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Interviews

Backstage mit Max Mutzke: „Die Bühne ist mein Safe Space“

24.03.2026 von Susan Barth

Seit mehr als 20 Jahren steht Max Mutzke auf der Bühne. Als Gewinner von Stefan Raabs Castingshow „SSDSGPS“ (Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star) belegte er beim Eurovision Song Contest den achten Platz. Seitdem ist immer was los: Alben, Tourneen, Bücher, Gastauftritte und unzählige Projekte. In diesem Jahr ist der Musiker mit seiner Live-Band unterwegs. 2027 folgt eine Tour mit der SRW Big Band durch Deutschland. Und dazwischen? So einiges! Im Interview erzählt der Sänger und Songwriter aus dem Schwarzwald, ob es bei ihm auch mal ruhig zugeht, was die Bühne ihm bedeutet, wie er entscheidet, welche Songs euch auf seiner Tour erwarten, und was seine Konzerte mit einer Blumenwiese gemeinsam haben. 

Bild: Amelie Siegmund

Nach dem großen Jubiläumsjahr gehst du wieder mit Band auf Tour. Fühlt sich das gerade eher wieder nach Aufbruch an als nach Rückblick?

Max Mutzke: Zum 20-jährigen Jubiläum beschäftigt man sich natürlich viel mit der Vergangenheit. Das macht man in so einem Jahr automatisch. Man schaut zurück, denkt an die letzten zwei Jahrzehnte und die Songs und Stationen daraus. Aber ehrlich gesagt ist mein Alltag ohnehin immer stark nach vorne gerichtet. Bei mir laufen viele Projekte gleichzeitig. Tourneen, neue Songs, Lesungen, Bücher. Vieles überlappt sich, vieles beginnt schon, während etwas anderes noch läuft. Deswegen gibt es gar nicht diesen einen Moment, wo man sagt: Jetzt ist ein Kapitel abgeschlossen und jetzt beginnt ein neues. Der einzige Punkt im Jahr, der sich wie eine echte Pause anfühlt, ist eigentlich Weihnachten, weil dann gefühlt die ganze Welt einmal kurz durchatmet. Ansonsten denke ich meistens schon darüber nach, was in den nächsten zwölf oder 24 Monaten passiert.

Für die Tour in diesem Jahr sind Songs aus über 20 Jahren angekündigt. Wie entscheidest du heute, welche Stücke noch zu dir gehören?

Das verändert sich immer wieder. Es gibt Songs, die man eine Zeit lang gar nicht mehr singen kann. Ein Beispiel ist „Schwarz auf Weiß“. Den habe ich damals für die Mutter meiner Kinder geschrieben. Als wir uns getrennt haben, konnte ich den Song erst mal jahrelang nicht mehr singen. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass es wieder geht. Solche persönlichen Dinge spielen bei mir eine große Rolle. Gleichzeitig gibt es auch Songs, bei denen ich irgendwann merke: Die passen nicht mehr zu mir. Und dann gibt es wiederum Stücke aus älteren Alben, die live nie richtig ihren Moment hatten. Die holen wir jetzt bewusst wieder hervor und bringen sie auf die Bühne. Wenn man nach so vielen Jahren auf ein großes Repertoire zurückgreifen kann, entdeckt man auch immer wieder Songs neu.

Was kann die Bühne für dich, was Studio, Fernsehen oder Schreiben nicht können?

Die Bühne ist für mich das Unvorhersehbare. Im Studio produzierst du einen Song und hoffst, dass er etwas auslöst. Aber du siehst die Reaktion der Menschen nicht. Live bekomme ich dieses Feedback sofort. Wenn ich einen Ton besonders lange halte oder eine Textzeile jemanden berührt, sehe ich das direkt. Man merkt plötzlich, dass jemand im Publikum weint oder dass viele Menschen gleichzeitig reagieren. Diese Energie geht sofort wieder zurück auf die Bühne. Für mich ist das wie ein Kreislauf. Man gibt etwas hinein und bekommt es verstärkt zurück. Außerdem kann ich live ganz anders mit meinen Songs umgehen. Ich halte mich an die Melodie, aber ich kann sie verändern. Manchmal singe ich einen Ton länger, manchmal kürzer. Manchmal gehe ich höher, manchmal ganz anders in eine Phrase hinein. Das hängt stark vom Raum und vom Publikum ab. Ich vergleiche das gerne mit Surfen. Wenn eine Welle noch Energie hat, bleibe ich länger drauf. Man springt ja nicht vorher ab, nur weil man sich vorgenommen hat, eine bestimmte Strecke zu surfen.

Wenn jemand dich in diesem Jahr zum ersten Mal live sieht, worauf kann sich diese Person besonders freuen?

Viele Leute sagen nach dem Konzert zu mir: „Ich kannte dich aus dem Radio oder von Spotify, aber live ist das noch einmal etwas ganz anderes.“ Und ehrlich gesagt ist genau das mein Steckenpferd. Songs schreiben, ins Studio gehen, Interviews geben, das gehört alles dazu. Aber der eigentliche Grund, warum ich Musiker geworden bin, ist die Bühne. Schon lange bevor ich damit Geld verdient habe, habe ich Musik gemacht, einfach aus Leidenschaft. Live zu spielen, war für mich immer das Ziel. Die Bühne ist für mich deshalb mein absoluter Safe Space. Da habe ich das Gefühl, dass mir nichts passieren kann. Ich weiß, dass ich mich dort bewegen kann, dass ich mich dort ausdrücken kann. Vielleicht bin ich auch deshalb so offen für neue Projekte, weil ich dieses Vertrauen habe. Egal ob ich moderiere, eine Lesung mache oder mit einer Big Band spiele. Auf der Bühne fühle ich mich zu Hause!

Du bewegst dich zwischen Soul, Pop, Jazz, Lesungen und großen Orchesterprojekten. Verändert das auch die Art, wie du auf die Bühne gehst?

Als Mensch bleibe ich immer derselbe Max. Authentizität ist mir extrem wichtig. Ich nehme keine andere Rolle an, nur weil ich auf einer anderen Bühne stehe. Aber musikalisch verändert sich natürlich vieles. Wenn ich mit fünf Streichern spiele, singe ich anders als mit einer großen Big Band. In einem Jazz-Trio habe ich eine andere Form von Energie als in einem großen Orchester. Selbst der Raum verändert die Art zu singen. Ich habe zum Beispiel einmal in einer großen Domkirche gespielt. Der Raum klang so stark, dass ich meine Töne teilweise kürzer gesungen habe, damit der Hall länger arbeiten kann. Auch meine Ansagen habe ich anders gemacht. Ich habe langsamer und weniger geredet als sonst. Eine Kirche hat eine ganz andere Atmosphäre als ein Club oder eine Konzerthalle. Solche Dinge beeinflussen automatisch, wie man singt und wie ein Abend sich entwickelt.


Bild: Matthias Piekacz

Bild: Matthias Piekacz

Du hast über 20 Jahre Bühnenerfahrung. Gibt es etwas, das du heute bewusst anders machst als früher?

Früher habe ich auf der Bühne viel weniger gesprochen. Ich wusste einfach nicht, was ich sagen soll. Ich habe mich komplett auf die Musik konzentriert. Heute fällt mir das viel leichter. Ich habe gemerkt, dass es gar nicht darum geht, perfekt formulierte Ansagen zu machen. Wichtig ist, dass es echt ist. Wenn man einfach erzählt, was einem gerade durch den Kopf geht, ist das meistens viel unterhaltsamer als etwas, das man sich vorher ausdenkt. Mit der Zeit wird man auch entspannter. Am Anfang fragt man sich ständig: Ist das interessant? Ist das lustig genug? Heute denke ich mir eher: Ich erzähle einfach. Das ist aber ein Lernprozess, der über viele Jahre passiert ist.

Viele Menschen sehen dich mehr als einmal live. Und sie sagen, dass jedes Konzert anders ist. Was denkst du, warum?

Es gibt wirklich Leute, die sagen, sie haben mich zehn, fünfzehn Mal oder noch öfter gesehen, und trotzdem fühlt sich jeder Abend anders an. Ich glaube, das liegt an ganz vielen Dingen. Das Publikum ist immer ein bisschen anders drauf, der Raum ist jedes Mal anders und auch die Stimmung im Saal verändert sich. Ich vergleiche das gerne mit einer Blumenwiese. Man könnte sagen: Das ist einfach eine Blumenwiese. Aber wenn du dich einmal im Kreis drehst, merkst du plötzlich, dass alles anders ist. Der Horizont ist anders, das Licht ist anders, die Blumen sind anders, sogar der Geruch der Luft verändert sich. Und auch du hast jedes Mal eine andere Stimmung, wenn du in der gleichen Blumenwiese stehst. Je nachdem wie dein Tag war oder wie es dir heute geht. Und genauso ist es bei Konzerten. Die Umgebung, die Menschen, der Moment. Alles spielt zusammen.

Hast du Rituale, bevor du auf die Bühne gehst?

Ja, ein paar Dinge sind mir wichtig. Zum Beispiel bereite ich mich bewusst vor. Selbst so etwas wie meine Kleidung zu steamen, damit sie ordentlich aussieht, gehört dazu. Das hat für mich mit Respekt zu tun. Die Menschen im Publikum haben sich Zeit genommen, ein Ticket gekauft, vielleicht einen Babysitter organisiert, sind extra angereist. Ein Konzertbesuch ist für viele etwas Besonderes. Das möchte ich ernst nehmen! Kurz bevor ich auf die Bühne gehe, nehme ich mir außerdem immer ein paar Minuten ganz für mich. Ich stehe dann allein hinter der Bühne, schließe kurz die Augen und versuche mir bewusst zu machen, wie dankbar ich für das alles bin. Dass nichts davon selbstverständlich ist. Diese Dankbarkeit hilft mir, den Moment wirklich zu spüren, bevor ich rausgehe.

Nächstes Jahr, 2027, bist du wieder mit der SWR Big Band auf Tour. Was hat diese Zusammenarbeit bei dir verändert?

Am Anfang war das nur ein Projekt. Wir haben uns getroffen und ein Konzert zusammen gespielt. Aber sehr schnell haben wir gemerkt, dass das unglaublich gut funktioniert. Menschlich und musikalisch. Ich habe relativ früh gesagt, dass ich die klassische Big-Band-Ästhetik ein bisschen aufbrechen möchte. Weg von diesem verstaubten Gefühl. Keine Pause mit Sekt und Butterbrezel, sondern zwei Stunden volle Energie. Starkes Licht, Bewegung auf der Bühne, raus aus der „verstaubten“ Big-Band-Ecke, mehr R’n‘B und Soul! Die Band war am Anfang etwas skeptisch, hatte aber total Lust darauf. Und nach ein paar Shows waren alle begeistert, weil sie gemerkt haben, wie viel Spaß das macht. Und genauso habe ich durch das gemeinsame Musikmachen viel dazugelernt, wenn die Band mir gesagt hat, was ich bei den gemeinsamen Auftritten anders machen könnte. Wir sind wie eine Mannschaft, die am besten zusammen funktioniert. Ich bin zwar kein Fußballfan, aber: Ein Spiel funktioniert nicht, wenn der Stürmer vorne alles allein machen will und die anderen nicht hinter ihm stehen. 

Gibt es jemanden, mit dem du unbedingt einmal zusammenarbeiten möchtest?

Diese Frage bekomme ich oft gestellt, aber die spannendsten Begegnungen passieren meistens mit Menschen, an die man vorher gar nicht gedacht hat. Man lernt unterwegs ständig neue Leute kennen. Manchmal entsteht daraus plötzlich eine Idee für ein gemeinsames Projekt. Natürlich könnte ich jetzt große Namen nennen. Stevie Wonder oder Beyoncé. Aber das finde ich ehrlich gesagt unrealistisch. Viel interessanter sind die Begegnungen, die man nicht geplant hat.

Welche musikalischen Facetten würdest du gern noch ausprobieren?

Ich glaube, dass ich schon echt vieles gemacht habe, was mich interessiert. Aber es gibt natürlich trotzdem noch Dinge, die mich reizen. Ein Beispiel wäre ein reines Country-Album, so in dieser West-Coast-Country-Richtung wie „California Spider“. Oder Songs, die stärker Geschichten erzählen, so ein bisschen wie bei Reinhard Mey. Da denke ich manchmal: Vielleicht muss ich so etwas auch mal machen. 
Eines meiner Lebensmotten – Moment … Motten? Motti? Mottos? Eines meiner Mottos ist: Im Zweifel Dinge tun. Gerade in einer Karriere wie meiner. Ich kenne auch Leute, die machen nur Projekte, wenn sie ganz sicher sind, dass es funktioniert. Ich mache es auch, wenn die Möglichkeit besteht, dass es auch schiefgehen könnte. Denn genau dann passieren spannende Dinge. Wenn ich merke, dass in einer Idee das Potenzial steckt, dass daraus etwas entstehen könnte, dann will ich sie ausprobieren. Vielleicht wird daraus ein neues Kapitel, vielleicht nur ein Experiment. Aber diese Offenheit gehört für mich einfach dazu.

Ihr wollt Max Mutzke unbedingt live erleben? Dann habt ihr Glück, denn der Musiker ist sowohl 2026 als auch 2027 in ganz Deutschland unterwegs und sorgt für unvergessliche Live-Momente. Also rein in die „Blumenwiese“! Max Mutzke erwartet euch in seinem Safe Space: auf der Bühne. 

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