Bild: Universal Music
Drei Jahre ist es her, dass Francesco Wilking mit dem selbstbetitelten Debütalbum seiner Crucchi Gang für Überraschung sorgte: Für das Projekt spielte der Sänger von Tele und Die Höchste Eisenbahn, dessen Mutter Italienerin ist, bekannte deutsche Rock- und Pop-Songs auf italienisch ein und traf damit einen Nerv. Mit „Fellini“ ist nun das zweite Album erschienen, für das Wilking unter anderem Joachim Witt und Reinhard Mey in Italo-Pop kleidete und Tocotronic, Jeremias und Lina Maly ans Mikrofon holte. Im Rahmen unserer Interview-Reihe „Backstage“ spricht er über Triumphe und Pleiten, Lampenfieber und Rituale sowie Konzertreisen durch Afrika.
Francesco Wilking: An mein allererstes Konzert kann ich mich nicht erinnern, aber ich weiß noch, was mein erstes großes Konzert war. Ich komme ja auch Lörrach und als ich 16 war, bin ich zusammen mit Freunden nach Basel gefahren, wo Dire Straits im St. Jakob-Park gespielt haben. Auf der einen Seite war das für mich wegen der Größe wahnsinnig eindrucksvoll, auf der anderen Seite aber total langweilig, weil ich das Konzert nicht besonders toll fand. Das krasseste war aber: Dire Straits spielten dort zwei Tage hintereinander und der zweite Abend wurde im Fernsehen übertragen. Das habe ich mir natürlich auch angesehen und es war alles genau gleich wie beim ersten Konzert – jede Ansage, jede Bewegung. Da habe ich gedacht das kann es doch nicht sein…
Viel an Erfahrungen, aber nicht so viel an schönen Erinnerungen (lacht).
Da gibt es viele Momente – positive, negative, skurille oder auch Momente, die so krass sind, dass man auf einmal eine Art Draufsicht auf sich selber hat. Völlig ohne Drogen, einfach als würde man drei Meter über sich schweben und zugucken, was man gerade macht. Sowas kann damit zu tun haben, dass es unfassbar viele Leute sind. Mit Die Höchste Eisenbahn haben wir auf dem Lollapalooza Festival zusammen mit AnnenMayKantereit mal eine Coverversion von Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen“ gespielt – vor 80.000 Leuten. Das hatte ich vorher noch nie und werde ich wahrscheinlich auch nie wieder erleben. Ich kann mich aber auch noch sehr gut an das erste Konzert meiner allerersten Band in einem Jugendzentrum erinnern, bei dem wir mitten im Konzert einen 20-minütigen Stromausfall hatten. Gleich beim ersten Konzert musste ich also improvisieren und ohne Mikrophon was erzählen – das war eine sehr gute Lehrstunde.
Das ist auf jeden Fall etwas anderes! Man muss sich dabei fragen, ob man anders sein möchte oder genauso, wie wenn man vor erwachsenen Menschen spielt. Ich finde das ist eine total interessante Frage, die man sich aber auch immer wieder stellen kann. Man muss da keine endgültige Haltung finden. Ich für mich finde es allerdings blöd, wenn ich bei Erwachsenen versuche cool zu sein und bei Kindern anfange mit Kindersprache. Ich halte es eher so, dass ich auf die Bühne gehe, ins Publikum gucke und in dem Moment, wo der erste Kontakt entsteht, entscheide ich, wie ich kommuniziere. Ich baue mir da nicht vorher eine Haltung oder so.
(Lacht) Ja! Man kann mit Kindern ganz andere Sachen machen, zum Beispiel kann man Kindern Fragen stellen. Wenn man das bei Erwachsenen machen würde, würden alle dastehen und sagen was soll das, wir sagen doch jetzt nicht alle gleichzeitig „jaaaaa“. Kinder machen das einfach! Die kann man auch fragen „wie heißt ihr?“ und dann schreit einfach jeder seinen Namen. Und mit Kindern kann man ganz anders Mitsing-Zeug machen. Da habe ich eine Weile gebraucht, aber inzwischen bin ich an dem Punkt, wo ich denke eigentlich wär‘s geil, wenn auch Erwachsene bei Konzerten immer den Refrain mitsingen würden!
Auf jeden Fall. Ich kann das allerdings nicht voraussehen und das hat auch nicht mit konkreten Faktoren zu tun. Also es ist nicht so, dass ich bei einem Konzert, auf dem viele Leute sind, automatisch Lampenfieber habe, sondern ich merke auf einmal, dass ich es habe. So wie man auf einmal merkt, dass man einen Schnupfen bekommt. Eine Stunde vor Beginn bin ich dann plötzlich aufgeregt. Meistens ist es dann zum Glück weg, wenn ich auf die Bühne gehe – aber manchmal auch nicht. Dann muss man damit irgendwie arbeiten. Ich habe da aber keine Techniken oder Tipps.
Nicht wirklich. Manchmal mache ich ein bisschen lalala, aber ich habe kein konkretes Einsing-Ritual. Ich versuche kurz vorher meistens in einen anderen Raum zu gehen, um ein bisschen alleine zu sein und runterzukommen. Aber manchmal geht das auch nicht, zum Beispiel wenn man auf Festivals spielt und kurz nachdem man angekommen ist schon auf die Bühne muss.
Ich habe immer Bücher dabei, die ich lesen will und dann doch nicht lese. Und ein Büchlein, in das ich Ideen für Texte schreibe. Aber das war’s dann auch schon.
Das Gloria in Köln mag ich sehr gerne, das ist irgendwie immer magisch. Ich weiß nicht, was das ist, aber man steht da auf der Bühne und kriegt direkt so viel ab von der Räumlichkeit und vom Publikum. Das hat wahrscheinlich was mit der Kölner Mentalität zu tun, dass die Leute sehr herzlich sind und viel Wärme ausstrahlen. Mein anderer absoluter Lieblingsclub ist das Uebel & Gefährlich in Hamburg, im Bunker oben. Generell kann man sagen: Ein Club bringt ja immer etwas mit in Bezug auf die Akustik und die Geschichte, aber ein neuer Laden kann auch toll sein, denn zu 90% hängt es am Ende am Publikum.
Nicht konkret irgendwelche Persönlichkeiten, Stars oder Interpreten. Wenn ich mit einem Idol von mir auf der Bühne stehen würde, würde mich das glaube ich eher hemmen. Viel mehr würde mich reizen, mit anderen Musikern auf der Bühne eine bestimmte Art von Musik zu machen. Mit meiner Band Tele haben wir für das Goethe-Institut mal eine Reihe von Konzerten in Afrika gespielt. Gleich beim dem ersten Konzert wurde uns klar, dass da so viel Musik ist, dass wir uns nicht bloß hinstellen und unsere Songs präsentieren wollen, sondern mit den Leuten zusammen Musik machen möchten. Ab da haben wir jeden Abend nach dem ersten Lied gefragt, ob MusikerInnen, SängerInnen oder RapperInnen im Publikum sind, die wir dann auf die Bühne geholt haben. Ich würde nach wie vor total gerne mal afrikanische Musik mit anderen Leuten machen. Oder auch südamerikanische Musik. Ich war vor ein paar Jahren in Brasilien und das war für mich eine große Inspiration.
Das war immer eine tolle Erfahrung. Auf einmal ist man an Orten, wo man sonst vielleicht nie gelandet wäre. Wir haben für das Goethe-Institut zum Beispiel auch mal in Usbekistan gespielt. Ich wäre alleine nie nach Usbekistan gefahren, aber es war eine wunderbare Erfahrung. Sowas verbindet, weil man anderen Kulturen dadurch näherkommt. Man hat dann eine ganz andere Verbindung dazu, wenn man über diese Orte etwas in den Nachrichten liest oder hört. 2007 haben wir mal in Wuhan gespielt. Das war für mich ein Ort mit wunderbaren selbstgemachten Nudeln, einer bestimmten Art von Kultur und Menschen und toller Natur in der Nähe – und dann war Wuhan plötzlich nur noch gleichbedeutend mit Corona… Das fand ich sehr schade.
Sicher. Ich weine nicht bei großen, persönlichen, schlimmen Sachen, sondern eher in sentimentalen Situationen – wenn ich einen Film oder eine Serie gucke und etwas anrührendes passiert. Und es gab auch Bühnenmomente, wo ich Tränen in den Augen hatte. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Auftritt auf einem Festival mit Die Höchste Eisenbahn. Es war dunkel, um uns herum nur Natur, wir haben eine Ballade gespielt und das Publikum hielt die Feuerzeuge und Handys hoch. Als ich dann beim Singen in den Himmel guckte, sah ich eine Sternschnuppe – aber nicht nur ich, sondern das ganze Publikum hat sie auch gesehen, weil sie wirklich groß war. Das sind so Momente, in denen viele verschieden Faktoren zusammenkommen. Möglich, dass ich da ein im Knopfloch hatte (lacht).
Im Juni ist die Crucchi Gang live in Hamburg und Berlin zu sehen. Mit dabei sind als Gäste Antje Schomaker, Jeremias und Lina Maly sowie in Berlin zusätzlich Sven Regener. Die genauen Termine und Tickets findet ihr, wenn ihr auf den Button klickt.