Bild: Christoph Voy
Warum gibt es im HEADLINER Magazin eigentlich noch keinen Albumtipp der Woche? Gute Frage! Warum gibt es das noch nicht? Sowas braucht man doch als Online-Magazin mit Musikredakteuren! Wisst ihr was, wir machen das jetzt einfach mal und stellen euch fortan jede Woche ein neues Album vor, das uns aus irgendeinem Grund besonders geflasht hat. Und dieser Grund ist nicht, dass wir dafür Geld bekommen oder irgendeine andere Vergünstigung beziehen. Wir möchten einfach nur eine coole Band weiterempfehlen, deren Musik wir liebgewonnen haben und die unserer Meinung nach redaktionellen Support verdient hat. Es ist eine komplett subjektive Album-Selektion der Redakteure. Denn über Musik zu schreiben ist genau das: subjektiv.
Den Anfang macht die Berliner Rockband Milliarden. Kennt ihr das, wenn eines Tages durch irgendeinen Zufall eine Band in euer Leben tritt, von der ihr zuvor nie gehört hattet, die euch dann aber komplett umhaut und fortan in Dauerschleife durch eure Speaker pumpt? Ging uns so im Jahre 2016, als wir über den Song „Betrüger“ vom gleichnamigen Milliarden-Debütalbum stolperten. Seither wurden Platten gekauft (2018 erschien das zweite Album „Berlin“), Konzerte besucht, ja sogar Interviews geführt – und die Liebe zu Milliarden wuchs einfach immer weiter.
Mit „Schuldig“ veröffentlicht die Band, deren Kreativkern aus Sänger Ben Hartman und Keyboarder Johannes Aue besteht, heute ihr drittes Album – das erste auf ihrem eigenen Label Zuckerplatte. Und das Ergebnis ist genau das: eine Zuckerplatte! Schon der Opener „Schuldig sein“, der wie Ravels Boléro von Sekunde zu Sekunde mehr Spannung aufbaut, zeigt, dass Milliarden nichts von ihrem kantigen und zugleich herrlich melodiösen Style verloren haben. Hartmanns Stimme, die sich wie immer fast zu überschlagen scheint, gibt diesem Midtempo-Track eine Direktheit und Wucht, die wunderschön mit der instrumentalen Zurückhaltung kontrastiert.
Im weiteren Verlauf präsentieren Milliarden ein buntes musikalisches Potpourri und bespielen von der verträumten Ballade („Die Gedanken sind frei“, „Swing“) bis zur Highspeed-Punkrock-Nummer („Wenn ich an dich denke“, „Trenn dich“) die komplette Gefühlsklaviatur. Doch nicht nur musikalisch, auch lyrisch landen Milliarden wieder mal echte Volltreffer: Zeilen wie „Wir ficken den Tod einfach weg“ im Song „Himmelblick“ mögen vielleicht derbe klingen, enthalten aber letztlich eine schaurig-schöne Poesie. Überhaupt, „Himmelblick“: Als erste Album-Single einen Song zu picken, der einen einminütigen Sprechgesangspart enthält, zeugt von maximaler Unangepasstheit und macht diese Band, die vermutlich einen Radio-Nummer-1-Hit nach dem anderen schreiben könnte, nur umso sympathischer.
Ein letztes Beispiel für das ambivalente Spiel mit Wörtern und Metaphern, das seit jeher die DNA der Milliarden-Songs auszeichnet: „Ich werde mir das neue Leben nehmen. Nie mehr an der Haltestelle stehn und friern in den selben scheiß Ideen. Mein Gott wird das schön, bitte bleib jetzt nicht stehn“, singt Hartmann in „Neues Leben“, einem Song, der von Aufbruch und Selbstermächtigung zu handeln scheint. Aber wer weiß das schon so genau - kann ja jeder interpretieren, wie er kann!
Mit Ton Steine Scherben wurden Milliarden oft verglichen, auch Selig meint man in ihrer Musik manchmal wiederzuerkennen. Letztlich sind Milliarden aber vor allem eines: einzigartig. Ihr solltet euch ihnen zumindest einmal für eine Albumlänge hingeben. Der Rest kommt dann ganz von selbst.
Milliarden sind übrigens einer der Gründe, warum wir Livekonzerte aktuell so verdammt vermissen. Und wenn dann im Frühjahr 2022 endlich ihre große „Schuldig“-Tour durch die Republik mäandert, werden wir dort sein. Im Moshpit. JaJaJa! Ihr doch auch, oder?
PS. Ja, wir wissen auch, dass heute ein neues Album der Foo Fighters erschienen ist. Dieses zum „Album der Woche“ zu machen, wäre doch aber wirklich etwas lame gewesen.