Bild: Afra Gethöffer-Grütz
Seit Heilung 2015 mit ihrem Debütalbum „Ofnir“ auf der Bildfläche erschienen und 2017 sowohl mit ihrem Auftritt beim Castlefest als auch mit dem dabei aufgezeichneten Livealbum „Lifa“ die Macht ihrer Live-„Rituale“ demonstrierten, haben sie einen bleibenden Eindruck in der Neo Pagan- und Nordic Folk-Szene hinterlassen. Dank der Folgealben „Futha“ und „Drif“ konnte das Trio den Kreis seiner Anhängerschaft stetig erweitern. Ihre Musik, die Heilung selbst als „amplified history“ beschreiben, entführt mit betörendem Gesang und Klängen von historischen Instrumenten, gepaart mit elektronischen Sounds, in längst vergangene Zeiten und andere Welten. Ihre volle Wirkung entfalten die Stücke auf der Bühne. Live bekommen die drei festen Bandmitglieder – der aus Deutschland stammende Kai Uwe Faust, der Däne Christopher Juul und die Norwegerin Maria Franz – Unterstützung von zahlreichen Mitwirkenden. Die audiovisuell spektakulären „Rituale“ machen Heilung zu einem der spannendsten Live-Acts überhaupt. Im Juni und Juli bringen Heilung ihre „Rituale“ erneut nach Deutschland, bevor sie sich vorübergehend von der Bühne verabschieden. Im Interview verriet uns Maria Franz, was rund um die Rituale hinter und auf der Bühne passiert, welche ungewöhnlichen Instrumente bei den anstehenden Shows zum Einsatz kommen und was eine Band, die mit Geweihen und Knochen im Gepäck tourt, beim Zoll erlebt.
Bei euren Shows handelt es sich nicht um normale Konzerte, sondern um Rituale. Welche Art Erfahrungen können die Menschen bei diesen Shows machen?
Wenn du einem Heilung-Ritual beiwohnst, bist du kein*e Zuschauer*in, sondern Teilnehmer*in. Mit diesem Ritual zielen wir bewusst darauf ab, deinen Geisteszustand zu verändern, um für die Dauer dieser Erfahrung alles, was die moderne Gesellschaft dir beigebracht hat, hinter dir zu lassen, und einfach im physischen Spüren der Trommelschläge, in den Schmerzensschreien der Schamanen und der Schönheit des Opfers gemeinsam zu existieren.
Wie erlebst du selbst diese Live-Rituale?
Zeit verliert ihre Bedeutung und ich bestehe rein aus Gefühl. Ich bin erfüllt von reiner Freude, jedes einzelne Stück aufzuführen, denn sie alle beinhalten eine andere menschliche Emotion. Ich bin also ich selbst, die in einen Strudel aus Krieg, Liebe, Wut, Trauer geworfen wird. Es ist sehr abgefahren. Zwei Rituale sind zudem niemals gleich. Ich kann mir nicht erklären, wie das nach sieben Jahren auf Konzertbühnen funktioniert, aber jedes Ritual ist einzigartig und lehrt mich etwas Neues. Ich liebe es total.
Eure Show ist sehr intensiv und ich kann mir vorstellen, dass das recht anstrengend ist. Wie fühlst du dich danach?
Wir brauchen den abschließenden Kreis, um in unsere Körper zurückzukehren. Es fühlt sich an, als wären unsere Seelen vermischt worden und bräuchten etwas Zeit, um sich zu regulieren, damit wir wieder normale, weltliche Dinge tun können. Wir spielen niemals zweimal hintereinander. Das Ritual ist sehr energiezehrend, weshalb wir einen Tag benötigen, um uns zu erholen, vorzugsweisen in der Natur.
Wie verbringt ihr normalerweise die letzte Stunde, bevor ihr auf die Bühne geht? Gibt es ein bestimmtes Ritual oder etwas anderes, mit dem ihr euch auf das anschließende Ritual auf der Bühne vorbereitet?
Das ist bei uns allen unterschiedlich, aber einige von uns meditieren, dehnen und kommen mit ihren Körpern in Einklang. Ich selbst mache ein paar einfache Aufwärmübungen, die sämtlichen eventuell im Laufe des Tages erlebten Stress entfernen und sorge dafür, dass meine Stimmbänder und mein Körper bereit sind für die extreme Tätigkeit, die dann folgt.
Ihr verwendet keine Gitarren oder andere übliche Band-Instrumente. Welche Instrumente spielt ihr bei den diesjährigen Shows, insbesondere auf der Anda Fardha-Tour im Juni und Juli?
90% von dem, was man auf der Bühne sieht, ist handgefertigt, entweder von uns selbst oder von Menschen, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Auf dieser Tour, am Ende einer Reise, haben wir das Glück, drei Trommler mitzunehmen, zusätzlich zu den Stücken, bei denen Kai, Chris oder ich ebenfalls Percussion-Instrumente spielen. Die Mehrzahl der Instrumente auf der Bühne sind folglich Trommeln. Außerdem sind wir 14 Sängerinnen und Sänger, sodass die Gesangsstücke sehr stark sind. Zusätzlich spielen wir auf einer indischen Ravanahatha, einer finnischen Bogenleier sowie vielen verschiedenartigen Knochen, Glocken, Rasseln, Kuh-Hörnern und diversen anderen Raritäten aus aller Welt.
Welches ist das ungewöhnlichste Instrument, das bei euren Auftritten zum Einsatz kommt?
Im Moment ist es ein Cello-ähnliches Instrument, das Christopher und sein Vater eigens hergestellt haben, um diesen rohen, tiefen Ton hervorzuzaubern, der unsere Herzen singen lässt. Weil es in seiner Form einem Boot ähnelt, wurde das Instrument „das Boot“ genannt.
Ihr habt schon an einigen tollen Orten gespielt. Kannst du eine Lieblings-Location nennen?
Red Rocks ist ein klarer Favorit wegen seiner einmalig bedeutungsvollen Lage draußen zwischen den sehr roten Felsen von Colorado. (Anm. d. Verf.: Das Konzert ist auf dem zweiten Livealbum „Lifa lotungard“ zu hören.)
Euer erster Live-Auftritt fand beim Castlefest 2017 statt und wurde für das Livealbum „Lifa“ aufgezeichnet. Wie war diese allererste Show? Wie hat das Publikum auf euch reagiert?
Es fühlte sich gleichzeitig sehr real und sehr surreal an. Obwohl wir die Musik bereits zwei Jahre zuvor veröffentlicht hatten, wusste niemand, uns eingeschlossen, wie sie live klingen würde. Schon den ganzen Festivaltag über lag etwas in der Luft. Wir konnten die Aufregung und Neugier spüren. Es hat die ganze Zeit über richtig heftig geregnet – bis kurz vor unserem Auftritt. Dann verschwanden die Wolken, um einen klaren, vollen Mond über den 10.000 Menschen auf dem Gelände erscheinen zu lassen. Während dieses ersten Rituals erreichte die Begeisterung einen Höhepunkt, für die Leute wie für uns. Auf der Aufnahme auf YouTube ist das ganz klar zu hören. Wir sind alle ergriffen von der Macht der Stücke. Es war ein sehr besonderer Moment.
Wie du bereits erwähnt hast, spielt ihr nie zwei Abende hintereinander. Wie sieht dein perfekter freier Tag auf Tour aus?
Der beginnt mit einem schönen langen Spaziergang in der Natur, am besten mit einem Bad in einem See oder Fluss. Am Abend zünden wir dann ein Feuer an und alle von uns, Crew, Musiker*innen, Fahrer*innen, wir alle kochen zusammen und teilen eine gute Mahlzeit. Wenn dann noch Zeit bleibt für ein paar Runden eines Karten- oder Brettspiels, ist der Tag absolut vollkommen.
Ihr verwendet natürliche Materialien, etwa Knochen, als Instrumente – und ihr spielt auch in Ländern mit besonders strengen Zollbestimmungen. Gibt es eine interessante Geschichte über eine Zoll-Erfahrung, die du mit uns teilen möchtest?
Einmal blieb unsere gesamte Fracht für drei Monate am Flughafen Suvarnabhumi in Thailand hängen, weil sich herausstellte, dass es zwar legal ist, Geweihe dorthin zu importieren, es ohne spezielle Erlaubnis aber nicht erlaubt ist, diese wieder zu exportieren. Glücklicherweise konnte uns die Danish Music Union mit einem offiziellen Schreiben behilflich sein, sodass wir unsere wertvollen Artefakte rechtzeitig vor der nächsten Tour zurückbekamen.
Eure eigene Musik ist außergewöhnlich. Hört ihr privat viel Musik und falls ja, welche?
Die kurze Antwort lautet: nein. Einige von uns sehnen sich nach einer hektischen Tour-Phase nach Ruhe und Frieden. Ich persönlich kann aber schon einige Namen nennen, die mir Gesellschaft leisten, wenn die Stille zu laut wird: Kiki Rockwell aus Neuseeland – wunderschöner hexenartiger, eindringlicher Alternative Folk Pop, Agnes Obel – eine dänische Sängerin mit sehr starken Kompositionen, Fever Ray sowie Tool – das brauche ich unbedingt regelmäßig. Außerdem viel nordischen Folk der Sorte Hedningarna, Garmarna, Kallandra, Eivór, Mira Ceti und viele, viele weitere.
Gehst du selbst auf Konzerte oder siehst dir Bands an, wenn ihr auf einem Festival spielt?
Absolut – sofern es die Zeit erlaubt.
In welchem Land tourst du am liebsten, und warum?
Wir lieben es, in Deutschland unterwegs zu sein. Die Menschen, die unseren Ritualen beiwohnen, sind sehr respektvoll, liebevoll und laut, die Bühnen sowie die Crews sehr professionell und sie achten sehr gut auf gesundes Essen und Getränke, das uns Kraft spendet und unsere Stärke aufrecht erhält. In den USA zu touren, haben wir ebenfalls sehr genossen. Die Teilnehmenden dort müssen die lautesten der Welt sein, was den Ritualen eine besondere Energie verleiht.
Was können Fans von den diesjährigen Konzerten erwarten?
Erwartet eine Pause von der modernen Zeit, von modernen politischen Ansichten und persönlichen Kämpfen. Erwartet, neben einem fremden Menschen zu stehen oder zu sitzen, der aus demselben Grund dort ist, erwartet eine Verbindung – eine Verbindung zu einander und zu der wunderschönen Natur, die uns umgibt.
Nach den Auftritten im kommenden Sommer nehmt ihr euch eine längere Auszeit. Wie werdet ihr eure Batterien wieder aufladen? Worauf freust du dich am meisten?
Aus ganz verschiedenen Gründen werden sich einige von uns in einem neuen Zuhause einrichten, daher freuen wir uns darauf, an unseren neuen Standorten anzukommen und uns unserer Familie, unseren Freunden und unseren Gärten zu widmen. Vielleicht ziehen wir auch in Erwägung zu reisen, einfach um zu erkunden, und nicht, um zu performen, auch wenn wir diesen Teil unserer Leben ganz sicher vermissen werden.
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