Bild: Titanic – Die Ausstellung Bild: Titanic – Die Ausstellung
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Behind the Scenes: „TITANIC – DIE AUSSTELLUNG“ in Potsdam

31.10.2025 von Susan Barth

Nachdem TITANIC – DIE AUSSTELLUNG Besucherinnen und Besucher in Ludwigsburg in ihren Bann gezogen hat, öffnet die Ausstellung ab heute in Potsdam ihre Tore und lädt ein, mit an Bord zu kommen. Über 200 authentischen Artefakte, die vom Wrack der Titanic geborgen wurden, der Nachbau der imposanten Freitreppe, rekonstruierte Schlafkabinen in Originalgröße und Bordkarten für Besuchende machen die Ausstellung zur einmaligen Zeitreise für alle, die schon immer von der Geschichte des als „unsinkbar“ geltenden Schiffs fasziniert waren. 

Bild: picture alliance/dpa/Axel Heimken

Einer von ihnen ist Malte Fiebing-Petersen. Als Vorsitzender des Deutschen Titanic-Vereins ist er nicht nur Experte für die Ausstellung, sondern bietet sogar selbst Expertenführungen an, bei denen man nicht nur dem Schiff, sondern auch seiner Geschichte – und den vielen Geschichten der Passagiere – so nah kommt, wie nie zuvor. 

Im Interview erzählt er, was die Ausstellung so besonders macht, was Besuchende überrascht, welche Exponate seine persönlichen Highlights sind und wie deren aufwändige Bergung eigentlich funktioniert. Wir tauchen ab! 


Malte, du bist Vorsitzender des Deutschen Titanic-Vereins und ein absoluter Experte auf dem Gebiet. Was macht in deinen Augen „Titanic – Die Ausstellung“ so besonders?

Das Besondere ist, dass man als normaler Mensch der Titanic so nah kommen kann wie sonst nirgends auf der Welt. Man muss nicht zum Wrack tauchen, um Originalteile zu sehen. Rund 200 Objekte wurden aus vier Kilometern Tiefe geborgen und konserviert. Jedes einzelne erzählt eine Geschichte. Genau das ist das Konzept: Echte Funde, wahre Schicksale. Der Fokus liegt auf den persönlichen Geschichten und den technischen Herausforderungen der Zeit. Ein Lederkoffer zum Beispiel ist nicht einfach nur ein Koffer. Warum sieht er so aus, wem hat er gehört? Vor diesen Gegenständen zu stehen und ihre Geschichten zu erzählen ist für mich jedes Mal ein Gänsehautmoment. 

Du beschäftigst dich schon seit deiner Kindheit mit der Titanic. Wie hat das damals angefangen?

Angefangen hat alles mit einer Buchbeilage in einem Plastikmodellbausatz. Ich war damals zehn Jahre alt und das Buch hat mich fasziniert, aber auch irritiert, weil sich die Informationen daraus mit denen aus meinem Kinderlexikon widersprochen haben. Ich wollte wissen, warum die offiziellen Berichte nicht zu den Aussagen der Überlebenden passten. Das war der Moment, in dem mich das Thema nicht mehr losgelassen hat. Heute würde man sagen: Ich bin damals Fake News auf die Spur gegangen.

Du bietest auch Expertenführungen an, die stark nachgefragt und schnell ausgebucht sind. Für alle, die dich nicht persönlich als Experten erleben oder mehr wissen wollen: Wie läuft diese Führung normalerweise ab und was ist daran besonders?

Die Führungen sind sehr interaktiv. Jeder Teilnehmer bekommt von mir eine Bordkarte – es gibt 80 für männlich und 80 für weiblich gelesene Passagiere. Ich versuche, mir zu merken, wer welche Rolle hat, und binde die Personen aktiv in die Tour ein: Dann steht auf einmal der Reeder neben dem Chefkonstrukteur oder die heimliche Geliebte neben dem Milliardär. Das macht die Führung lebendig. Gleichzeitig räume ich mit Mythen und Legenden auf. Unsere Ausstellung zeigt die wahre Geschichte, nicht die aus dem Film. Aber auch, wenn man keine Expertenführung mitmacht, bietet die Ausstellung mit dem kostenfreien Audioguide, den man direkt aufs Smartphone laden kann, eine perfekte Möglichkeit, sie zu erkunden und Neues zu erfahren. Und natürlich bekommen alle Besucherinnen und Besucher die Bordkarte einer realen Person, die an Bord des Schiffs war, nicht nur diejenigen, die bei der Expertenführung dabei sind!

Bild: Malte Fiebing-Petersen

Was interessiert oder berührt die Menschen bei diesen Führungen besonders?

Einige stellen Fragen zu technischen Aspekten wie etwa zur Konstruktion oder zu angeblich minderwertigem Stahl. Besonders beeindruckend finden viele, dass sie bei uns mit einem Stück der Stahlwand wirklich ein Originalteil anfassen dürfen. Das kann man sonst bei keiner anderen Ausstellung. Und viele vergleichen die Ausstellung mit dem Film und sind überrascht, was alles anders war. Wobei ich da natürlich vom elften Titanic-Film spreche. Dem von James Cameron, der der bekannteste ist. Aber jede Generation hat gewissermaßen ihren eigenen Titanic-Film und es gibt sogar Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Was mir aber, vor allem in Bezug auf die Filme und die wahre Geschichte der Titanic wichtig ist: Die Ausstellung ist keine Spaßveranstaltung, sie will berühren. Es geht um ein Unglück mit vielen Opfern. Das muss würdevoll vermittelt werden.

Hier bekommt ihr einen Einblick in die Ausstellung:



Welche Exponate sind deine persönlichen Highlights?

Ganz vorn steht für mich ein sogenannter Kreuzpoller. Das ist ein erstmal unscheinbares Stück Metall, an dem die Seile der Rettungsboote befestigt waren. Doch dieser Kreuzpoller war aktiv an der Evakuierung beteiligt, also ein Teil der Katastrophe. Dann ist da das Mastlicht der Titanic. Es hat als Positionslicht des Schiffs gedient und wurde während des Untergangs von einem anderen Schiff gesehen. Das weiß man durch die Logbucheinträge. Als das Licht verschwunden war, dachte die Besatzung des Schiffs, die Titanic hätte abgedreht – dabei war sie gesunken. Außerdem haben wir einen originalen Maschinentelegraphen von der Brücke, über den die Kommandos an den Maschinenraum gegeben wurden.
Sehr bewegend sind für mich auch aber auch die persönlichen Gegenstände: Werkzeuge eines Auswanderers, der damit in Amerika ein neues Leben beginnen wollte. Solche Stücke erzählen Geschichten, die direkt unter die Haut gehen.

Die Bergung solcher Objekte klingt aufwendig. Wie funktioniert das?

Das ist extrem komplex. Das Wrack selbst steht unter dem Schutz der UNESCO. Man darf nichts aus seinem Inneren bergen. Alle Objekte stammen aus dem sogenannten Trümmerfeld rundherum. Dort liegen Dinge, die beim Auseinanderbrechen des Schiffs herausgefallen sind. Darunter ist besonders viel Geschirr aus den Speisesälen, die schon fürs Frühstück gedeckt waren.
Die Bergung erfolgt aus einem U-Boot mit Greifarmen oder Saugnäpfen. Je nach Material müssen die Objekte unterschiedlich konserviert werden: Porzellan ist relativ robust, Papier oder Textilien dagegen sehr empfindlich. Wenn Papier auf dem Meeresboden liegt, wird es von Organismen schnell zersetzt, aber wenn es in einem Lederkoffer lag, ist es oft noch gut erhalten. Das liegt an den im Gerbprozess verwendeten Chemikalien. Nach der Bergung werden die Stücke gefriertrocknet, entsalzt und unter speziellen Licht- und Druckbedingungen ausgestellt. Unsere Exponate sind alle konserviert, nicht restauriert. Man sieht also, in welchem Zustand sie wirklich geborgen wurden.

Das ist wirklich spannend und komplex! Gab es bei der Planung oder Umsetzung auch besondere Herausforderungen?

Spannend war die Rekonstruktion der Räume: Wir wollten etwa die Enge der dritten Klasse originalgetreu zeigen, was aus Sicherheitsgründen und Brandschutzvorgaben nicht so einfach ist. Und natürlich die große Treppe! Dafür haben wir eine Halle mit mindestens 15 Metern Höhe gebraucht. Die Kuppel hängt unsichtbar an einer Stahlkonstruktion, und die Treppe ist in Potsdam die einzige ihrer Art in Deutschland, die 1:1 begehbar ist. In der Ausstellung kann man die ersten Stufen also tatsächlich in einem echten Treppenaufgang hinaufsteigen.

Das ist für viele – neben den Exponaten – bestimmt eines der Highlights der Ausstellung. Welches Highlight sollte man aus deiner Sicht auf keinen Fall verpassen?

Für mich ist es das Gesamterlebnis inklusive der Bordkarten, die jeder Besucher bekommt. Wenn man sich wirklich auf diese Zeitreise einlässt, die eigene Rolle liest, die Kabine findet, die Namen an der Gedenkwand entdeckt, dann wird das Ganze sehr emotional. Ich habe dort auch schon Tränen gesehen. Mir ist es deshalb wichtig, dass ich Kindern, die bei meinen Führungen dabei sind, nur Bordkarten Überlebender gebe. 

Wo du gerade Kinder ansprichst: Für wen ist die Ausstellung geeignet? Für Familien? Fans der Filme?

Die Ausstellung ist für alle, die sich ernsthaft mit der wahren Geschichte auseinandersetzen wollen. Wer reines Entertainment sucht, ist anderswo besser aufgehoben. Natürlich gibt es auch interaktive Elemente wie einen immersiven Raum, in dem man mit Originalbildern der Bergungstauchfahrten auf „Tauchfahrt“ geht. Aber man sollte bereit sein, sich rundum auf dieses besondere Erlebnis einzulassen. Für Kinder ist die Ausstellung sehr spannend und sie eignet sich für die ganze Familie. Aber Kinder sollten beim Besuch an die Hand genommen und bei diesem Thema begleitet werden. 

Wie gelingt der Ausstellung die Balance zwischen Geschichte und Popkultur?

Wir zeigen die wahre Geschichte, aber wir wissen natürlich, dass viele Besucher die Titanic durch die Filme kennen. Einige sind völlig überrascht, wenn sie erfahren, dass es Jack und Rose nie gegeben hat. Deshalb erklären wir klar, wo Fiktion und Realität auseinandergehen. Am Ende gibt es aber auch einen Bereich, in dem Filmrequisiten zu sehen sind, und im Shop gibt’s einen Selfie-Spot am Bug mit Greenscreen. 

In deinem Buch schreibst du über populäre Irrtümer. Welcher sollte nach dem Ausstellungsbesuch endgültig ausgeräumt sein?

Viele glauben, die Titanic hatte zu wenig Rettungsboote, aber das stimmt so nicht. Nach damaligem Recht hatte sie sogar mehr als vorgeschrieben, nur reichte das eben nicht für alle, weil sie eigentlich nur als sogenannte Tenderboote gedacht waren und dazu dienen sollte, die Menschen an Bord nach und nach auf ein anderes Schiff zu bringen. Ein anderer verbreiteter Irrtum: Passagiere der dritten Klasse seien eingesperrt worden. Diese Gittertore, die man aus dem Film kennt, gab es nie. Das kann man bei uns sehen.

Warum, glaubst du, fasziniert die Titanic die Menschen bis heute so sehr? Und welche Geheimnisse gibt es sogar noch für Experten wie dich?

Es gibt noch so viel, was man nicht weiß. Zum Beispiel wenn es um die Innenarchitektur geht, denn wir haben nur wenige Originalfotos. Die Faszination liegt, glaube ich, darin, dass die Katastrophe wie eine perfekte Tragödie wirkt: Das modernste Schiff seiner Zeit, und dann besiegt ein Eisberg diese vermeintliche technische Überlegenheit. Wir haben daraus aber viel gelernt und bis heute profitieren alle, die auf modernen Kreuzfahrtschiffen unterwegs sind von eben jenen neuen Sicherheitsstandards. 

Gibt es ein Besucherfeedback, das dich besonders freut?

Besonders schön ist es, wenn Menschen sich sogar extra für die Führung im Stil der Zeit kleiden. Das finde ich immer total spannend. Aber am meisten freut mich, wenn selbst Leute, die sich schon lange und intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, sagen, dass sie etwas Neues gelernt haben. Wenn wir es schaffen, sogar die „Freaks“ abzuholen – das ist das größte Lob.


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