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Interviews

Backstage mit Süd von Hämatom: „Wir sind eine Band voller Anekdoten. Wir hatten zum Beispiel diverse Musiker, die von der Bühne gefallen sind.“

21.07.2026 von Nicole Pietzsch

Jetzt drehen sie völlig durch! Hämatom laden 2026 zur großen Gagamania“-Sause. Nach Festival-Shows, unter anderem auf dem Holy Ground in Wacken, geht es im Herbst gemeinsam mit JBO und dem DJ-Duo Anstandslos & Durchgeknallt auf „Gagamania“-Tour durch die Hallen der Republik.


„Gagamania“-Tour Tickets

Es ist die bislang größte Konzertreise der deutschen Metalband, die 2004 ihr 20-jähriges Jubiläum feierte und mit ihrem aktuellen, dem 2023 verstorbenen Bassisten Peter “West” Haag gewidmeten, Album „Für dich“ die Chartspitze nur knapp verpasste.

„Gagamania“ wird nicht nur die größte Tour, sondern auch die verrückteste der vier maskierten Musiker*innen Nord, Ost, Süd und Rose. Wie Fans aber wissen, spielen schräge Partynummern zwar eine zentrale Rolle im Repertoire des Quartetts, doch darüber hinaus zeigen Hämatom auch politische Kante. So steht die Band seit zwei Jahrzehnten für musikalische wie inhaltliche Vielfalt. Schlagzeuger Süd verrät im Interview mit uns Spannendes zur „Gagamania“-Tour, erzählt verrückte Tour-Anekdoten, berichtet von Konzerten in der Ukraine und träumt von einer ganz besonderen Tour. 

Süd, ihr habt kürzlich schon einige Festivals unter dem Banner „Gagamania“ gespielt, im Herbst steht dann die große Hallentour an. Ihr versprecht ein „audiovisuelles Spektakel“ und Abende „zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit“. Was erwartet uns in Sachen Bühnenshow?

Die ersten Festivals haben total Spaß gemacht – endlich wieder unterwegs sein! Als Bühnenaufbau haben wir ein großes Irrenhaus. Es ist eine Art Theaterstück und das Intro begrüßt das Publikum in der Irrenanstalt. Wir sind die Verrückten, die auf der Bühne stehen und kurz mal raus dürfen, wenn wir ins Publikum gehen. Das ist das Konzept, das bis zum letzten Lied durchgezogen wird.

In eurem Podcast habt ihr schon darüber gesprochen und dabei auch Zwangsjacken erwähnt, die ihr tragt. Wie funktioniert das, damit eure Instrumente zu spielen?

Ich streife meine im Prinzip vor dem ersten Song ab. Die anderen drei haben ihre ein bisschen länger an, besonders unser Sänger, aber sie können dann natürlich nicht mehr zusammengebunden sein. Die Zwangsjacken sind aber Bestandteil der Show.

Das Publikum bezieht ihr auch ein, richtig?

Ja genau, das ist ein relativ neues Experiment. Im Frühling haben wir den Song „Wir haben Dorf“ veröffentlicht. Und da haben wir so einen ganz schrägen Mitmachteil kurz vor dem letzten Refrain eingebaut. Ich will noch nicht zu viel verraten, das muss man sich echt live anschauen. Das ist wirklich das Highlight gerade. Das ist unfassbar. Okay, ein bisschen kann ich verraten: Die Menschen müssen zu einem Song, den man nicht erwarten würde und der nicht von uns ist, einen Rechts-Links-Tanz ausführen. Und wenn das dann, wie neulich beim Rockharz, super viele Leute mittanzen, schaut das sehr beeindruckend aus.

Hat die Songauswahl auch Gagamania-Bezug? Nach welchen Kriterien stellt ihr die Setlist zusammen?

Ja, und natürlich gibt es Songs, die nicht fehlen dürfen, wie „Es regnet Bier“. Es gibt verschiedene Parameter, denen man gerecht werden muss. Zum einen die beliebten Songs. Dann gibt es solche, die wir einfach gerne spielen und Songs für Fans der ersten Stunde, wie zum Beispiel „Die alte Liebe rostet nicht“. Und dann muss es eben auch vom Storytelling Sinn machen. Darin eingebaut haben wir aber auch, was uns eben sehr wichtig ist, die politischen Statements, wovon wir ja sehr viele Songs haben. Die Herausforderung ist, alles unter einen Hut zu bekommen. Also Party, aber auch mal Kante zeigen, politische Aussagen treffen und da den Bogen zu bekommen. Um die Leute nicht direkt runterzuziehen, ist das Politische relativ mittig eingebaut. Danach kehren wir wieder zur Party zurück – du willst die Menschen schließlich mit einem guten Gefühl nach Hause schicken. Da haben wir im Vorfeld wahnsinnig viel diskutiert und probiert.

Auf der Hallentour sind eure Special Guests JBO und Anstandslos & Durchgeknallt. Warum habt ihr euch diese beiden ausgesucht und wie passen sie zu Hämatom?

Die Story mit JBO geht bis vor die Gründungsjahre von Hämatom zurück. Als Hämatom entstanden ist, hatten die anderen drei eine Coverband, und ich kam dazu. Dann haben wir festgestellt, dass wir gemeinsame Bekannte haben, nämlich von JBO. Die anderen drei waren mit ihrer Coverband da mehrmals im Vorprogramm und haben sich auch so schlecht benommen, dass sie in Erinnerung geblieben sind. Ich hatte wiederum mal eine Band zusammen mit Veit von JBO. Wir kommen alle aus dem Raum Erlangen. In den Anfangsjahren von Hämatom waren wir immer wieder mal mit JBO unterwegs. Die erste ernstzunehmende Tour war sogar mit JBO. Das waren nicht viele Konzerte, aber es war natürlich ein wahnsinniger Vertrauensbeweis, uns als Newcomer-Band mitzunehmen. Es ist schön, wenn es diese Verbindungen nach über 20 Jahren immer noch gibt. Jetzt waren es eben wir, die gefragt haben: Ey, habt ihr Bock mitzukommen? Die Gagamania-Tour soll mehr sein als eine Hämatom-Solo-Show. Anstandslos & Durchgeknallt sind eigentlich keine Band, sondern ein DJ-Duo. Wir wollen einen außergewöhnlichen Abend zusammenstellen, der schon anfangen soll, sobald die ersten Leute Lust haben, zu diesem Konzert zu kommen. Wir haben ja das Freak-Mobil, das wird auf jeden Fall da stehen. Gagamania soll ein ganzheitlicher Konzerttag werden.

Vorab spielt ihr zwei kleine Club-Shows in Cham. Was ist eure Motivation dahinter?

Es ist immer ganz gut, wenn man vorher im kleinen Raum spielt, sich eingroovt, einfach Musik macht, ohne die großen Bühnenaufbauten. Gerade für die Crew ist das wichtig, um Abläufe einzustudieren. Man merkt dann zum Beispiel, bei Lied XY reißt ständig die gleiche Saite, da müssen wir vielleicht nochmal was umstellen im Programm. Diesen „Ernstfall“ kann man zwar simulieren bei einem Probeaufbau oder im Proberaum, aber nicht zu 100%. Deswegen machen wir zwei Warm-Up-Shows. Das ist für die Zuschauer auch ganz spannend, weil das dann wirklich hautnah ist. Da wird der Schweiß von der Decke tropfen, das ist wie Hämatom vor zehn Jahren: ganz klein, persönlich, wenig Licht, wenig Aufbauten.

Welches Hämatom-Mitglied ist denn am meisten gaga?

Ganz klar Ost oder Nord. Die Entscheidung fällt mir jetzt gerade schwer … ich würde aber auf Nord gehen. Ost hat immer wieder normalere Phasen. Nord hat schon, finde ich, einen sehr großen Gaga-Anteil und ich verstehe das als Kompliment.

Dieses Jahr spielt ihr auch zum wiederholten Male in Wacken. Worauf darf sich die Wacken Community diesmal freuen? 

Wir versuchen es ja jedes Mal zu überbieten und ich bekomme dann im Vorfeld etwas Bauchschmerzen. Ich mag nämlich eingespielte Shows mit wenig Besonderheiten. Für die Zuschauer sind die Besonderheiten natürlich das Beste. Aber ich denke immer: Oh Gott, jetzt machen wir eine Besonderheit mit Gast Soundso und einem Song, den wir jetzt drei Jahre nicht gespielt haben. Ich bin immer wieder überrascht, wie gut es funktioniert. Mit jedem Gast entsteht ein neuer Unsicherheitsfaktor. Aber auch wegen technischer Dinge. Das sind Sachen, an die man als Zuschauer gar nicht denkt. Der braucht dann eine eigene Funkstrecke, die muss sofort für jeden hörbar sein, aber davor und danach sofort wieder aus sein. Sowohl showmäßig als auch von den Gästen wird es aber etwas total Besonderes. Wer Hämatom ein bisschen verfolgt, der wundert sich darüber wohl auch nicht. Wir hatten schon unglaubliche Konzerte in Wacken, mit Trailer Park oder Finch und die Unplugged-Show, bei der wir fast schon mit einer Big Band gespielt haben.

Es wird also auf jeden Fall überraschende Gäste geben in Wacken?

Genau, überraschende Gäste, überraschende Show, überraschende Show-Einlagen. Man darf sich da wirklich sehr freuen. Wer ein Ticket hat, kann sich glücklich schätzen.

Passend zum Tourtitel: Was war das Verrückteste, was euch auf Tour oder bei einem Konzert passiert ist? Gibt es eine besonders schöne Anekdote?

Hämatom ist eine Band voller Anekdoten. Wir hatten zum Beispiel diverse Musiker, die von der Bühne gefallen sind. Und dann die ganzen Partys – vor allem Nord und Ost sind auch nach 20 Jahren Bandgeschichte noch totale Partytiere. Dann gab es da noch diese Geschichte mit Rammstein in Sofia, die auf einen frustrierten Veranstalter zurückzuführen ist. Der hatte eine Vorband für Rammstein in Sofia gesucht und war gelangweilt von all dem Einheitsbrei. Er hat dann total genervt „Leck mich“ in die Suchmaschine eingegeben und dann kam unser Song mit diesem Titel. Den hat er sich angehört und hat uns nach Sofia eingeladen. Dann bekommst du diese Mail und hältst das erstmal für Spam. Zwei Tage später kamen aber die Flugtickets und wir durften in einem Stadion in Sofia spielen.

Du hast eben gesagt, dass ihr nach dem Konzert oft noch Party macht. Wie verbringt ihr die letzte Stunde vor der Show?

Die verbringen wir immer zusammen. Wir spielen uns ein, da macht Nord aber selten mit, er schminkt sich währenddessen noch mal nach und nimmt ein Getränk zu sich. In der letzten halben oder Viertelstunde dreht Ost die Bluetooth-Box auf. Da läuft selten Metal, sondern oft K.I.Z, Trailerpark oder Alligatoah. So stimmen wir uns auf das ein, was anschließend auf der Bühne passiert.

Im letzten Jahr habt ihr zwei Konzerte in der Ukraine gespielt. Nach Wacken kehrt ihr für ein weiteres dorthin zurück. Was bedeutet es dir, dort zu spielen und was ist das für ein Gefühl?

Das war etwas ganz Besonderes und wahrscheinlich habe ich mich noch nie so sinnvoll als Musiker gefühlt wie dabei, in einem Land, das seit vielen Jahren angegriffen wird, ein bisschen zu geben mit dem, was ich kann. Diese Reise war natürlich fern jeglicher Routine. Trotz Erzählungen von Leuten, die da waren, weißt du nicht wirklich, was dich dort erwartet und wie du damit umgehst. Wir sind mit einem etwas mulmigen Gefühl eingereist. Vor Ort in Lviv fühlte es sich erstmal relativ normal an. Aber du sieht in der Stadt viele Soldaten, die an der Front waren und eine Prothese tragen oder im Rollstuhl sitzen. Als wir dann in Kiew waren, gab es den ersten Luftalarm und es sollte nicht der letzte sein. Die zweite Nacht dort haben wir komplett im Schutzraum verbracht. Es gibt aber wahnsinnig gute Frühwarnsysteme, sodass wir wieder sicher nach Polen zurückreisen konnten. Es war eine verrückte und gleichzeitig sehr traurige Reise, aber eben auch eine, die uns sehr viel bedeutet hat. Für die Leute dort ist es wichtig, trotz allem einen Alltag aufrechtzuerhalten. Vor dem Krieg gab es ja auch noch Corona, das heißt, es herrscht seit sechs Jahren Ausnahmezustand. Gerade von den Heranwachsenden kann man nicht verlangen, dass sie nie Partys feiern oder auf Konzerte gehen. Hier wird an manchem vorbei diskutiert und Dinge vergessen. Es ist so wichtig, dass dieser Krieg aufhört.

Großen Respekt dafür, dass ihr erneut dorthin fahrt! Abgesehen von diesen außergewöhnlichen Shows tretet ihr an ganz unterschiedlichen Orten im In- und Ausland auf, von kleinen Clubs über große Hallen und Festivals bis zur Metal-Kreuzfahrt. Wo spielst du besonders gerne?

Ich würde sagen, kleine Clubs und große Festivals kann man nicht miteinander vergleichen. Das Wacken wird jetzt natürlich ultra fett. Vor allem die Bilder und Videos danach, da wird man gehyped sein. Das ist teilweise nicht greifbar, wie von einem anderen Planeten. Da werde ich aber vorher viel aufgeregter sein und es währenddessen weniger genießen können, als bei einer eingespielten Clubshow. Beides hat was, aber es wäre schon komisch zu sagen, ich spiele lieber in Cham als in Wacken. Müsste ich mich entscheiden, würde ich das große Ding wählen. Aber ich freue mich auch wahnsinnig auf kleine Shows, auch im Ausland. Kleine Shows im Ausland, wenn man so richtig arbeiten muss, weil die Zuschauer einen noch nicht so gut kennen, das finde ich immer eine große Herausforderung.

Hast du noch Zukunftsträume in Bezug auf Hämatom, zum Beispiel hinsichtlich Venues oder Features?

Ich würde total gerne mal eine kleine Nordamerika-Tour spielen. Da hätte ich große Lust drauf. Diese „70.000 Tons of Metal“-Kreuzfahrt steht eigentlich noch auf der Agenda. Da hatten wir mal eine Anfrage, aber unser Gitarrist Ost, der schon lange in Deutschland lebt, hatte damals nur einen polnischen Pass. Es hat dann mit dem Visum nicht mehr hingehauen. Das hat schon wehgetan. Ansonsten denken wir uns immer neue verrückte Sachen aus, die wir dann umsetzen. Ost ist da meist die treibende Kraft. Wir waren zum Beispiel gerade auf Gran Canaria zum Songwriting, davon gibt es im Herbst was zu hören. Ein anderes Beispiel ist unser Berlin-Akustik-Album. Für unsere Fans ist das nicht immer leicht, aber wir mögen solche wilden Experimente.

Eine verrückte – und sehr unterhaltsame – Sache ist auch der Metal-Fight-Club. Wird es davon noch eine Ausgabe geben?

Ich würde das zumindest nicht ausschließen. Die Vorbereitungen sind nicht ohne, deshalb muss man schauen, wie es reinpasst. Und auch: Wer will es mit uns aufnehmen, wer passt und macht das mit? Es wird ja alles dokumentiert und auch mal Verzweiflung gezeigt. Manche Bands möchten einfach ihre Kunstfigur zeigen und wollen keinen Blick hinter die Kulissen. Die kommen dann gar nicht infrage. Es ist auf jeden Fall immer spannend, was da musikalisch rauskommt. Da ist nichts gefaked – keiner weiß vorher, was er danach macht. Ich finde es auch ein sehr unterhaltsames und lustiges Format.

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