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Interviews

Backstage mit Nothing But Thieves: „Perfektion ist langweillig” – über das neue Album „Stray Dogs“, die Magie von Liveshows und vieles mehr

24.09.2026 von Felix Goth / Nadine Wenzlick / Louis Krüger

Perfektion? Können Nothing But Thieves inzwischen haben. Wollen sie aber nicht. Nach mehr als 15 gemeinsamen Jahren, einem Nummer-eins-Album und Shows in immer größeren Arenen sucht die britische Band auf ihrem neuen Album „Stray Dogs“ ausgerechnet nach dem, was sich nicht planen lässt: Spontaneität, Fehler und dieses schwer greifbare Gefühl, das entsteht, wenn Band und Publikum für einen Moment zu einer Einheit werden.

Für die Aufnahmen kehrten Nothing But Thieves an einen Ort zurück, an dem vieles begann: die Angelic Studios, in denen sie mehr als zehn Jahre zuvor bereits an ihrem Debütalbum gearbeitet hatten. Damals ging es noch darum, irgendwie eine Platte aufzunehmen, die gut genug war, um nicht vom Label gedroppt zu werden. Heute füllt die Band Arenen – und versucht trotzdem, sich etwas von genau dieser ursprünglichen Unbekümmertheit zurückzuholen.

Im Interview spricht Gitarrist Joe Langridge-Brown mit uns über die Entstehung von „Stray Dogs“, ihre besondere Verbindung als Band, ein Meer aus Handys vor der Bühne und die Frage, wie man die Energie einer Clubshow vor 20.000 Menschen retten kann. Außerdem erinnern sie sich an gerissene Gitarrensaiten bei ihren ersten Konzerten, eine ganz besondere Begegnung bei einem Festival in Frankreich und den Moment, kurz bevor sie mit Green Day im Wembley Stadium auf die Bühne gingen.

Im kommenden Jahr kann man die Band auch hierzulande wieder live sehen. Im Januar gastiert die „The Stray Dogs World Tour“ in Deutschland. Im Sommer stehen Festival-Slots auf dem Plan. Tickets sind erhältlich.

Für „Stray Dogs“ seid ihr in die Angelic Studios zurückgekehrt, wo ihr schon euer Debütalbum aufgenommen habt. Zehn Jahre und vier Alben später: Was hat es in euch ausgelöst, wieder an diesem Ort zu sein?

Es hat sich gleichzeitig vertraut und fremd angefühlt. Wir waren vor über zehn Jahren zum ersten Mal dort und haben einfach versucht, etwas zu machen, das gut genug ist, um unser Leben zu verändern – und um nicht von unserem Label rausgeworfen zu werden. Seitdem hat sich unser Leben ziemlich verändert, sowohl mit der Band als auch persönlich. Das wurde uns dort auf jeden Fall noch einmal bewusst.

Mit diesem Album wollten wir gewissermaßen das Fundament neu setzen. Vielleicht auch ein paar alte Rechnungen begleichen. Ich glaube, das Studio hat uns dabei geholfen, etwas von dieser ursprünglichen Unschuld zurückzubekommen.

Ihr habt „Stray Dogs“ als euer bislang befreiendstes Album bezeichnet. Wovon musstet – oder wolltet – ihr euch befreien?

Bei jedem Album davor sind wir in den Schreib- und Aufnahmeprozess gegangen und haben versucht herauszufinden, wer wir als Band eigentlich sind. Das Problem ist: Diese Band bist du noch gar nicht, und so klingst du auch noch nicht, bevor du diese Musik tatsächlich gemacht hast. Das kann verdammt frustrierend sein, weil du dich und den gesamten Prozess fast täglich hinterfragst oder anzweifelst.

Bei diesem Album wollten wir dagegen einfangen, wie wir live klingen – und wir glauben nicht, dass uns das vorher jemals wirklich gelungen ist. Wir wissen, wer wir sind – zumindest im Moment – und wir wussten, worauf wir hinauswollten. Schließlich spielen wir seit 15 Jahren zusammen. Wir mussten einfach die besten Songs schreiben, die wir schreiben konnten, und diesen Sound richtig einfangen. Das war ein unglaublich befreiender Prozess.

Statt die Songs unterwegs entstehen zu lassen, habt ihr euch bewusst fünf Monate Zeit genommen, um gemeinsam an dem Album zu schreiben. Wie hat das die Zusammenarbeit zwischen euch fünf verändert?

Um ehrlich zu sein, hatte das Vor- und Nachteile. Wir konnten komplett in den Prozess eintauchen und hatten alle Zeit der Welt, um an den Songs zu arbeiten. Das war großartig.

Aber Reisen inspiriert eben auch. Und nach so vielen Jahren sind wir von Natur aus Nomaden. So lange nicht unterwegs zu sein, hat deshalb manchmal dazu geführt, dass sich Kunst plötzlich wie Arbeit angefühlt hat. Und ich glaube nicht, dass das die beste Einstellung dafür ist. Daran mussten wir uns hin und wieder selbst erinnern.

Beim nächsten Album werden wir den Prozess wahrscheinlich wieder verändern.

„Stray Dogs“ soll auch davon handeln, das Gefühl einer Liveshow einzufangen und seine Leute zu finden. Was ist es an Konzerten, das dieses Gefühl von Zugehörigkeit entstehen lässt?

Konzerte sind eigentlich ziemlich primitive Veranstaltungen. Eine Kundgebung, ein Schlachtruf, ein Gebet. Etwas sehr Körperliches.

Ein paar Tausend Fremde treffen sich in einem Raum und sind sich bei einer Sache weitgehend einig – abgesehen von den Beschwerden über die Setlist. So etwas ist selten. Vielleicht empfinden die Leute es auf unterschiedliche Weise, aber die meisten fühlen im selben Moment etwas oder können sich gleichzeitig mit etwas identifizieren.

Das ist fucking großartig. Und herzerwärmend. Und lebenswichtig.

Ein großer Teil von Livemusik wird heute durch einen Handybildschirm erlebt. Glaubt ihr, dass das Publikum dadurch tatsächlich stärker verbunden ist – oder konzentrieren sich die Leute inzwischen mehr darauf, alles zu dokumentieren?

Nein, ich glaube, die Leute sind immer noch verbunden und wirklich im Moment. Ich sehe das jeden Abend.

Und ja, ich habe schon meine Gedanken dazu, wie viel die Leute während der Shows filmen. Mir wäre lieber, sie hätten nicht das Gefühl, dass sie diesen Moment unbedingt festhalten MÜSSEN. Aber in neun von zehn Fällen hat die Person hinter der Kamera gleichzeitig ein riesiges Grinsen im Gesicht, Tränen in den Augen oder schreit uns den Song entgegen.

Aber klar: Sobald wir nur noch auf ein Meer aus Handys schauen und dahinter keinerlei Reaktion mehr stattfindet, sind wir am Arsch. So weit sind wir noch nicht.

Im vergangenen Jahr habt ihr zehn Jahre Nothing But Thieves gefeiert. Wenn ihr auf die fünf Menschen zurückblickt, die diese Band damals in Southend gegründet haben: Was würde sie wohl am meisten daran überraschen, wer ihr heute seid?

Wenn man unsere Band mag, weiß man das wahrscheinlich schon. Aber wenn man uns nicht über die Jahre verfolgt hat, wäre man vermutlich überrascht, wie gut wir uns verstehen. Wir untereinander, aber auch mit unserer Crew.

Ich glaube, in der Musikindustrie kann man sehr, sehr leicht vergessen, dass man eigentlich Freunde ist. Von allen Seiten kommt ein verdammt großer Druck. Und es kann schwierig sein, nicht zuzulassen, dass dieser Druck einen auseinanderbringt.

Aber wir verbringen auch außerhalb der Band viel Zeit miteinander. Unsere Partnerinnen und Partner sind miteinander befreundet, wir gehen gemeinsam auf Konzerte und manchmal sogar zusammen in den Urlaub. Wenn man es schafft, zusammenzuhalten, lässt sich der Rest irgendwie regeln.

Ein Rudel Streuner.

Ihr habt als DIY-Band angefangen und seid inzwischen bei einem Nummer-eins-Album und Arena-Tourneen angekommen. Welchen Teil dieser ursprünglichen DIY-Mentalität habt ihr ganz bewusst versucht zu bewahren?

Die Hoheit über unsere Musik. Nicht unbedingt im juristischen Sinne – das ist eine Geschichte für einen anderen Tag –, sondern darüber, was wir erschaffen und was wir sagen wollen.

Unser Instinkt liegt normalerweise richtig. Bei manchen Sachen, die wir veröffentlicht haben – zum Beispiel einigen Musikvideos –, haben wir uns dazu überreden lassen, gegen unser Bauchgefühl zu handeln. Und das Ergebnis war scheiße.

Vielleicht sollten wir die mal löschen …

Ihr habt erzählt, dass eines der Bilder hinter dem neuen Album eure Tourfamilie ist, die irgendwo weit weg von zu Hause zusammenkommt. Ab welchem Punkt haben sich diese Menschen für euch eher wie eine Familie als einfach nur wie eine Tourcrew angefühlt?

Wahrscheinlich in dem Moment, als uns klar wurde, dass wir sie häufiger sehen als unsere eigenen Familien.

Könnt ihr euch noch an die allererste Nothing-But-Thieves-Show erinnern? Was ist euch davon besonders im Gedächtnis geblieben?

Ich erinnere mich zumindest an eine Version davon. Wir haben wirklich ganz unten angefangen, also werden da wahrscheinlich nur eine Handvoll Leute gewesen sein.

Damals dachten wir, das wäre die Schuld der Welt und nicht unsere. Wahrscheinlich lag die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Ich weiß noch, dass mir damals ständig Gitarrensaiten gerissen sind. Ich spiele ziemlich hart – und ich bin definitiv ein schlechterer Gitarrentechniker als Gitarrist. Hinten an der Bühne gab es eine kleine Tür, durch die ich immer rein- und rauslaufen musste, um meine einzige Gitarre neu zu besaiten.

Das hat den Zauber ein bisschen kaputtgemacht.

Relativ früh in eurer Karriere durftet ihr Muse auf ihrer „Drones“-Tour supporten, während ihr heute selbst Arenen spielt. Was habt ihr daraus gelernt, einer Band dabei zuzusehen, wie sie auf diesem Niveau eine Show aufzieht?

Details sind genauso wichtig wie Größe.

Ihr habt in den vergangenen zehn Jahren Hunderte Shows gespielt. Welche davon sind euch besonders im Gedächtnis geblieben?

Inzwischen sind es wahrscheinlich eher fast Tausende.

Ich weiß nicht genau, warum, denn eigentlich hatte dieser Moment überhaupt nichts mit uns zu tun, aber gerade muss ich an ein Festival denken, das wir in Frankreich gespielt haben. Es fand auf einem großen Platz statt, und rund um Bühne und Publikum gab es riesige offene Fenster mit Fensterläden.

Unser Fotograf Harris hat ein großartiges Foto von einem offensichtlich sehr verliebten Paar gemacht, das uns aus einem dieser Fenster heraus zugeschaut hat. Ich weiß noch, dass ich die beiden während der Show gesehen habe. Dieser Moment ist mir immer im Gedächtnis geblieben.

Ein sehr menschlicher Moment.

Seid ihr auf der Bühne – oder direkt nach einer Show – schon einmal zu Tränen gerührt gewesen?

Ich glaube, ich war ein paarmal kurz davor. Manche Songs entwickeln mit der Zeit ein Eigenleben und bekommen eine ganz neue Bedeutung.

Seid ihr vor Shows noch nervös? Und macht euch eine Arena nervöser als ein kleiner, intimer Club – oder ist es inzwischen sogar andersherum?

Eigentlich nicht wirklich. Vielleicht eher, wenn wir eine Weile nicht gespielt haben oder wenn es ein besonders außergewöhnlicher Moment ist.

Ich erinnere mich daran, wie ich zu den Jungs gesagt habe, kurz bevor wir im Wembley Stadium als Support für Green Day auf die Bühne gegangen sind: „Nehmt das hier bewusst wahr. Das passiert wahrscheinlich kein zweites Mal.“

An diesem Tag waren schon ein paar Schmetterlinge im Bauch.

Eure Tour 2027 ist eure bislang größte Headliner-Tour. Ab welchem Punkt führen Hallen dieser Größenordnung dazu, dass ihr die eigentliche Show neu denken müsst, statt einfach nur die bisherige größer zu machen? Und wie schafft ihr es, dass die Verbindung zum Publikum nicht verloren geht, wenn ihr vor 20.000 Menschen spielt?

Im Moment denken wir eigentlich eher in die andere Richtung. Ich habe langsam genug von Konzerten, bei denen alles zu stark automatisiert ist.

Technologie macht es immer einfacher, perfekt zu sein. Und Perfektion ist langweilig.

Wir versuchen deshalb, Wege zu finden, diese Spontaneität, die bei Clubshows entstehen kann, mit in eine Arena zu nehmen. Die Distanz zwischen uns und dem Publikum ein bisschen zu überbrücken.

Das ist nicht einfach, und wahrscheinlich werden wir damit auch nicht immer richtigliegen.

Aber genau darum geht es.

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