Bild: Noel Richter Bild: Noel Richter
Interviews

Backstage mit Isolation Berlin: „Ein Duett mit Nina Hagen – das wäre schon ein Lebenstraum.“

11.10.2024 von Susan Barth

Nach dreijähriger Albumpause erscheint heute „Electronic Babies“, die neue LP der Berliner Indie-Rock-Band Isolation Berlin. Seit 2012 mischt die Band mit poetischen Texten und genreübergreifenden Songs in der deutschen Musik-Szene mit und liefert den perfekten Sound für alle, die Lust auf raue, punkige, aber auch gefühlvolle Songs haben. Im Juli erschien mit „Verliebt in dieses Lied“ der erste Vorbote des neuen Albums. Danach folgten die zwei weiteren Singles „Ratte“ und „In dem Park auf der Bank“.

Seit heute können Fans das komplette vierte Album hören, das voller Energie steckt. Im Interview verrät Frontmann Tobias Bamborschke nicht nur, was es mit dem Albumtitel auf sich hat, sonder auch, wie er mit Social Media umgeht, warum im Backstage meistens Totenstille herrscht und was eine Banane mit dem ersten Song zu tun hat, den er geschrieben hat.  

Bild: Noel Richter

Ihr nennt euer Genre „Protopop“ – was kann man sich darunter vorstellen?

Tobias Bamborschke: Bevor Max, der Gitarrist, und ich Isolation Berlin gegründet haben, war für die Bands, in denen wir gespielt haben, immer klar: das ist eine Grunge-Band, das ist eine Punk-Band und das ist eine Garage-Band. Isolation Berlin sollte ein neues Projekt sein, bei dem alles möglich ist. Bei dem es keine Vorgaben gibt, was das Genre angeht. Dann hatten wir diese Lieder und wussten nicht, wie wir sie einordnen sollen. Also haben wir unseren Produzenten gefragt: „Sag mal, was ist das eigentlich für Musik?“  Er meinte: „Berliner Schule Protopop“. Das hat irgendwie gepasst. Ich würde sagen, Protopop ist nicht so glattgebügelt wie Pop. Es hat zwar etwas Poppiges, aber auch etwas Rumpeliges, etwas Punkiges – etwas Unperfektes. Uns war immer wichtig, dass es lebendig ist und Reibung hat. Deshalb Protopop. 

Euer neues Album, trägt den Titel „Electronic Babies“. Worum geht es in dem gleichnamigen Song?

Tobias Bamborschke: Der Song handelt vom Ausgeliefert-Sein. Wir hängen an diesem Internet und den Geräten, in denen alles stattfindet, als wären wir durch eine Nabelschnur verbunden, die uns die ganze Zeit mit einer komischen elektrischen Ladung versorgt. Seit fünf Jahren bin ich nicht mehr in sozialen Netzwerken unterwegs, aber habe davor diese körperliche Erfahrung gemacht. Durch die ständige Informationsflut und Erreichbarkeit steht man ständig unter Strom. Das kann einen schlimmen, negativen Stress auslösen, den ich damals gefühlt habe. Ich hatte Instagram und Facebook und das Gefühl, dass ich nicht abschalten kann. Man muss dranbleiben, weil immer etwas passieren kann, das irgendwie wichtig sein könnte. Ich habe damals das Handy ausgeschaltet, in meinem Schrank unter meiner Wäsche verborgen und mich ins Bett gelegt. Und trotzdem habe ich immer noch diese Verbindung gespürt. Wie eine Energie, die mich unter Strom gesetzt hat. Davon handelt der Song.

Warum habt ihr den Song als Albumtitel ausgewählt?

Tobias Bamborschke: Diese Energie zieht sich durch das ganze Album. Jeder Song, auch die langsamen Lieder, haben so eine Energie – und alle Figuren stehen irgendwie unter Strom. Außerdem beschäftigt sich das Album viel mit dem Erwachsenwerden und mit einer kindlichen Abhängigkeit. Gleichzeitig spielen wir alle elektronische Instrumente und die Songs sind quasi unsere Babys, die wir in den letzten drei Jahren geschaffen haben. Deshalb passte der Titel für das Album ganz gut.

In „Verliebt in dieses Lied“ versetzt ihr die Zuhörenden in die Jugend. Was bedeutet dir diese Zeit?

Tobias Bamborschke: Für mich war das eine sehr behütete Zeit und ich glaube, dass es gesellschaftlich damals ein größeres Gefühl der Leichtigkeit gab. Heute leben wir in Zeiten, in denen alle sehr ernst geworden sind und es viele präsente Konflikte gibt. Und gleichzeitig fällt dieses Damals natürlich auch in meine Kindheit. Ich habe als Kind keine Zeitung gelesen und auch deshalb war das wohl die sorgloseste Zeit meines Lebens. In dem Song geht es um eine Sehnsucht nach dieser Geborgenheit, Sorglosigkeit und auch nach einer hoffnungslosen Lebenslust. Und gleichzeitig geht es natürlich um den Wunsch, Musiker zu werden und eine Band zu haben. 

 

Wie und wann hat das Song-Schreiben bei dir angefangen?

Tobias Bamborschke: Ich habe schon im Kindergarten viel gesungen und Lieder umgedichtet. Rückblickend waren das vielleicht die ersten Songs, die ich geschrieben habe, wenn man das so sagen will. In der Grundschule habe ich damit weitergemacht. Das erste Lied, das ich so richtig umgeschrieben habe, war ein Lied von Sabrina Setlur – „Du liebst mich nicht“. Meine Mutter wollte immer, dass ich Obst esse, aber ich wollte nicht. Deshalb habe ich ein Lied aus der Sicht der Banane geschrieben und gesungen: „Du isst mich nicht“. Das ist eine Methode, die ich heute noch anwende. Ich versetze mich in andere Perspektiven hinein, damit ich nicht in die Falle tappe und nur aus meiner eigenen Sicht schreibez

Ihr habt euch für „Electronic Babies“ mit Moses Schneider zum ersten Mal einen Co-Produzenten mit ins Boot geholt. Warum? Oder warum jetzt?

Tobias Bamborschke: Tatsächlich aus einer Art Lust heraus. Wir kennen uns schon lange und es ist fast schon Tradition, dass wir immer, wenn wir eine Platte fertig haben, zu ihm gehen und sie ihm vorspielen. Er sagt dann etwas dazu. Meistens etwas Feierliches. Dieses Mal haben wir ihn einfach ein bisschen früher mit dazugeholt, weil wir ihn sehr schätzen und bei einigen Songs noch nicht so richtig glücklich waren und nicht weiterwussten. Weil wir ihm sowieso mal das Studio zeigen wollten, haben wir ihn eingeladen. Das hat einfach gepasst und wir sind sehr glücklich mit dem Ergebnis.

Auf dem Album gibt es auch ein „Berlin“-Liebeslied und auch aus eurem Bandnamen ist die Hauptstadt nicht wegzudenken. Was macht Berlin mit dir und worin liegt der Zauber der Stadt für dich?

Tobias Bamborschke: Das ist eine sehr schwere Frage, die wir oft gefragt werden. Ich weiß tatsächlich bis heute keine gute Antwort darauf. Ich bin als Kind nach Berlin gekommen. Seitdem wohne ich hier und es ist für mich unfassbar schwer, die Stadt Berlin von der Person Tobias Bamborschke zu trennen. Denn natürlich dient so eine Stadt auch immer der Projektion. Gerade so eine große Stadt wie Berlin, die so viele verschiedene Bezirke und Realitäten hat. Es ist schwer für mich zu sagen: Dieses Gefühl ist Berlin. Oder: Das ist nur durch Berlin entstanden. Alles ist verwoben mit meiner Lebensgeschichte. Ich habe keinen Blick von außen auf die Stadt Berlin, der Blick ist für mich immer ein sehr persönlicher. Wenn ich in eine andere Stadt ziehen würde, weit weg von Berlin, dann könnte ich vielleicht in zehn Jahren zurückschauen und sagen: „Das war Berlin“. Aber jetzt bin ich zu nah dran.

Kannst du dich noch an das erste Isolation Berlin Konzert erinnern? 

Tobias Bamborschke: Ich glaube, ja. Schwer zu sagen, weil Isolation Berlin schon so lange existiert – auch in anderer Besetzung. Ich glaube es war 2012 im Wowsville-Keller in Berlin… Ja, daran erinnere ich mich.  

Ist es eine gute Erinnerung? Oder war das erste Konzert irgendwie chaotisch?

Tobias Bamborschke: Nein, es war mega. Es war toll!

Woran erinnerst du dich besonders?

Tobias Bamborschke: Es war unfassbar voll, denn der Raum war ganz klein. Es waren viele Leute da, die wir gut kannten und Leute aus der Musik-Szene… Es war schon ein besonderer Moment. Ich hatte ein Gefühl des Aufbruchs und dieses Gefühl, dass das irgendwie funktioniert. Ich hatte damals große Angst davor, dass diese Art von Musik nicht funktioniert. Dass es den einen nicht punkig genug ist, den anderen wiederum zu punkig. Es gibt ruhige, sehr emotionale Balladen. Dann gibt es wütende, geschriene Lieder. Ich habe mir Sorgen gemacht, dass diese Kombination die Leute irgendwie abschreckt oder der Funke nicht überspringt. Aber ich habe gemerkt, dass es klappt.

Was hast du bis heute aus dieser Anfangszeit mitgenommen? Sind diese Erfahrungen immer noch wichtig? 

Tobias Bamborschke: Ich war immer ein sehr ängstlicher Mensch. Ich hatte in der Schule total Angst davor, vor Menschen zu reden und es hat sehr lange gedauert, dass ich mich auf der Bühne einigermaßen wohlfühle. Gleichzeitig habe ich auch schon in der Anfangszeit aus meiner Unsicherheit viel Energie gezogen, die ich auf der Bühne nutzen kann, weil ich das Gefühl in die Lieder fließen lasse. In den Liedern geht es auch viel um Unsicherheit, um Ängste, um Wut, um Verzweiflung. Also kann ich meine eigene Unsicherheit nutzen, um in dem Moment diese Emotionen zu fühlen. Ich habe unglaublich viel Zeit gebraucht, diese Art von Live-Gesang zu entwickeln. Beim Live-Musizieren ein Gefühl von Sicherheit zu entwickeln, ist ein unfassbar langer Prozess, finde ich. Ich habe oft immer noch das Gefühl, ich bin im Jahr 2012.

Hast du noch Lampenfieber, bevor du auf die Bühne gehst? 

Tobias Bamborschke: Ja, aber es ist besser geworden. Vor den ersten Konzerten im Jugendzentrum vor acht Leuten oder so – als ich 15 oder 16 Jahre alt war – konnte ich wochenlang nicht schlafen und hatte panische Angst. Das ist besser geworden. Aber ich glaube, Lampenfieber gehört irgendwie auch dazu.

Hast du oder habt ihr vor euren Konzerten bestimmte Rituale?  

Tobias Bamborschke: Vor Konzerten werden wir alle sehr ruhig. Es gibt ja auch Bands, die sich irgendwie hochpushen und sich umarmen und sowas. Bei uns ist es eher so, dass wir alle in uns zurückfallen, meditativ rumsitzen und einfach nichts tun. Fast wie eine Totenstarre. Es ist auf jeden Fall sehr ruhig in unserem Backstage und es herrscht große Konzentration. 

Gibt es etwas, das du auf Tour immer dabeihast? Etwas, ohne das es gar nicht geht?

Tobias Bamborschke: Ich habe immer meinen Elbsegler dabei und meine Isolation Berlin Lederjacke. Das ist schon fast zwanghaft. 2012 hatte ich diese Jacke und die Mütze beim ersten Konzert an. Seitdem muss ich sie immer dabeihaben. Sonst fühle ich mich irgendwie nackt.  

Respekt, dass du sie nie verloren hast in all den Jahren!

Tobias Bamborschke: Ja. Es wundert mich selbst, dass sie noch existiert. Wie oft ich irgendwo geschlafen habe, irgendwo auf irgendeinem Boden oder auf irgendeiner Couch – wo man überall schon geschlafen hat auf Tour… Es ist eigentlich ein Wunder. Die Jacke ist jetzt schon über zehn Jahre alt. 

Fühlt es sich ein bisschen an wie ein Kostüm, in das man hineinschlüpft?

Tobias Bamborschke: Es ist wie eine Verwandlung, wenn ich die Jacke anziehe. Ich fühle mich dann ganz anders. Ich sehe mich selbst auch irgendwie anders, wenn ich in diese Rolle schlüpfe. Ich war zwar auch schon ohne Jacke auf der Bühne – wenn es wirklich sehr heiß war draußen –, aber es wird schwer werden, irgendwann vielleicht mal ohne sie auf der Bühne zu stehen. Klar steht auf der Bühne immer Tobias Bamborschke, aber es ist vielleicht ein besonderer Teil, der im Alltag nicht so sehr zur Geltung kommt. Auf der Bühne bin ich zum Beispiel sehr offen, was Emotionen angeht. Im Alltag rede ich gar nicht so viel darüber. Auf der Bühne zeige ich tiefe Trauer, Wut und Ängste. Das kommt alles in der Kunst zum Vorschein und dafür nutze ich eine gewisse Figur, wenn man so will. Eine, die eine Facette von mir ist. Ich meine, wir alle haben Figuren, die wir spielen. Man verhält sich anders in der Kirche, als wenn man bei seinen Eltern am Essenstisch sitzt oder in der Kneipe. Überall ist man eine andere Facette von sich. Und die Bühnenfigur, die diese Jacke trägt, ist eine besondere Facette von mir.

Gibt es ein Konzert, das du nicht vergessen wirst?

Tobias Bamborschke: Es gibt so viele! Negativ wie positiv. Es gibt Konzerte, die einfach nicht so richtig funktionieren. Man spielt und es entsteht keine Energie zwischen Publikum und Band. Das kann sehr frustrierend sein. Die schlimmsten Konzerte waren Festival-Konzerte, bei denen wir um die Mittagszeit gespielt haben. Bei denen Leute vor der Bühne standen, die mit der Musik nichts anfangen konnten und die gerade nur vorbeiliefen. Für mich ist das extrem belastend, weil ich in den Momenten so unfassbar viel von mir gebe. Wenn das dann ins Leere fällt oder auf gleichgültige Abneigung stößt, fühle ich mich danach richtig ausgekotzt. Ich brauche dann erst mal ein paar Stunden, bis ich wieder klarkomme. Und dann gibt es Konzerte, die einfach toll sind. Wenn man merkt, dass der ganze Saal bei einem ist und mitsingt – wenn es eine so starke Verbindung zwischen Publikum und Band gibt, dann ist das total großartig.  

Gibt es andere Künstler, mit denen du wahnsinnig gerne mal auf der Bühne stehen würdest? 

Tobias Bamborschke: Nick Cave fällt mir direkt ein. Das wäre ein großer, großer, großer Traum. Oder ein Duett mit Nina Hagen – das wäre schon ein Lebenstraum. Mit den Auftritten zusammen mit Element of Crime ist auf jeden Fall auch ein Traum von mir in Erfüllung gegangen. Weil ich seit vielen, vielen Jahren Element of Crime Fan bin. Shane MacGowan fällt mir auch noch ein, aber das geht ja leider nicht mehr …

Zuletzt noch eine ganz andere Frage zu einer der neuen Singles, die schon im Sommer erschienen ist: Warum gibt es auf dem Album mit „Ratte“ einen Rattensong?

Tobias Bamborschke: Ich habe tatsächlich lange auf diesen Song gewartet. Den Refrain habe ich geschrieben, als ich 16 war und seitdem auf die Strophen gewartet. Und jetzt kamen sie. Die Ratte wollte unbedingt mit auf die Platte. Deshalb gibt es diesen Rattensong. Man muss den Dingen die Zeit geben, die sie brauchen. 

Isolation Berlin - Ratte



Ihr habt jetzt so richtig Lust bekommen, Isolation Berlin live zu erleben? Dann habt ihr Glück, denn die Band geht im Frühjahr 2025 auf "Electronic Babies"-Tour. Tickets bekommt ihr auf eventim.de.

Isolation Berlin Tickets
Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren