Bild: Alissa White-Gluz and Doyle W. Von Frankenstein, Jochen Rolfes, Tony McGhee
Nächste Woche ist Weltfrauentag – ein wunderbarer Anlass, einigen subjektiv ausgewählten Heldinnen unterschiedlichster Genres unsere kleine Bühne zu bieten! Nachdem wir in den vergangenen Tagen bereits unseren Heldinnen des Rap und des R’n’B gehuldigt haben, nehmen wir uns heute ein anderes Genre vor: Rock und Metal! Gut, das sind genau genommen zwei Genres, aber sie passen bekanntermaßen ziemlich gut zusammen. Die Pommesgabel jedenfalls ist bei beiden als offizielles Zahlungsmittel akzeptiert!
Hat man mit der Rock- und Metal-Szene eher weniger am Hut, könnte man sie womöglich als reine Macho-Kultur verstehen. Hier geht es doch oft nur um Testosteronabbau, Dicke-Eier-Posen und bieratemschwangeres Balzgebaren. Oder? Zugegeben, es ist ein Teil der Wahrheit. Aber zum Glück gibt es eben auch die andere Seite der Medaille. Die, bei der starke Powerfrauen auf der Bühne performen und die Massen begeistern, ohne dass in der ersten Reihe ein paar tumbe Trunkenbolde „Ausziehn, ausziehn!“ skandieren.
Rock und Metal waren schon immer eine Musikform, in der Selbstermächtigung und Stärke eine zentrale Rolle einnehmen. Es ist die Musik der Rebellion – ob gegen elterliches Spießertum, gesellschaftliche Unterdrückung oder andere Formen der institutionellen Suppression. Wie zum Beispiel reaktionäre patriarchale Denkmuster, die so überholt sind wie die Steinzeit, in der sie geboren wurden.
Es gibt viele starke Frauen, die das Hard’n’Heavy-Genre im Laufe der vergangenen 40 Jahre geprägt haben. Von Joan Jett, Stevie Nicks, Patti Smith, Suzi Quatro oder Courtney Love bis zur jüngeren Rockerinnen-Generation mit Lzzy Hale (Halestorm), Taylor Momsen (The Pretty Reckless) oder All-Girl-Bands der Marke Thundermother. Von engelsgleicher Sopran-Power der „Female Fronted Metal-Bands“ wie Nightwish mit (anfangs) Tarja Turunen, Within Temptation mit Sharon den Adel oder Epica mit Simone Simons bis zu den Vertreterinnen der härteren gesanglichen Gangart: Walls Of Jericho mit Candace Kucsulain und natürlich Arch Enemy mit Angela Gossow bzw. ihrer Nachfolgerin Alissa White-Gluz.
In This Moment, Butcher Babies, Lacuna Coil – die Liste von weiteren großartigen Rock- und Metalbands mit starken Frauen am Mic (oder anderen Instrumenten) ist schier endlos. Wir haben heute mal drei Damen herausgepickt, die aus unserer völlig subjektiven Sicht besonders wegweisend für ihr Genre waren bzw. immer noch sind.
Keine Frage – wer den (inoffiziellen) Titel „Queen of Rock ’n‘ Roll“ innehat, der bzw. die darf in dieser Aufzählung nicht fehlen. So ikonisch Tina Turner heute auch ist, zeigt ihr Werdegang aber auch, wie brutal das Business für eine Frau, noch dazu afroamerikanischer Abstammung, sein kann: Als sich Anna Mae Bullock Ende der 1950er Jahre Ike Turner und seiner Band Kings of Rhythm anschloss und zu Tina Turner wurde, ging es für die Gruppe mit Songs wie „A Fool In Love“, „Proud Mary“ oder „Nutbush City Limits“ und fulminanten Liveauftritten steil bergauf. Hinter den Kulissen jedoch erlebte Tina die pure Hölle: „Unser Zusammenleben war definiert durch Missbrauch und Angst“, schrieb sie in ihrer 2018 erschienenen Autobiografie „My Love Story“ über ihre Ehe mit dem gewalttätigen und drogenabhängigen Ike, an der sie beinahe zugrunde gegangen wäre.
Als sie sich Mitte der 70er endlich von ihm emanzipierte und scheiden ließ, war sie auf persönlicher Ebene zwar befreit, beruflich jedoch am Boden: Auf die Rechte an ihren gemeinsamen Songs musste sie verzichten, und bei den Plattenfirmen galt sie aufgrund ihres „fortgeschrittenen Alters“ als nicht mehr vermarktbar. Pah, von wegen nicht mehr vermarktbar! Im Jahre 1984 stieg Tina Turner mit 45 Jahren wie Phoenix aus der Asche und kehrte mit ihrem Album „Private Dancer“ als stimmgewaltige Powerfrau auf die große Bühne zurück. Ihre Ausstrahlung war unmissverständlich: Diese Frau hatte sich lange genug unterdrücken lassen und ließ sich nun von niemandem mehr aufhalten.
In den folgenden Jahren avancierte sie mit ihrer kratzig-kraftvollen Stimme und Songs wie „We Don’t Need Another Hero“, „The Best“ oder „I Don’t Wanna Lose You“ zu einer der größten Sängerinnen aller Zeiten und sang sich in die Herzen einer ganzen Generation. Der Rest ist Music History. Die übrigens wunderbar im Musical „TINA – Das Original Tina Turner Musical“ erzählt wird – wer’s noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt nachholen!
Da rieb sich in den 80ern so mancher die Augen beziehungsweise Ohren: Die Blondine auf den Albumcovern der Metalband Warlock war nicht etwa die übliche spärlich bekleidete Fantasy-Cover-Schönheit, die zu jener Zeit im Metal Usus war und merkwürdigen Männerphantasien entsprang. Diese Blondine war tatsächlich auch die Sängerin der Band! Als eine der ersten Frauen überhaupt fungierte Doro Pesch als Galionsfigur einer Metalband und legte damit den Grundstein für viele andere starke Frauen im Hard&Heavy-Genre. Im Jahr 1986 trat sie als erste Frau auf der Bühne des legendären „Monsters of Rock“ Festivals im englischen Castle Donnington auf – vor 120.000 Metalheads.
Mit engen Lederhosen und nietengespickter Lederjacke zeigte sie den „Herren der Schöpfung“, dass diese kein Vorrecht auf diesen Kleidungsstil hatten – und dass Frauen sich mindestens genauso gut die Seele aus dem Leib kreischen können. Nach nur sechs Jahren lösten sich Warlock auf und Doro Pesch gründete eine neue Band. Eine, in der drin war, was drauf stand: Doro! Schon mit ihrem Debütalbum „Force Majeure“ landete die gebürtige Düsseldorferin in den Top 5 der deutschen Albumcharts und etablierte sich im Laufe der Jahre als absolute Koryphäe im Metal-Zirkus – und als Dauergast beim Wacken Open Air. Auch außerhalb der Heavy-Szene inspirierte Doro mit ihrer Musik: Boxerin Regina Halmich zum Beispiel wählte mit „All We Are“, „Fight“, „She’s Like Thunder“ und „The Queen“ gleich vier unterschiedliche Doro-Songs als Einzugshymnen.
Auch Doro hat sich durchgeboxt, bis ganz nach oben. Sie ist die Queen of Metal – und wird es auch „Für immer“ bleiben.
Als Alissa White-Gluz 2014 Angela Gossow als Sängerin von Arch Enemy ablöste, wirkte das zunächst etwas merkwürdig. Wie der wohlstandsbäuchige, tonsurgeplagte Midlife-Crisis-Typ, der sich nach 20-jähriger Ehe eine ebenso viele Jahre jüngere Neue zulegt. Tatsächlich aber räumte Gossow, die 14 Jahre lang bei Arch Enemy gegrowled hatte, ihren Posten, um sich anderen Dingen zu widmen – und blieb zudem auch Managerin der Band und Mentorin für ihre zehn Jahre jüngere Nachfolgerin.
War Angela Gossow ein Orkan auf der Bühne, erwies sich Alissa White-Gluz als Tornado: Die Power und Intensität, die die Kanadierin bei den Liveshows der Band an den Tag legt, trugen maßgeblich dazu bei, dass Arch Enemy inzwischen Headliner-Status bei Festivals haben und in Deutschland sichere Top10-Kandidaten in den Charts sind. Das mag zum einen an der Faszination liegen, die diese Band mit ihrer Frontfrau ausstrahlt: Manchmal mag man es einfach nicht fassen, dass diese zierliche Frau Töne produziert, die man sonst nur mit stämmigen Männerkörperhohlräumen und whiskeygetränkten Stimmbändern assoziiert hatte. Und dass sie beim Headbangen eine Ausdauer an den Tag legte, die man sonst nur bei stiernackigen Kollegen wie Corpsegrinder Fisher erlebt hatte.
Alissa White-Gluz ist wohl das perfekte Beispiel, dass es auf dieser Welt nichts gibt, was Frauen nicht mindestens genauso gut können wie Männer. Und dass es bei all der Gender-Thematik vor allem im Hard’n’Heavy-Genre letzten Endes immer um die Musik geht. Denn abgesehen von der „Krass, da singt eine Frau in einer Death-Metal-Band“-Thematik, die nach all den Jahren ehrlich gesagt auch langsam mal durch ist, profitieren Arch Enemy ja vor allem von einem: sauguten Songs.
Eine gereckte Pommesgabel für all die großartigen Frauen da draußen – ob sie nun in Metalbands singen oder nicht!
Wer noch mehr Frauenpower mit Hard’n’Heavy-Touch möchte, kann sich gerne hiervon inspirieren lassen: