Bild: Terhi Ylimaeinen
Als Opeth Anfang August mit der kryptisch betitelten Single „§1“ den ersten Vorboten ihres neuen Albums „The Last Will And Testament“ präsentierten, ging ein Raunen durch die Metal-Community. Der Grund: Es ist der erste neue Song mit Growls seit dem Album „Watershed“ aus dem Jahr 2008. Auf den letzten vier Studioalben verzichtete Sänger und Mastermind Mikael Åkerfeldt komplett auf gutturale Vocals und auch darüber hinaus hatten sich Opeth auf ihren Platten dem Death Metal ab- und dem Progressive Rock zugewandt. Für Old-school-Fans kommt die Rückkehr zum Growling nun einer Sensation gleich.
Obendrauf steckt ein spannendes Konzept hinter dem Album: „The Last Will And Testament“ ist in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg angesiedelt. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein reicher, konservativer Patriarch und dessen Testament und Erbe. Bei der Verlesung seines letzten Willens kommen schockierende Familiengeheimnisse ans Licht. Das Album mit seinen – abgesehen vom letzten Track – mit Paragraphen betitelten Songs beginnt mit der Verlesung des Testaments. Anwesend sind die Kinder des Patriarchen, ein Zwillingspaar. Dass überdies auch ein an Polio erkranktes Waisen-Mädchen, das die Familie in ihre Obhut genommen hat, der Verlesung beiwohnt, wirft Fragen und Verdächtigungen auf. Die Songs spiegeln Geständnisse des Vaters sowie Reaktionen der Zwillinge wider – und am Ende gibt es einen Twist. Pünktlich zum Release am 22. November 2024 sprachen wir mit Gitarrist Fredrik Åkesson über das neue Album, die Rückkehr der Growls, vergangene und zukünftige Live-Shows und mehr.
Ich finde, das Album fasst die neuen und alten Opeth ein Stück weit zusammen und ist ein weiterer Schritt vorwärts von den Prog-lastigeren letzten vier Alben. Es ist viel Vertrautes dabei, aber auch viel Neues. Zum Beispiel wenn es um Mikaels Gesang geht. An einigen Stellen, etwa in „§1“, klingt seine cleane Stimme theatralischer. Und natürlich sind die Growls nach einer ganzen Weile zurückgekehrt. Aber diesmal ist es anders: Sie erfüllen einen Zweck als eine der Stimmen des Vaters und Patriarchen. Ich denke, das Album ist insgesamt dichter als die früheren Werke. Sonst waren einzelne Parts oft sehr lang, und es hat sich zum Beispiel nur der Schlagzeugrhythmus verändert. Diesmal ist es rastloser und komprimierter, aber mit mehr einzelnen Bestandteilen. Irgendwie so (lacht).
„§1“ mag ich richtig gerne. Ich finde, das war eine gute Wahl als erste Single. Im Vorfeld war ich neugierig auf die Reaktionen. Der Song beginnt recht proggy und wenn die Vocals einsetzen, sind es cleane Vocals. Dann plötzlich hören die Leute, dass die Growls wieder da sind. Ich habe mir Reaction-Videos auf YouTube angesehen und das hat total Spaß gemacht. Zu sehen, wenn sie die Growls das erste Mal hören – da musste ich echt lachen. So lustig! Gleichzeitig war es bewegend, weil es vielen Menschen sehr viel bedeutet.
Nein, alle Stimmen gehören zu dem verstorbenen Vater. Selbst die Stimme von Ian Anderson (Jethro Tull – Anmerkung d. Red.), der auf dem Album gastiert, ist eine der Stimmen des Vaters. Das gleiche gilt für Joey Tempest (Europe – Anm. d. Red.), der auf „§2“ zu hören ist. So weit ich weiß kommen also alle Stimmen von dem Patriarchen selbst.
Mikael ist ein kreativer Eigenbrötler. Das Ganze war also wirklich seine Idee. Wir haben lediglich ein wenig Input dazu gegeben. Mein kreativer Anteil am Songwriting-Prozess waren die Soli. Für dieses Album habe ich diese allein in meinem eigenen Studio aufgenommen. Ich habe mir diesmal mehr Zeit dafür genommen. Anstatt zu improvisieren und etwas in ein paar Takes in Mikaels Studio aufzunehmen, habe ich versucht, etwas anderes zu machen. Ich betrachte sie als kleine Kompositionen innerhalb eines Songs.
Mikael hat es vorab erwähnt und wir haben darüber gesprochen, dass wir etwas Härteres machen wollen. Die letzte Tour vor dem Album war eine Jubiläumstour, auf der wir vorwiegend die älteren, härteren Sachen gespielt haben. Wir hatten das Gefühl, es ist ein guter Zeitpunkt für eine härtere Platte, nachdem die vier vorangegangenen eher proggy waren. Ich finde, das neue Album hat immer noch viele Prog-Elemente, aber die sind schon seit dem ersten Album „Orchid“ Bestandteil von Opeth. Wir haben außerdem gemerkt, dass Mikael das Growling wieder mehr genießt. Und seine Stimme hat sich in dieser Hinsicht weiterentwickelt. Vielleicht liegt es daran, dass er älter ist, aber er hat jede Menge Power und bekommt sehr lange Screams hin, ohne Luft holen zu müssen. Die Tatsache, dass es ihm wieder Spaß zu bereiten scheint, ist wichtig – er sollte es nicht nur als Gimmick machen. Darüber hinaus passte es zu der Rolle mit den unterschiedlichen Stimmen und zur Handlung. Ich glaube es war ein wirklich guter Zeitpunkt dafür. „§7“ war der erste Track, den Mikael mir zugeschickt hat, nachdem ich das Solo dafür fertiggestellt hatte und als ich die Growls darauf hörte, dachte ich mir: Yes! (lacht).
Oh, das muss natürlich der einzelne Hörer entscheiden. Aber ich bin ein echter Metalhead. Ich höre aggressives Zeug, aber auch viel verschiedene Musik. Und ich bin offensichtlich ein Gitarren-Nerd. Ich möchte bei jedem Ton 100% geben, als wäre es der letzte, den ich spiele, bevor ich sterbe, das ist das Ziel. Das war übrigens ein Zitat von Gary Moore. Alles, was ich tun kann, ist, mein Bestes zu geben – und hoffentlich noch ein bisschen mehr. Und immer versuchen mich weiterzuentwickeln. Mir kam die Ehre zuteil, schon drei Songs mit Mikael gemeinsam zu schreiben, obwohl er diesbezüglich so ein Einzelgänger ist. Ansonsten besteht mein kreativer Anteil aus den Soli. Das Wichtige ist aber, dass wir uns als Einheit weiterentwickeln.
Ich kann es kaum abwarten, bis wir spielen! Wir hatten im Sommer schon das Vergnügen, in Deutschland zu sein. Wir haben in Wacken gespielt und dann noch zwei eigene Shows drangehangen. Das war großartig, die Leute waren super! Beide Konzerte waren ausverkauft und wir waren wirklich dankbar dafür.
Wir proben tatsächlich immer einige Extra-Songs. Bei der letzten Tour mit etwa zehn Konzerten hatten wir genug Material für eine dreieinhalbstündige Show geprobt. Bei einigen haben wir zum Beispiel das 21 Minuten lange „Black Rose Immortal“ gespielt. Zudem haben wir die Setlist danach ausgesucht, welche Songs wir zuvor in der jeweiligen Stadt gespielt haben, um etwas Abwechslung hineinzubringen. Die meisten dieser Shows waren aber auf Festivals, also etwa eine Stunde und fünfzehn Minuten lang. Da bleiben natürlich viele Songs auf der Strecke und man wählt ein paar der beliebtesten aus.
Das ist eine schwierige Frage! Ich bin wirklich gerne in Japan, weil es so anders ist. Einmal habe ich mich in Osaka verlaufen, weil die Schilder alle auf Japanisch sind und ich das natürlich nicht lesen kann. Das war etwas beängstigend. Es ist also auf jeden Fall ratsam, eine Karte mit dem Namen des Hotels bei sich zu haben. In Deutschland gefallen mir die kleinen Dörfer auf dem Land mit den Biergärten. Wir haben einmal auf der Loreley gespielt – sehr schön da! Wir können uns glücklich schätzen, nahezu in der ganzen Welt auftreten zu dürfen. Die verschiedenen Bundesstaaten der USA sind teilweise so unterschiedlich, sowohl die Landschaften als auch die Menschen. Das macht schon Spaß. Eine meiner Lieblingstouren war, als wir weit im Norden von Norwegen, in Bodø gespielt haben. Es ist so schön da oben mit den Fjorden und die Luft ist so frisch. Das werde ich niemals vergessen. Jetzt habe ich eine ganze Reihe Länder genannt, da bin ich wohl ein bisschen auf Nummer sicher gegangen (lacht).
Das ist in der Tat sehr schwierig, weil es so viele gibt. Mit dem Wacken-Gig neulich war ich sehr happy. Wir waren total überrascht, dass so viele Leute zu uns kamen. Wir haben zeitgleich mit den Scorpions gespielt, trotzdem hatten wir wahrscheinlich um die 40.000 Zuschauer. Wir waren überwältigt. Mikael hat das Riff von „Rock You Like A Hurricane“ angestimmt, worüber sie bestimmt sauer geworden wären, wenn sie es gehört hätten. Ich fand es total witzig und musste lachen. Das war das große Highlight dieses Sommers. Wir kamen gerade aus dem Urlaub und hatten eine Weile nicht gespielt und dann gleich Wacken, was eine riesige Show ist – das war ein wenig beängstigend.
Eins, das richtig schlimm war, war ebenfalls in Deutschland, auf dem With Full Force-Festival, vor langer Zeit, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre. Wir hatten technische Schwierigkeiten. Wir waren Headliner, es war also eine große Show. Unsere Amps sind einfach abgeschmiert. Ich konnte überhaupt nicht spielen, weil all meine Amps tot waren, aber die anderen Jungs fingen an herumzujammen und „Soldier of Fortune“ von Deep Purple zu spielen. Weil wir das aber überhaupt nicht geprobt hatten, spielten sie falsche Akkorde – es war ein Fiasko, schrecklich! Seitdem achten wir darauf, einen Plan B und einen Plan C zu haben.
Ich bin dann am liebsten alleine in meiner eigenen kleinen Blase und spiele Gitarre. Unser einziges Ritual ist ein Handschlag, bevor wir die Bühne entern. Manchmal teilen wir alle einen Raum. Dann macht jeder sein eigenes Ding. Mikael macht Stimmübungen und spielt Gitarre. Waltteri (Schlagzeuger – Anm. d. Red.) macht diese nervigen Geräusche mit seinen Drumsticks und Pads, was den ganzen Raum einnimmt (lacht).
Das tue ich. Als wir in Wacken gespielt haben, haben wir uns KK’s Priest angesehen. Ich stelle mich gerne in die Menge, um die Atmosphäre zu spüren.
Ich werde gar nicht so häufig erkannt. Und die Leute sind immer sehr nett. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand um ein Foto bittet. Normalerweise trage ich ohnehin Kapuzenpulli und Sonnenbrille (lacht). Es hat aber etwas Beruhigendes, im Publikum zu stehen und die Show zu genießen, bevor wir selbst spielen. Das entspannt mich.
Wir werden ein neues Set spielen und haben außerdem viel Arbeit investiert, um unsere Liveshow noch besser zu machen, mit den Bildschirmen und anderen Komponenten. Inzwischen sind wir als Band stärker in die Entwicklung der Bühnenshow involviert. Ich und Martin Mendez sind diesbezüglich in Kontakt und versuchen verschiedenes einzubauen. Vorher haben wir das dem Management und anderen Leuten überlassen. Jetzt haben wir das gerne selbst in der Hand und machen uns mehr Gedanken darüber, was zu den Songs passt. Wir sind auch froh darüber, einen neuen Lichtdesigner zu haben, ein Däne, der schon mit King Diamond und Volbeat gearbeitet hat, und der sehr künstlerisch-kreativ und wählerisch ist. Davon abgesehen werden wir einige neue und einige alte Songs spielen. Das wird gut!
Unser Management meinte: Ihr müsst diese oder jene Band mitnehmen, die sind total angesagt gerade. Aber wir sind gut mit den Jungs befreundet und kennen sie schon lange. Ludwig, der Drummer, hat zudem vor langer Zeit mal mit uns zusammengearbeitet. Und wir lieben sie als Band. Sie sind ganz anders als wir. Wir lieben klassischen Metal. Außerdem bevorzugen wir es, nur eine Vorband zu haben, denn wir wollen den Fans eine zweistündige Show bieten, da unsere Songs so lang sind. Mit Grand Magus ist es eine perfekte Gelegenheit. Ich mag es, wenn die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, eine Band erleben können, die sich von uns unterscheidet. Grand Magus machen so eine Art Viking Metal, ziemlich geradlinig im Vergleich zu uns, aber mit viel Herz.
Die „The Last Will And Testament - European Tour“ von Opeth beginnt am 15. Februar in Hamburg. Wenn ihr dabei sein wollt, könnt ihr euch mit einem Klick auf den Button eure Tickets sichern.