Bild: Sebastian Balz
Wincent Weiss gehört längst zu den festen Größen des deutschsprachigen Pop. Pünktlich zu seinem 33. Geburtstag vor wenigen Tagen und genau zehn Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung ist heute sein neues Album „Hast du kurz Zeit“ erschienen, und das könnte kaum persönlicher und entschleunigter sein. Weiss beschäftigt sich darauf intensiv mit dem Wert von Zeit, dem Ankommen bei sich selbst und dem bewussten Leben im Moment. Musikalisch zeigt er sich facettenreich, ohne seine Pop-DNA aus den Augen zu verlieren. Bevor er damit im Sommer 2026 auf seine bislang größte Open-Air-Tour geht, trafen wir ihn zum Interview und sprachen über Zeit, persönliche Reife, den Umgang mit Erfolg, die Nähe zum Publikum – und seine Büste in Eutin.
„Hast du kurz Zeit?“ fasst das Album sehr gut zusammen, da sich fast alle Songs um das Thema Zeit drehen. „Zeit“ war auch damals der Arbeitstitel für das ganze Album und ich finde, eigentlich dreht sich alles im Leben um Zeit – entweder um die Vergangenheit, die man verarbeitet, um das Hier und Jetzt, in dem man ankommen möchte, oder um die Zukunft und die Frage, wo man in einer gewissen Zeit im Leben stehen möchte. Die Songs handeln von all diesen Ansichten. Ich denke an die Vergangenheit, ich denke an die Zukunft und ich denke an mein jetziges Ich und nehme euch auf diese Reise mit.
Ja total, ich fühle mich auf jeden Fall bei mir angekommen. Obwohl das Ankommen meiner Meinung nach schon eher eine Reise ist. Ich finde, der Weg ist das Ziel und dieser Weg, also mein Leben und diese Zeit, die ich genießen darf, sollte so schön sein, wie es irgendwie geht. Deshalb versuche ich jeden Tag aufs Neue mir den schönsten Tag meines Lebens zu machen, denn jeder Tag ist gleich kostbar.
Es gab nicht diesen einen Tag, aber es gab die Zeit, in der das Leben ein bisschen stillstand und wir als Künstler eine kleine Zwangspause hatten. Damals habe ich sehr viel Zeit mit mir selbst verbracht und mich das erste Mal sehr um mich selbst gekümmert – und damit habe ich danach dann einfach weitergemacht. Ich habe rausgefunden, dass die Zeit, die ich mir selbst widme, genauso wichtig ist wie die Zeit, die ich auf der Bühne und als Künstler verbringen darf.
Die letzten zehn Jahre sind gar nicht so wirklich in ein Gefühl zu packen, weil ich jede Emotion, die ich im Leben fühlen durfte, in diesen Jahren gefühlt habe. Und ich kann mir kaum ein Leben vor dieser Zeit vorstellen, weil diese zehn Jahre die prägendsten in meinem Leben waren. Alles, was ich erleben durfte, durfte ich durch die Musik und durch die Veröffentlichung meiner Songs erleben. Und das Schöne ist, dass die Zuhörer das, was ich erlebe, auch in den Songs wiederfinden – denn alles, was ich erlebe, schreibe ich nieder. Von daher sind meine Alben wie ein Tagebuch der letzten zehn Jahre.
Es ist natürlich total surreal als einzige lebende Persönlichkeit hier bei uns im Norden ein eigenes Denkmal zu bekommen. Ich dachte wirklich, das passiert immer erst bei Persönlichkeiten, die schon ein ganzes Leben gelebt haben. Von daher ist es noch krasser für mich in meiner Heimat dran vorbeizufahren und zu beobachten, wie die Leute, die dann vorbeilaufen, Fotos damit machen. Bis jetzt habe ich nur sehr positive Reaktionen mitbekommen und ich hoffe, das bleibt so.
Ich wäre gerne besser darin, Erfolge mehr einzuordnen beziehungsweise sie bewusster wahrzunehmen. Diese kleinen Erfolge im Alltag oder auch die Erfolge als Musiker kommen oft nicht so ganz bei mir an, wie ich es gerne hätte. Ich würde das am liebsten nach jedem Erfolg erstmal sacken lassen, aber meistens bin ich schon wieder auf dem Weg zum nächsten Projekt oder zum nächsten Konzert. Ich finde zum Beispiel, dass jedes Konzert ein Erfolg ist, den man eigentlich zelebrieren sollte. Man ist aber danach viel zu schnell in Gedanken beim nächsten Konzert, anstatt das eben Erlebte erstmal sacken zu lassen. Deswegen fahre ich nach den Konzerten oft selbst lange Autostrecken, um die Zeit nicht direkt im Tourbus mit den nächsten Gedanken zu füllen, sondern mit mir selbst den Tag reflektieren zu können.
Was ich die letzten zehn Jahre ein bisschen vermisst habe, waren die eigenen Hobbys und der eigenen Freizeit mehr Zeit zu widmen. Das versuche ich gerade wieder ein bisschen mehr einzubauen. Ich kam die letzten drei Jahre relativ wenig zum Motorradfahren, Skateboardfahren, Snowboardfahren und so weiter und dafür versuche ich mir jetzt viel, viel mehr Zeit zu nehmen. Um aktiv meinen Hobbys nachzugehen und zu sagen, eine halbe Stunde nehme ich mir noch mal Zeit für mich.
Ich würde gerne in die Zukunft reisen. Über die Vergangenheit weiß man schon so viel und ich finde eher das Ungewisse spannend und vor allem auch den Fortschritt, den wir jetzt gerade machen in der Welt. Es passiert so viel, dass ich mir vorstellen könnte, dass in zehn bis 15 Jahren die Welt schon ganz anders aussieht, und da würde ich gerne mal reinschnuppern – gerne direkt so 50 Jahre in die Zukunft.
Ich schaue eher nach vorne. Ich würde sagen, ich bin ein absoluter optimistischer, realistischer Nach-vorne-Blicker.
Dadurch, dass ich absoluter Realist bin, ist Endlichkeit für mich völlig okay. Ich weiß, dass nichts unendlich ist und alles irgendwann ein Ende hat – und das ist auch in Ordnung so. Ich glaube, dass man deswegen mit zunehmendem Alter und wachsender Endlichkeit lernt, das Leben umso mehr zu genießen.
Ich hatte schon immer Angst vorm Fallen. Darüber singe ich in dem Song „Flieg“ – dass dieser Fall nach einem High im Leben, zum Beispiel von Konzerten, von diesen unfassbaren Augenblicken, dass der manchmal tief ist und mich wieder in so ein Loch zieht. Aber zum Glück habe ich das mittlerweile ganz gut hinbekommen, dass mir das fast gar nicht mehr passiert.
Auf dem Album sind ja sehr viele verschiedene Songs drauf, zum Beispiel rockige Songs wie „Flieg“, dann Songs, die elektronische Ansätze haben wie „Letzter Zug“ aber natürlich auch typische Deutsch-Pop-Songs. Ich will jetzt gar nicht so an Genres denken, aber ich finde schon, dass dieses Ausprobieren Zeit gebraucht hat, dass man sich natürlich für die verschiedenen Arten der Songs mehr Zeit genommen hat. Ich habe außerdem auch sehr viele Songs geschrieben, die es am Ende leider nicht aufs Album geschafft haben. Dieser Songwriting-Prozess war natürlich auch sehr zeitaufwendig.
Ich versuche jedes Jahr eine neue Show und ein neues Konzept für die Tour zu erstellen. Dabei ist mir vor allem wichtig, die Nähe nicht zu verlieren. Ich habe angefangen bei Konzerten vor 15 Leuten immer in die Menge zu gehen, um nah beim Publikum zu sein. Und egal wie groß die Bühnen werden, versuche ich das immer beizubehalten. Egal ob Crowdsurfen, Leute im Arm zu halten, in der Menge zu singen. Ich finde, die Nähe zum Publikum ist das Wichtigste als Künstler, weil nur dann spürt man, wer sein Publikum ist.
Das Autofahren ist bei mir wirklich eine ganz große Hilfe, weil ich mich nach Konzerten ins Auto setze – das sind meine eigenen vier Wände. Dann fahre ich durch die Nacht schon in die nächste Stadt, da habe ich drei, vier, fünf Stunden einfach Zeit für mich und das gleiche dann nochmal am nächsten Tag. Wenn das Konzert 600 Kilometer entfernt ist, fahre ich 300 Kilometer in der Nacht, schlafe im Hotel und fahre am nächsten Tag noch mal 300 Kilometer, die ich für mich allein habe, bevor ich beim Konzert ankomme. Und in dieser Zeit bin ich für mich und kann meine Gedanken sortieren und mich auf den Tag freuen.
Ich glaube, das ist auch eine Reise, die ich gemacht habe und etwas, das ich erst lernen musste. Früher habe ich jedes Mal, wenn ich gefragt wurde, ob ich kurz Zeit habe, automatisch Ja gesagt – egal, ob privat oder beruflich. Inzwischen habe ich gelernt, nur noch den Menschen Zeit zu schenken, die mir wirklich gut tun und auch im Beruf nur noch zu den Jobs Ja zu sagen, die ich wirklich von Herzen machen möchte. Also ja – ich habe gelernt, öfter auch mal Nein zu sagen, wenn jemand fragt: „Hast du kurz Zeit?“