Bild: Christoph Köstlin Bild: Christoph Köstlin
Interviews

Backstage mit Wincent Weiss: „Ich kann sehr gut über mich selbst lachen“

18.10.2024 von Nadine Wenzlick

Gerissene Hosen, brennende Kameras und ein Teletubbie-Kostüm – Wincent Weiss hat auf der Bühne schon so einiges erlebt. Bevor er 2025 auf große Arena-Tour geht, trafen wir den 31-Jährigen zum Interview und sprachen nicht nur über denkwürdige Bühnenmomente, sondern auch die Neuauflage seines Weihnachtsalbums „Wincents Weisse Weihnacht“, die am 29.11.2024 erscheint. Mit „Jeden Tag Weihnachten“ hat er einen der neuen Songs darauf als Vorgeschmack veröffentlicht.

Bild: Christoph Köstlin

Wincent, 2023 hast du dein erstes Weihnachtsalbum „Wincents Weisse Weihnacht“ veröffentlicht. Hattest du so viel Spaß daran, dass es nun in einer neuen Auflage erscheint?

Wincent Weiss: Das Weihnachtsalbum zu schreiben, hat super viel Spaß gemacht. Das war etwas, das ich immer schon mal so machen wollte, denn wenn man deutschsprachige Weihnachtsmusik hört, ist es meistens kirchliche Musik oder Kindermusik. Es gibt da wenig im Pop-Bereich. Deswegen habe ich mich letztes Jahr im Frühling bei perfektem Sonnenschein eingeschlossen und Weihnachtssongs geschrieben. Draußen war blauer Himmel und Sonnenschein, aber wir haben den Weihnachtsbuam aufgebaut, Gans mit Rotkohl gemacht und Glühwein getrunken. Die neue Version des Albums enthält vier weitere Songs. Mein Ziel ist, dass das Album irgendwann 24 Songs beeinhaltet, so dass man für jeden Tag vom 1. bis zum 24. Dezember einen Song hat.

Was magst du an Weihnachten so gerne?

Für mich ist Weihnachten in der Zeit, in der ich so viel auf Tour und weniger Zuhause war, viel wichtiger geworden – weil es die einzige Zeit im Jahr ist, in der jeder versucht nach Hause zu fahren und seine Liebsten zu treffen. Ich habe für dieses Jahr deshalb auch meinen Großeltern Urlaubsverbot erteilt. Letztes Jahr sind sie über Weihnachten nämlich in den Urlaub gefahren und das fand ich gar nicht witzig (lacht). Das können sie das ganze Jahr machen, aber diesen einen Tag, den möchte ich mit meiner Familie verbringen. Wir werden dieses Jahr also wieder bei meinen Großeltern im Keller feiern, so wie die letzten 30 Jahren.

Wie läuft das Weihnachtsfest in der Familie Weiss denn ab?

Wir essen jedes Jahr Raclette und danach gibt es einen bunten Teller von Opa. Der geht wirklich Wochen vorher schon einkaufen, kommt mit Einkaufswägen voller Süßigkeiten zurück und macht für jeden in der Familie so einen riesengroßen bunten Teller. Er sagt zwar jedes Jahr den gibt es jetzt nicht mehr, aber dann kommt er doch voller Stolz und mit glitzernden Augen mit den Tellern rein, die wirklich kiloschwer sind. Danach spielen wir dann klassische Gesellschaftsspiele – Phase 10, Wizard, Mikado, und dazu gibt es Glühwein und Rum-Cola.

Im Frühjahr, wenn das Fest der Liebe vorbei und der bunte Teller deines Opas leer ist, steht dann deine Arena-Tour an. Was erwartet die Leute?

Ich habe für dieses Tour das erste Mal mit jemandem gearbeitet, der ein Design-Set macht. Bisher habe ich das alles selbst gemacht. Meine Shows waren ja von 2015 bis 2019 schon in Arenen, das heißt alles ist sehr schnell gewachsen, dass wir einfach immer nur die Bühne größer gemacht haben. Dieses Mal wollte ich, dass auf der Bühne auch ein bisschen was passiert. Was genau will ich aber noch nicht verraten, das sollen die Leute bei der Show sehen. Außerdem werde ich neue Songs spielen. Durch das Weihnachtsalbum ist mein letztes reguläres Album ja schon eine Weile her, aber ich arbeite schon an neuer Musik und hoffe, dass ich zur Tour vielleicht schon den ersten Song veröffentlichen kann. Also im Gegensatz zum Sommer werde ich bestimmt 50% der Show ändern.

Als du 2023 auf Arena-Tour warst, hast du hinterher sehr offen darüber gesprochen, dass du trotz ausverkaufter Hallen Verlust gemacht hast. Wird es immer schwerer, eine Tournee zu kalkulieren?

2023 war ja das Worst-Case-Jahr. Wegen Corona waren alle Konzerte verschoben worden. Durch die Energiekrise sind dann plötzlich die Kosten explodiert, aber du kannst ja im Nachhinein nicht sagen für ein Ticket, dass damals 45 Euro gekostet hat, fällt jetzt noch mal eine Nachzahlung an. Aber auch generell wird es durch die gestiegenen Kosten wie Energiepreise und Hallenmieten natürlich schwieriger, und ich finde irgendwann ist auch eine Grenze erreicht für deutsche Produktionen in Sachen Ticketpreise. Gleichzeitig können amerikanische Künstler preismäßig machen, was sie wollen. Das macht es für deutsche Acts noch schwieriger. Wenn die Leute zu Adele, Coldplay oder Taylor Swift gehen, ist ihr Live-Budget schon aufgebraucht. Wir liegen jetzt bei ungefähr 70 Euro, was auch viel ist, wenn man mit einer vierköpfigen Familie geht, aber darunter kann man eine Arena-Tour nicht mehr realisieren. Bei der letzten Tour hatten wir 55 Mitarbeiter, dazu kommen örtliche Helfer, zehn LKWs und Busse.

Einige Künstler haben ihre Touren deswegen auch abgesagt. Für dich war das keine Option?

Nein, weil auf der Bühne stehen das ist, was ich am liebsten mache. Deswegen habe ich mit der Musik angefangen. Warum sollte ich den Part, der für mich das schönste ist, absagen? Absagen stand für mich deswegen nicht zur Debatte. Und ich glaube die Fans waren auch super dankbar, dass wir gespielt haben und nicht die nächste deutsche Produktion waren, die abgesagt wurde.

Wann entstand denn bei dir denn der Wunsch, auf der Bühne zu stehen?

Eigentlich erst, nachdem ich die ersten Singles veröffentlicht hatte. Davor kannte ich die Bühne ja nicht. Die wird dir erst dann gegeben, wenn du die ersten Songs draußen hast. Im ersten Jahr fand ich es tatsächlich noch schwierig, weil ich Angst hatte vor der Bühne. Ich habe mich dann immer am Mikrofonständer festgehalten und war ganz schüchtern. Aber das ging weg, als ich sicherer wurde und ab da konnte ich es genießen und Spaß haben. Ich spiele seit acht Jahren mit der gleichen Band und es macht so viel Spaß, mit denen auf Tour zu sein. Und das größte sind natürlich die Reaktionen des Publikums. Zu sehen, dass mittlerweile drei Generationen vor der Bühne stehen und die vierjährige Tochter auf den Schultern vom Papa singt. Das ist halt das schönste Feedback was du haben kannst.

Kannst du dich noch an deinen ersten Auftritt erinnern?

Mein aller erster Auftritt ohne Band war beim Weihnachtskonzert von Gestört Aber Geil, weil ich damals mit ihnen den Song „Unter meiner Haut“ gemacht hatte. Kurz danach hatte ich dann meinen ersten Auftritt mit Band, und zwar im Züricher Hallenstadion vor 15.000 Leuten als Vorband von Andreas Bourani.

Ganz klein angefangen…

Ja, meine Band hat mir das erst gar nicht geglaubt, dass wir vor 15.000 Leuten spielen würden. Aber dann standen wir da. Das war nicht unser bestes Konzert, muss ich sagen. Danach haben wir dann ganz klein angefangen. Unser erstes eigenes Konzert war vor 15 Leuten in der Kantine in Augsburg, die erste Tour 2016 war in Clubs für 100 bis 200 Leute. Aber danach wurde es dann sehr schnell groß.

Hast du heutzutage noch Lampenfieber?

Gar nicht. Vor der Show mache ich meistens noch Meet and Greets und lade Fans ein zum Quatschen. Die fragen mich auch oft, ob ich aufgeregt bin, aber bei mir ist das eher Vorfreude und ich versuche die Zeit, bis es losgeht, so gut es geht zu überbrücken, bis ich endlich auf die Bühne kann. Mir kannst du das Mikrofon geben und sagen „in fünf Minuten spielst du“, und dann mache ich das. Ich bereite mich nicht groß vor – ich wüsste auch gar nicht wie. Das ist so ein Energieschub, wenn man auf die Bühne geht, darauf kann man sich nicht vorbereiten.

Welche Shows aus den letzten acht Jahren sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Das erste Mal in der Barclays Arena zu spielen war toll. Da habe ich früher Bands wie One Direction gesehen und dann auf einmal selbst da zu stehen, war verrückt! Ich erinnere mich aber auch noch an eine Show im Ampere in München. Mein Schlagzeuger hatte eine Lebensmittelvergiftung und musste sich beim Konzert übergeben. Wir sind dann kurz Backstage gegangen, mein Gitarrist musste überbrücken mit irgendwelchen Weihnachtssongs, und dann haben wir weitergemacht. Aber das gehört beim Live-Geschäft eben dazu, dass auch mal was schief gehen kann und man darauf dann spontan reagieren muss. Das macht die einzelnen Shows auch einzigartig.

Auf Instagram habe ich ein Video gesehen, wo dir kürzlich mitten im Konzert die Hose gerissen ist.

Ja, und das war nicht das erste Mal! Ich glaube das war die dritte oder vierte Hose. Das kommt, weil ich immer so viel durch die Gegend laufe und über die Absperrung zum Publikum springe. Inzwischen ziehe ich schon immer extra Strech-Hosen an, aber die waren an dem Abend alle in der Wäsche, also habe ich mal wieder eine feste Hose angezogen – und zack, ist sie gerissen. An dem Abend habe ich es ja wenigstens gemerkt! Mir ist das auch mal in einer Fernsehshow passiert, während einer Ballade. Auf einmal fingen alle an zu lachen und ich war total irritiert…

Bist du leicht tollpatschig veranlagt?

Mir passiert auf der Bühne schon relativ viel, muss ich sagen. Es gab sogar mal eine Internetseite – keine Ahnung, ob es die noch gibt – die hieß Wincents Fails und da gab es Massen an Videos, wo mir dumme Dinge passiert sind. Wie ich von der Bühne falle oder über die Absperrung kippe, wie ich stolpere, einen Ball ins Gesicht bekomme. Aber wahrscheinlich gar nicht, weil ich so tollpatschig bin, sondern einfach, weil ich so im Moment bin. Letztes habe ich mit der brennenden Jacke, die ich bei einem Lied trage, aus Versehen eine Kamera angezündet… Aber eigentlich ist das alles sicher (lacht).

Eine Tradition scheint bei deinen Shows zu sein, dass Fans die Kostüme auf die Bühne schmeißen.

Das hat sich im Laufe der Jahre irgendwie so etabliert. Ich spiele bei meinen Shows immer ein Medley. Das fing an auf meiner ersten Tour: Weil ich damals nur 12 Song hatte und nicht nur 30 Minuten spielen wollte, habe ich ganz viele Songs auf Kinderinstrumenten gecovert. Irgendwann wurde eine Brill hochgeworfen, die ich dann bei dem Medley aufgesetzt habe, dann kam mal ein Hut, ein T-Shirt oder sogar ein Tütü.

Was war das Verrückteste, was mal auf der Bühne gelandet ist?

Ich habe mal ein Ganzkörper-Teletubbie-Kostüm und ein Stitch-Kostüm bekommen. Ich bin mir zum Glück für nichts zu schade, ich kann sehr gut über mich selbst lachen und bin da nicht eitel. Deswegen ziehe ich das einfach immer an, sofern das im Rahmen des möglichen ist.

Volle Arenen, „The Voice“ – du hast schon so viel erreicht und gemacht. Gibt es noch etwas, wovon du träumst?

Was Konzerte betrifft, gibt es das eigentlich nichts. Weil das schon so groß ist, dass ich nicht weiß, wovon ich da noch träumen sollte. Ich bin schon an einem Punkt, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich da mal sein würde. Ich hätte mal wieder Lust auf ein paar Duette. Aber ich bin da sehr frei und offen. Ich plane nicht so viel in meinem Leben, sondern genieße, was auf mich zukommen. Ich bin mal gespannt, wie die Heimspiel-Stadion-Show mit Johannes Oerding nächstes Jahr in Hamburg wird. Aber eigentlich reichen mir die Arenen… Und ich komme ja aus einem ganz kleinen Dorf zwischen Lübeck und Kiel, da wohnen nur 100 Leute. Eine Stadion gibt es da eh nicht, sondern nur eine Wiese…

Die Arena-Tour von Wincent Weiss startet am 5. März 2025 in Köln. Alle Termine und Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.

Wincent Weiss live 2025
Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren