Bild: Anja Barte Telin
Salzlakritz, fermentierter Hai oder knusprige Insekten – was für die einen ein kulinarischer Albtraum ist, gehört für andere ganz selbstverständlich auf den Teller. Das Disgusting Food Museum, das kürzlich in Stuttgart eröffnet hat, zeigt Spezialitäten aus aller Welt und stellt dabei eine ganz einfache, aber unbequeme Frage: Warum finden wir manche Speisen eklig und andere nicht?
Im Interview erklärt euch Museumsdirektor Andreas Ahrens aus Malmö persönlich, was euch im Disgusting Food Museum erwartet, und erzählt seine Lieblingsgeschichte zu einem ganz besonderen Gericht. Außerdem spricht er darüber, welchen Einfluss unsere kulturelle Prägung auf unsere Ernährung hat, welches europäische Lebensmittel andere Kulturen „eklig“ finden und was ihr bei eurem Besuch unbedingt probieren solltet – wenn ihr ein wenig mutig seid.
Ich kann kochen – und ja, meine Freunde kommen tatsächlich noch vorbei. Sie wissen, dass ich zwar „eklige“ Zutaten zuhause habe, aber ich sage immer Bescheid, bevor sie im Essen landen.
Das Disgusting Food Museum ist eine Entdeckungsreise durch die Welt des Essens, die alle Kulturen der Welt einbezieht, uns vor die Frage stellt, was wir als köstlich und was als eklig empfinden, und uns dazu bringt, unsere normalen Ernährungsgewohnheiten zu hinterfragen.
Ein wenig verrückt sein muss man schon, sonst kommt man nicht auf so eine Idee. Ich habe viel von der Welt gesehen, viel probiert und festgestellt: Die meisten Dinge, von denen wir denken, sie seien „eklig“, sind es gar nicht. Unser Ekelgefühl schützt uns eigentlich vor gefährlichen Lebensmitteln, aber oft schränkt es uns auch ein. Wenn man offen ist, entdeckt man, dass das, was uns abschreckt, woanders ganz normal ist – und oft sogar lecker. So entstand die Idee: Eine Ausstellung, die Esskulturen zeigt und Denkanstöße liefert – zum Beispiel zu alternativen Proteinquellen wie Insekten oder Laborfleisch.
Bild 1: Schnecken aus Frankreich – das kennt man auch in Deutschland, Bild 2: Bei Kaleh Pache aus Persien wird ein ganzer Schafskopf zubereitet, Bild 3: Die Geschichte voin “Kiviak” aus Grönland gehört zu Andreas Ahrens' Lieblingsstorys, Bild 4: Salzlakritz ist in Schweden ganz normal, aber schmeckt nicht allen, Bild 5: Kaviar oder Root-Bier – was ist “eklig” und warum?, Bild 6: Tausendjährige Eier sind eine Delikatesse der chinesischen Küche, Bild 7: In Guam gilt Fledermaus-Suppe als Delikatesse – ist das wirklich so anders als Hühnersuppe?, Bild 8: Wie viel kostet ein Stück Rindfleisch wirklich?, Bild 9: Wie viel Antibiotika kommen auf den Teller?, Bild 10: Im Norden Schwedens ist der fermentierte Hering Kult. Alle Bilder: Anja Barte Telin
Ja, ziemlich deutlich sogar. Ich war mit 16 Jahren in Kenia und Tansania. Dort haben wir viel Zeit mit den Tieren in der Serengeti verbracht. Danach sind wir weiter nach Nairobi gereist, wo wir in einem Restaurant all die Tiere essen konnten, die wir vorher in der Wildnis gesehen hatten – Zebra, Gnu, Strauß. Ich erinnere mich bis heute, wie lecker das Gnu war. Und ich dachte: Für mich sind das Tiere, die ich aus dem Zoo kenne, aber hier sind sie einfach Teil der normalen Ernährung. Warum also essen wir Schweine, aber keine Hunde? Oder warum ist es bei uns völlig normal Kühe zu essen, die Hindus niemals essen würden? Diese Fragen beschäftigen mich seitdem.
Ich bin in Schweden aufgewachsen und liebe Salzlakritz. Wenn du das in Schweden nicht magst, denken die Leute, du bist seltsam. Aber außerhalb von Schweden finden viele Menschen es seltsam, dass es wiederum Leute gibt, die Salzlakritz mögen. Unsere Vorlieben sind stark kulturell geprägt. Von unseren Eltern und Großeltern, unserer Umgebung. Und auch die Natur spielt eine Rolle. Welche Tiere und Pflanzen stehen einem zur Verfügung? In Schweden isst man zum Beispiel Kartoffeln, weil Reis dort kaum wächst. Dann gibt es Gerichte, die ihren Ursprung in Krisenzeiten hatten, und die heute kulturelles Erbe sind.
Surströmming ist ein gutes Beispiel – ein fermentierter Hering aus Schweden. Der ist nur deshalb entstanden, weil Salz damals teuer war und man die Fische nicht komplett darin einlegen konnte. Deshalb nutzte man Salzlake, um sie zu fermentieren und damit zu konservieren. Was ursprünglich eine Methode war, um zu überleben, ist heute Kult – zumindest im Norden Schwedens.
Das kommt nur sehr selten vor. Meistens liegt es an einem Missverständnis darüber, was das Museum eigentlich will. Unser Ziel ist es ja gerade, Vorurteile abzubauen. Deshalb zeigen wir auch sehr viele europäische Gerichte – Europa ist sogar überrepräsentiert. Es geht nicht darum, sich über andere Kulturen lustig zu machen, sondern darum, Vielfalt sichtbar zu machen. Menschen aus Australien sind manchmal empört, dass es Vegemite (Anm. d. Red.: Ein malziger, salziger Brotaufstrich) bei uns gibt. Aber wenn wir mit ihnen ins Gespräch kommen, verstehen sie am Ende fast immer, worum es wirklich geht.
Da gibt es viele, aber ich mag die Geschichte von Kiviak. Das ist ein Gericht aus Grönland. Dort stehen die meiste Zeit im Jahr nur Robben oder Fisch auf dem Speiseplan. Aber einmal im Jahr – im Sommer – landen kleine Vögel an den Küsten. Sie heißen Auks oder „Alle Alle“. Die Menschen dort essen und jagen so viele davon, wie sie können. Alles, was nicht frisch verzehrt werden kann, wird in Robbenhaut gesteckt und vergraben. Das fermentiert sechs Monate lang – und wird dann traditionell zu Weihnachten gegessen. Das klingt vielleicht seltsam, aber der Hintergrund ist logisch: Es gibt dort im Sommer Millionen dieser Vögel, aber nicht genug Zeit, sie alle frisch zu essen. Also macht man sie haltbar. Ich finde das faszinierend – vor allem, weil es sogar Fälle gab, wo Leute gestorben sind, weil sie den falschen Vogel verwendet haben.
Leider noch nicht. Aber ich würde es gerne probieren! Dafür müsste ich Weihnachten wohl mit einer Familie aus Grönland in ihrem Zuhause feiern, denn Kiviak wird normalerweise nicht in Restaurants serviert.
Ein Gericht muss mindestens in einem Punkt als „eklig“ empfunden werden – Geschmack, Geruch, Konsistenz oder Herstellung. Moralische Aspekte zählen auch: etwa, wie ein Tier gehalten wurde. Und das Gericht muss in seinem Herkunftsland gemocht werden. Wir zeigen nichts, was Menschen nur aus Not essen. Auf den Philippinen gibt es zum Beispiel Menschen, die Gerichte aus Abfällen von Restaurants zubereiten. Niemand möchte das essen. Es geht nur ums Überleben. Deshalb kommt das für unser Museum nicht in Frage. Bei uns geht es darum, anderen Kulturen – auch unserer eigenen – mit Achtung und Respekt zu begegnen und zu verstehen, dass es keine ekligen Gerichte gibt. Es gibt nur Gerichte, die für einen selbst eklig sind, weil man nicht an sie gewöhnt ist.
Zum Beispiel Käse. Menschen sind als Erwachsene eigentlich gar nicht dafür gemacht, Milch zu trinken oder Milchprodukte zu essen. Im Tierreich gibt es kaum ausgewachsene Tiere, die Milch trinken. Und in einem Großteil der Welt, zum Beispiel in weiten Teilen Asiens oder Afrikas, sind Menschen laktoseintolerant. Ich erinnere mich gut an einen jungen Mann aus Hongkong, der in unser Museum in Malmö kam. Er hat einen dänischen Käse probiert, mit dem ich aufgewachsen bin, und war so geschockt, dass er mehrere Minuten lang kein Wort sagen konnte. Für ihn war das eine der schlimmsten Sachen, die er je gegessen hatte. Aber für mich ist Käse etwas, was ich liebe und jeden Tag esse. Das hat mir gezeigt: Für mich ist das zwar lecker, aber für viele andere ist Käse das Ekligste, was sie sich vorstellen können.
Nicht alle Gerichte sind echt, aber wir nutzen echte Zutaten und Gegenstände, wann immer es möglich ist. Die Maden im Casu Marzu sind echt und auch der Käse ist echter Sardinischer Pecorino, aber da der Casu Marzu weder gekauft noch verkauft werden darf, ist er technisch gesehen eine Nachbildung. Und natürlich gehört er nicht zu den Gerichten, die man im Museum probieren kann.
Es gibt eine Verkostungsstation mit 17 oder 18 ganz kleinen Portionen, jeweils etwa ein Gramm oder weniger. Du solltest auf jeden Fall ein Insekt probieren – zum Beispiel eine Grille. Das öffnet vielen die Augen: Was vorher Angst gemacht hat, stellt sich plötzlich als harmlos heraus. Es ist nur eine mentale Überwindung. Auch die Durian ist spannend – viele finden, dass die Frucht nach Müll riecht, aber sie schmeckt für mich nach einer Mischung aus Mango und Zwiebel. Und für die ganz Mutigen gibt es fermentierten Hai aus Island oder Surströmming aus Schweden. Wenn du wirklich alles probierst, kannst du dich am Ende selbst mit einem T-Shirt belohnen. Das dürfen aber wirklich nur diejenigen kaufen, die nichts ausgelassen haben!
Ja, besonders schön ist es, wenn Leute am Anfang sagen: „Ich probiere gar nichts“ – und am Ende dann doch alles kosten. Der Stolz in ihren Augen ist unbezahlbar. Wir überreden niemanden, wir erzählen nur von den Gerichten und beantworten Fragen. Und natürlich freut es mich, wenn Menschen sagen, dass sie nach dem Besuch anders über Essen denken. Sie realisieren, wie viel von dem, was wir essen, damit zusammenhängt, wo man herkommt. Es geht dabei nicht darum, dass eine Gruppe Recht hat und die andere nicht – jeder hat auf seine Weise Recht. Und manche Menschen ändern sogar etwas an ihrer Ernährung nach ihrem Besuch. Sie finden es plötzlich gar nicht mehr schlimm, Insekten zu essen, andere möchten sich zukünftig vegetarisch oder vegan ernähren und wieder andere haben andere Denkanstöße bekommen, die sie nachhaltig begleiten. Das ist etwas Besonderes!
Eine Sache ist uns ganz wichtig: Wir wollen niemandem etwas vorschreiben. Stattdessen liefern wir Fakten – etwa, dass Insekten bis zu 60 % Protein enthalten und mit viel weniger Wasser und Flächen benötigen, als es bei der Produktion von Rindfleisch der Fall ist. Oder dass Fleisch aus dem Labor wesentlich klimafreundlicher ist. Einige nehmen das mit und reflektieren ihr Konsumverhalten – andere nicht, und das ist auch okay. Wir wollen niemanden in eine Richtung drängen, sondern dass die Menschen für sich selbst denken und ihre eigenen Schlüsse ziehen.
Ich war schon immer neugierig und abenteuerlich unterwegs, was das Probieren von Essen angeht. Das bedeutet nicht, dass ich alles mag oder mir alles schmeckt. Aber ich muss einfach alles probieren! Das hat sich mit der Eröffnung des Disgusting Food Museums 2018 in Malmö noch verstärkt. Ich esse mittlerweile oft Gerichte mit Insekten und ich werde, sobald es möglich ist, Fleisch aus dem Labor probieren. Ich bin so gespannt, was die Einführung in den Markt für die Zukunft bedeuten könnte!
Absolut!
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