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Interviews

Im Interview: MARC MARTEL erzählt uns von seiner „One Vision of Queen“

08.08.2022 von Nicole Pietzsch

Wenn man die Augen schließt und seinem Gesang lauscht, könnte man meinen, Freddie Mercury singen zu hören. Marc Martels Stimme ist der des ikonischen Frontmanns derart ähnlich, dass es schier unglaublich klingt. Unter dem Titel „One Vision of Queen“ singt der Kanadier all die unvergessenen Queen-Klassiker, die so vielen Menschen so viel bedeuten. Bei der „Queen Extravaganza“ stand er mit Roger Taylor und Brian May gemeinsam auf der Bühne, für den Film „Bohemian Rhapsody“ lieh er Hauptdarsteller Rami Malek für mehrere Songs seine Stimme und heute macht er „One Vision of Queen“ zu einer der spektakulärsten Queen-Tribute-Shows weltweit – und das wohlgemerkt ganz ohne Schnauzbart und gelbe Lederjacke.

„One Vision of Queen“ live 2023

Ab September 2023 geht Marc Martel mit „One Vision of Queen“ auf große Deutschlandtour. Im Gespräch mit uns verriet der sympathische Ausnahmesänger, wann er Queen für sich entdeckt hat, wie es sich anfühlt, mit den verbliebenen Mitgliedern der Kultband die Bühne zu teilen, welche Queen-Songs er am live liebsten performt und vieles mehr.


Hi Marc, erzähl doch mal: Mit welcher Musik bist du aufgewachsen? Du warst ja nicht schon immer Queen-Fan, oder?

Nein, da hast du recht, das war ich nicht – ich habe überhaupt kein Queen gehört. Daheim haben wir viel Gospelmusik gehört, da mein Vater Pastor ist und meine Mutter in der Kirche Klavier spielt und den Chor leitet. Das war natürlich einer der Hauptgründe, warum ich mit der Musik angefangen habe. Ich habe mich sehr früh für Popmusik begeistert. George Michael war einer meiner frühen Lieblingskünstler, ebenso Michael Jackson und all diese Achtzigerjahre-Musik. In den Neunzigern habe ich mich dann für aggressivere Musik interessiert und als die Grungebewegung anfing, wurde ich ein großer Pearl-Jam-Fan. Ich fand Pearl Jam immer besser als Nirvana, da mir Nirvana immer zu depressiv und düster waren – ich wollte Musik hören, die mich inspiriert. Seitdem höre ich eher Bands, die Pop-Rock oder etwas in dieser Richtung spielen.

Hast du die Ähnlichkeit zwischen deiner und Freddies Stimme selbst bemerkt oder haben dich andere darauf hingewiesen?

Das war auf jeden Fall etwas, das mir andere Leute mitgeteilt haben. Das erste Mal, dass ich einen Queen-Song gehört habe, war in den frühen Neunzigern in dem Film „Wayne’s World“, in dieser einen berühmten Szene, in der fünf Typen im Auto sitzen und „Bohemian Rhapsody“ hören. Damals war ich aber noch zu jung und meine Stimme noch nicht ausgereift genug, um zu erkennen, dass da irgendwann mal eine Ähnlichkeit zwischen meiner Stimme und der dieses Sängers sein würde. Aber ich war beeindruckt davon, wie hoch er singen konnte. Ich wusste, dass ich eine höhere Stimme hatte als meine Altersgenossen und als Freunde, die Musik machten, und ich dachte: Hey, so eine hohe Stimme ist wirklich interessant, damit kann man viel Cooles anstellen. Als ich dann meine eigene Band hatte (Downhere – Anm. d. Verf.) und wir durch Nordamerika tourten, teilten mir Leute bei unseren Shows sehr regelmäßig mit, dass ich wie Freddie Mercury klingen würde – und das war, als ich meine eigene Musik sang. Das ist nun also schon seit Langem Teil meines Lebens.

Musstest du ein spezielles Gesangstraining durchlaufen, um dann wirklich genauso zu klingen wie Freddie?  

Freddie war ja Brite, und die Musik von Queen mit amerikanischem Akzent zu singen, klingt seltsam, daher habe ich meinen Akzent ein wenig angepasst. Zudem unterscheidet er sich von mir als Künstler und traf andere künstlerische Entscheidungen als ich sie in meiner eigenen Musik treffen würde. Ich passe meine emotionale Intensität an seine an. Es ist aber weniger eine Imitation als eine Interpretation. Ich spiele diese Musik nun seit zehn Jahren und kenne sie sehr gut. Und ich habe Live-Aufnahmen von Freddie gesehen, in denen er die Melodien ein wenig verändert hat, vielleicht, weil er stimmlich nicht ganz auf der Höhe war oder einfach, um es für sich selbst interessanter zu gestalten. Daher weiß ich, dass ich einen Song ein wenig verändern kann und dennoch im Kern das erfassen kann, was Freddie gemacht hätte. Auf jeden Fall bin ich durch das Singen dieser Musik zu einem besseren Sänger geworden. Mein früherer Bandkollege und Co-Sänger hat mich neulich live gehört und fragte: Wie kann deine Stimme jetzt besser sein als früher? Ich denke, das habe ich Freddie Mercury zu verdanken.

Du hast gemeinsam mit Brian May und Roger Taylor auf der Bühne gestanden. Wie hat sich das angefühlt?

Das war in vielerlei Hinsicht ein surrealer Moment. Bis dahin hatte ich nie wirklich etwas von Queen vor Publikum performt. Es war die Premiere von „Queen Extravaganza“. Roger Taylor hatte die Band zusammengestellt – und ich war der Leadsänger. Und damit nicht genug, dieser erste Auftritt fand bei „American Idol“ statt, live und mit 19 Millionen TV-Zuschauern. Es war einer der spannendsten Momente meines Lebens. Gegen Endes des Songs „Somebody to Love“ wurde der Vorhang gelüftet und Brian May und Roger Taylor stehen da und plötzlich spiele ich nicht einfach in einer Tribute-Band, sondern tatsächlich mit Queen. Anschließend habe ich noch fünf oder sechs Jahre mit Roger in dieser Band gearbeitet und dabei viel gelernt. Es war einfach cool, mit so jemandem Zeit zu verbringen.

Du erwähntest gerade „Somebody to Love“. Es gibt ein Video von Celine Dion, die Tränen in den Augen hat, während sie dir zusieht, wie du diesen Song performst. Gibt es einen Queen-Song, bei dem du selbst auf der Bühne emotional wirst?

Ich habe das Gefühl, dass „Under Pressure“ ein besonders befreiender Song ist, weil ich die Leadvocals mit einem anderen Bandmitglied teile. Es ist der einzige Song, den wir spielen, an dem ein zweiter Gesangs-Solist beteiligt ist. Ich schätze diese Kameradschaft, weil sie mich an meine frühere Band denken lässt, in der ich nicht der einzige Sänger war, sondern ein Co-Leadsänger meines guten Freundes. Immer wenn wir „Under Pressure“ singen, erinnert mich das daran und lässt mich emotional werden.

Ist das also der Song, den du am liebsten performst?

Ja, es ist einer meiner liebsten. „Bohemian Rhapsody“ ist aber schwer zu toppen. Und „Somebody to Love“ hat einen besonderen Platz für mich, weil es der Song war, mit dem alles begann.

Wie fühlt es sich denn generell an, diese Songs live zu singen? Es muss ja eine geradezu magische Energie im Raum herrschen und das Publikum wird doch sicher auch emotional dabei.

Normalerweise kann ich die ersten zwei oder drei Reihen sehen, dahinter ist alles schwarz. Die Leute in den vorderen Reihen fangen manchmal an zu weinen, besonders bei Songs wie „Love of My Life“. Es ist großartig, wie viel diese Musik den Menschen bedeutet, wie sehr sie die Präsenz von Freddie Mercury in der Welt vermisst haben und wie sehr er Millionen von Menschen auf der ganzen Welt berührt hat. Daher empfinde ich es als sehr sinnvoll und wichtig, die Musik von jemand anderem zu performen, denn ich sehe, wie es die Leute berührt und das ist jedes Mal eine gute Sache.

Welcher Queen-Song stellt aus deiner Sicht die größte Herausforderung dar?

Nun, die Songs, die wir regelmäßig bei unseren Konzerten performen, habe ich so oft gesungen, dass ich sie nicht mehr als Herausforderung bezeichnen würde. Ein Song, den ich ein paarmal performt habe, ist „The Prophet’s Song“ vom „A Night at the Opera“-Album. Der ist total verrückt. In der Mitte gibt es eine Stelle, an der Freddie ganz alleine singt, mit einem Echo seiner Stimme. Es ist also nur seine Stimme mit einem Echo und das muss perfekt sein, denn die Band spielt dabei überhaupt nicht mit. Sollte ich da in der Tonhöhe auch nur leicht abweichen, klingt es total schräg, sobald die Band wieder dazukommt. Wenn ich das nicht richtig hinbekomme, bemerkt das Publikum vermutlich, dass entweder ich oder die Band einen Fehler gemacht hat. Diesen Song würde ich als technisch anspruchsvollsten bezeichnen. Abgesehen davon ist „The Show Must Go On“ total schwierig, weil der Gesang an vielen Stellen fast schon Geschrei ist, was die Stimme stark strapaziert.

Gibt es etwas in Freddies Stimme, von dem du sagen würdest, dass es unmöglich ist, es zu imitieren, auch wenn du ihm sehr nahe kommst?

Unmöglich … (überlegt)? Nein. Obwohl ich sagen muss, dass seine Stimme im Laufe seiner Karriere etwas tiefer wurde als meine es ist, in Bezug auf die tiefsten Töne, die er erreichen konnte. Ich erinnere mich, dass ich „Going Slightly Mad“ für den Film aufgenommen habe („Bohemian Rhapsody“ aus dem Jahr 2008, für den Marc Martel einige Nummern eingesungen hat – Anm. d. Verf.). Diese Aufnahme wurde letztlich aber nicht verwendet. Ich glaube, bei diesem Song hat Freddie damals entschieden, möglichst tief statt hoch zu singen und den Leuten zu zeigen, wie tief er singen kann. Und er konnte eindeutig tiefer singen als ich. Ich hatte so meine Schwierigkeiten bei diesem Song.

Was darf das Publikum von den bevorstehenden „One Vision of Queen“-Shows erwarten?

Sie werden etwas hören, dass so nah an Queen ist, wie es im Jahr 2023 nur möglich ist. Ich denke, wir klingen mehr nach Queen als irgendwer sonst in der Welt. Die Show wird natürlich stark energiegeladen sein – man kann schließlich nicht stillstehen, wenn man Freddie Mercurys Musik performt. Ich treibe ganz schön viel Sport auf der Bühne. Außerdem ist es eine andere Art von Tribute-Show. Wir geben nicht vor, Queen zu sein, ich verkleide mich nicht, trage keine gelbe Lederjacke und keinen Schnäuzer – ich bin einfach ich selbst. Das gilt ebenso für die gesamte Band. Wir sind genauso Fans der Musik wie jeder, der unsere Show besucht. Ich darf dabei meine eigene Geschichte erzählen. Der Grund, warum ich die Art, wie wir es machen, so liebe, ist, dass ich das Publikum einlade, eine andere Perspektive kennenzulernen. Ich glaube, ich hatte eine einzigartige Erfahrung mit der Musik von Queen. Diese Geschichte erzähle ich über den Abend hinweg. Ich liebe es, dass wir etwas Einzigartiges machen.

Du bist ja auch ein echter Performer – du tanzt und unterhältst die Zuschauer. Ist das etwas, dass du immer schon gemacht hast oder hast du dir das für diese Art Shows angeeignet?

In meiner alten Band habe ich nicht nur gesungen, sondern auch Gitarre gespielt. Da konnte ich das Mikrofon natürlich nicht gleichzeitig halten. Bevor ich die Musik von Queen gespielt habe, konnte ich mich also gar nicht viel bewegen auf der Bühne. Als ich dann angefangen habe, Queen zu spielen, habe ich entdeckt, dass ich es liebe, ein richtiger Frontmann zu sein, der auf der Bühne herumläuft, mit dem Publikum interagiert und die Hände der Leute berührt. Diesen Aspekt liebe ich … jetzt habe ich die Frage vergessen, obwohl ich etwas wirklich Gutes sagen wollte. Wie war die Frage noch gleich?

Meine Frage war, ob du das Performen erst üben musstest oder ob das schon in dir steckte.

Ach ja, richtig. Was das Tanzen angeht: Ich war früher großer „New Kids on the Block“-Fan (lacht).

Das erklärt natürlich alles.

Ich würde mich aber nicht unbedingt als guten Tänzer bezeichnen. Das Coole ist, als ich angefangen habe, Live-Videos von Queen zu schauen, ist mir aufgefallen: Egal, an welcher Stelle du das Video pausierst – Freddie Mercury macht gerade irgendeine Superhelden-Geste. Er war sich in jedem Moment bewusst darüber, was er mit seinem Körper anstellt und wir er rüberkommt. Er wusste ganz genau, was er da macht. Er sah niemals träge aus, sondern immer stark. Das habe ich in jedem Fall von Freddie Mercury gelernt.

Letzte Frage: Du lebst in Nashville, einer Stadt mit einer lebendigen Musikszene. Gehst du selbst gerne auf Live-Konzerte?

Nein, das tue ich eigentlich nicht. Nur gelegentlich gehe ich zu einer Show. Das ist weit verbreitet unter Musikern: Wenn Musik deine Arbeit ist, fühlt es sich ehrlich gesagt fast wie Arbeit an, in der Freizeit zu einem Konzert zu gehen. Es gibt ein paar Künstler, die ich mir ansehe, wenn sie in Nashville spielen, aber das ist sehr selten der Fall, vielleicht zwei-, dreimal im Jahr. Aber ich gebe selbst rund 120 Konzerte pro Jahr, daher bleibt nicht viel Zeit, selbst Live-Shows zu besuchen. Es gibt jedoch ein paar Bands, die ich noch nie gesehen habe und gerne sehen würde: Radiohead und Pearl Jam zum Beispiel. Aber die Liste ist ziemlich kurz.

Danke dir für das Gespräch, Marc, und alles Gute für die Zukunft und die bevorstehende Tour!

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