Bild: Paola Kudacki, Atlantic Publicity, Myrna Suarez
Nächste Woche ist Weltfrauentag, ein wunderbarer Anlass für das Team vom HEADLINER, einigen subjektiv ausgewählten Heldinnen unterschiedlichster Genres unsere kleine Bühne zu bieten! Nachdem wir gestern mit den Powerfrauen des Rap gestartet sind, geht’s heute weiter mit starken RnB-Stimmen.
RnB – das ist Instant-Romantik, gewaltige Stimmen, Wellenreiten auf Oktaven, Dinner bei Kerzenschein. Dieses Genre ist quasi gemacht für den Frauentag. Aber nicht nur wegen der Cheesyness in der DNA des Genres, sondern vor allem, weil hier Künstlerinnen zu Hause sind, die schon seit den 40er Jahren in einem Dauer-Staffellauf für die Rechte der Frauen kämpfen.
Eine der Frauen, die hier maßgeblich mit am Fundament dieses RnB-Feminismus gebastelt haben, war ganz sicher Aretha Franklin. Diana Ross und Tina Turner schufen die Leitplanken für die Autobahn Richtung weiblicher Selbstbestimmung. TLC („No Scrubs“), PINK („Perfect“) und En Vogue („Free your mind“) gossen die neue starke Weiblichkeit in Beton. Und hier stehen wir nun: Am Fuße des Mount Beyoncé. Beyoncé Knowles, die Künstlerin, die mit Überschallgeschwindigkeit Songs und Messages abliefert, ohne viel zu erklären.
Beyoncé hat etwas bewegt, was bisher noch niemand geschafft hat: Sie hat die den Feminismus auf die nächste Stufe geholt. Beyoncé – das ist Weiblichkeit next level, eine Wonderwoman, die keine Verkleidung mehr braucht.
Beyoncé in deren Name das Sein an sich schon steckt, war einfach immer sie selbst. Vielleicht war es nicht ihre Absicht eine der stärksten Messengerinnen der Musikbranche zu werden. Es passte einfach hervorragend. Mit der 39-jährigen wuchs eine Parallel-Generation von Frauen mit. Frauen, gar nicht unbedingt nach einer Ikone suchend, selbst stark und zufrieden aber immer bereit für ein bisschen Beyoncé-Inspiration.
Ihr Erfolg rief natürlich Kritiker auf den Plan. War das hier wirklich Feminismus oder nur ein Narrativ Dollar-zählender Plattenbosse? Ein raffiniertes Geschäftsmodell – getarnt als Beyoncé-Feminismus? Ein echtes Statement an alle Girls, wo run the world? Dürfen wahre Feministinnen erfolgreich sein? Ja, dürfen sie. Und wie kann es bitte nicht feministisch sein eine Mainstage zu rocken? Auch immer im Dauerfeuer der Kritiker: ihre Makellosigkeit. Ist Feminismus schön? In „Pretty Hurts“ beantwortet sie diese Frage. Was wenn die Makellosigkeit der eigentliche Makel ist? Wo immer die Kritiker auch hinwollen, Beyoncé war schon da.
Um den Beyoncé-Feminismus besser zu verstehen, muss man ein bisschen zurückschauen. Mindestens bis zu Christina Aguilera, deren vorsichtig gehauchtes „You are beautiful“ zwar gehört aber längst nicht verstanden wurde. Damals als Sexyness noch ein Vehikel war – immer mit dem Prädikat „Zieh das mal an, Schätzchen, verkauft sich besser“ und heute? Auch heute räkeln sich Girls noch in Tangas auf Yachten. Weil sie es können. Zwischen krass-sexistischer Interpretation und geschlechtlicher Freizügigkeit liegt die eigene Entscheidung. Genau dafür steht Beyoncé. Weshalb es aus feministischer Sicht kein Problem ist, einen Ring zu fordern während man sich im Gymnastikanzug räkelt. Weibliche Selbstbestimmung versus Männerfantasien.
Feminismus ist, wenn man die Welle auf der man reitet, im Grunde selbst erzeugt. Das Geheimnis, des Beyoncé-Feminismus ist eben, dass sie mit einer so selbstbewussten Weiblichkeit daherkommt, dass es keine Grenze mehr zwischen Mann und Frau geben muss. Ihre Mission ist nicht mehr der Vergleich, sondern die Selbstverständlichkeit.
Aretha Franklin, Soul-Ikone, Aktivistin und eine der stärksten Frauen, die die Welt je gesehen hat. Aretha hat keine Songs geschrieben, sie schrieb einen ganzen Soundtrack für eine neue Bewegung. Sie war ein Powerhouse, eine vier-Oktaven-Sängerin mit so viel Gefühl in der Stimme wie es überhaupt nur möglich ist. Aretha klebte mit ihrer Musik keine Pflaster auf die Wunden der Schwachen, sie heilte sie.
Ihr Weg ins Erwachsenwerden war hart: Mutterschaft mit 14, eine Ehe mit Gewalt unter Alkoholmissbrauch. Irgendwann reichte es ihr. Und so schnappte sie sich Otis Reddings Hit „Respect“. Der eigentlich geschrieben wurde, um Frauen zu vermitteln, wie man bitte einen Mann als Frau behandeln sollte. Immerhin im Austausch zu all den Annehmlichkeiten, die ein Mann so mit sich bringt, versteht sich. Aretha sang ihn aber nicht. Sie donnerte ihn in die Welt raus. Mit all der Wucht, die da so in ihr steckte. Und die Welt? Verneigte sich voller Respekt vor ihr. Vor dieser Hymne der Aufrichtigkeit. Das war 1967. Es war wirklich mutig. Und da ging es gerade erst los.
Sie. Die Frau die sich erstmal frei schwimmen musste aus einem Sumpf aus Zuckerwatte-Pop – natürlich unnatürlich aufgedrückt von den hiesigen Plattenfirmen. Und wie sie sich da so durch bonbonfarbene Tunes sang, gab es doch noch Plattenbosse, die erkannten, dass sie eigentlich das größte Gesangstalent seit Billie Holiday war und dass die Welt sicher ein bisschen reicher wäre, wenn dieses Kraftwerk an Frau einfach die Musik machen kann, die ihr Herz produziert. Und was da kam war ein Tornado. Jeder Song ein Hashtag. Jede Veröffentlichung ein Pflasterstein, der den Weg für Debatten ebnete. Und wie sie bereit stand für diese. Denn sie war ja eben nicht nur diese Sängerin, sondern vielleicht vor allem auch Aktivistin. Ihre Songs sind ein Testament. Und ihr Erbe wird heute angetreten von all jenen, die sie wirklich gehört haben.
Gleich mehrere Girl-Hymnen gehen aufs Konto von Alicia Keys. Zum einen natürlich das berühmte „Girl on fire“. Geschrieben hatte sie das mal für sich selbst. Als Erinnerung an ihre eigene Stärke. Aber auch mit „Superwoman“ schenkt Keys vor allem Müttern ein Lächeln. “Auch wenn es mir nicht gut geht, ziehe ich mir eine Weste an mit einem S auf der Brust“ singt sie. Und dann wäre da noch „A Woman’s Worth“, dessen ich-bin-es-wert-Essenz schon fast wieder überholt scheint, nach der Veröffentlichung anno 2002. Das Gute an Bewegungen ist, dass sie sich eben bewegen. Weit war der Weg von „Du darfst mir Diamanten kaufen“ zur heutigen No-Make-Up-Attitüde. Fast ein Jahrzehnt liegt dazwischen.
Wäre es damals nicht undenkbar gewesen, ohne Make-Up auf die Grammys zu gehen? Ohne Make-Up. Schutzlos, unperfekt, echt? Alicia Keys hat genau das gemacht und sich selbst gefragt: Weiß ich überhaupt noch wie man brutal ehrlich ist?“ Sich selbst verlernen. Perfektionsdruck. 2016 für die Künstlerin nicht mehr auszuhalten. Es musste sich etwas ändern. Dieses Statement traf den Nerv von Millionen von Frauen und die Bilder von Alicia Keys Gesicht ohne Maske gingen um die Welt. Es wurde ein #nomakeupmovement. Eine Botschaft, die auf so vielen Ebenen fasziniert: Klar, Alicia ohne Make-Up entgegen der Sehgewohnheiten war schon eine Ansage. Die Pause zwischen den Noten allerdings, der Gap zwischen ihr und dem Glitzer-Glamour den anderen Ladies die noch viel stärkere Message. Ich weiß wer ich bin. Und Du? Nie ist es jemandem gelungen, so subtil und dennoch laut auf die Künstlichkeit und die fast rituelle Anpassung von Frauen auf Hollywood-Veranstaltungen zu zeigen. Alicia wusste nicht mal genau was sie da tat: „Plötzlich war es eine Bewegung und ich weiß nicht mal was das überhaupt heißt.“