Bild: Christian Dammann
Mit seiner tanzbaren neuen Single „Into The Night“ – ein Vorgeschmack auf sein Album, das Ende des Jahres erscheinen soll – hat Fritz Kalkbrenner eine Art Ode auf die Magie der Nacht geschrieben. Aber wann hat er selbst zuletzt eine Nacht durchgefeiert? Und was hilft gegen den Kater am nächsten Morgen? All diese Fragen beantwortet der Berliner Musiker, der seit Jahren ein fester Name in der weltweiten Clubszene ist, im Interview. Außerdem spricht er über seinen ersten Auftritt, Lampenfieber und Tage, an denen man fast seinen eigenen Namen vergisst…
Fritz Kalkbrenner: Die letzte Nacht komplett durchgefeiert ist schon eine Weile her, was aber auch nicht unbedingt tragisch ist, denn ich hatte davon schon genug. Andersrum möchte ich aber jede Ausschließlichkeit vermeiden, von daher will ich nicht sagen, dass es nicht auch kommendes Wochenende wieder so weit sein könnte.
Das weiß man leider immer erst danach. Es ist ein sehr schmaler Grat von angenehm zu viel und unangenehm nicht zu viel. Ich glaube, eine perfekte Nacht ist, wenn unterschiedliche Dinge mit einer gewissen Selbstverständlichkeit Hand in Hand gehen und das Ganze dann aber auch nicht überstrapaziert wird.
Es kommt ganz drauf an in welcher saisonalen Verfassung man mich fragen würde. Da changieren die Antworten zwischen A: überhaupt nichts trinken, B: sich auf ein Stützbier verlassen oder C: ganz viel Magnesium mit Frubiase. Je nach Gemengelage wird es eins davon sein.
Der erste vollwertige Konzertbesuch meines Lebens war glaube ich die „Wu-Tang Forever“-Tour 1997 in der Arena Berlin, was damals rund 50 DM gekostet hat. Was heute fair und wirklich verhältnismäßig klingt, war damals eine unfassbar große Menge Geld, die ich mir zusammensparen musste. Rückblickend betrachtet war die Show aber nicht ganz ideal. Wu-Tang war zu dem Zeitpunkt in ihrer absoluten Hochphase und konnten sich eigentlich alles erlauben, weshalb sie dann auch zwei Stunden auf sich warten ließen. In dem Moment damals fand ich das natürlich super geil, aber aus heutiger, fachlicher Perspektive war das kein ideales Konzert.
Meine erste Show war in einem feinen Laden der 1234 hieß. Das war ein Gesangsjob, bei dem ich eine halbe Stunde davor noch unglaublich zuversichtlich und bereit war. Fünf Minuten vor Showtime war mir dann so dermaßen schlecht, dass es für mich eigentlich nur die Option gab, die Show abzubrechen oder einfach abzuhauen. Glücklicherweise hat mich mein Kompagnon auf die Bühne gezwungen und wie es so oft ist, hat sich das Problem innerhalb von fünf Minuten in Wohlgefallen aufgelöst. Ein paar Minuten nach Showstart verflüchtigt sich das Lampenfieber auch wieder relativ schnell.
Ich muss gestehen, dass sich das Lampenfieber bei mir größtenteils in Wohlgefallen aufgelöst hat. Das geht dann so mit der Zeit weg und dem weicht dann eine positive Zuversicht. Ohne abgedroschen klingen zu wollen, aber die wirkliche Angst schwindet dann auch wieder, wenn man sich vergegenwärtigt, dass auf die eine oder andere Art und Weise die Show zu Ende gehen wird. So geht man dann deutlich befreiter in Shows rein, was es ja auch bewirken soll.
Das war das erste Mal seit einer langen Zeit, dass ich drei Shows an einem Tag gespielt habe, was auch immer ein planungstechnischer Seildrahtakt ist! Am Ende war ich logischerweise etwas gerädert, aber wenn man mit seinen Kräften gut haushalten kann, geht auch das. Wenn man da über die Stränge schlägt und bei der ersten Show schon über den Durst trinkt, wird es bei der dritten Show offensichtlich schwierig. Bei diesem Mal weiß ich, dass ich anschließend im Hotel in Leipzig aufgewacht bin. Vor einigen Jahren hat es aber definitiv Momente gegeben, in denen ich nicht aus dem Stand wusste, wo ich gerade war.
Drei Shows sind kein Rekord, denn ich hatte mal vier – auch das ist schon eine Weile her. Da habe ich nachts auf Ibiza gespielt, wonach ich mich kurz hingelegt habe. Daraufhin bin ich nach Süddeutschland um eine Show zu spielen, von da aus weiter nach London und die letzte Show war dann Rock En Seine in Paris. Das war dann wirklich so ein Tag an dem ich meinen Namen nur auf mehrfache Nachfrage wiedergeben konnte.
Da gibt es so ein paar. Es kommt drauf an, wonach das bemessen werden soll. Von der Venue her ist es die Chinesische Mauer, weil es einfach wunderschön malerisch und spaßig war. In Rom habe im Goa Club gespielt, wonach es im positiven Sinne Tumulte gab, weil die Leute Unterschriften auf ihren Schuhen, auf der Stirn oder auf dem Führerschein wollten. Es gab also wirklich viele Shows – je nachdem wie man „verrückteste“ für sich einordnen möchte.
2014 habe ich während meiner „Ways Over Water-Tour“ beim Open Air in St. Gallen im großen Zelt gespielt. Bei der Show war das Publikum auf Ausnahmezustand gepolt. In der Spitze haben wir 114 Dezibel gemessen – so eine Show vergisst man dann auch nie wieder.
Definitiv, es gab einige Shows, die in die Hose gegangen sind und wegen höherer Gewalt oder aus verschiedensten Gründen abgebrochen werden mussten. So etwas bleibt auch immer stark in Erinnerung, weil dem teilweise die seltsamsten Ursachen zu Grunde liegen. Auch ich habe da sicherlich ein spannendes Quartett an großen Fiaskos.
Mein Rider ist eigentlich ziemlich übersichtlich und schrumpft tatsächlich auch von Jahr zu Jahr, weil vieles davon eigentlich immer weniger notwendig ist. Wenn man das so ohne weiteres liest, steht da doch noch eine Menge Alkohol drauf, was aber hauptsächlich für meine Crew und Mitarbeiter bestimmt ist. Das außergewöhnlichste Gut auf meinem Rider ist auch für die Crew, und zwar Buckfast, ein stark koffeinierter Tonic Wine aus Südengland, der für ein lockeres Tanzbein bei den Leuten sorgt.
Wichtig ist es einfach mit seinen Kräften vernünftig zu haushalten. Was man früher gemacht hat oder machen konnte, geht heute dann eben nicht mehr so. Oft ist es super unspektakulär, es geht tagsüber zum Sport oder ins Schwimmbad, das machen ja nicht wenige Künstler so. Es geht darum seinen Akku aufzuladen, um diesen dann Abends oder nachts auch ausschöpfen und abrufen zu können.
Bevor das Album erscheint, wird es noch einen bunten Strauß an Singles geben – „Into The Night“ ist jetzt erst die zweite davon. Zu erwarten ist das mir bestmögliche, wenn ich das so sagen kann. Stilistisch ist es eine Rückbesinnung auf die Jungle- und Breakbeat-Tage, wodurch es tendenziell etwas breakiger wird – nicht überpräsent, sondern begleitend subtil. In dieser Phase ertappt man mich gerade.
Wer Fritz Kalkbrenner live erleben möchte, kann das diesen Sommer bei mehreren Open Airs tun. Eine Liste mit allen Shows sowie Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.