Bild: Shannon Shumaker
Es gibt nicht viele Künstler, die so viel touren wie Frank Turner. Wenn der Brite – dessen Deutschland-Tour in Kürze startet – am 22. Februar 2025 auf der Bühne des ausverkauften Londoner Alexandra Palace stehen wird, dann feiert er damit sein 3.000 Konzert. Anfang diesen Jahres stellte er zudem einen neuen Weltrekord auf und spielte 15 Shows in 24 Stunden. Und dann fand er auch noch Zeit für zwei Benefizkonzerte für das Hamburger Molotow. Im Interview spricht er nicht nur über all das, sondern auch über einen verrückten Auftritt in Sierra Leone und das härteste Publikum, das er je hatte: Eine Gruppe Kinder.
Frank Turner: Ja, sehr gut sogar. Das war ein Benefizkonzert in London im Jahr 2004, gemeinsam mit einer Band namens Fighting With Wire, deren Sänger heute mein Gitarrentechniker ist, und Dive Dive, von denen zwei Mitglieder heute Teil meiner Band The Sleeping Souls sind. Ich muss aber dazu sagen, dass ich von meiner ersten Soloshow an zähle. Ich war vorher schon jahrelang mit Bands auf Tournee. Die erste Show, die ich je gespielt habe, war die 14. Geburtstagsparty des Bassisten meiner damaligen Band. Ich war damals 13. Seine Freunde hassten uns und sind alle gegangen, während wir spielten. Wir waren aber auch eine wirklich schreckliche Punkband, fast wie Nirvana-Cover (lacht).
Für mich zählt alles ab fünf Songs vor Publikum. Also wenn ich nur einen Song in einem Radiostudio spiele, zähle ich das nicht mit. Aber wenn ich in einem Raum mit 20 Leuten eine längere Session spiele, dann schon. Diese Liste ist auch auf meiner Website und jeder kann sie einsehen. Tatsächlich findet man dort sogar eine nahezu vollständige Liste aller meiner Shows. Nur bei der ersten Band, mit der ich auf Tour war, haben wir keine Liste geführt. Ich habe in alten Kisten zwar Flyer gefunden, auf denen steht, dass wir dann und dann in London gespielt haben – aber ich weiß nicht wo.
Der Schlagzeuger von Million Dead – meine letzte Band vor meiner Solokarriere – hat immer eine Liste aller unserer Auftritte geführt. Damals fand das irgendwie komisch, aber an dem Tag, an dem sich die Band auflöste, war ich rückblickend sehr froh, dass er es getan hatte. Als ich dann anfing, Solo-Shows zu spielen, führte ich selbst eine Liste. Ein Grund dafür war auch: Die ersten zwei oder drei Jahre meiner Solokarriere tourte ich ja ganz alleine, mit Gitarrenkoffer und Rucksack. Ich bin damals mit dem Zug gereist, hauptsächlich durch Großbritannien, aber auch ein bisschen durch Europa und sogar Amerika. Aber es gibt eben niemanden, den ich anrufen und fragen kann, was wir im Juni 2006 gemacht haben. Und ich bin so froh, dass ich diese Liste geführt habe, denn ich weiß nicht, an wie viel ich mich ohne sie noch erinnern würde. Ich habe ja auch mal ein Buch über das Touren geschrieben und auch das habe ich zu einem großen Teil deshalb getan, weil ich anfing, Dinge zu vergessen.
Ja, aber die Pandemie hat meinen Durchschnitt nach unten gezogen, das ärgert mich!
Das habe ich schon! In meinen späten 20ern und frühen 30ern gab es eine Zeit, in der ich noch viel mehr getourt bin. Die längste Zeit, die ich nicht zu Hause war, waren 13 Monate. Ich hatte damals nicht mal ein Zuhause. Wenn ich nicht auf Tour war, habe ich bei Freunden oder meiner Mutter gepennt. Lange Zeit konnte ich es mir auch gar nicht leisten, mit dem Touren aufzuhören, weil ich so meinen Lebensunterhalt verdiene. Inzwischen habe ich allerdings ein Haus, eine Frau und eine Katze – das habe ich gerade in der falschen Reihenfolge genannt (lacht)… Einige aus meiner Band und Crew haben Kinder, wir sind jetzt in unseren 40ern – und es ist schwieriger als früher. Wir gönnen uns inzwischen also mehr freie Tage als zum Beispiel 2007, wo wir einmal 26 Shows am Stück gespielt haben, ohne zwischendurch einen einzigen Tag frei zu haben. Das will ich heute nicht mehr, alle drei Tage brauche ich eine Pause. Wir lassen es heutzutage also definitiv ein bisschen entspannter angehen! Ich will mich nicht in meinen 40ern umbringen, weil ich so tue, als wäre ich 25…
Im Jahr 2009 habe ich schon mal 24 Shows in 24 Stunden gespielt, die waren aber alle in London und viele waren Hauspartys. Das war ziemlich chaotisch und wir haben das damals auch nicht wirklich dokumentiert. Über die Jahre wurde ich dann öfter gefragt, ob ich sowas nicht noch mal machen will. Anfangs dachte ich immer: Nein, verdammt! Aber dann guckte ich irgendwann nach, was der aktuelle Rekord ist – und er lag bei zehn Shows in 24 Stunden. Da dachte ich mir das kann ich schlagen! Zumal der Typ es mit einem Helikopter gemacht hat, was ja geschummelt ist. Also fingen wir an, es zu planen. Jede Show fand in einem unabhängigen Club statt, die Tickets wurden über unabhängige Plattenläden verkauft und so habe ich es geschafft, etwa 50% meines Albumbudgets dorthin zu leiten, was ich ziemlich cool finde.
Wir haben Mittags angefangen und bis zum Mittag das nächsten Tages gespielt. Der letzte Teil des zweiten Tages war sehr seltsam! Als ich fertig war, habe ich mir ein Taxi nach Hause genommen, was noch mal drei Stunden dauerte. Das war eine furchtbar Fahrt. Es hat auf jeden Fall ein paar Tage gedauert, bis ich mich erholt hatte (lacht).
Ich liebe das Molotow! In der Pandemie habe ich meine Zeit damit verbracht, Livestreams zu machen, um Geld für unabhängige Veranstaltungsorte zu sammeln. Das waren alles englische Clubs – mit Ausnahme des Molotows. Ich liebe es dort, es ist einfach fantastisch. Schon auf meiner ersten Deutschland-Tour 2009 habe ich im Molotow gespielt, damals noch an der alten Adresse. Ich glaube jeder, der Punk mag, hat dieses Ideal einer Show im Kopf: 200 Leute in einem Raum, der für 150 ist, der Schweiß tropft von der Decke, Körper fliegen und es herrscht totales Chaos. Genau das ist das Molotow. In der Musikbranche trifft man oft auch Leute, die dort aus seltsamen Gründen zu arbeiten scheinen, aber wenn ich ins Molotow komme, habe ich sofort das Gefühl, bei meiner Familie zu sein.
Das Rock City in Nottingham ist der einzige Veranstaltungsort, den ich auf meinem Arm tätowiert habe. Deshalb habe ich meine 2.000 Show dort gespielt. Das Joiners Arms in Southampton ist der Ort, an dem ich das erste Konzert gesehen habe, als ich 14 war – eine Punkband namens Snug. Es gibt so viele tolle Clubs! Das Black Cat in Washington DC ist großartig, das Middle East in Cambridge, Massachusetts, die Horseshoe Tavern in Toronto. Ich könnte den ganzen Tag so weitermachen!
Weil wir hier über eine laute Form der Kultur sprechen – eine Form der Kultur, bei der es sehr stark um menschliche Interaktion geht. Das ist nichts, was man in seinem Schlafzimmer über Kopfhörer machen kann. Wenn man keine Orte hat, an denen die Leute zusammenkommen, laut sein und sich austoben können, dann wird es diese Punkrock-Kultur nicht mehr geben – und sie ist mein Leben. Nicht nur beruflich, sondern auch gesellschaftlich und persönlich. Ich bin schon als Kind zu Konzerten gegangen und das hat mein Leben verändert. Ich will, dass diese Form der Kultur überlebt, denn sie bedeutet mir alles. Es ist interessant: Viele Leute sagen, dass kleine Clubs wichtig sind, weil dort die Karrieren beginnen, die später in Arenen enden, und das stimmt zu einem Teil natürlich auch, wenn man sich mal anschaut, wer schon alles im Molotow gespielt hat. Aber es gibt eben auch eine Menge Kunst, die nur an diesen Orten stattfindet. Die gar nicht versucht, irgendwo anders hinzukommen. Und diese Kunst ist genauso wichtig. Viele meiner Lieblingsbands haben noch nie vor 200 Leuten gespielt, und ich möchte, dass sie einen Ort zum Spielen haben.
Ich glaube schon. Ein guter Freund von mir meinte vor ein paar Jahren mal zu mir: „Der einzige Moment, in dem du dich in deiner Haut richtig wohl zu fühlen scheinst, ist auf der Bühne“. Ich empfand das als großes Kompliment. Es brachte mich auch dazu, über den Rest meines Lebens nachzudenken… Aber die Sache ist die: Live zu spielen, ist die eine Sache, die ich definitv gut kann. Alles andere wäre nach fast 3.000 Shows auch traurig (lacht). Wenn ich auf der Bühne stehe, fühle ich mich nützlich. Und nicht alleine. Und das passiert sonst eher selten in meinem Leben.
Die verrückteste Show, die ich je gespielt habe, war vor einer Autowaschanlage am Rande einer Autobahn in Sierra Leone. Die Bühne war aus Holz gebastelt, die Anlage war völlig im Eimer und ich war die Vorband für einen Rap-Battle zwischen allen Gangs im Osten von Freetown. Das Event war eine Art Friedensinitiative, um die Gewalt in Freetown zu stoppen. Ein Freund von mir, Sänger der Band Black Street Family aus Freetown, hatte es organisiert. Sein Ziel für den Abend war, dass niemand erschossen wird… Ich spielte 20 Minuten oder so, alle hatten Spaß. Aber ich fühlte mich sehr privilegiert, während ich davon sang, den letzten Bus zu verpassen und so Zeug. Danach saß ich mit einem Kumpel da, trank Palmwein – was im Grunde genommen Benzin ist, soweit ich das beurteilen kann – sah diesen unglaublichen Freestyle-Rappern zu und dachte: Das ist definitiv das seltsamste, das ich je gemacht haben. Ich war schon auf einigen verrückten Raves und Partys, aber das war echt crazy.
Oh ja. Im Mai hab ich in Madrid mit NOFX auf der Bühne gestanden. Immer, wenn ich bei einem ihrer Konzerte anwesend bin, spiele ich beim letzten Song Gitarre. Ich habe das also schon zig Mal gemacht. Aber an dem Abend wusste ich, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich sie auf ihrer Abschiedstour sehe. Diese Band bedeute mir mehr, als ich jemals in Worte fassen könnte. Da kamen mir also ein paar Tränen. Ich erinnere mich aber auch an eine Show on Oxford im Jahr 2021 – meine erste ausverkaufte Show in Großbritannien nach Corona. Als ich „The Ballad of Me and My Friends“ spielte, ein sehr altes Lied, brauchte ich das Mikrofon nicht, weil das Publikum so laut mitsang. Das werde ich nie vergessen.
Nein. Ich bin aufgeregt, aber das ist etwas anderes. Nervös bin ich nur, wenn ich nicht weiß, was mich erwartet. Vor ein paar Jahren hat mich meine ältere Schwester mal dazu gebracht, eine Show für die Schulklasse ihres Sohnes zu spielen. Es waren etwa 50 Kinder im Alter von sechs Jahren. Ich musste sechs Lieder spielen und war ziemlich nervös, weil ich nicht wusste, wie sie reagieren würden. Und ich muss sagen: Das war mein bisher härtestes Publikum! Sie sind unerbitterlich!
Ich versuche meine Stimme aufzuwärmen und meinen Rücken zu dehnen. Denn ich habe mich im Laufe der Jahre schon ziemlich umfassend verletzt… Ich bin von Dingen runtergesprungen, in Dinge hinein und hindurch gestürzt. Ich habe mir Zähne abgebrochen und Schienbeinknochen und Finger gebrochen. Ich habe immer noch eine Glasscherbe in einer Hand und eine Menge Narben an meinen Armen und Beinen. Aber so ist halt Punkrock…
Ich möchte unbedingt mal in Japan spielen! Ich habe dieses Jahr sogar einen meiner Songs auf Japanisch aufgenommen, was verdammt schwer war, aber ich war noch nie da. Und ich möchte unbedingt mal in Südamerika spielen. Eigentlich möchte ich überall spielen, wo ich noch nie gespielt habe…
48. Das letzte neue Land, in dem ich gespielt habe, war Bulgarien im Januar 2020. Ich habe eins meiner Lieder ins Bulgarische übersetzt. Danach hat mich der Promoter umarmt und gesagt „du bist der neue Premierminister von Bulgarien“ (lacht). Ich finde einfach es ist eine wunderbare Sache in einem anderen Land, in dem man noch nie zuvor gewesen ist, auf der Bühne zu stehen und durch die Musik eine Verbindung zu den Leuten herzustellen. Weil das zum Vorschein bringt, was wir alle gemeinsam haben.
Die „Undefeated“-Tour von Frank Turner startet am 15. Oktober in Oberhausen. Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.