Bild: Tom Beard
Sechs Jahre sind vergangen, seit Snow Patrol ihr letztes Album „Wildness“ veröffentlicht haben. Dass es so lange dauerte, liegt auch an dem Ausstieg von Schlagzeuger Jonny Quinn und Gitarrist Paul Wilson. Sänger Gary Lightbody erzählt im Interview, dass er, Johnny McDaid und Nathan Connolly sich danach als Trio neu finden mussten – und dass ihnen ihr nunmehr sechstes Album „The Forest Is The Path“ am Ende plötzlich doch ganz leicht von der Hand ging. Außerdem verrät er, welche Konzerte ihm aus der mehr als 30 Jahre währenden Karriere seiner Band am meisten in Erinnerung geblieben sind, warum sie so oft im Glasgower Club King Tut's Wah Wah Hut auftraten – und weshalb Eigenlob für Iren eigentlich verboten, aktuell aber ausnahmsweise angebracht ist.
Gary Lightbody: Nun, das war keine Absicht. Nichts geschieht absichtlich. Wir setzen uns nicht hin und denken ‚wir machen jetzt eine große Platte‘. Beim Schreiben war ein Element der Freiheit spürbar. Als wir anfingen, hatten Johnny und ich das Gefühl, dass eine Tür offen stand. Also war dieses Album vielleicht einfach dazu bestimmt, größer zu klingen als alle anderen. Die erste Hälfte, vielleicht sogar zwei Drittel des Albums sind große Refrains, die geradezu unverblümt triumphierend klingen. Aber so konträr ich eben bin, passen die Texte nicht immer zu diesem triumphierenden Sound. Ich mag solche Kontraste, Widersprüche und Paradoxien zwischen Musik und Lyrics.
Ja, das war es. Als Johnny und ich im Juni 2022 mit dem Schreiben anfingen, lief es anfangs sehr gut. Aber als wir Anfang 2023 ins Studio gingen, funktionierte es überhaupt nicht. Es hat einfach nicht Klick gemacht. Wir entfernten uns immer weiter von dem, was wir wollten. Das war das erste Mal, das uns das in diesem Ausmaß passierte und es fühlte sich irgendwie so an, als wäre jeder Schritt, denn wir machten, falsch. Paul verließ die Band schon vor diesen ersten Aufnahmen, Jonny danach. Wir wünschen den beiden nur das Beste und lieben sie sehr, aber ihr Weggang war natürlich herzzerreißend und sehr schmerzhaft. Wir fragten uns danach erst einmal, ob wir zu dritt weitermachen wollen. Die Antwort lautete sehr schnell ja, aber die zweite Frage war: Wie?
Genau. Im Sommer 2023 gönnten wir uns erst mal eine Pause, bevor wir uns im Herbst mit dem Produzenten Fraser T Smith trafen – und wir harmonierten sofort. Im Januar gingen wir dann gemeinsam ins Studio und fünf Wochen später war die Platte fertig! Es gab bei diesem Album anfangs eine Menge Sackgassen und falsche Richtungen, aber am Ende kam es dann doch ganz schnell, spontan und mühelos zusammen, und es hat diesen außergewöhnlichen Flow. Es gibt diese Szene in The Simpsons, wo der Clown Crusty auf jeden Rechen im Garten tritt, und einen Gesichtsschlag nach dem nächsten einsteckt. So fühlte es sich anfangs an! Am Ende allerdings hatten wir das Gefühl wir schlendern einfach durch den Garten und alles ist in Ordnung.
Ich habe in der Schule schon gemalt – und bin durch meine Kunstprüfung durchgefallen (lacht). Mein Kunstlehrer – Gott segne ihn, er hat sicher sein Bestes gegeben – würde bestimmt sagen „du malst jetzt Albumcover?“ Aber ja, ich habe vor etwa 10 oder 15 Jahren wieder begonnen. Ich kaufte mir ein paar Leinwände und Acrylfarben und habe einfach angefangen. Ich bin kein Künstler. Das sehen die Leute sicher selbst, wenn sie sich meine Bilder angucken. Aber es ist einfach etwas, woran ich Spaß habe. Ich meditiere recht viel, und ich muss sagen: Ich fühle mich beim Malen mehr in einem meditativen Zustand als beim Meditieren!
Ja, das war in der Studentenvereinigung in Dundee, im Dezember 1994. Im September hatten wir die Band gegründet, nachdem ich Marc McClelland und Michael Morrison an der Dundee University getroffen hatte. Ein paar Monate später hatten wir dann unseren ersten Gig. Jede einzelne Person im Raum war ein Freund oder eine Freundin von uns! Es gab buchstäblich keine zahlenden Gäste, sofern ich mich erinnere. Aber es war cool. Wir haben 15 oder 16 Songs gespielt, ein langes Set also! Einige davon waren Cover, aber die meisten waren eigene Stücke. Es war ein guter Start. Wir haben anfangs viele Shows an Unis gespielt, bevor wir versuchten an Shows in Glasgow zu kommen. Wir schlugen einfach dort auf und fragten, ob wir als Support spielen dürften.
Meistens schon. Es gibt in Glasgow ein Venue namens King Tut's Wah Wah Hut – dort haben Oasis bekanntlich ihre Show gespielt, durch die sie bei Creation unter Vertrag genommen wurden. Wir spielten dort vermutlich mehr als alle anderen Bands, denn nach der Uni zogen wir nach Glasgow. Wir gingen also einfach zum King Tut's – wirklich ein tolles Team – und fragten die Leute, sofern ein Rockkonzert auf dem Programm stand, was damals meistens der Fall war, ob wir spielen könnten. Wenn schon drei Bands spielten, sagten sie manchmal nein, aber wenn es weniger waren, dann ließen sie uns oft. Und das Beste war: Wir wussten, dass wir dann auch eine kostenlose warme Mahlzeit bekommen würden (lacht). Das war immer das Highlight des Abends.
Es gab eine Art symbolischen Moment. Wir sind alle damit aufgewachsen, die „Sunday Chart Show“ auf Radio 1 zu hören. Meine Schwester und ich tanzten immer durchs Wohnzimmer, während wir Hits von Madonna oder so hörten. Die Songs, die wir mochten, nahmen wir auf Kassette auf. Das ist tief verwurzelt in meiner Erinnerung. Als wir dann erfuhren, dass unser Song „Run“ in den Charts landen würde, schmissen wir eine Party in Glasgow mit all unseren Freunden. Gemeinsam hörten wir uns die Chart Show an. Wir wussten ja, das der Song es in die Charts schafft, aber wir wussten nicht auf welchem Platz. Jedes Mal, wenn ein anderer Song kam, wurde also laut gejubelt, weil es bedeutete, dass wir weiter oben sind. Am Ende landeten wir auf Platz 5 – in der Chart Show, die wir unser ganzes Leben lang gehört hatten. Das war ein großer Moment, an den ich mich noch sehr gut erinnere!
Einmal haben wir ein Konzert für eine einzige Person gespielt, in Leeds. Es waren also dreimal so viele Leute auf der Bühne wie im Publikum. Ich glaube, es war für alle peinlich – aber wir haben gespielt. Emotionale Shows gab es natürlich auch viele. So viele! Zum Beispiel im Ward Park in meiner Heimatstadt Bangor. Das erste Mal spielten wir dort 2007, das zweite Mal im Jahr 2010, das ist bis heute die größte Show in der Geschichte Nordirlands mit 42.000 Besuchern. Und unsere dritte Show dort war das letzte Konzert, das mein Vater von uns besucht hat, weil er sechs Monate später verstorben ist.
Wir wussten vorher schon, dass er nicht mehr lange leben würde. Er saß schon im Rollstuhl und war sehr, sehr krank. Bono von U2 trat bei der Show mit uns auf, was außergewöhnlich war. Wir wussten, dass er erst kurz vor seinem Auftritt ankommen würde. Hinter der Bühne stand er dann neben unserer Assistentin und fragte sie, ob der Mann im Rollstuhl mein Vater sei. Als Natalie ja sagte, ging er direkt zu ihm, unterhielt sich fünf Minuten lang mit ihm, machte Fotos – bis er dann irgendwann sagte „Entschuldigung Jack“, und auf die Bühne ging und sang (lacht). Mein Vater erzählte danach für den Rest seines Lebens jedem, der zuhörte, dass er und Bono beste Freunde seien. Er konnte also eine großartige Geschichte erzählen, die nun ich weitererzählen kann.
Ja, schon. Nach dem Tod meines Vater war ich ein Jahr lang taub und schrieb keine Musik. Fast genau ein Jahr nach seinem Tod weinte ich zum ersten Mal und plötzlich fingen all diese Lieder an, aus mit herauszuströmen. Eins davon handelte von ihm. Wir spielten den Song in den Akustik-Sets, die wir im folgenden Jahr spielten – und als wir das Lied das erste Mal spielten, war ich komplett zerstört.
Das ist es auch. Weißt du, es gibt eine Menge Dinge, die ich meinem Vater gerne noch gesagt hätte. Sie in einen Song zu packen, ist eine Sache, aber zu wissen, dass du sie nie zu ihm sagen kannst, ist eine ganz andere…
Es ist lustig: Wir haben dieses Jahr auf dem Rock Werchter in Belgien gespielt. Das war nicht nur unsere erste Show für diesen Sommer, sondern die erste seit zwei Jahren. Und ich war sehr aufgeregt – unsere erste Show als Trio! Wenngleich wir natürlich einen Schlagzeuger und einen Bassisten dabei haben. Es fühlte sich auf jeden Fall an, als würden wir wieder von vorne anfangen. Es war die erste Nacht der neuen Ära. Ich war also wirklich nervös! Aber zum Glück ging das schnell wieder vorbei.
Ich finde wir klingen im Moment ziemlich großartig – und das sage ich als Ire, der sich selbst eigentlich keine Komplimente machen darf, weil er sonst nie mehr nach Hause zurückkehren kann (lacht). Also da muss etwas dran sein, wenn ich das schon so unverblümt sage. Und ich freue mich wahnsinnig darauf, dass die Leute unsere neuen Songs live hören. Wir entwickeln die Show im Moment noch. Unser Ziel ist immer, unsere letzte Tour zu übertreffen, und letztes Mal standen wir in einer Box aus Licht. Wir müssen noch herausfinden, wie wir das toppen können (lacht) – aber das werden wir, definitiv. Die Show wird spektakulär und die Performance so gut wie nie zuvor. Ich freue mich wirklich total darauf, wieder nach Deutschland zu kommen!
Die Deutschlandtour von Snow Patrol startet am 2. Februar 2025 in Frankfurt. Tickets bekommt ihr mit einem Klick auf den Button.