Bild: Olaf Heine
Anna Loos ist nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Sängerin erfolgreich: 2006 wurde sie Frontfrau der Rockband Silly, mit denen sie mehrere Alben aufnahm, bevor sie 2019 ihr Solodebüt veröffentlichte. Ihr zweites Album „Das Leben ist schön“ ist gerade erschienen und führt Anna Loos im September auf große Deutschlandtour. Im Rahmen unserer Interview-Reihe „Backstage“ spricht die 52-Jährige über Lampenfieber, „The Masked Singer“ und das Leben auf Tour.
Anna Loos: Ich wohnte mit meinen Eltern damals in der Nähe des Brandenburger Theaters, deswegen war mein erstes Konzerterlebnis Klassik. Das Theater war ein Dreispartenhaus und hatte ein eigenes Orchester. Auch Zuhause lief bei uns viel Klassik – Sachen wie Peter und der Wolf zum Beispiel. Später war ich dann auch auf Rock- und Popkonzerten und habe Bands wie Keimzeit und Feeling B gesehen. Das Konzert, das mich am meisten beeindruckt hat, war aber Silly. Da ist mein Vater mit mir hingegangen, weil ich mir das so gewünscht habe.
Das war ja viele Jahre später, da hatte ich schon eine Menge Berufserfahrung und ein anderes Selbstbewusstsein. Als Jugendliche wäre ich in Schockstarre verfallen (lacht). Als die Sillys mich fragten, dachte ich warum nicht! Ich bin Fan der deutschen Sprache und dieser Band und mir hat das leid getan, dass sie zehn Jahre geruht haben und keinen Motor mehr hatten. Wir haben es dann ausprobiert und es fühlte sich so gut an, dass ich gar keine Fragezeichen hatte. Ich bin sowieso ein Mensch, der sehr auf seinen Bauch hört, und mein Bauch hat gesagt mach das!
Da kommen zwei Sachen zusammen. Zum einen spiele ich als Schauspieler immer eine Rolle. Natürlich kann man sich dabei einbringen, aber am Ende bleibt es eine Kunstfigur. Das ist nicht Anna – und das ist der große Unterschied zur Musik. Da bin ich zu 100 Prozent Ich. Das sind meine Gedanken und Gefühle, die mit Beifall und Zuhören bedacht werden. Und der zweite Punkt ist: Ich mache meine Musik ja selber und überlege mir genau, was ich den Leuten mit meinen Songs mitgeben will. Dabei versuche ich meine Themen so zu komprimieren, dass ich meine Geschichte da rausnehme, damit die Zuhörer Platz für ihre haben. Wenn man die Songs dann live spielt, sieht man in den Gesichtern des Publikums, ob ihre Geschichten ablaufen. Bei mir hopsen die Leute ja nicht oder machen verrückte Tänze, aber wenn ich sehe, dass sie sich da andocken können, ist das ein richtiges Glücksgefühl. Das ist der stärkste Moment.
Ja, ganz furchtbar! Ich muss immer auf Toilette. Bevor wir auf die Bühne gehen, renne ich dreimal auf Toilette, aber wenn es dann heißt „jetzt gehen wir raus“, rufe ich „nein, halt, Stopp, ich muss noch mal auf Toilette“ (lacht). Ganz schlimm. Es lachen sich schon immer alle tot darüber.
Ja, sobald ich reingehe in den Song. Dann wird es ausgetauscht durch Endorphin. Das ist ja ein ganz schöner Endorphin-Rausch, wenn man auf der Bühne steht. Ich sage deswegen immer nach einem Konzert könnte ich – egal, wie spät es zu Ende ist – mindestens noch 300 bis 400 Kilometer Autofahren, weil ich so wach und angezündet bin. Ich könnte mich niemals direkt nach einem Konzert hinlegen und schlafen.
Ich war vor ein vor ein paar Monaten bei Bon Iver in der O2 Arena, das hat mich wirklich zutiefst beeindruckt. Klanglich, aber auch die Lichtshow. Man muss natürlich ein großer Act sein, um sich das leisten zu können, aber das war einfach unglaublich und ich habe danach lange darüber nachgedacht, was ich selbst noch besser machen kann. Wie die es geschafft haben, auf der Bühne ein Tier zu werden, ein Lebewesen – unfassbar.
Ja, bei manchen Nummern auf jeden Fall. Auf meinem Album „Werkzeugkasten“ gab es einen Song mit dem Titel „Was ich dir noch sagen will“, in dem es darum ging, dass jemand stirbt, den ich sehr mag, mit dem ich so viele Sachen noch nicht gemacht habe und dem ich noch so viel sagen wollte, und dass es nicht sein kann, dass dieses Leben jetzt vorbei ist. Diese Geschichte hatte ich eigentlich ganz gut verarbeitet, aber das Leben geht ja weiter. Irgendwann spielte ich den Song wieder, es war gerade jemand anders verstorben und es passte total. In solchen Momenten kommen mir dann schon mal die Tränen.
Meinen ersten Auftritt mit Silly! Das war glaube ich in Babelsberg. Ich hatte Zuhause geübt, bis der Arzt kommt und war natürlich mega aufgeregt. Von unserer ersten Show an habe ich immer eine Kamera aufgestellt und mitgefilmt, damit ich mir das hinterher anschauen kann. Als ich die Show dann ansah, dachte ich nur „mein Gott“… Ich habe die Songs zwar okay gesungen, aber eineinhalb Stunden ganz steif und schüchtern an meinem Mikrofon gestanden (lacht). Im Publikum waren aber auch diese typischen Brandenburger, die da mit verschränkten Armen standen. Als wollten sie sagen „erstmal gucken, wie die das macht“. Die Zuschauer haben eine solche Kraft, das denkt man gar nicht, wenn man im Publikum steht. Aber beim vierten Lied haben wir sie dann geknackt!
Der war vor kurzem bei „The Masked Singer“! Ich hatte dieses Kostüm total unterschätzt. Ich dachte die werden das ja so machen, dass man darunter singen kann – aber weit gefehlt! Als ich das erste Mal diesen Seepferdchen-Kopf auf hatte, dachte ich, ich kippe nach drei Minuten um, weil ich keine Luft mehr kriege. Ich hab auch nichts gesehen und konnte mich ganz schlecht bewegen. Aber von Show zu Show bin ich da reingewachsen, habe besser Luft gekriegt und ein paar von den Pailletten abgeschnitten, damit ich nicht überall gegen renne. Als Künstler ist man ja ein Assimilierungswunder!
Ich glaube nicht. Der Mut, so zu sein, wie man möchte, kommt glaube ich nicht vom Verstecken sondern von der Art, vom Selbstbewusstsein. Es gibt Leute, die sind ganz jung und mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein ausgestattet. Der Sänger von AnnenMayKantereit zum Beispiel, der weiß um seine Wirkung und kann das toll einsetzen. Andere müssen sich das über Jahre erarbeiten. Aber ich glaube es geht da um eine innere Einstellung und Haltung. Kann ich, wenn ich will, die Sau rauslassen oder habe ich Angst, dass ich doof aussehe, den Ton nicht treffe oder die Leute es nicht mögen? Wenn man zu viele Fragezeichen im Kopf hat, hemmt einen das – ob man nun eine Mütze auf dem Kopf hat oder nicht.
Auf jeden Fall. Weil ich so beeindruckt war von Bon Iver, habe ich für meine kommende Tour in Abstimmung mit meiner Band ein paar Geräte bestellt und das guckt er sich ganz genau an. Wir besuchen uns auch oft bei den Proben und schauen uns Konzerte des anderen an. Ab einem gewissen Punkt muss man dann aber auch sein eigenes Ding machen, denn wenn einem zu viele Leute reinreden, macht man irgendwann nicht mehr das, was man selbst will, sondern eine Mischung von allem.
Die Tage gehen schneller rum, als man denkt! Jemand wie Helene Fischer wird überall hingeflogen, aber ich bin ja ein kleiner Boutique-Act, ich helfe schon mit. Wenn man aufwacht, ist der Nightliner meistens schon angekommen. Dann trommeln wir erst mal Leute zusammen, die helfen, den Anhänger auszuladen. Anschließend dusche ich, frühstücke, und wenn die Bühne aufgebaut ist, setze ich mich dahin und trinke einen Kaffee, um mich schon mal ein bisschen heimisch zu fühlen. Jede Bühne ist ja anders und bei mir ist das wie mit Abendkleidern: Ich muss mich da ein paar Stunden vorher reinfühlen, sonst denke ich, ich gehöre da nicht hin. Am Nachmittag machen wir dann Soundcheck, gehen vielleicht noch mal die Setlist durch, oft helfe ich beim Aufbau des Merchandise-Stands oder habe noch was zu arbeiten. Direkt vor der Show singe ich mich dann ein, ziehe mich an, schminke mich und dann geht es los.
Ich finde es ganz schön, wenn man die Zeit nutzt, um sich ein bisschen fit zu halten. Entweder ich rolle eine Yoga-Matte aus oder ich gehe laufen. Und wenn die Zeit reicht, versuche ich auch gerne mir die Stadt anzuschauen. Das ist ja das Geschenk, das man hat, dass man durch die Lande zieht und so viele Orte sieht. Ich habe dann auch eine ganz andere Verbindung zum Publikum, wenn ich vorher gesehen habe, wie sie leben.
Ich habe ja 13 Jahre in Hamburg gelebt und studiert. Die Fabrik ist für mich ein legendärer Schuppen, denn da habe ich Acts gesehen, die es heute zum Teil gar nicht mehr gibt. Künstler wie Prince oder Chris Cornell. Mit Silly bin ich dort schon mal aufgetreten, alleine war ich aber bisher nur im Mojo Club. Von daher freue ich mich sehr, dass ich auf meiner kommenden Tour in der Fabrik spielen darf!
Im September geht Anna Loos auf „Das Leben ist schön“-Tour. Die genauen Termine und Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.