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Interviews

Backstage mit Avatar: „Heavy Metal macht Spaß!“

31.10.2025 von Nicole Pietzsch

Es gibt wohl kaum ein passenderes Release-Date für ein neues Avatar-Album als Halloween! Der Ansicht sind offenbar auch die schwedischen Metal-Visionäre selbst, die „Don’t Go In The Forest“ an diesem schaurig-schönen Tag auf die Menschheit loslassen. Mit ihrem zehnten Album locken Avatar ihre Hörerschaft in einen verbotenen Wald – einen dunklen Wald voller Erinnerungen, Träume und Fantasien. Wie man es nicht anders kennt von der Band, unterscheidet sich „Don’t Go In The Forest“ von allen vorherigen Avatar-Alben. Mit Tracks wie „Abduction Song“, „Dead and Gone and Back Again“ oder „Take This Heart and Burn“ zeigt sich der Metal-Zirkus von seiner bislang düstersten Seite.

Im Interview spricht Sänger Johannes Eckerström – nebenbei bemerkt in sehr gutem Deutsch – über das neue Album und verrät, was uns in dem titelgebendem Wald erwartet. Ferner geht es um Metal-Legenden und ihre Einflüsse, die unwiderstehliche Catchiness in Avatar-Songs, seine Pre-Show-Routinen und das Zusammenstellen von Setlists. Um Letzteres darf sich die Band schon ganz bald wieder Gedanken machen. Denn im Februar und März gehen Avatar auf ausgedehnte Europa-Tour, die sechs Konzerte in Deutschland umfasst.

Bild: Johan Càrlen

Johannes, im Sommer seid ihr in der Gelsenkirchener Schalke-Arena im Vorprogramm von Iron Maiden aufgetreten – und du hast deine guten Deutsch-Kenntnisse unter Beweis gestellt. Stammt deine Mutter tatsächlich aus Gelsenkirchen?

Johannes Eckerström: Ja, sie kommt wirklich aus Gelsenkirchen. Deshalb war es so lustig, mit Iron Maiden dort zu spielen. Sonst treten skandinavische Metalbands, die ins Ruhrgebiet kommen, meist in der Bochumer Matrix auf. Wenn man das erste Mal in einer Stadt spielt, ist es ja normalerweise auch nicht in einem Fußballstadion. Das war also etwas ganz Besonderes, auch weil meine Mutter dort aufgewachsen ist.

Dieses Jahr habt ihr Maiden supported, nächstes Jahr spielt ihr mit Metallica. Sind das zwei Bands, die dich stark beeinflusst haben?

Beide waren natürlich große Einflüsse. Wenn ich jemandem, der nicht selbst Musiker ist, Musik und die damit verbundenen Gefühle beschreibe, nenne ich immer zwei Lieder: „Aces High“ von Iron Maiden, das schnellste Lied aller Zeiten. Natürlich gibt es Grindcore mit mehr bpm, aber „Aces High“ hat diesen menschlichen Drive, der einen antreibt. Das ist immer noch ein Ideal für uns in Sachen Geschwindigkeit. Und was Metallica angeht, nenne ich immer „For Whom The Bell Tolls“ als das heavieste Lied aller Zeiten. Danach kamen zwar Bands wie Neurosis oder Meshuggah, die Heaviness anders definierten, aber Metallica steht für mich für Menschen in einem Raum, die sehr harte Musik auf ihren Instrumenten spielen. Und: Ohne Metallica gäbe es kein Avatar.

Warum das?

Als unser Schlagzeuger John sich mit 12 Jahren beim Skifahren das Bein gebrochen hatte, hat ihm seine Mutter ein paar CDs mitgebracht, darunter „Load“ und „Reload“. Da fing es für ihn mit Metal an, woraufhin er mit Jonas jene Band gründete, aus der schließlich Avatar wurde. Mit 15 oder 16 sind wir dann alle zu Iron Maiden nach Stockholm gefahren – das war unser erster gemeinsamer Trip. Beide Bands waren immer für uns da.

Euer neues Album trägt den Titel „Don’t Go In The Forest“. Warum sollen wir nicht in den Wald gehen? Was erwartet uns dort?

Wenn wir sagen: „Don’t Go In The Forest“, ist es wie mit Eva, die die verbotene Frucht nicht essen soll. Aber da kommt diese Schlange und sagt: Komm, probier’s mal. Wenn wir sagen, geht nicht in den Wald, macht es vielleicht neugierig auf das Warum. Ein Teil der Idee ist also das Tabu. In einer Gesellschaft kann es viele Tabus geben, aber manchmal ist es wichtig und gesund, diese zu brechen. Außerdem geht es um ein atmosphärisches Bild, ein Gefühl, was dieser Wald sein kann. Wir sind sehr große David Lynch-Fans. Ich habe Bilder im Kopf vom Wald in „Twin Peaks“ und dem Eingang zur Black Lodge, von dieser surrealistischen, fantastischen Art, eine Geschichte zu erzählen. Solch eine Ästhetik und Atmosphäre mögen wir sehr. Außerdem geht es auch um das, was wir mit Avatar machen, mit unseren Liedern und Texten. Heavy Metal macht Spaß und bedeutet Party, aber gleichzeitig singt man über sehr ernsthafte Sachen. Wenn wir Songs schreiben, beginnt es oft damit, dass wir eine verbotene Tür in unseren Köpfen öffnen und schauen, was dahinter ist. Es ist eine eigenartige Kombination aus guten Zeiten und Dunkelheit. Wir sagen: Geh nicht in den Wald. Aber du gehst trotzdem hinein und verläufst dich im Dunkeln. Und dann taucht im Nebel zwischen den Bäumen ein kleines Zirkuszelt auf, aus dem Musik kommt. In dem verbotenen Wald existiert dieser magische Zirkus – und das ist Avatar. Der Albumtitel hat also mehrere Bedeutungen.

Ihr entwickelt euch mit jedem Album weiter und probiert gerne etwas aus, das ihr noch nie gemacht habt. Was ist diesmal neu?

Richtig, etwas Neues zu machen, ist uns sehr wichtig, zumal es das zehnte Album ist. Wir wollen Neues entdecken und lernen. Für mich als Sänger waren das ein paar praktische Dinge. Ich höre immer gerne Judas Priest, aber wenn wir neue Lieder schreiben, studiere ich die Band regelrecht. Wie fast jeder andere Metalsänger bin ich stark von Rob Halford beeinflusst. Man denkt da sofort an seinen hohen Gesang – und der ist toll. Aber was Halford von allen anderen abhebt, ist seine Intensität in den tieferen Lagen, wie bei „Breaking the Law“. Es klingt total nach Heavy Metal, ohne dass er so laut wie möglich singt. Ich habe mir beim neuen Album vorgenommen, mehr melodische Reisen zu unternehmen. Ein Beispiel ist „Dead And Gone And Back Again“. Der Vers ist meine Imitation von Leonard Cohen, der Pre-Chorus meine George Michael-Imitation – auch wenn es leider überhaupt nicht wie George Michael klingt. Erst im Refrain geht es in den typischen Fist-in-the-air-Metal-Gesang über. Diese dynamischen Reisen stellen eine Weiterentwicklung dar. Zu „Magic Lantern“ habe ich zwar den Text geschrieben, aber alle Melodien stammen von Tim. Es passiert nicht oft, dass ein anderes Bandmitglied Melodien für mich schreibt, aber wenn, dann freue ich mich sehr darüber, weil es uns hilft, aus unserer eigenen Routine auszubrechen.

Eure Musik ist oft von großen Hooks und Refrains geprägt. Legt ihr beim Songwriting besonderen Wert auf Catchiness oder passiert das einfach so?

Das Wichtigste beim Heavy Metal sind Kick-Ass-Riffs. Dafür braucht es den richtigen Groove. Wenn das der Fall ist, erzeugt das Riff eine bestimmte Atmosphäre und eben Catchiness. Über die Jahre mit Avatar haben wir gelernt, dass die Band nur 50 Prozent eines Konzerts ausmacht. Die anderen 50 kommen vom Publikum. Es ist eine geteilte Erfahrung, wie wenn ich eine Mahlzeit koche, die ich mit jemandem teile. Dann möchte ich auch, dass der andere das Essen genießen kann. Es beginnt also mit dem, was uns wichtig ist und was wir mögen. Anschließend muss das Ganze aber so präsentiert werden, dass andere es beim Hören nachempfinden können, etwa wenn wir von Traurigkeit singen. Catchiness ist ein Teil davon. Genauso darf die Musik aber auch komplex sein. Dann dauert es vielleicht ein wenig, bis man sie als Zuhörer dechiffrieren kann, und das darf auch so sein.

Nächstes Jahr geht ihr mit „Don’t Go In The Forest“ im Gepäck auf Tour. Nach zehn Alben ist es doch bestimmt nicht leicht, eine Setlist zusammenzustellen. Wie geht ihr da vor?

Ja, es wird schwieriger, aber das können wir gut akzeptieren. Ein Drittel der Setlist besteht aus Songs, von denen wir das Gefühl haben, dass wir sie spielen müssen, unsere Greatest Hits sozusagen. Das sind Top-Streaming-Song, aber auch solche, mit denen wir eine Tradition mit dem Publikum aufgebaut haben. Mit den anderen zwei Dritteln versuchen wir die verschiedenen Zuschauertypen glücklich zu machen. Zum einen sind das Leute, die sich über Deep Cuts oder Überraschungen freuen. Da versuchen wir Songs auszuwählen, die bei diesem Teil des Publikums gut ankommen. „When the Snow Lies Red“ vom „Feathers and Flesh“-Album ist zum Beispiel nicht so groß wie „The Eagle Has Landed“, aber für bestimmte Avatar-Fans ist dies der wichtigste Song des Albums. Solche Lieder wählen wir dann aus und für einen Teil des Publikums sind sie der Höhepunkt. Dann gibt es noch die Fans, die gerne in den Moshpit gehen und es ein bisschen schneller mögen. Da schauen wir, welche unserer härteren Songs wir eine Weile nicht gespielt haben. Und dann spielen wir natürlich so viele neue Songs wie möglich.

Wie verbringst du die letzte Stunde, bevor du auf die Bühne gehst? Brauchst du viel Zeit, um dich zu schminken?

Das Schminken dauert gar nicht so lange, aber ich fange trotzdem ungefähr zwei Stunden vorher damit an. Ich habe entdeckt, dass es ein schönes Gefühl ist, fertig zu sein. Eine Stunde vor der Show singe ich mich warm, was etwa fünfzehn Minuten dauert. Die übrigen 45 Minuten kann meine Stimme dann „marinieren“. Der Prozess darf also ein bisschen langsam sein, ohne Stress. So bleibt noch Zeit, um zum Beispiel ein paar Live-Videos von Judas Priest anzuschauen oder einfach rumzuhängen. Früher habe ich mir nur eine Stunde Zeit genommen, heute ist es eine längere Vorbereitungsphase.

Kommt ihr vor Showbeginn auch als Band zusammen?

Zuerst haben wir alle unsere eigenen Routinen. Jonas braucht immer etwa zwei Stunden zum Aufwärmen, Tim ungefähr eineinhalb Stunden und eine Stunde vor Beginn kommen John und Henrik rein, um sich vorzubereiten. Dann sind wir zusammen und das ist auch wichtig, denke ich. Wir verbringen unterwegs aber sowieso viel Zeit miteinander. Uns allen ist es wichtig, dass wir als Band und als Freunde zusammen sind.

Am Release-Day am 31.10. spielt ihr eure bislang größte Show in Mexiko City. Ist das eine Art Traum, der da für dich wahr wird?

Klar, das in Mexiko ist schon ein Traum – unsere erste eigene Arena-Show. Es ist ziemlich neu für uns, nach Lateinamerika zu kommen. Aber vor allem aus Mexiko waren die Stimmen online immer sehr laut, dass wir dort spielen sollen. Als wir schließlich das erste Mal dort auftraten, war das ein großer Erfolg. Und ich liebe Mexiko. Manchmal kommt man an einen Ort und die Vibes dort passen einfach für dich. So ging es mir in Mexiko.

Gibt es andere Venues, Festivals oder Länder, wo du gerne einmal auftreten würdest?

Vor allem Länder, und zwar welche, in denen wir noch nicht gespielt haben, wie Japan, Island oder die Ukraine. Ich versuche außerdem herauszufinden, wann und wie wir es schaffen können, eine richtige Afrika-Tour umzusetzen. Nicht einfach nur in ein Land fliegen und wieder raus, sondern eine richtige Tour mit mindestens drei oder vier afrikanischen Ländern. Die Infrastruktur für Bands wie uns ist dort sicher anders, aber es gibt Metalheads und mehrere Länder haben eine Szene. Solche Träume sind natürlich sehr groß. Durch die Musik habe ich die Möglichkeit, die Welt zu entdecken, daher möchte ich diese weiter nutzen, um an Stellen zu kommen, die wir noch nicht gesehen haben.


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