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Metal

„Es trifft mich jedes Mal voll ins Herz“: EPICA-Sängerin Simone Simons über das neue Album „Omega“

26.02.2021 von Ben Foitzik

Es sollte ein fulminantes Comeback werden: Nach einem wohlverdienten einjährigen Sabbatical hatten die niederländischen Symphonic-Metal-Giganten Epica für September 2020 ihr neues Album „Omega“ angekündigt und wollten im Monat darauf zusammen mit Apocalyptica auf große Tour gehen. Allein, es kam anders. Der Album-Release wurde auf den 26. Februar 2021 verlegt – und die Tour ist mittlerweile auf Anfang 2022 geschoben.

Hatten sich die sechs Bandmitglieder beim Schreiben des Albums noch in ein Haus auf dem niederländischen Land zurückgezogen, war beim Aufnahmeprozess von „Omega“ dann Organisationstalent gefragt. Durch den ersten Lockdown waren Epica gezwungen, den Großteil der Aufnahmen separat voneinander durchzuführen: Simone Simons zum Beispiel musste ihre Parts in einem deutschen Studio einsingen, während Gitarrist und Growler Mark Jansen auf Sizilien feststeckte. Die anderen Bandmitglieder befanden sich in den Niederlanden und in Belgien. Immerhin: Die Aufnahmen mit dem Prague Philharmonic Orchestra und einem Kinderchor konnten gerade noch so vor dem Lockdown beendet werden.

Mehr Epica geht nicht!

All diese Wirren und Unsicherheiten haben „Omega“ nicht geschadet. Im Gegenteil: Es ist ein gewaltiges Werk geworden, mit dem Epica fünf Jahre nach ihrem letzten Longplayer „The Holographic Principle“ einmal mehr neue Maßstäbe im Symphonic-Metal-Genre setzen.

In zwölf Songs, zu deren Highlights sicher das über 13-minütige „Kingdom Of Heaven Prt. 3 – The Antediluvian Universe” zählt, entführt das Sextett den Hörer in faszinierende Soundwelten, die im Spannungsfeld zwischen Simones kraftvollem Klargesang und Marks garstigen Growls eine ganz besondere Magie entfalten. Zum gewohnten bombastischen Sound der Band gesellen sich orientalische Klänge sowie Orchester und Kinderchor, mit denen Epica auf „Omega“ tatsächlich zum ersten Mal gearbeitet haben. Inhaltlich dreht sich das Album darum, dass die Menschheit immer weiter auseinanderdriftet – obwohl die Geschichte doch gezeigt hat, dass wir am meisten erreichen können, wenn wir zusammenarbeiten. Auch die Omega-Punkt-Theorie von Teilhard de Chardin, die besagt, dass sich alles auf einen einheitlichen Endpunkt zubewegt, hat das Album und seinen Titel inspiriert.

So emotional wie nie

Wie kompliziert die Aufnahmen zu „Omega“ waren und wie es sich anfühlt, zum ersten Mal in der Geschichte ihrer Band nach einer Albumveröffentlichung nicht damit auf Tour zu gehen, erzählt uns Simone Simons im Interview. Das die Niederländerin übrigens in perfektem Deutsch führt – kein Wunder, schließlich lebt sie seit mehreren Jahren mit ihrem Mann und Sohn in der Nähe von Stuttgart. In unserem entspannten Plausch erfahren wir außerdem, warum Simone in die Gesangsaufnahmen zur neuen Platte so viel Emotionalität wie nie zuvor eingebracht hat, und warum ihr Tag sehr viel mehr als 24 Stunden bräuchte.

Bild: Tim Tronckoe

Hi Simone! Erzähl doch mal: Wie bist du mit dem Lockdown klargekommen und welche Einflüsse hatte das alles auf das neue Album?

Wir haben im Januar angefangen unsere Platte aufzunehmen – Mitte März stand dann der letzte Schritt an: Gesangsaufnahmen. Dann kam auf einmal der Lockdown: Die Schulen waren geschlossen und der Sohnemann zu Hause. Zu unseren Babysittern Opa und Oma durften wir ihn auch nicht bringen. Dann habe ich mir hier in der Nähe ein Studio gesucht, wo ich die Gesangsaufnahmen machen kann. Und dann bin ich zum ersten Mal in meinem Leben morgens mit meiner Vesper-Dose ins Büro gegangen um zu arbeiten, und mittags war ich wieder zu Hause. Und dann ist mein Mann losgegangen um als Musiklehrer zu arbeiten. Das war ungewöhnlich, aber es hat ganz gut funktioniert. Aber das war im März letzten Jahres, nach dem zweiten Lockdown und der Schulschließung sind wir inzwischen alle ziemlich genervt (lacht). Bevor wir mit der neuen Platte angefangen haben, hatten wir ja ein Sabbatical und haben nur ganz wenig live gespielt. Die Sehnsucht, endlich wieder auf der Bühne zu stehen, war also schon Anfang letzten Jahres groß – dann kam Corona… und der Rest ist bekannt.

Für 2020 hattet ihr euch eigentlich was anderes ausgedacht.

Ursprünglich war geplant, die Platte im September rauszubringen und im Oktober mit Apocalyptica auf Tournee zu gehen. Dann haben wir die Platte auf Februar und die Tour auf März verschoben. Als es dann weiter so schlimm blieb, wollten wir die Tour noch mal in den Herbst verschieben, aber da haben wir nicht alle Hallen buchen können, weil jetzt viele Bands ihre Touren neu planen und verschieben müssen. Und dann haben wir es ganz nach 2022 geschoben. Das ist das erste Mal in unserer Geschichte, dass wir eine Platte rausbringen und gar nicht auf Tournee gehen können.

Die Foo Fighters haben ihr neues Album ja auch erst verschoben, es dann aber veröffentlicht, weil sie den Fans damit etwas Schönes in dieser tristen Zeit geben wollten. Ist das auch ein Ansatz bei euch?

Ja, wir haben zuerst lange in der Band diskutiert, ob wir das Album trotzdem im September rausbringen wollen, auch wenn wir nicht auf Tournee gehen können. Wir haben uns dann entschieden zu warten, dafür dann aber mehrere Singles rauszubringen, damit die Zeit zur Album-Veröffentlichung dann nicht so lange und so leer ist. Aber es war natürlich ein bisschen komisch, dass die Platte schon fertig ist und man sie nicht veröffentlicht. Für mich war das immer so, als hätte man ein ganz tolles Geschenk unterm Weihnachtsbaum, aber keiner durfte es aufmachen. Es fühlt sich so ein bisschen bittersüß an: Man hat etwas Schönes und will das natürlich teilen. Das Problem war auch, dass man nicht absehen konnte, wann alles wieder normal ist, es ist alles so ungewiss gerade. Als Control-Freak macht mich das manchmal ein bisschen wahnsinnig. In einer Band ist man es eigentlich auch gewohnt, immer Jahre im Voraus zu planen – dass das jetzt nicht geht, ist auch frustrierend.

 

 

Hatte die Corona-Krise vielleicht auch irgendeinen positiven Einfluss auf das Album?

Ich kann nur sagen, dass ich bei den Gesangsaufnahmen noch mal intensiver die Emotionen eingebracht habe, weil mir so eine Ungewissheit über dem Kopf hing: Was passiert jetzt mit Epica, was passiert mit dem Musikbusiness? Das hat mich emotional natürlich sehr beeinflusst. Vielleicht war das ein positiver Effekt, dass ich sozusagen noch mehr Emotionen in meinen Gesang gesteckt habe.

Ich überlege gerade, ob und wie man das hören kann. Wie kann man Emotion messen?

Das ist natürlich auch persönlich. Da es ja meine Kunst ist, ist das Wichtigste für mich, dass ich mich selber überzeugen kann, wenn ich mir den Gesang im Nachhinein anhöre. Gerade heute habe ich mir die neue Platte wieder angehört, und es trifft mich jedes Mal wieder voll ins Herz. Ich kann mich selber jedes Mal wieder emotional überzeugen und bekomme bei bestimmten Liedern auch immer Gänsehaut. Das ist für mich so eine Art Messgerät dafür, ob es gelungen ist oder nicht. Aber das ist natürlich auch sehr subjektiv.

Ohne jetzt großer Symphonic-Metal-Fan zu sein, finde ich „Omega“ ziemlich gewaltig und überwältigend – allein der Song „Kingdom of Heaven Pt. III – The Antediluvian Universe“ ist es ja schon wert, das Album zu kaufen.

Das ist auch ein ganz besonderer Song. Sehr lang – das sind eigentlich drei bis fünf Songs in einem. Es ist witzig, dass es bei der Presse, aber auch bei uns als Band so viele unterschiedliche Favoriten gibt. Manche finden einen Song total gut, den andere wieder nicht so geil finden. Das zeigt aber auch, wie vielfältig die Platte ist, weil es für jeden etwas Schönes zu hören gibt.

Wenn bei einem 70-minütigen Album alles gleich klänge, wäre das ja auch ziemlich langweilig.

Zumal das auch keine CD ist, die man schön im Hintergrund hören kann. Das ist schon eine musikalische Reise, die man von Anfang bis Ende durchziehen kann. Nicht muss, aber kann.

Ich denke „Epica“ ist das Wort, das dieses Album perfekt beschreibt. Ihr werdet eurem Namen einmal mehr gerecht.

Das stimmt schon, es ist episch. Wenn ich unserem Stil einen Namen geben müsste, sage ich immer „Cinemetal“ – Cinematic Metal.

 

 

So geil Epica mit dem bombastischen Symphonic-Sound sind, so stark sind aber auch die Akustik-Songs, die ihr jüngst veröffentlicht habt.

Das hat bei „The Quantum Enigma“ mal aus Spaß angefangen, da haben wir ein paar Songs total verändert, auch textlich, und sie mit einem Augenzwinkern interpretiert. Nach so einer monatelangen ernsthaften Recording Session macht so was total viel Spaß. Das zeigt auch die Vielfältigkeit von Epica und die Stärke der Songs: Wenn die Songs an der Basis stimmen, kann man alles daraus machen. Wir nehmen dann auch gerne alle Instrumente, die im Studio zur Verfügung stehen. Wir sind eine Metal-Band, aber wir alle sind auch Musikliebhaber und mögen viele unterschiedliche Musikstile. Wir wollen uns nicht einschränken und nur auf Metal limitieren. Ich bin auch Künstlerin und nicht nur Sängerin. Ich mache so viele unterschiedliche Sachen: Fotografie, Make-up, habe zwei eigene Websites… ich bräuchte mehr Stunden am Tag, um das alles machen zu können. Dazu koche ich dreimal am Tag, mache den Haushalt, mache Homeschooling – die Tage haben einfach zu wenig Stunden.

Du hast es eingangs schon mal angesprochen: Wie sehr vermisst du es, auf der Bühne zu stehen? Als Künstlerin ist das doch sicher ein Teil deiner DNA.

Ja, so sage ich es eigentlich auch immer: Es ist Teil von mir. Ich mache das auch schon so lange. Als der erste Lockdown kam und noch nicht alles zu hatte, war ich viel im Fitnessstudio, weil das für mich ein guter Ausgleich für die fehlenden Auftritte war. Ich habe mir dann immer die neuen Songs angehört und mich ausgepowert. Aber es ist kein Ersatz. Auf der Bühne zu stehen ist mit nichts anderem vergleichbar. Bei mir ist es eine Kombination aus Adrenalin und dass ich singen kann, ich kann dabei sozusagen die Seele baumeln lassen. Immer wenn ich fröhlich bin, singe ich auch einfach. Heute habe ich auch schon ganz laut gesungen, weil es mir fehlt. Dann sagen meine Männer aber sofort, dass es zu laut ist. Ich brauche das aber, das ist wie eine Art Droge, wenn ich das mache. Eine softe Droge (lacht).

Danke für das Gespräch, Simone!

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