Bild: Julia Johnson
Mit seiner Debütsingle „Take Me To Church“ gelang Hozier 2013 auf Anhieb der Durchbruch, seitdem geht es für den irischen Musiker stetig bergauf. Sein zweites Album „Wasteland, Baby!“ erreichte die Spitze der amerikanischen Charts, seine Konzerte sind stets ausverkauft – und „Take Me To Church“ ist heute auf Platz 29 der am meisten gestreamten Songs auf Spotify. Anlässlich seines dritten Albums „Unreal Unearth“, das gerade erschienen ist, trafen wir den 33-Jährigen zum Interview und sprachen nicht nur über unvergessliche Bühnenerlebnisse, sondern auch über Dantes Inferno.
Hozier: Während der Pandemie hatte ich plötzlich sehr viel Zeit und fand Gefallen daran, Bücher zu lesen, die ich immer schon mal hatte lesen wollen – darunter auch Dantes Inferno. Darin geht es im Grunde um die Sinnsuche eines Mannes, der in etwas hineingerät und am anderen Ende wieder herauskommt. Um eine Reise. Genau das wollte ich mit dem Album widerspiegeln, weil ich das Gefühl hatte, dass die Pandemie für uns alle eine Art Reise war. Wir alle haben viel durchgemacht, haben Dinge verloren oder mussten Veränderungen vornehmen, die wir eigentlich nicht geplant hatten, und kamen trotzdem am anderen Ende wieder heraus. Darauf wollte ich anspielen, ohne ein Pandemie- oder Lockdown-Album zu machen.
Das Album ist eine lockere, spielerische Umsetzung der neun Kreise – Vorhölle, Lust, Völlerei, Gier, Zorn, Häresie, Gewalt, Betrug, Verrat. In jedem Canto trifft der Protagonist jemand anderes. Eine andere Geschichte, eine andere Perspektive, eine andere Person, die durch die Hölle irrt. Am Ende des Albums steht „First Light“, der Aufstieg. Der letzte, tiefe Atemzug und eine Dankbarkeit dafür, es geschafft zu haben. Was mir bei all dem aber wichtig war, ist, dass die Songs auch einzeln funktionieren. Wer tiefer eintauchen möchte, kann das tun. Aber Songs wie „Francesca“ oder „To Someone From A Warm Climate“ sind gleichzeitig auch einfach Liebeslieder.
Mein Vater war Schlagzeuger. Die ersten Konzerte, die ich besuchte, waren also in Bars und Clubs, wo er auftrat. Mein erstes richtiges Konzert war dann Sting, zu dem meine Eltern mich mitnahmen. Ich war da aber erst sechs oder sieben Jahre alt. Absurderweise habe ich mehr Erinnerungen an die Musik vor der Show als die Show selbst (lacht).
In unserem Haus lief immer Musik. Selbst nachdem mein Vater einen normalen Job anfing und weniger Schlagzeug spielte, war Musik immer ein großer Teil seines Lebens. Und meine Mutter war immer eine sehr fähige Künstlerin. Während wir aufwuchsen, widmete sie sich den verschiedensten Kunst-Projekten. Irgendwann machte sie Seidenschals, dann baute sie eine Zeit lang Uhren. Vor allem in schwierigen Zeiten war sie immer damit beschäftigt, etwas zu erschaffen – sicher auch, um den Kopf freizuhalten.
Ja, und es legitimiert das Erschaffen von Dingen. Leider sehen viele Menschen Kunst als Bonus oder illegitimes Hobby. Als Gesellschaft schätzen wir Kunst nicht halb so sehr, wie wir sollten. Dabei entsteht so viel aus Kunst. Es ist wirklich unglaublich. Aber wir investieren in Künstler erst, wenn sie erfolgreich sind und eine Menge Geld verdienen. In seiner ursprünglichen Form nehmen wir Kunst nicht ernst – zum Beispiel, wenn Kinder kreativ sind.
Ich habe damals viel über Stimmbildung, Lippenbewegungen und unterschiedliche Atemtechniken wie versetztes Atmen gelernt. Im Chor zu singen, ist aber etwas ganz anderes. Der Chor, in dem ich war, war ein Weltmusik-Chor, der viel alte Musik im Programm hatte. Wir sangen in mittelalterlichem Spanisch und Latein und trugen sogar alte Gewänder. Eine ganz andere Herausforderung! Aber wenn man so etwas macht, kommt einem das später zugute. Und ich habe es wirklich genossen, in die die Welt der Harmonien und Stimmen einzutauchen.
Ja, eine gewisse Unruhe und Angst spüre ich schon. Es kommt aber immer auf das Konzert an. Manchmal kommt die Angst erst in dem Moment, in dem ich die Bühne betrete. Meistens aber kann ich mich schon in den letzten 20 Minuten vor der Show nicht mehr konzentrieren. Mit anderen zu reden oder generell Leute um mich zu haben, finde ich dann sehr irritierend und beunruhigend. Vor allem bei TV-Shows geht mir das so. So ein Gefühl der Überwältigung… Wenn in dem Moment jemand versucht, mir etwas zu erzählen, könnte er oder sie genauso gut chinesisch mit mir sprechen!
Wenn ich die Möglichkeit habe, wärme ich mich für mindestens 40 Minuten auf. Ich mache Stimmübungen und nerve meinen Gitarrentechniker, weil ich ihm die Gitarren wegnehme, um meine Hände aufzuwärmen. Und ich versuche auch gerne zu meditieren – sofern ich es schaffe, zehn Minuten für mich alleine zu sein, denn zusammen mit einer neunköpfigen Band und mit Pattenindustrie-Leuten, die ein und aus gehen, ist das schwer (lacht).
Es gibt Shows, die mich wirklich aufgebaut haben, als es brauchte. Als ich mit meinem ersten Album unterwegs war, hatte ich mal einen echt anstrengenden Tag in New York. Ich hatte zig Interviews gegeben und das Album promotet, meinen ersten TV-Auftritt, mit dem ich überhaupt nicht zufrieden war, und dann abends auch noch ein Konzert. Verrückt, wenn ich zurückblicke! Auf jeden Fall ging ich auf die Bühne und das Publikum sang plötzlich alles mit. So weit weg von Zuhause und in der Lautstärke – das hat mich echt aufgebaut. Im Bowery Ballroom in New York war das. Das Publikum war einfach verrückt und die Show hat so viel Spaß gemacht.
Der eben erwähnte TV-Auftritt! Das war ausgerechnet in der David Letterman Show. Ich war echt traurig, dass ich mit der Performance nicht zufrieden war, denn das war meine eine Chance, dort zu spielen. Inzwischen läuft die Show ja nicht mehr. Ich habe selbst so viele Künstler in der David Letterman Show gesehen und das war ein großer Moment für mich. Aber im ersten Jahr meiner Karriere ging bei mir alles so schnell, weil „Take Me To Church“ förmlich explodiert ist. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Auftritt auf dem Glastonbury Festival. Mein Verstärker hatte irgendein Problem und fiepte zwei Songs lang. Es klang schrecklich und als ich von der Bühne kam, war ich bereit, von der nächsten Brücke zu springen. Aber sowas passiert eben. Heute weiß ich: Man überlebt es!
Richtig weinen musste ich zum Glück noch nicht, aber ich bin schon sehr emotional geworden. Ich weiß noch, wie ich einmal ein Konzert in meiner Heimatstadt spielte. Meine Eltern waren im Publikum und einem der beiden ging es zu der Zeit gar nicht gut. Das war ein sehr emotionaler Moment, weil das damals eine schwere Zeit war. Man versucht immer, sein Leben nicht zu sehr mit auf die Bühne zu nehmen, aber manchmal klappt das einfach nicht.
Ich liebe Tom Waits, er war ein riesiger Einfluss auf mich. Ich auch großer Fan von Florence Welch alias Florence and the Machine. Und vor kurzem spielte ich in London eine Show mit Marus Mumford und Dermot Kennedy – auch tolle Künstler. Es gibt so viele, die mir da einfallen! Aber es muss der richtige Song sein und manchmal kontaktiert man auch jemanden und es scheitert am Timing.
Da steht nichts verrücktes drauf, wirklich! Ich wünschte es wäre anders. Bloß langweiliges gesundes Zeug wie Hummus und Gemüsedip. Aber ich weiß noch bei meiner ersten Tour, da habe ich den Rider meinen Tourmanager und Bassisten machen lassen, die ihn komplett umgeschrieben haben. Er las sich danach wie die Wunschliste eines sechsjährigen für seine Geburtstagsparty! Nach vier Shows war unser Tourbus voll mit Oreos und Cheerios…
Ab November ist Hozier auf „Unreal Unearth“ Tour. Tickets für die beiden Shows in Hamburg und Berlin findet ihr mit einem Klick auf den Button.