Bild: Gaby Gerster
20 Jahre ist es her, dass Max Mutzke an Stefan Raabs Castingshow „SSDSGPS“ – kurz für „Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star“ – teilgenommen hat, daraufhin für Deutschland zum Eurovision Song Contest fuhr und den achten Platz belegte. Anlässlich seines Bühnenjubiläums geht er im Herbst auf große Tour. Vorab trafen wir den 43-jährigen Musiker zum Interview und sprachen unter anderem über seine Jugend im Schwarzwald und Wohnmobil-Konzertreisen mit seinem Vater, über seine ESC-Erfahrungen, eine ganz besondere Begegnung mit einem Fan und seine kommende Biografie „So viel mehr“.
Max Mutzke: Nein, im Gegenteil! Ich hab ja parallel noch mein Abitur gemacht. Als ich vom Grand Prix zurückkam, war meine erste Amtshandlung ein Besuch bei „Anke Late Night“, wo ich neben Bastian Pastewka, Stefan Raab und Sting auf dem Sofa saß und vom Vorabend erzählte. Nachts bin ich dann 500 Kilometer nach Hause gefahren, denn am nächsten Morgen musste ich um 8 Uhr im Stadion sein, weil ich meine praktische Sportprüfung hatte. Ich bin noch nie in meinem Leben so langsam gelaufen und so wenig weit gesprungen (lacht). In den Wochen danach ging es dann in die anderen Abi-Prüfungen. Und um deine Frage zu beantworten: Ich habe das gemacht, weil ich damit gerechnet habe, dass ich den Abschluss auf jeden Fall in ein bis zwei Jahren brauchen werde. Castingshows waren damals ja so gestrickt, dass es zwar einen kurzen Hype gab, man aber meist nach wenigen Monaten nichts mehr von den Gewinnern gehört hat. „SSDSGPS“ kann man damit zwar nicht vergleichen, aber ich hätte trotzdem nicht gedacht, dass ich 20 Jahre später immer noch hier bin.
Das war der Bassist meiner damaligen Funk-Band Five, Matthias. Er hat mich nicht nur dazu angemeldet und überredet, sondern eigentlich auch verarscht. Er meinte ich müsse da hingehen, sonst würde er Ärger kriegen. Ich hielt wie gesagt nicht viel von Castingshows, weil das musikalisch so weit von dem weg war, wo ich mich sah. Aber ich wollte natürlich nicht, dass er Ärger kriegt, also bin ich da hin. Ich habe schon oft gedacht ich hätte mich noch viel mehr bei ihm bedanken können! Als es mit meiner Karriere losging, haben wir uns aus den Augen verloren, muss ich ehrlich sagen.
Das war natürlich eine aufregende Zeit. Ich komme ja aus dem Schwarzwald und sage immer: Wenn man von dort plötzlich ins Farbfernsehen plumpst, ist das eine komplett andere Welt. Ich muss aber zugeben, dass ich mit dem achten Platz nicht glücklich war. Wenn du wochenlang jede Show und dann den Vorentscheid so immens hoch gewinnst… ich dachte das gewinne ich jetzt auch noch! Und ich war damals sehr in dieser Backstage-Blase, also hinter der Kamera stehen und warten und warten und warten. Als ich dann letztes Jahr beim Grand Prix in Liverpool vor Ort war, habe ich diese Stimmung so richtig mitbekommen und da ist mir noch mal bewusst geworden, was das damals bei den Leuten ausgelöst hat. Also ich habe schöne Bilder im Kopf von der Zeit, weil alles sehr aufregend war, aber so richtig begriffen habe ich es erst später.
Weil ich in Liverpool letztes Jahr gemerkt habe, was für eine geile Veranstaltung das ist, die für Diversität steht. Wenn man sich in unserer Welt so umguckt, kriegt man das Gefühl, dass die Demokratie im Rückgang ist und Freiheiten, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden, wieder verschwinden. Aber der Grand Prix mit zehntausenden von Fans, die alle für ein anderes Team sind, ist total friedlich. Ganz anders als Fußball. Deswegen wäre ich gerne noch mal dabei gewesen. Ist es aber auch okay, dass es nicht geklappt hat, denn meine Lebensgefährtin und ich haben gerade noch mal Nachwuchs bekommen. Und mein Jahr ist auch so super voll, mit meiner Tour und meinem ersten Buch.
Zunächst einmal muss ich sagen, dass es keine Biografie im klassischen Sinne ist. Dafür bin ich zum einen viel zu jung und zum anderen steht das Buch dann am Ende neben der Biografie vom Dalai Lama oder so, und das wäre einfach falsch. Aber ich hatte eine sehr spezielle Kindheit – im positiven Sinne, aber auch mit Schattenseiten, wenn man eine Mama hat, die alkoholkrank ist und daran gestorben ist. Ich bin mit fünf Geschwistern aufgewachsen und wir waren quasi die einzige protestantische Familie in einem hochkonservativen Dorf im Schwarzwald, die obendrauf in das katholische Pfarrhaus gezogen ist. Dort haben so geile Geschichten stattgefunden. Meine Mutter war Schauspielerin und hatte ein sehr offenes Leben, mein Vater war Arzt, hatte aber eine Band, die bei uns Zuhause geprobt hat. Und im privaten wie beruflichen Umfeld sagte man mir immer wieder, dass ich darüber doch mal schreiben sollte. Außerdem glaube ich, dass viele immer noch dieses Bild von mir im Kopf haben, das ich am Anfang meiner Karriere hatte, nämlich der ruhige liebe Typ von Nebenan – und das ist halt vollkommen an meiner Persönlichkeit vorbei, weil mein Leben ganz anders war.
Ja, Musik war immer da. Mein Vater ist im Dezember 80 geworden, aber seine Band spielt immer noch live. Die Spätzünder heißen die. Mein Vater ist Gynäkologe, neben ihm sind noch ein Gefängnisdirektor, ein Lehrer, ein Anwalt, irgendein Graf und ein Notar dabei. Die spielen unter anderem Sachen von den Rolling Stones und Joe Cocker, sind richtig beliebt und haben unser Dorf total geprägt. Und unser Haus und der Proberaum waren wirklich etwas Besonderes. Der war im obersten Stockwerk in so einem Fachwerkhaus und man hatte von dort Alpenblick. Dort waren alle Instrumente aufgebaut und der Zugang zur Musik war für mich deshalb etwas Selbstverständliches. Livemusik hat bei uns immer stattgefunden. Obendrauf hat mein Vater mich schon mit drei oder vier Jahren zu Konzerten mitgenommen. Mit sechs habe ich angefangen Schlagzeug zu spielen, mit elf habe ich meine erste Band gegründet.
Das weiß ich gar nicht mehr, weil ich da noch so klein war. Aber ich habe Sachen gesehen wie Matthew Parker oder Bill Evans, der Saxophonist – heute ein Freund von mir und wir machen zusammen Musik. Wir hatten ein altes Wohnmobil, einen großen umgebauten LKW, mit dem wir immer auf die Festivals gefahren sind. Oder ich bin mit meinem Vater mit unserem T3 VW-Bus los, in dem hinten eine Matratze drin war. Wir sind immer ins Jazzhaus nach Freiburg und zum Zelt-Musik-Festival in Freiburg gefahren. Das ist so lustig, weil sich der Kreis da schließt: Mit 19 habe ich auf dem Zelt-Musik-Festival selbst gespielt und dieses Jahr bekomme ich dort den Ehrenpreis – pünktlich zu meinem 20-jährigen Jubiläum und dem 40-jährigen Jubiläum des Festivals.
Da war ich 11 und ich spielte mit meiner Band Support für die Band meines Vaters. Unsere Band hieß „so halt“. Der Witz war: Wenn uns jemand gefragt hat, wie wir heißen, haben wir gesagt „so halt“. Wir haben damals Sachen wie „Knockin‘ on Heaven‘s Door“ von Bob Dylan oder „Wind of Change“ von den Scorpions gespielt, oder „Schrei nach Liebe“ von Die Ärzte. Das coole war, dass wir einen professionellen, erwachsenen Bandleader hatten, der uns Kindern beigebracht hat, wie wir spielen. Ich war damals Schlagzeuger und Sänger.
Lustigerweise habe ich meinem Freund Justin, der auch Teil meiner Live-Band ist, kürzlich noch in einem Brief geschrieben: „Wir haben mittlerweile so viele unvergessliche Momente erlebt, dass wir die meisten davon schon wieder vergessen haben“… Es sind wirklich so viele, wir sind da echt gesegnet. An manche erinnere ich mich, weil das Gebäude besonders war. Ich war zum Beispiel einer der ersten, der im großen Saal der Elbphilharmonie spielen durfte. Oder wenn man im ältesten Jazzclub Deutschlands spielt, wo schon 30 Mal Miles Davis auf der Bühne stand. Andere besondere Momente ergeben sich daraus, was im Publikum passiert.
Einmal saß bei einem Konzert ein kleines Mädchen im Rollstuhl vor der Bühne. Sie war vielleicht sechs oder sieben und ich weiß ja, was es in mir ausgelöst hat, dass ich als Kind so viel auf Konzerte durfte. Deswegen sage ich auch immer allen, die überlegen ihre Kinder mitzubringen: „Überleg nicht, sondern mach es!“ Die ersten zwei Schulstunden sind nie so gravierend wie das, was das Kind auf einem Konzert erlebt. Die eigenen Eltern in dieser Euphorie zu erleben, singen und tanzen zu sehen, aber auch das restliche Publikum. Der Respekt, die politischen Ansprachen, zu sehen, was Kunst bei den Menschen auslöst – da passiert ja ganz viel. Jedenfalls fand ich es so schön, dass das Mädchen bei meinem Konzert war, und ich habe mich hinterher noch mit ihrer Mutter unterhalten – sie selbst konnte nämlich nicht sprechen – und mit ihr gesungen. Jahre später, das Mädchen war inzwischen fast volljährige, habe ich sie dann wiedergesehen und plötzlich konnte sie sprechen. Ihre Mutter meinte dann unter Tränen erzählt… (räuspert sich) Mir kommen da selber wieder die Tränen…
Auf jeden Fall meinte sie, dass sie davon überzeugt ist, dass dieser Abend damals dazu geführt hat, dass sie jetzt spricht, weil sie unbedingt mitsingen wollte. Über das Singen hat sie das Sprechen gelernt. Weißt du, das sind Momente, wo man merkt… Die Musikindustrie ist oft so schnell und gnadenlos und unbarmherzig, und in meinen Augen sitzen in vielen Positionen ganz falsche Leute, die gar kein Herz für Musik haben und morgen auch Waschmittel verkaufen würden, wenn sie damit mehr Geld verdienen würden. Aber sowas zu erleben, zeigt einem, warum man es macht.
Ja, oft! Aus verschiedenen Gründen. Es gibt in meinen Shows immer einen Punkt, wo ich über ein Schwerpunktthema spreche – das kann ein aktuelles Thema sein oder etwas, das ich seit Jahren unterstütze wie der Deutschen Kinderverein oder die National Association for Children of Addiction, und manchmal ist die Reaktion des Publikums da überwältigend. Obendrauf gibt es natürlich sehr persönliche Songs. Ich habe mal ein Lied über Depressionen geschrieben, weil in meinem engen Freundeskreis ein paar Leute daran litten, oder meine aktuelle Single „Bedingungslos“, die ich für meine Kinder geschrieben habe. Wenn ich solche Songs live singe, kann es schon mal passieren, dass die Stimme wegbricht.
Immer! Das gehört auch dazu. Das fängt unmittelbar vor der Show an, also wenn das Licht ausgeht, wenn die Band die Bühne betritt und schon mal los legt. Ich bin dann immer noch hinten und habe dann gewisse Rituale. In sich gehen und vor allem sich klar machen: Das, was wir machen, ist ein Geschenk. Die Leute sind gekommen, um meine Songs zu hören! Wenn man sich das bewusst macht, kann man das auch sehr genießen.
Es wird sehr stringent, sehr zeitlos sein und ganz reduziert. Also natürlich können mal Bläser dabei sein, aber es wird back to the roots gehen. Mein letztes Album war sehr ausproduziert, die neuen Songs werden sehr live klingen. Die Texte werden überwiegend Deutsch sein, aber es wird auch ein paar Stücke auf Englisch geben. Und ich werde wieder sagen es ist mein bestes Album (lacht).
Das ist eine gute Frage. Ich weiß es selber noch nicht genau, weil wir das Programm gerade fertig stellen (lacht). Aber natürlich möchten wir die Leute überraschen und so massiv abholen, dass sie sagen, es fühlt sich auch an wie eine Jubiläumstour. Die Locations werden groß für meine Verhältnisse, aber es sind besondere Locations wie die Laeiszhalle in Hamburg. Also ich glaube es wird ein ganz gebührender Rahmen sein.