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Interviews

Backstage mit Milow: „Als Europa mich kennenlernte, waren meine Band und ich schon eine Live-Maschine“

21.02.2025 von Nadine Wenzlick

Mit seinem neuen Album „Boy Made Out Of Stars“ hat Milow ein Gesamtkunstwerk geschaffen: Der Belgier, dem 2008 mit dem 50-Cent-Cover „Ayo Technology“ sein Durchbruch gelang, hat dazu nicht nur ein begleitendes Magazin produziert, das auf 170 Seiten tiefe Einblicke in die Entstehung der Platte gibt, sondern auch zu jedem Song ein Musikvideo gedreht. Entstanden sind die Clips zur einen Hälfte in Belgien und zur anderen in seiner zweiten Heimat Los Angeles. Im Interview spricht er nicht nur über sein neues Album und das darauf enthaltene Duett mit seinem vor vielen Jahren verstorbenen Vater, sondern auch über seine ersten musikalischen Erfahrungen, einen Weltrekordversuch in einer finnischen Erz-Grube und seine kommende Tour, die ihn im März nach Deutschland führt. Obendrauf haben wir noch ein Videointerview unserer TikTok-Rubrik „Never have I ever“ für euch.

Bild: Kevin Zacher

Milow, auf Instagram hast du kürzlich ein Foto von dir mit den Worten „Ready for a new chapter“ kommentiert. Warum markiert „Boy Made Out Of Stars“ ein neues Kapitel für dich? 

Milow: Weißt du, ich werde manchmal gefragt, warum ich immer noch Alben mache. Das ist jetzt ja mein achtes und ich glaube die Leute denken, dass ich das mache, weil ich es muss. Aber so ist es nicht! Ich liebe es und für mich ist jedes Album der Versuch, zwei Jahre meines Lebens zu verstehen, indem ich Songs darüber schreibe. Und es erfrischt irgendwie, es ist jedes Mal wie ein Neuanfang. Das meine ich mit „ein neues Kapitel“. Es fühlt sich toll an, neu anzufangen. Zumal ich auf diesem Album alles auslebe. Zum Beispiel Einflüsse aus Country und Folk, die es auf meinen frühen Alben schon gab, aber inzwischen habe ich ein so viel größeres Vokabular – textlich, aber auch musikalisch.

Ergänzend zu dem Album hast du zu jedem Song ein Musikvideo gedreht sowie ein dickes Magazin produziert, das die Entstehung dokumentiert. Das klingt nach sehr viel Arbeit. Was war die Idee dahinter?

Es war tatsächlich viel Arbeit, aber irgendwie läuft es bei mir immer aus dem Ruder. Ich fange an mit „ich mache fünf Videos“, aber dann werden es 15. Oder ich denke „lasst uns ein kleines Handbuch dazu machen“, und auf einmal haben wir 170 Seiten. Aber ich tue das aus Leidenschaft! Ich liebe einfach so sehr, was ich tue. Überhaupt die Chance zu haben, diese verrückten Ideen in meinem Kopf tatsächlich ausführen zu können… Ich hatte so viel Spaß dabei und es ist auch meine Art zu betonen, wie wichtig mir diese Songs sind. Ich habe dieses Album nicht bloß gemacht, damit ich wieder auf Tour gehen kann! Ich bin wirklich tief eingetaucht. Und mein Problem ist ein bisschen, dass ich selbst mein größter Kritiker bin. Hinter mir steckt keine große Maschine. Ich habe mein eigenes Label und das sind alles meine Ideen. Aber die Frage ist immer: Wie kann ich die Latte, die ich mir selbst gelegt habe, nicht nur erreichen, sondern vielleicht sogar noch toppen?


In dem Song „Tell Me Twice“ singst du von Selbstzweifel, die du bei der Arbeit an diesem Album stärker als je zuvor gespürt hast…

Ich habe immer noch keine richtige Erklärung dafür, aber ich hatte dieses Mal wirklich mit Momenten der Unsicherheit und des Zweifels zu kämpfen und habe mich manchmal gefragt, ob ich je wieder einen guten Song schreiben werde. Ich fing sogar an, meine Gesangsstimme anzuzweifeln. Das war alles andere als schön, aber irgendwann beschloss ich es zuzulassen und in Songs zu verwandeln. Es ist ein Klischee, aber ich habe meine Songs als Therapie benutzt.

Woher kamen denn diese Zweifel plötzlich?

Keine Ahnung. Ich wollte bei diesem Album ja tiefer gehen als je zuvor. Meine Wurzeln erforschen. Fragen nachgehen wie: Warum mache ich Musik, warum wollte ich auf die Bühne? Und irgendwie kam ich dabei in ein Gebiet, wo es chaotisch wurde. Mir war es aber wichtig, darüber zu sprechen, denn es gibt Künstler, die so tun, als ob alles ganz einfach wäre. Und wenn ich mir vorstelle ein junger Künstler liest von jemandem, der mehr Erfahrung hat, Sätze wie „das war alles ganz einfach, ich habe von einem großen Hit geträumt und dann habe ich ihn aufgenommen" – ich weiß nicht, ob das die richtige Botschaft ist. Klar gibt es Songs, die in wenigen Stunden entstehen, aber für jeden dieser Momente gibt es drei Monate Frustration mit Punkten, an denen man nicht weiterkommt. Auf Tour zu gehen ist der Teil, der Spaß macht, aber zu Schreiben kann sehr einschüchternd sein, weil man jedes Mal mit einer leeren Seite anfängt.

Der wohl persönlichste Song auf deinem Album ist „Family Tree“. Er entstand, nachdem du eine alte Aufnahme deines verstorbenen Vaters gehört hattest. Was hat es damit auf sich?

Mein Vater war Singer-Songwriter und schrieb als er jünger war Songs auf Niederländisch. Er hat nie Karriere gemacht, aber bevor ich auf die Welt kam, spielte er viel für Freunde und Familie. Als er 2008 im Alter von 53 Jahren unerwartet starb, gab mir seine Schwester diese Demo-Aufnahme von 1975, auf der zwei seiner Songs waren. Ich legte sie zunächst beiseite, in einen Schrank in meinem Studio. Es war damals eine verrückte Zeit, ich war viel unterwegs und meine Karriere ging gerade los… Unterbewusst wollte ich sie vielleicht auch für später aufbewahren – denn irgendwann hat man alle Fotos angeschaut und es kommt nichts Neues mehr an Erinnerungen. Es war schön zu wissen, dass es da noch etwas zu entdecken gibt. Vielleicht dachte ein Teil von mir auch, dass ich wahrscheinlich enttäuscht sein würde, und irgendwann hatte ich dann keinen funktionierenden Plattenspieler mehr. Es gab immer eine Ausrede und die Jahre vergingen. Bis ich nach dem Ende meines letzten Albums beschloss, mir die Aufnahme anzuhören.

Und?

Es war so seltsam, meinen Vater zu hören! Zumal er ja 20 war, als er den Song aufgenommen hat und ich seine jüngere Stimme nicht gut kannte. Meine Fantasie spielte verrückt, als ich die Aufnahme hörte. Ich stellte mir vor, wie nervös er und seine Freunde gewesen sein müssen, als sie nach Paris gingen, um in einem echten Studio aufzunehmen. Irgendwie hat das etwas in mir ausgelöst, und ich beschloss einen Song darüber zu schreiben. Ich dachte früher immer mit mir habe alles angefangen, aber mir wurde klar, dass ich auf den Schultern meines Vaters stehe. Die Gitarre, auf der ich das Spielen lernte, war seine Gitarre. Dank AI ist die Aufnahme meines Vaters nun auch auf meinem Song zu hören. „Family Tree“ ist also ein sehr wichtiges Lied für mich.

Wann hast du dir denn die Gitarre deines Vaters geschnappt und mit der Musik angefangen?

Ich fing zunächst mit Musikunterricht an. Also klassisch Musiktheorie und verschiedene Instrumente. Da war ich 9 oder 10. Mit dem Gitarrespielen anzufangen, war dann meine eigene Entscheidung, als ich 15 oder 16 war. Ich hatte keinen Unterricht, sondern brachte mir einfach selber Akkorde bei. Mit 16 oder 17 schrieb ich meine ersten Songs.

Kannst du dich an deinen ersten Auftritt erinnern?

Erst mal habe ich natürlich auf Familienfeiern gespielt. Der erste öffentliche Auftritt war bei einer Art Open-Mic-Veranstaltung. Ich erinnere mich noch gut daran: Ich habe einen Song von meiner damaligen Lieblingsbands Unbelievable Truth gespielt, das ist die Band des jüngeren Bruders von Tom Yorke von Radiohead. Auf ihrem Debütalbum war ein Song namens „Building“ – für mich damals der coolste Song überhaupt, weil er zig Akkorde hat. Und Tom Yorks Bruder war für mich – im Gegensatz zu Tom Yorke – gesanglich auch in Reichweite. Am Anfang meines Auftritts war ich tierisch nervös, aber ich habe mich gezwungen, es durchzuziehen. Und die Reaktion, die ich bekommen habe, haben dazu geführt, dass ich es immer wieder tun wollte! Ich glaube das liegt an diesem reinigenden Gefühl, das man nach einem Auftritt hat. Es fühlt sich danach so gut an. Ich war vor meinen Shows übrigens noch lange Zeit sehr nervös – aber es wird leichter mit der Zeit!

Inzwischen tourst du seit fast 20 Jahren. Was sind einige deiner denkwürdigsten Shows?

Unzählige! Meine Karriere hat ja 2007 angefangen – also zwei Jahre, bevor der Rest von Europa meinen Namen überhaupt gehört hatte. In Belgien schaffte ich es durch meinen Song „You Don’t Know“ plötzlich von Bars, in denen vielleicht 100 oder 50 Leute waren, auf 800 Leute und wenige Monate später habe ich dann das größte Festival in Belgien eröffnet, Rock Werchter. Mika hatte in letzter Minute abgesagt, also rief man mich an. Plötzlich war dann in ganz Belgien in den Nachrichten, dass ich als Belgier Rock Werchter eröffne. Bei dem Auftritt waren gefühlt alle auf meiner Seite und als ich „You Don’t Know“ spielte, sangen alle mit. Ich habe das auf Video. Das war wirklich unglaublich. Mein erstes Konzert in Deutschland hingegen war – das wissen viele nicht – bei Rock am Ring und Rock im Park. Ich kenne Kollegen, die dort noch nie gespielt haben. Aber ich bin wirklich über Festivals eingestiegen und habe mich dort auch Zuhause gefühlt. Also als Europa mich kennenlernte, waren meine Band und ich schon eine Live-Maschine, weil wir zwei Jahre lang nonstop gespielt hatten. Das ist das Gute daran, aus einem kleinen Land zu kommen: Man fängt unter dem Radar an und kann in Ruhe aus seinen Fehlern lernen und sich verbessern.

Du hast auch mal in einer Erz-Grube in Finnland gespielt – 1.400 Meter unter der Erde…

Ja, das war zu der Zeit, als ich all diese Promo-Aktionen machte und die Leute immer spektakulärere Ideen hatte, um mich anzupreisen. Ich habe mal in einem Flugzeug gespielt und in einem Zug. Ich sagte einfach immer ja zu allem, denn mit meiner Akustikgitarre konnte ich ja überall spielen. Irgendwann kam dann eine TV-Show auch mich zu und meinte „der Weltrekord für das tiefste Konzert aller Zeiten ist so und so und wir haben eine Erz-Grube gefunden, wenn du da spielst, brichst du den Weltrekord“. Also bin ich nach Finnland geflogen. Total verrückt, wenn man drüber nachdenkt! Ich spielte dann vor diesen Arbeitern. Es klang natürlich toll, aber ins Guinness-Buch der Rekorde habe ich es am Ende doch nicht geschafft, weil niemand vom Guinness-Buch dabei war. Aber es war eine tolle Erfahrung.

Gibt es einen Weltrekord, den du gerne noch mal brechen würdest? 

Ich habe einen sehr ehrgeizigen Teil in mir, aber für mich ist das etwas, das ich immer mehr unter Kontrolle zu halten versuche. Es gab mal eine Zeit, in der ich so ehrgeizig wurde, dass ich anfing, meine persönliche Zufriedenheit darüber, was ich kreativ gemacht hatte, an meinem Erfolg zu messen – und das ist eine Sackgasse. Denn wenn dann mal ein Song nicht so ankommt, wünscht du dir plötzlich, dass du ihn nicht geschrieben hättest. Aber wenn du damit auf Tour bist, hörst du plötzlich so viele Geschichten, was er den Menschen bedeutet. Deswegen versuche ich mich davon frei zu machen, wie erfolgreich ein Song ist. Also Weltrekorde – das war mein altes Ich. Ich versuche, keine Rekorde mehr aufzustellen. Es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen und ich hoffe, dass ich noch tiefer gehen und meine Komfortzone immer wieder verlassen kann, um Projekte zu machen, die ich noch nie zuvor gemacht habe.

Deine Songs sind sehr persönlich. Wie hältst du das Gleichgewicht zwischen dem, was du preisgibst, und deiner Privatsphäre?

Das ist eine gute Frage. Früher, als der Erfolg bei mir gerade losging, war ich definitiv viel verschlossener, weil ich mich einfach sehr unwohl damit gefühlt habe, mein Privatleben zu teilen und auch Angst hatte, irgendwelche Dinge könnten das, wofür ich so hart gearbeitet habe, gefährden. Im Laufe der Jahre habe ich aber gelernt, Grenzen zu setzen. Und wenn die Leute sagen „wir wissen nicht viel über Milow“, denke ich immer: In meiner Musik und meinen Shows bekommt man so viel private Infos von mir! 

Kamen dir auf der Bühne schon mal die Tränen?

Ich bin definitiv emotional geworden, aber die Tränen kamen mir noch nicht. Ich erinnere mich dann immer daran, dass ich der Sänger bin und mein Publikum etwas fühlen soll. Wenn ich selbst auf der Bühne von Emotionen überwältigt werde, dann nehme ich dem Publikum die Chance, etwas zu fühlen. Deswegen versuche ich immer das zu kontrollieren und bisher hat das auch immer geklappt. Selbst nachdem mein Vater gestorben ist und ich Song darüber gesungen habe. Aber wenn ich die Songs schreibe oder im Studio bin, dann kommt alles aus mir heraus.

Im März gehst du mit deinem neuen Album auf Tour. Was können die Leute erwarten?

Es ist die erste Touretappe – eine zweite wird es im November geben. Bei der ersten Etappe jetzt geht es wirklich darum, dass ich das neue Album gemeinsam mit meiner Band präsentiere. Wir müssen nicht lange proben, weil wir letztes Jahr drei Wochen im Studio waren und das meiste live und in einem Take aufgenommen haben. Und das werden wir auf der Bühne zeigen. Wir werden natürlich auch ein paar ältere Songs spielen, aber ich möchte vor allem mein neues Album präsentieren – und ich kann es kaum erwarten!


Videointerview mit Milow – „Never have I ever“


Im März und April 2025 führt Milow seine „Boy Made Out Of Stars”-Tour auch nach Deutschland. Die Shows in Hamburg und Köln sind bereits ausverkauft. Termine und Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button. Weitere Konzerte sollen in Kürze folgen.

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