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Interviews

Backstage mit Bertram Engel: „Ich habe viel erlebt in den letzten 50 Jahren on the road“

30.10.2024 von Nadine Wenzlick

Seit den Siebzigern ist Bertram Engel eine feste Größe in der deutschen Musiklandschaft: Er ist Mitglied von Udo Lindenbergs Panikorchester und seit über vier Jahrzehnten als Schlagzeuger für Peter Maffay tätig. Darüber hinaus spielte er im Laufe seiner Karriere unter anderem mit Bruce Springsteen, Robert Palmer, Joe Cocker und Eric Burdon. Engel hat also eine Menge Geschichten und Anekdoten zu erzählen – und die hat er nun in seinem jüngst veröffentlichten Buch „Mit alten Männern spiel' ich nicht“ zusammengetragen. Im Januar 2025 geht er damit auf Lese- und Konzert-Tour. Wir trafen ihn vorab zum Interview und sprachen über „50 Jahre on the road“. Als Vorgeschmack auf seine Tour haben wir außerdem eine Bilderstrecke von seiner ersten Show in Frankfurt für euch.

Bild: Ingo Buerfeind

Bertram, du hast gerade dein Buch „Mit alten Männern spiel' ich nicht“ veröffentlicht. Was hat dich dazu bewegt, deine Memoiren zu schreiben?  

Bertram Engel: Ich habe so viel erlebt in den letzten 50 Jahren on the road mit Peter und Udo und vielen anderen Leuten. Abends habe ich oft Geschichten an der Hotelbar oder im Tourbus erzählt. Meine Frau Petra sagte irgendwann zu mir: „Diese Geschichten musst du einfach mal aufschreiben und für die Allgemeinheit zugänglich machen! Das bist du den Leuten schuldig. Du hast so viel geerntet, gib mal was zurück und erzähl den Leuten, wie das da draußen im Showbusiness wirklich abgeht!“ Anfang 2020 während der Corona-Zeit im Lockdown habe ich angefangen, zusammen mit meinem Freund und Co-Autor Tom Schäfer diese Memoiren zu schreiben.

Im Januar gehst du auf Tournee. Was erwartet die Leute?  

Die Leute erwartet eine bunte Mischung aus Musik, Lesung, Performance und einer Fotoshow mit Bildern aus 50 Jahren. Ich werde einige Songs auf dem Flügel präsentieren, die ich in den letzten 30 Jahren für Peter, Udo und andere Musiker geschrieben habe. Zwischendurch werde ich auch mal ans Schlagzeug gehen, um Sachen zu zeigen, wie ich sie früher gelernt habe und wie es dazu gekommen ist, dass ich Schlagzeuger geworden bin. Und ich werde Kapitel aus dem Buch „Mit alten Männern spiel‘ ich nicht“ lesen –  immer abwechselnd ein Kapitel, ein Song, ein Kapitel, ein Song. Die Show wird insgesamt ungefähr zwei Stunden dauern und in der Mitte eine Pause von 15 Minuten haben. So kommen wir ungefähr auf 12 Songs und 12 Kapitel aus dem Buch. Das wird ein sehr unterhaltsamer Abend.

Fühlt es sich für dich anders an, wenn du mit deinem eigenen Projekt auf Tour bist?

Ja, es fühlt sich anders an, weil ich diesmal die komplette Verantwortung habe und der Fokus nur auf mir liegt und nicht auf Peter Maffay oder Udo Lindenberg. Das ist natürlich eine ganz andere Herausforderung. Ich habe noch einen Freund und Kollegen dabei, der heißt Benny Young. Das ist ein junger Gitarrist aus Berlin, mit dem ich das Programm gestalten werde, ansonsten liegt der Fokus auf mir, und das ist natürlich ungewohnt. Aber ich glaube, ich habe lange genug geprobt, sodass wir es gut hinkriegen, und ich freue mich darauf.

Wie bist du eigentlich zur Musik und dann von Klavier zum Schlagzeugspielen gekommen?  

Naja, meine Mutter meinte, ich müsse ein richtiges Instrument lernen. Sie hat mich dazu bewogen, eine Klavierlehrerin aufzusuchen, um erstmal Klavier zu lernen. Das hat mir anfangs nicht geschmeckt, ich wollte Drummer werden. Ich war angestochen durch meinen Bruder, der bereits in einer Band spielte, und im Fernsehen hatte ich Ringo Starr im Shea Stadium in New York gesehen, auf seinem hohen Podest. Das hat mich schon angefixt. Aber meine Mutter hat gesagt ‚erstmal Klavier lernen‘, und das war im Rückblick auch eine gute Sache, ansonsten hätte ich ja die ganzen Stücke später überhaupt nicht komponieren können. Klavier und Schlagzeug, das ist eine gute Mischung. Ich bin dann zum Schlagzeug gekommen, weil in unserer Amateurband mein Freund Wolfgang doch etwas besser Klavier spielte als ich. Da hab ich das Schlagzeug übernommen und bin dann erstmal viele Jahre dabei geblieben. Nebenbei habe ich aber immer auch Klavier gespielt.

Kannst du dich noch an deinen ersten Auftritt erinnern? War das zusammen mit deinem Bruder?  

Ja, mein erster richtiger Auftritt war mit meiner Band Fancy. Wir waren ein Trio bestehend aus Piano, Bass und Schlagzeug, in dem ich das Schlagzeug und den Gesang übernommen habe. Wir haben damals, und das war sensationell, deswegen kann ich mich sehr gut daran erinnern, im Vorprogramm der Gruppe Atlantis gespielt. In dieser Band spielten meine späteren Kollegen Jean-Jacques Kravetz und Frank Diez, und wir waren da als zwölf-, dreizehnjährige Knilche im Vorprogramm. Das war am 16. Dezember 1972 in Burgsteinfurt, meinem Heimatort, in der Aula des Gymnasiums. Das war mein erster Auftritt, daran kann ich mich gut erinnern, und der war super.

Bilderstrecke Bertram Engel live in Frankfurt am 21. Oktober 2024


Alle Bilder: Harald Peter


Wie kamst du im Alter von 17 zu Udo Lindenbergs Panikorchester?

Mein Bruder ist ungefähr 10 Jahre älter als ich, und er kannte Udo und Steffi Stephan aus Münster. Das ist ja nur 30 Kilometer von unserem Heimatort Burgsteinfurt entfernt. 30 Kilometer in die andere Richtung ist Udo geboren, in Gronau. So kannten die sich, und mein Bruder hat mitgekriegt, dass Steffi und Udo eine neue Band planten, das Panikorchester. Die haben 1973 in Münster geprobt, und mein Bruder hat mich in deren Übungsraum mitgenommen. Und da habe ich auch mal vorgespielt. Udo fand das sehr interessant. Drei Jahre später hat er sich dann an mich erinnert. Als ich 17 war, hat er mich eines Tages plötzlich angerufen, nachdem sein Schlagzeuger ausgestiegen war. Ich habe dann nochmal vorgespielt und quasi direkt die Aufnahmeprüfung bestanden. So bin ich in Udos Band gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Aber es hatte viel mit der Beziehung meines Bruders zu diesen Leuten zu tun und natürlich damit, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen zu sein.

Als Schlagzeuger warst du außerdem vier Jahrzehnte mit Peter Maffay auf Tournee, hast aber auch mit Bruce Springsteen, Robert Palmer und Joe Cocker gespielt. Was waren die verrücktesten und denkwürdigsten Auftritte deiner Karriere?

Naja, da gibt es ganz klar zwei. Zum einen mein allererster Auftritt in einem großen Stadion – damit fängt mein Buch auch an – auf dem Zeppelinfeld 1977 mit Udo, wo er umkippte, alkoholisiert und voller Cortison, weil die Stimme nicht mehr ging. Er hat dann im Liegen weiter gesungen wie ein Käfer und ich dachte damals, mit dem Sänger werde ich nicht alt werden. Das sollte ja nun ganz anders kommen. Dann waren da natürlich die denkwürdigen Auftritte mit Peter Maffay. 1962, sechs Konzerte im Vorprogramm der Rolling Stones, von denen wir bei vieren richtig krass beworfen worden sind, besonders in Hannover und in Köln. Da flogen so viele Tomaten, das sah auf der Bühne aus wie ein Gemüseladen. Das waren auf jeden Fall die denkwürdigsten Auftritte in meiner Karriere.

Wieviel Sex, Drugs & Rock’n’Roll war dein Leben in den Siebzigern?  

In den 70er Jahren hatte ich damit noch gar nichts zu tun, außer mit dem Rock 'n' Roll. Sex and Drugs waren da nicht angesagt. Das kam so ein bisschen in den Achtzigern, aber ich war nie so der Groupie Typ, der sich jeden Abend vergnügt hätte. Eine Zeit lang habe ich Drogen geteilt mit meinen Kollegen. Aber das war jetzt nicht so schlimm, wie es manchmal im Buch erscheint oder auch nach außen hin erzählt wird. Also ich hatte nie so eine ganz harte Zeit, dass ich in ein Rehabilitationscenter gemusst hätte. Meine Frau Petra hat mich dann runtergebracht von allem, was irgendwie mit Drogen oder Alkohol zu tun hatte. Das lief alles so zwischen Mitte der 80er bis zum Jahr 2005. Da sind ein paar Sachen gewesen, aber nicht im Übermaß.

Hast du Lampenfieber, wenn du auf die Bühne gehst? Und wenn ja, wie äußert sich das?  

Ja, habe ich. Ich glaube, wenn man das nicht mehr hat, dann wird man lahmarschig und irgendwie zum alten Mann, und mit alten Männern spiel‘ ich ja nicht. Lampenfieber äußert sich bei mir so, dass ich vor dem Auftritt immer ruhiger werde anstatt hibbeliger. Ich werde sehr, sehr ruhig, was eigentlich gar nicht meinem Naturell entspricht. Ungefähr eine halbe Stunde bevor es losgeht, bringe ich wie so ein Apnoetaucher, bevor er auf 100 Meter runter geht, meinen Blutdruck runter, um ihn dann um 20 Uhr auf den Punkt wieder hochzupushen. Ich werde ganz ruhig und mache gar nichts, also keine Übungen, nichts. Wenn es soweit ist, nehme nur meine Hände aus der Tasche und gehe auf die Bühne.

Was musst du immer dabeihaben, wenn du auf Tour gehst?  

Wenn es irgendwie geht, meine Frau Petra und meinen Hund Anton.

Was macht für dich den Reiz der Bühne aus?  

Die Tatsache, dass man nichts mehr abändern, keinen Fehler mehr ausbessern kann, dass man alles in diesen zwei Stunden so perfekt wie eben möglich machen muss, das reizt mich. Das ist eine Performance, die magisch sein kann. Im Studio, wenn man eine CD aufnimmt, kann man alles wiederholen, das ist für mich nicht so interessant. Im Studio ist das Kreieren das Interessante, aber das Reproduzieren auf der Bühne vor Leuten hat mich immer viel mehr gereizt, weil du zusehen musst, dass in zwei Stunden alles stimmt, und das liebe ich. Spontanität.

Gibt es jemanden, mit dem du gerne noch mal auf der Bühne stehen würdest?  

Elton John!

Die Tour von Bertram Engel beginnt am 7. Januar in Chemnitz. Alle Termine und Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.

Bertram Engel Tickets

 

In einer früheren Version dieses Interviews wurde die irreführende Formulierung verwendet, dass Bertram Engel Mitglied von Udo Lindenbergs Panikorchester war. Engels ist noch immer Teil des Panikorchesters und ebenso weiterhin Schlagzeuger in der Band von Peter Maffay.

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