Bilder: Christoph Eisenmenger
Im letzten Jahr feierte Aki Bosse das 20-jährige Jubiläum seiner Solokarriere. Am 17. April gibt es erneut etwas zu feiern, denn dann erscheint unter dem Titel „Stabile Poesie“ das zehnte Album des Musikers. Anders als auf seinem letzten Langspieler „Übers Träumen“, der einem roten Faden folgt, beschäftigt sich Bosse auf seinem neuen Werk mit allem, was ihm auf dem Herzen liegt. Musikalisch geht es gewohnt abwechslungsreich zu – nichts liegt ihm ferner, als immer dasselbe zu machen. Wichtig war ihm diesmal, dass es, bis auf wenige Ausnahmen, so analog und echt wie möglich zugeht, weshalb praktisch nur echte Instrumente zum Einsatz kamen.
Im Mai geht Bosse mit seiner Band auf große Hallentour, im Sommer folgen einige exklusive Open-Air-Konzerte. Kurz vor dem Albumrelease blickte Bosse im Interview mit uns zurück auf seine Anfangszeit, sein erstes Konzert als Solokünstler und auf ganz besondere Bühnenmomente. Natürlich sprach er auch über „Stabile Poesie“ und die Tour – und er deutete an, dass uns bei den Live-Shows im Mai ein paar ganz besondere Überraschungen erwarten dürften…
Mir geht es wirklich gut. Ich hatte gestern einen ganz schönen Abend.
Ja. Ich hatte vorher etwas Respekt davor, aber finde die Idee gut, in unserer schnelllebigen Welt, wo Musik schnell weitergewischt wird und Songs immer kürzer werden, einfach mal gemeinsam mit meinen treuesten Fans in Ruhe die neue Platte zu hören. Die beiden Events waren die ersten Male überhaupt, dass ich sowas gemacht habe und es war richtig schön.
Das Feedback ist durchweg gut. Es gab einen Notiz-Kasten, in den die Leute Zettel werfen konnten, ganz analog, damit ich mir das aufheben kann. Es ist mein zehntes Album und ich weiß jetzt, dass es den Leuten gefällt, und das ist erstmal sehr schön.
Bei der letzten Platte „Übers Träumen“ gab es ja ein großes Überthema. Diesmal habe ich alles das aufgeschrieben, was mich bewegt. Am Ende ist es ein empowerndes und gesellschaftliches Album geworden. Es geht um die rennende Zeit, Familie, Freundschaft, digitale Gewalt und auch um Commitment und Haltung.
„Nokia“ soll keinesfalls ein nostalgischer Rückblick sein, der Song sagt eher: Bei allem, was heute auf uns einprasselt, ist es mir und den meisten Menschen, die ich kenne, zu empfehlen, ab und zu mal wieder Gras streicheln zu gehen (lacht). Handy öfter mal ausmachen bitte.
Wenn es darum geht, wie ich mich fühle, ist Vergangenheit ein ganz guter Text. Ich bin jetzt 46 und in einer Lebensphase, in der sich bei mir ganz viele Sachen ändern, so ähnlich wie damals mit 17 nach der Schule. Kinder werden erwachsen, meine Band und ich hatten vor kurzem 20-jähriges Bühnenjubiläum und es sind so viele Träume wahr geworden. Da schau ich gern zurück und verdrücke dann auch mal ne nostalgische Freudenträne. Aber soviel Schönes, Neues hält die Zukunft bereit.
Das Außen hat sich in den Jahren total geändert, von der CD über Social Media bis zum Streaming.
Was sich aber nie geändert hat, ist, dass ich nach wie vor so viel Lust habe, morgens aufzustehen und Musik zu machen. Auch die Art und Weise, wie ich das mache, hat sich nicht verändert seit ich 17 bin. Ein Piano und ein weisses Blatt Papier.
Bei „Kamikazeherz“ habe ich in Köln im Studio in einer Aufnahmekabine gewohnt. Ich war total ungebunden, hatte kaum Verantwortung und kein Geld und durfte da wohnen. Ich hab damals viel gezweifelt und wusste nicht, wie es weitergehen soll, aber ich war so jung, dass das auch irgendwie egal war. Aus heutiger Sicht würde ich meinem jüngeren Ich sagen, dass ich mich total entspannen kann in meiner Aufnahmekabine. Wahrscheinlich würde ich auch sagen: Sei ein bisschen mutiger im Texten und hab nicht immer das Gefühl, dass alle cooler sind als du. Aber über die Jahre habe ich das ja auch hingekriegt, ohne dass der alte Bosse es dem jungen sagen musste.
Ich hab den Song ja für eine Freundin geschrieben, die einen Shitstorm bekommen hatte, bei dem am häufigsten dieses Schimpfwort vorkam. Das hat dann eine Welle im Netz ausgelöst, wo weiblich gelesene Personen und marginalisierte Gruppen ihre Hasskommentare offengelegt haben. Ich habe mich dann über länger Zeit sehr mit dem Thema beschäftigt und war im engen Kontakt mit Hate Aid und den Betroffenen. Da ist mir klargeworden, dass ich überhaupt nicht betroffen bin. Die paar Bedrohungen oder Kommentare von rechts sind ein Witz verglichen mit dem, was zum Beispiel weiblich gelesene Leute im Netz abbekommen. Als weißer Mann kann es dann nur meine Aufgabe sein, eine Plattform zu geben und meine Reichweite zu nutzen. Wenn ich mal sowas bekomme, kann ich das mit einem müden Lächeln wegstecken. Und wenn ich bedroht werde, zeige ich an. Hate Aid ist eine tolle Anlaufstelle für Betroffene, die haben ein Anwaltsteam und eine top Beratung.
Das Schöne ist: Ich finde alles richtig gut. Zuletzt war ich lange im Studio, mit vielen Nachtschichten. Ich schneide vieles selber und nehme viel selbst auf. Vom Schreiben zu Hause bis zur Abgabe des Masters, bin ich die ganze Zeit mit dabei. Ich liebe das so sehr, vor allem das Schreiben und wenn andere Leute im Studio dazukommen, wie jetzt das Kaiserquartett. Nach einem halben Jahr intensiver Studioarbeit merke ich: Scheiße, ich muss raus! Dann freue ich mich, dass ich bald wieder touren kann. Das eine ist komplette Kopfarbeit und man ist sehr viel drinnen. Bei dem anderen, was jetzt beginnt, muss ich nicht viel nachdenken, da kann ich einfach tanzen und rausgrölen, was ich erschaffen habe. Wenn ich das aber wieder sehr lange gemacht habe, denke ich: Jetzt kann ich nicht mehr, ich muss mal wieder ins Studio. Beides ist total toll.
Das Gefühl ist auf jeden Fall unschlagbar und einer der Gründe, warum ich Musiker geworden bin. Als ich in der Schülerband Schlagzeug gespielt habe, hab ich schon gemerkt, dass da was Schönes passiert. Ich bin dann in einem Tunnel und kann alles vergessen. Im besten Falle passiert bei einem Bosse-Konzert eine Synergie aus singenden und tanzenden Menschen und dem, was wir machen, und dann ist es ein „Fliege-ähnlicher“ Zustand. Das dann noch mit Freundinnen und Freunden auf der Bühne zu machen, ist eins der schönsten Gefühle überhaupt.
Tausende! Wenn ich überlege, als ich angefangen habe, da kamen in den ersten Jahren nur zehn bis 30 Leute. Das Schönste war, als ich zur Zeit des dritten Albums gemerkt habe, dass irgendetwas passierte und auf einmal 600 Leute kamen. Das hat sich wie eine Belohnung angefühlt für all die Autobahnkilometer und Konzerte vor wenigen Leuten. Das waren die ersten Jahre, mit dem ersten Nightliner – einer kleinen Klapperkiste – wo wir da drin lagen und es einfach nur schön war. Damals habe ich bei Rock am Ring auf der dritten Bühne gespielt und irgendeine der großen Hauptbands muss scheiße gespielt haben. Die Leute sind dann von deren Konzert weggegangen und vor unserer Bühne stehengeblieben. Am Ende haben wir vor 25.000 Leuten gespielt. Ich glaube, das war unser schönstes Bandkonzert. Da gibt es noch alte VHS-Aufnahmen von, wo wir alle vor Freude heulen.
Es wird sehr viel und außerordentlich gut getanzt und sehr viel mitgesungen. Wir spielen außerdem komplett ohne Computertechnik, das heißt, die Konzerte sind einigermaßen spontan – es werden Songs verlängert oder abgebrochen. Die meisten Künstler:innen können sagen: Mein Konzert geht 1 Stunde, 43 Minuten und 30 Sekunden, weil alles computergesteuert ist. Bei uns ist das nicht so und das mag ich, weil es echt ist. Dadurch ist es oft gut und emotional und hoffentlich kurzweilig. Wir verspielen uns auch öfter mal – wir sind eben echte Menschen.
Meine Mutter hat letztens zu mir gesagt, ich hatte da immer so ein Brennen in den Augen. Das ging schon früh los, dass mir alles, was mit Bewegung zu tun hatte, Freude gemacht hat. Ich komme auch aus einer Musik-affinen Familie und war als Kind auf vielen Konzerten und habe irgendwann als Backliner und T-Shirt-Verkäufer gearbeitet. Selber habe ich dann mit der Band im Jugendzentrum gespielt. Das mochte ich immer am liebsten und mein System hat gespeichert, dass mich das glücklich macht. Deshalb habe ich dann versucht, dranzubleiben, damit es für immer so sein darf. Es fing also in Kindheitstagen an. Ein paar Vorbilder gab es auch, Kurt Cobain mit 14 oder Stewart Copeland, der Schlagzeuger von The Police, den ich als Kind mal live gesehen habe. Das waren große Inspirationen, bei denen ich dachte: Ich will das auch haben.
Ich glaube das war 2004 in der alten Disco in Braunschweig, wo ich früher immer tanzen war, Jolly Joker hieß die damals. Da haben wir bei irgendeiner Party das erste Konzert gespielt. Das war sehr aufregend. Der ganze Freundeskreis und alle Muttis waren da. Das war das erste Mal, dass ich mit meinem Gitarristen und meinem Bassisten auf der Bühne stand und wir haben gemerkt, dass das richtig Bock macht. Der Laden wurde irgendwann dichtgemacht und hat jetzt gerade wieder aufgemacht und wir spielen da unsere Release Konzerte zum neuen Album.
Ich freue mich erstmal, dass sich alle so freuen – sowohl die Leute, die Tickets gekauft haben als auch meine Band. Wir haben ein neues Lichtkonzept entwickelt, in dem viel Arbeit und Liebe stecken. Ich freue mich einfach, Konzerte zu spielen und für zweieinhalb Stunden alles andere zu vergessen und sich zu verbinden. Ich mag Musik, weil sie der beste Träger für ein gutes und friedliches Miteinander ist. Es gibt nichts schöneres als fremde Leute, bunt gemischt, zusammen tanzen zu sehen. Ohne es spirituell zu meinen, freue ich mich auf den Energieaustausch. Außerdem freue ich mich auf meine ganze Crew, die seit Jahren eine enge Familie ist.
Vorweg spielt Marlo Grosshardt, den ich ganz toll finde, weil der so politisch schlaue Texte schreibt. Ansonsten gibt es zwei, drei Sachen, die es noch nicht gab auf einem Bosse-Konzert, die ich aber noch nicht verraten darf.