Bild: Alissa White-Gluz and Doyle W. Von Frankenstein Bild: Alissa White-Gluz and Doyle W. Von Frankenstein
Metal

Zum Weltfrauentag 2021: ALISSA WHITE-GLUZ von Arch Enemy im exklusiven Interview

08.03.2021 von Ben Foitzik

In unserem Countdown zum Weltfrauentag haben wir Alissa White-Gluz, Sängerin der Melodic-Death-Metal-Band Arch Enemy, vergangene Woche bereits als eine unserer Heldinnen des Heavy-Genres gefeiert. Nun legen wir noch einmal nach: Im exklusiven HEADLINER-Interview spricht die Kanadierin über ihre Einstellung zum Weltfrauentag, die Stellung der Frau im Musikbusiness und darüber, mit welchen Vorurteilen sie als Sängerin einer Death-Metal-Band immer noch zu kämpfen hat.

Zugegeben, es ist vielleicht nicht sonderlich innovativ, am Weltfrauentag ein Interview mit Alissa White-Gluz zu veröffentlichen. Shirin David hat es vergangene Woche in ihrer Insta-Story in Anspielung auf die zahlreichen Medien-Anfragen, die sie zum Weltfrauentag bekommen hat, schon richtig gesagt: „Frauen existieren, ob ihr es glaubt oder nicht, 365 Tage im Jahr und nicht nur am Weltfrauentag. Ladet mich und meine Kolleginnen doch mal ein, wenn es um wichtige Diskussionen zu Themen wie Kultur & Politik geht. […] Ich bin nicht eure Quotenfrau, die ihr kostenlos abrufen könnt, wenn euch an einem Tag im Jahr mal wieder einfällt, dass eine Frau ja vielleicht doch etwas Nützliches zu sagen haben könnte.“

Absoluter Volltreffer.

Geschlechterkonventionen: zerbrüllt

Zu unserer Verteidigung können wir nur sagen: Wir sind 365 Tage im Jahr Fans von Arch Enemy und feiern, wie Alissa White-Gluz als Frontfrau dieser Band Geschlechter- und Genrekonventionen in Grund und Boden brüllt. Gerade in diesem musikalischen Genre, das vielleicht noch ein bisschen männerdominierter ist als alle anderen, ist sie eine absolute Ausnahmeerscheinung, die mit ihrer Einstellung und Power inspiriert und Maßstäbe setzt. Wer als Headliner vom Wacken Open Air gefühlte 100.000 Metalheads entertaint, deren Stimme hat Gewicht – nicht nur, aber natürlich auch am Weltfrauentag. Hach, was freuen wir uns darauf, Arch Enemy endlich wieder live zu sehen - im Package mit Behemoth wird das Ende des Jahres eine richtig fette Nummer.

Irgendwie sind wir ja auch ein bisschen stolz darauf, dass uns Alissa zum Internationalen Frauentag ein exklusives Interview gegeben hat. Zumal die Sachen, die sie sagt, wirklich bemerkenswert sind.

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Hallo Alissa! Die bloße Tatsache, dass wir Jahr für Jahr über den Internationalen Frauentag reden und ihn begehen, ist ein Beleg dafür, dass wir von der Gleichstellung noch weit entfernt sind – siehst du das auch so?

Absolut. Früher habe ich immer die Vorurteile, die mir entgegengebracht wurden, weggewischt, weil ich nicht so viel Aufmerksamkeit auf mich ziehen wollte. Die Frauenfeindlichkeit, mit der ich konfrontiert werde, ist aber nichts im Vergleich zu dem, was einige Frauen auf der Welt erleiden müssen. Nach 20 Jahren im Musik-Business könnte ich ein Buch darüber schreiben, wie ungemein wichtig es ist, weiterhin für Gleichheit zu kämpfen. Wahrscheinlich mache ich das irgendwann sogar wirklich.

Wie stehst du grundsätzlich zu diesem Tag? Ist es überhaupt sinnvoll, diesen einen Tag zu zelebrieren, während die Probleme, auf die er aufmerksam machen will, quasi jeden Tag allgegenwertig sind für Frauen auf der ganzen Welt?

Ich denke schon, dass es Sinn macht, einen Tag zu haben, an dem Frauen gefeiert werden. Einen Tag, mit dem man darauf aufmerksam machen kann, dass Frauen auf der ganzen Welt auf die unterschiedlichsten Weisen unterdrückt werden. Das mag Frauen in reichen Ländern und sicherer Nachbarschaft zwar unnötig vorkommen, aber denkt doch nur mal an die Mädchen, die schon als Kinder zwangsverheiratet werden; die bei grausamen traditionellen Praktiken Genitalverstümmelungen erleiden; die niemals das Gleiche wie ein Mann verdienen werden oder die genau wissen, dass sie nachts nicht alleine auf die Straße gehen können. Wir sind uns alle so sehr der Beschränkungen bewusst, die uns als Frauen auferlegt werden, dass wir fast schon an dem Punkt angekommen sind, dass wir sie akzeptieren. Einige davon sind weniger schlimm als andere, aber keine davon sollte Teil der kulturellen Norm bleiben. Wir haben 2021 – es gibt keinen Grund dafür, dass noch irgendjemand glauben sollte, das Geschlecht hätte irgend etwas damit zu tun hat, wozu man befähigt ist oder welche Rechte man hat.

Würdest du sagen, dass die Heavy-Metal-Kultur grundsätzlich etwas anerkennender gegenüber Frauen ist als andere Genres? Oder ist das zu verallgemeinernd?

Das ist schwer zu sagen. Eigentlich ist die Heavy-Metal-Kultur eine aufgeschlossene, fortschrittliche Szene. Ich treffe darin auch fast nur auf extrem angenehme, einfühlsame und intelligente Menschen. Ich habe in meiner Karriere aber auch schon Situationen erlebt, die das totale Gegenteil davon waren. Ich denke aber, dass Fans von harter Musik gute Songs und großes Talent zu schätzen wissen – unabhängig vom Geschlecht der Musiker.

Welche Frauen waren aus deiner Sicht wegweisend für die Rolle von Sängerinnen in der Metal- und Rockmusik? Hast du ein paar persönliche Heldinnen?

Ich liebe Brody Dalle von The Distillers, Courtney Love von Hole und Gwen Stefani von No Doubt. Ich weiß, dass No Doubt nicht wirklich heavy waren, aber mit „I’m Just a Girl“ hat sie wirklich ein paar wichtige Argumente vorgebracht. Courtney Love und Brody Dalle haben mir gezeigt, wie man Leadsängerin einer Band sein, sich die Eingeweide rausschreien und einem alles scheißegal sein kann. Als diese Bands groß geworden sind, war ich gerade in der Grundschule. Es war ziemlich spannend für mich, eine Frau in einem Bandgefüge zu sehen und nicht als einzelner Popstar.

Würdest du sagen, dass Frauen immer noch Zugeständnisse machen müssen, wenn sie im Musikbusiness etwas erreichen wollen? Simone Simons von Epica hat mir zum Beispiel erzählt, dass sie Kolleginnen kennt, denen man Dinge gesagt hat wie „Es wäre schon besser, wenn du beim Fotoshooting ein bisschen mehr Haut zeigst“.

Das habe ich auch gehört – und Schlimmeres. Frauen MÜSSEN diese Dinge nicht machen, wir werden aber oft dazu gedrängt, es zu tun. Ich habe mich nie zu solchen Dingen herabgelassen und werde es auch nie tun. Bei solchen Andeutungen gehe ich sofort auf die Palme – ob es mich selbst betrifft oder eine andere Frau. Glücklicherweise können viele von uns sagen, dass wir etwas einfach nicht machen, wenn es nicht dem entspricht, wer wir sind. Ich habe wirklich viele Kolleginnen, mit denen ich eng befreundet bin, und wir können uns gemeinsam über solche Dinge lustig machen, was manchmal echt hilfreich ist.

Wenn Frauen selbstbewusst auftreten und sich auch so kleiden, heißt es schnell „sie nutzt ihr Aussehen aus“, „sie ist billig“ oder Ähnliches. Stimmst du zu, dass das Musikbusiness und auch die Gesellschaft von dieser Bigotterie durchzogen ist?

Absolut. Aus irgendeinem Grund denken einige Leute, dass das Aussehen einer Frau für sie ist. Das ist es nicht – es ist für die Frau selbst. Sie sieht aus, wie auch immer sie aussehen will, weil es ihr gefällt. Was mich betrifft, kann sich eine Frau anziehen, wie sie möchte, solange es Ausdruck ihrer selbst ist. Sie kann sich ausziehen, sie kann Tonnen von Make-up tragen, sie kann kein Make-up tragen oder sich eine Glatze scheren. Was auch immer sie wählt – ich bin stolz auf sie, weil sie sie selbst ist. Ich liebe Frauen, die gegen den Strom schwimmen. Es ist doch so: Menschen beurteilen andere aufgrund ihres Aussehens, besonders Frauen. Das ist beinahe unausweichlich. Die Gesellschaft zwingt die Menschen dazu, ein bestimmtes Aussehen anzunehmen – und sobald sie diesen Ideal-Look erreicht haben, hält man sie für oberflächlich und seelenlos. Schönheit und Intelligenz schließen einander nicht aus. Sie haben überhaupt nichts miteinander zu tun.

Junge Künstlerinnen wie Billie Eilish zeigen, dass du erfolgreich sein kannst, ohne deinen eigenen Style zu verleugnen oder dir von anderen diktieren zu lassen, wie du auszusehen hast. Glaubst du, dass ihr Erfolg ein Gamechanger für junge Mädchen auf der ganzen Welt sein könnte?

Ja! Ich glaube, es vollzieht sich gerade ein Wandel, weg von den utopischen Schönheitsidealen und hin zu realistischen Erwartungen. Ich finde, dass es gerade ziemlich viele Künstlerinnen gibt, die nicht der typischen Popstar-Gussform entsprechen, und das finde ich ziemlich spannend.

Als Sängerin einer international erfolgreichen Metalband – siehst du dich auch als Vorbild, gerade für Mädchen und Frauen in Ländern, in denen die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern noch deutlicher ist als anderswo? Kannst du etwas von deiner Stärke weitergeben, vor allem mit deinen kraftvollen Live-Performances?

Ja, heute glaube ich das. Ich bin sehr eng mit meinen Fans und kann den Effekt in Echtzeit sehen. Ich versuche immer, diese Power weiterzugeben. Ich liebe es, kleine Kinder und Frauen bei meinen Shows zu sehen, weil ich das Gefühl habe, dass ich ihnen genau das gebe, was ich damals gebraucht habe, als ich noch selbst im Publikum stand.

Glaubst du, man sollte als Band mit einer Frontfrau in Ländern spielen, in denen eine frauenfeindliche Kultur vorherrscht, oder sollte man das boykottieren? In Katar gab es ja kürzlich etwas Ähnliches im Beachvolleyball.

Das ist eine schwierige Sache. Ich müsste mich im Vorfeld richtig gut informieren, um sicherzustellen, dass ich dem Publikum etwas Positives bringe, ohne ihnen gegenüber respektlos zu sein. Ich weiß, dass wir auch tolle Fans in Ländern haben, in denen es eher schwierig ist, eine Show zu buchen. Das ist aber nicht der Fehler der Fans, und auch sie haben es verdient, ein Konzert zu sehen.

Was ist dein Rat für junge Mädchen, wenn es darum geht, sich in einer männerdominierten Welt zu behaupten?

Kenne deinen Wert. Lass dich von niemandem dazu bringen, an dir selbst zu zweifeln. Lass dich von niemandem verarschen. Bewahre dein Selbstvertrauen. Fordere dich selbst heraus.

Was hältst du von Social Media, wenn es darum geht, wie Mädchen und Frauen sich selbst sehen? Ist es etwas Gutes oder ist es kontraproduktiv?

Es ist ein zweischneidiges Schwert. Warum bekommt ein Mann „Charakter“, wenn er älter wird, während eine Frau einfach „alt“ ist? Warum sind die große Mehrheit von Schönheits-OP-Patienten junge Frauen? Ich finde, dass Social Media zum Großteil schädlich für das Selbstverständnis ist. Es baut aber auch eine gewisse Toleranz auf, ein dickes Fell, und das kann auch zu Stärke und Selbstvertrauen führen.

Fändest du es eigentlich besser, wenn es gar kein Thema mehr wäre, dass du als Frau in einer Metalband singst, und alle nur noch über die Musik von Arch Enemy reden würden? Oder ist es nach wie vor eine Chance, Dinge wie Geschlechtergleichheit zu adressieren?

Tatsächlich reden wir oft einfach nur über die Musik. Ich finde, wir haben eine Glasdecke durchbrochen, also klettere ich einfach immer weiter nach oben, egal welche Hindernisse auch kommen mögen. Irgendjemand muss es ja tun. Ich schäme mich nicht dafür, eine Frau zu sein. Ich bin stolz darauf.

Mit welchen Vorurteilen must du als Sängerin einer Death-Metal-Band immer noch kämpfen?

Oh, sehr vielen. Die Menschen glauben nicht, dass das wirklich meine Stimme ist. Die Menschen glauben, dass ich den Erfolg nur aufgrund meines Aussehens erlangt habe. Sie ignorieren die Dekaden strapaziöser und teurer Knochenarbeit, die ich geleistet habe. Die Tatsache, dass ich Jobs, Beziehungen, Freunde, Familie und vieles mehr geopfert habe, um mit der Musik voranzukommen. Alle Musikerinnen und Musiker leisten EINE MENGE Arbeit, die das Publikum nie sieht. Sie sehen nur die Spitze des Eisbergs. Was darunter liegt, macht uns zu dem, wer wir sind.

Warum wären Arch Enemy genauso erfolgreich, wenn es eine reine Männerband wäre?

Weil die Band aus Weltklasse-Musikern besteht, die eine unerschütterliche Arbeitsphilosophie haben, besessene und hingebungsvolle Songwriter sind und ihre Fähigkeiten und jeweiligen Instrumente über die Dekaden feingeschliffen haben. Genauso wie ich denke, dass Iron Maiden, Metallica oder Slayer genauso großartig wären, wenn sie Sängerinnen hätten.

Danke für das Gespräch, Alissa!

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