis. In der Inszenierung ist „der Michel“ nicht nur Kulisse, sondern Hauptfigur. Seine Geschichte erzählt er selbst.
Was macht LUMINISCENCE so besonders? Wie klingt die Stimme des Michels? Und warum gab es ein ganzes Potpourri an Herausforderungen? Das verraten Ingrid und Manuel im Interview.
Ingrid: Ich bin rausgegangen und habe gesagt: Ich will ab jetzt nur noch das machen. Ich erinnere mich wirklich sehr genau an diesen Moment. Wir dachten: Das ist so eine schöne Veranstaltung, das wollen wir unbedingt nach Deutschland holen. Wir sind selbst die größten Fans dieses Projekts, weil es einfach wunderbar ist. Es spricht einfach alle Sinne an.
Manuel: Ich erinnere mich auch wortwörtlich an diesen Satz. Und ich glaube, das ist genau der Punkt: Das, was man bei LUMINISCENCE emotional erlebt, muss man vor Ort erleben. Man kann natürlich kleine Sequenzen mit dem Handy filmen, aber das Gefühl transportiert sich darüber nicht. Man muss in diesem Raum sitzen und es dort spüren.
Manuel: Es ist die Verbindung verschiedener Ebenen. Wir erzählen keine geistlich-spirituelle Geschichte, sondern eine historische, architektonische, geschichtliche. Beim Michel geht es also nicht nur um die Kirche selbst, sondern auch um Hamburg: Wie ist die Stadt entstanden, was hat diesen Ort geprägt? Dazu kommt eine sehr markante Stimme, die der Kirche ihre eigene Stimme gibt. Die gesamte Erzählung passiert aus der Ich-Perspektive. Die Kirche spricht also selbst. Und dann kommen Musik, Chor, Orgel, Projektion und Licht dazu. Am Ende sagen wir immer: Der Star ist die Kirche.
Ingrid: Man sitzt ja ohnehin an einem Ort, der viel mit Ehrfurcht zu tun hat. Dann kommen diese Lichtprojektionen, die Musik, die Geschichte und die Menschen um einen herum dazu. Das ist ein echtes Live-Erlebnis. Man erlebt es in diesem Moment gemeinsam mit anderen, und man kann es nicht einfach reproduzieren. Viele Menschen bleiben nach der Show noch eine Weile sitzen und müssen das erst mal sacken lassen.
Ingrid: Ja, wir haben festgestellt, dass viele Menschen mehrfach kommen. Je nachdem, wo du sitzt, ist der Blickwinkel anders. Sitzt du weiter weg, hast du eher den Gesamteindruck. Sitzt du nah dran, siehst du vielleicht mehr Details oder den Chor. Manche schauen sich die Show wirklich drei- oder viermal an und entdecken jedes Mal wieder etwas Neues.
Ingrid: Wir haben beide einen persönlichen Bezug zu Hamburg. Ich bin in Hamburg aufgewachsen, Manuel hat lange dort gelebt. Das hat natürlich schon mal einen emotionalen Wert. Und dann ist der Michel das Wahrzeichen von Hamburg. Eine tolle Kirche mit einer großen Geschichte.
Manuel: Der Michel ist architektonisch sehr speziell mit dieser ovalen, runden Raumanordnung. Und er ist keine gotische Kirche – bisher waren wir in Deutschland nur in gotischen Kirchen. Dadurch hat der Michel noch einmal einen ganz anderen Charakter. Außerdem ist die Anordnung der Stühle und Bänke sehr gut. Man hat an vielen Stellen einen guten Einblick. Das ermöglicht große Bilder und eine sehr voluminöse Inszenierung. Und dann natürlich die Orgel. Wenn die losspielt, ist das gigantisch. Die Inszenierung im Michel ist bisher unsere größte Darbietung von LUMINISCENCE in Deutschland.
Ingrid: Die Ich-Perspektive ist wahnsinnig wichtig. Als Zuschauerin oder Zuschauer hat man wirklich das Gefühl, die Kirche spricht zu einem. Und wenn diese Stimme dann auch noch etwas Mystisches hat, entsteht eine enorme Wirkung. Deshalb legen wir sehr viel Wert darauf, wer diese Stimme spricht. Idealerweise gibt es eine Verbindung zur Stadt oder zur Kirche.
Manuel: Weil er diese Markanz mitbringt. Und weil er einen Bezug zum Michel und zur Stadt hat. Wir haben das auch schon in anderen Städten erlebt: Für die Sprecherinnen und Sprecher ist das auch etwas Besonderes. Sie sprechen nicht einfach einen Text ein, sondern sie werden für diesen Moment die Stimme eines Ortes.
Ingrid: Wir können natürlich nur an der Oberfläche kratzen. Es ist keine vollständige Geschichte aus dem Geschichtsbuch und auch nicht streng chronologisch. Wir suchen gemeinsam mit der Kirche die Punkte aus, die wichtig sind und die sich gut erzählen lassen. Beim Michel geht es natürlich um die Entstehung, um Zerstörung, Wiederaufbau, auch um die Geschichte der Stadt. Aber es bleibt eine Erzählung, die fast schon poetisch ist.
Manuel: Wir können die vollständige Geschichte des Michels nicht in 53 Minuten erzählen. Dafür ist sie viel zu groß. Aber wenn man sich auf dieses Zusammenspiel der Sinne einlässt, entsteht trotzdem eine besondere Nähe zu diesem Ort.
Manuel: Der erste Schritt ist tatsächlich technisch. Wir gehen in die Kirche, machen einen 3D-Scan und vermessen den Raum mit einem Lasersystem. Daraus entsteht ein virtuelles 3D-Modell, eine Punktwolke. So können wir am Computer aus jedem Winkel sehen, was wo passiert. Parallel dazu beginnt die Recherche und die Aufarbeitung der Historie, immer in enger Abstimmung mit der Kirche. Die kennt ihre eigene Geschichte natürlich am besten. Uns ist wichtig, dass Technik, Musik und Stimme nicht einfach später über den Raum gelegt werden, sondern aus ihm heraus entstehen. Die Geschichte muss zum Michel gehören.
Ingrid: Vom 3D-Scan bis zur Realisation braucht man mindestens ein halbes Jahr. Beim Michel hatten wir noch etwas mehr Vorlauf, weil der Ort so besonders ist. Außerdem muss man mit der Kirche abstimmen, wann es überhaupt passt. Wir sind über mehrere Monate vor Ort und wollen die normalen Abläufe nicht stören. Beim Michel finden ohnehin schon viele Veranstaltungen statt. Da muss man gemeinsam in den Kalender schauen. Die Ansprache und die Planung sind jedes Mal sehr individuell.
Manuel: Man muss die Architektur sehr genau verstehen. Die Projektoren werden millimetergenau auf Silhouetten, Bögen, Säulen und Figuren ausgerichtet. Dafür braucht es viel Einrichtungszeit und sehr viel Gespür fürs Detail. Wir können die Technik auch nicht jeden Abend abbauen. Das ist oft eine der ersten Fragen der Kirchen. Wir brauchen aber knapp zwei Wochen für Aufbau und Vorbereitung. Sonst wäre diese Präzision gar nicht replizierbar.
Manuel: Das ist genau der Charme. Es gibt viele Formate, die außen auf Gebäuden stattfinden. Bei uns sitzt man drin. Es passiert über einem, hinter einem, vor einem, seitlich. Das ist vom Gefühl her noch einmal etwas ganz anderes, weil man wirklich mittendrin ist.
Manuel: Es gibt nicht die eine Herausforderung, sondern ein ganzes Potpourri. Temperatur spielt zum Beispiel eine größere Rolle, als man zuerst denkt. Eine Orgel verstimmt sich mit wechselnder Temperatur. Deshalb muss die musikalische Untermalung so vorbereitet sein, dass sie zur Orgel passt. Dann wollen wir die Abläufe der Kirche so wenig wie möglich stören. Vieles passiert nachts. Eine Kirche hat kein Loading Dock wie eine Veranstaltungshalle, da muss alles mit Ruhe und Vorsicht hineingebracht werden. Und man kann auch nicht einfach etwas aufhängen. Die Technik wird gestellt oder höchstens an Säulen befestigt.
In Hamburg ist es im Sommer außerdem sehr lange hell. Deshalb starten wir im Juli erst spät am Abend, weil es vorher nicht dunkel genug ist – gerade in so einem hellen Raum wie dem Michel. Und dann gibt es noch etwas ganz Banales: Strom. Wir bringen fast immer zusätzlichen Strom in die Kirche, weil wir viele Hochleistungsprojektoren, Lautsprecher und zusätzliche Beleuchtung einsetzen. Jede Kirche kommt da irgendwann an ihre Grenze. Aber genau das macht es auch spannend.
Manuel: Eigentlich für alle. Familien, Kinder, ältere Menschen, Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund. Es ist nicht an eine Religion gebunden. Man sollte vielleicht dazu sagen: Es gibt eine Szene zum Zweiten Weltkrieg, mit Flugzeugen und Bombengeräuschen. Für sehr kleine Kinder ist das vielleicht noch nichts. Aber ab einem Alter, in dem man es den Kindern erklären kann, funktioniert es auch für jüngere Kinder sehr gut.
Ingrid: Ich glaube, jede und jeder hat da eigene Szenen. Ich auch. Es ist aber ganz unterschiedlich, was einen berührt. Aber ja, diese Momente gibt es definitiv.
Manuel: Ich habe optisch ein, zwei Momente, die ich sehr mag. Wir haben Himmelszenen, in denen man plötzlich den Sternenhimmel über sich hat.
Ingrid: Ja, da geht auf einmal der Himmel auf, und dann ist da wie so ein Goldregen um einen herum.
Manuel: Genau. Und es gibt eine Szene, in der sich erst der Himmel öffnet und sich danach das Dach wieder schließt – mit einem Glasdach, auf das es regnet. Das macht schon Spaß.
Manuel: Für mich gibt es kaum etwas Schöneres, als mich nach der Show an den Ausgang zu stellen und Menschen zu fragen, wie sie es fanden. Einmal sagte jemand zu mir: „Ich hatte eigentlich einen richtig schlechten Tag und wollte gar nicht kommen. Aber jetzt komme ich hier raus und fühle mich beseelt.“ Genau darum geht es. Wenn jemand sich auf dieses Konstrukt einlässt und die Sinne, die wir ansprechen, wirken lässt, dann sind die meisten Menschen sehr emotional dabei.
Ingrid: Mich berührt besonders das Feedback der Kirchenvertreter. Wir sind ja bei ihnen zu Gast. Sie überlassen uns ihr Haus über mehrere Monate und wissen am Anfang noch nicht ganz genau, was sie erwartet. In Münster waren zum Beispiel Nonnen in der Show, die jeden Tag im Dom sind. Und trotzdem haben sie uns erzählt, dass noch einmal eine andere Verbindung entstanden ist, weil der Dom plötzlich zu ihnen gesprochen hat. Das fand ich sehr rührend. Wenn Menschen, die ihre Kirche so gut kennen, sie durch LUMINISCENCE noch einmal aus einer neuen Perspektive sehen, ist das ein sehr schönes Feedback.
Ingrid: Der Kölner Dom wäre natürlich super cool. Aber es gibt noch eine Menge toller, großer, schöner, historisch bedeutender Kirchen in Deutschland. Hamburg ist jetzt erst die dritte Kirche, in der wir LUMINISCENCE in Deutschland zeigen. Da gibt es bestimmt noch 15 andere Orte, die spannend wären. Mit einigen sind wir auch schon im Gespräch, aber können noch nicht mehr verraten.
Manuel: Generell kann man sagen, dass das Interesse der Kirchen, in denen wir schon waren, relativ groß ist, dass wir wiederkommen.
Ingrid: Und das Interesse der Menschen übrigens auch. In Münster und Nürnberg gab es zum Schluss keine Karten mehr. Das heißt, es gibt Menschen, die es leider verpasst haben und die es unbedingt noch sehen wollen. Natürlich kommen wir nicht direkt im nächsten Jahr wieder, da braucht es schon eine gewisse Pause. Aber wir schauen, was möglich ist.
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