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Metal

EPICA-Sängerin Simone Simons im Interview zum Weltfrauentag: „In der Kulturszene geht es sehr ungerecht zu.“

10.03.2021 von Ben Foitzik

Neulich haben wir bereits mit Simone Simons, Sängerin der Symphonic-Metal-Institution Epica, über deren neues Album „Omega“ im Interview gesprochen. Was anscheinend ein gutes Omen war: Mit ihrem achten Studioalbum knackten die Niederländer erstmals die Top5 der deutschen Charts und stiegen auf einem starken 4. Platz ein.

Du das Albumrelease in unmittelbarer Nähe zum jährlichen Weltfrauentag stattfand, nutzten wir auch gleich noch die Gunst der Stunde und sprachen mit Simone über die Stellung der Frau in der Musikbranche und die Bedeutung des Frauentags an sich. Als langjährige Galionsfigur einer international erfolgreichen Metalband hatte sie zu dieser Thematik naturgemäß viel zu sagen.

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Hallo Simone. Die Welt hat gerade wieder den Weltfrauentag gefeiert. Wie stehst du zu diesem Tag – ist es wichtig, dass es ihn gibt?

Ähhh…. jein. Das ist das Gleiche wie mit Muttertag, Vatertag oder Valentinstag und anderen kommerziellen Feiertagen. Meine Mutter hat früher immer gesagt „Muttertag, Muttertag, jeder Tag ist Muttertag! Ich putze euch den Hintern ab, ich koche für euch, ich mache alles für euch!“ Aber trotzdem freuen wir Mütter uns auch, wenn wir am Muttertag auch was Selbstgebasteltes bekommen. Der Weltfrauentag war letztes Jahr aber lustigerweise das letzte Mal, dass ich mich mit ein paar anderen Frauen getroffen habe. Wir haben das einfach als Gelegenheit genommen, mal schön zusammen essen zu gehen.

Wie siehst du das Standing von Frauen in der Musikszene?

In der Musikszene, aber auch in der Kunstszene oder in der Filmindustrie geht es sehr ungerecht zu, auch wenn es ums Gehalt geht. Ich selbst kann eigentlich nicht behaupten, dass das bei mir der Fall ist. Vielleicht gehöre ich aber auch einfach zu den Männern, so habe ich mich jedenfalls immer gefühlt. Natürlich kann ich meine Jungs nie fragen, ob sie mir einen Tampon ausleihen können oder sowas, da bin ich ganz allein. Ich freue mich dann immer, wenn ich eine Kollegin mit auf Tour habe, um dann über solche Sachen zu reden. Gibt es eigentlich einen Weltmännertag? Vielleicht sollten wir es mal umändern in Weltmenschentag, dass wir an diesem Tag wieder eine Ecke netter zueinander sind und Leute fragen, wie es ihnen geht. Einer fremden Person Hilfe anbieten. Ich sage das auch immer meinem Sohn: Einfach immer jeden freundlich begrüßen, weil du manchmal jemandem damit den Tag retten kannst. Und auch wenn der Opa einen sehr grimmig anguckt, kann er danach vielleicht lächeln. Mein Sohn ist auch sehr fröhlich und begrüßt jeden. Mein Mann hingegen ist ein Schwabe und sagt „Warum machst du das?“ Ja, warum nicht? Vielleicht ist das meine holländische Mentalität, dass ich nett und fröhlich zu anderen Leuten bin. Wie gesagt, ich würde es in Weltmenschtag ändern.

Aber wenn du sagst, dass es noch so viele Unterschiede gibt und Sachen wie Bezahlung immer noch ungleich ist, braucht es dann nicht einen Weltfrauentag, um darauf hinzuweisen?

Klar, das ist natürlich immer wieder ein Anlass, darüber zu sprechen. Was ich ungerecht finde, ist, dass Frauen zum größten Teil nur nach dem Äußerlichen und auch viel strenger bewertet werden als Männer. Aber das Problem ist, dass Sänger – ob weiblich oder männlich – die Gesichter einer Band und damit immer unter einem Vergrößerungsglas sind. Das ist manchmal auch ein bisschen anstrengend. Ich habe aber akzeptiert, dass das dazugehört, wenn man Gesang macht. Dafür muss ich nicht mein schweres Schlagzeug schleppen und aufbauen.

Würdest du sagen, dass die Heavy-Metal-Szene wertschätzender gegenüber Frauen ist als andere Genres? Oder kann man das nicht vergleichen?

Kann ich ehrlich gesagt nicht so genau bewerten. Ich habe schon Geschichten von Kolleginnen gehört, wo beim Fotoshooting gesagt wurde „weniger anziehen ist besser“. Mit so etwas habe ich selber aber nie groß Erfahrungen gemacht – wenn ich mal nackt auf dem Cover stand, war das meine eigene Entscheidung. Ich bin halt eins von sechs Musketieren in unserer Band, habe meine eigene Meinung und darf sozusagen machen, was ich will. Mir wurde noch nie etwas aufgezwungen.

 

 

Fühlst du dich in der Rolle als starke Sängerin, die vorne auf der Bühne steht und machen kann, was sie will, manchmal auch als eine Art Vorbild? Gerade wenn ihr vielleicht auch in Ländern tourt, wo die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern noch mehr im Argen liegt als in Mitteleuropa?

Ich finde es immer wieder schwierig, wenn Leute das über mich sagen. Ich denke da nicht viel drüber nach. Ich finde aber, dass es eine große Ehre ist, wenn Leute das sagen. Wenn ich eine Botschaft verbreiten kann, ist es, dass alles möglich ist. Dass man an sich selber glauben und durchhalten muss. Wenn man seine Sache durchzieht, fällt irgendwann alles am richtigen Ort zusammen. Mein allererstes Vorsingen war für ein Musical in meiner Grundschule. Da war noch ein anderes Mädchen, die konnte nicht so gut singen, aber die war schon in so einer Art Theaterschule und konnte schon richtig schauspielern. Und ich stand da wie ein Kartoffelsack und war total schüchtern, hab die Leute nicht angeguckt, aber gesungen.

Lass mich raten: Du hast die Rolle nicht bekommen?

Nein, ich hab die Rolle nicht bekommen. Da meiner Musiklehrerein aber meine Stimme so gut gefallen hat, hat sie gesagt „ich möchte trotzdem, dass du was machst und ein Lied singst“. Daher hat sie noch Whitney Houston per Teleporter in das Musical reingebracht, damit ich was singen konnte. Danach hat sie mir dann auch gesagt, dass ich was mit meiner Stimme machen muss. Dieser eine Kommentar hat mich sozusagen dazu gebracht, dass ich drüber nachgedacht habe, mal etwas in diese Richtung zu machen. Ich habe dieser Lehrerin ganz viel zu verdanken, denn ohne sie hätte ich mich vielleicht nie getraut und wäre in eine ganz andere Richtung gegangen. Wenn ich ein Vorbild sein kann, würde ich das immer wieder als Beispiel erzählen: Es ist sehr wichtig, nett zu anderen Leuten zu sein und sie zu motivieren. Das kann ein ganzes Leben positiv verändern.

Dann wärst du ohne diese Lehrerin wohl auch nie bei Epica gelandet.

Wahrscheinlich nicht. Ich habe es zwar immer gemocht zu singen und wollte immer mit meiner Schwester eine Girl-Band gründen – ich komme ja aus der Generation Spice Girls.

Das mit der Girl-Band hat ja fast funktioniert: Jetzt bist du die einzige Frau unter fünf Männern.

Als ich das Angebot bekommen habe, bei Epica zu singen, hatte ich ein Bauchgefühl, dass ich das machen muss, obwohl ich Angst davor hatte. Manchmal muss man ein bisschen über seinen Schatten springen oder aus seiner Komfortzone rauskommen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, sagt man auf Holländisch.

Auf Deutsch sagt man das auch! Du bist also nicht die geborene Rampensau? Nein, eigentlich gar nicht. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen, aber im echten Leben bin ich gar keine Rampensau. Wenn es ginge, wär ich lieber unsichtbar.

Danke für deine Gedanken zum Frauentag, Simone!

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