Bild: Rahi Rezvani
Mit ihrem Debütalbum „The Back Room“ gelang Editors 2005 auf Anhieb der Durchbruch, Songs wie „Munich“ und „Bullets“ wurden zu Indie-Hymnen. Seitdem hat sich die Band um Frontmann Tom Smith immer wieder neu erfunden und ihren düsteren Gitarrensound zunehmend um elektronische Elemente erweitert. Nach dem synthesizerlastigen Vorgänger „EBM“ besinnen sie sich auf ihrem neuen Album „Surface, Echo & Sound“ wieder stärker auf ihre musikalischen Wurzeln: Gitarren statt Synthesizern, gemeinsames Musizieren statt Programmieren. Im Interview spricht Tom Smith über Angst und Hoffnung, die Kraft menschlicher Verbindungen, seine Erfahrungen als Solokünstler und unvergessliche Momente aus über 20 Jahren Bandgeschichte.
„EBM“ war schon ziemlich extrem, sehr konfrontativ und brutal. Aber vor allem war unsere Arbeitsweise eine ganz andere. Bei elektronischer Musik verbringt man viel Zeit damit, Dinge zu programmieren und zu sequenzieren. Über die Jahre war unsere Musik immer technischer geworden. Wir sind sehr stolz auf diese Platten, aber mit „EBM“ hatten wir gewissermaßen den Gipfel dieser Entwicklung erreicht. Gleichzeitig hatten wir das Gefühl, die Verbindung zu unserer ursprünglichen Arbeitsweise ein bisschen verloren zu haben. Einfach gemeinsam in einem Raum sitzen, mit Gitarren spielen und Songs zusammen entwickeln. Man könnte sagen, wir sind zu unseren Wurzeln zurückgekehrt. Das neue Album klingt zwar nicht wie „The Back Room“, hat aber durchaus einiges damit gemeinsam.
Sehr. Wobei eigentlich jeder Editors-Song, den ich je geschrieben habe, auf einer Akustikgitarre entstanden ist. Nur hat die Band mir normalerweise irgendwann gesagt, ich soll sie wieder weglegen. (lacht) Diesmal hat mich niemand darum gebeten. Durch mein Soloalbum und die anschließende Tour habe ich diese einfache Art, Songs zu spielen, wieder für mich entdeckt. Gerade bei den kleinen, intimen Konzerten. Die waren unglaublich ruhig, manchmal fast unangenehm, weil man sich so verletzlich gefühlt hat. Aber gleichzeitig war das wunderschön. Ich habe dort ja nicht nur Solosongs gespielt, sondern auch Stücke von Editors. Diese Abende haben wirklich etwas in mir ausgelöst und natürlich auch unser neues Album beeinflusst.
Die Konzerte in Deutschland waren wirklich toll. Wir haben auf dieser Tour in ziemlich vielen Kirchen gespielt und irgendwann hatte ich ehrlich gesagt genug davon. (lacht) Für das Publikum ist das wunderschön, weil alle still sind und wirklich zuhören. Die Atmosphäre ist ganz anders als in einem Rockclub. Aber dieser endlose Hall! Man singt etwas und es klingt, als wäre man in einer Höhle. Die deutschen Kirchen hatten da irgendwie eine gute Balance, viele waren etwas weniger pompös. In Belgien haben wir teilweise in Kirchen gespielt, die sich wie riesige Arenen angefühlt haben. Und dann hängt irgendwo über dir noch eine Statue, die die ganze Zeit auf dich herabschaut. (lacht) Ich glaube, in nächster Zeit werde ich keine Kirchen mehr buchen.
In gewisser Weise ist das eine Fortsetzung meines Soloalbums. Während der Tour habe ich festgestellt, dass eigentlich alle meine Songs auf die eine oder andere Weise von Angst handeln. Und davon, wie man sie überwinden oder zumindest auf Abstand halten kann. Wir leben in einer ziemlich beängstigenden Welt. Diese Spaltung, diese Wut – das kann einen überwältigen. In meinen Songs versuche ich, mit dieser Angst umzugehen. Auf dem neuen Album sind es vor allem die Menschen um mich herum, die mir dabei helfen. Sie sind gewissermaßen das Gegenmittel. Die Hoffnung in hoffnungslosen Zeiten. Und das spiegelt sich interessanterweise ja auch in der Entstehung des Albums wider: Wir haben diese Verbindung nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch musikalisch wieder gesucht.
Ich glaube schon, ja. Aber wie die meisten Menschen bin ich voller Widersprüche. Manchmal kommt es einfach darauf an, mit welchem Gefühl man morgens aufsteht. Eine Nachricht kann dich an einem Tag völlig mitnehmen und am nächsten viel weniger berühren. Aber ich glaube, es ist kaum möglich, sich keine Sorgen über die Welt zu machen, in der wir leben. Doch Menschen helfen. Verbindungen helfen. Es gibt so viel Trost, Optimismus und Freude im Leben. Das kann ein Abend mit Freunden sein, etwas, das die eigenen Kinder sagen, oder einfach ein neuer Morgen, an dem die Sonne aufgeht und alles ein bisschen heller aussieht.
Vielleicht, ja. Gerade Menschen, die sich nur oberflächlich mit uns beschäftigen. Dieses Etikett der düsteren, melancholischen Band hat uns immer begleitet. Und ganz ehrlich, auf den ersten beiden Alben waren wir sehr ernste junge Männer, die ihre Musik unglaublich ernst genommen haben. Vielleicht hätten wir ein bisschen lockerer sein können. (lacht) Aber wir haben immer versucht, Songs zu schreiben, die Menschen emotional berühren. Ob man das als düster empfindet, ist jedem selbst überlassen. Wenn Fans mir aber erzählen, welche Songs ihnen besonders viel bedeuten, oder mir Textzeilen zeigen, die sie sich tätowieren lassen haben, dann sind es fast immer Zeilen über Liebe, Wärme, Optimismus und das Licht am Ende des Tunnels.
Ich habe den Song noch nicht live gespielt, deshalb kann ich das nicht abschließend beantworten. Natürlich ist es ein trauriges Lied. Aber es handelt auch von einer Verbindung, die bleibt, selbst wenn jemand nicht mehr da ist. Und das finde ich einen wunderschönen Gedanken. Ich weiß auch nicht, ob ich das Schreiben oder Singen solcher Songs überhaupt als schwierig empfinde. Traurige Lieder zu singen, macht mich glücklich. Es gibt mir Trost. Und auch das Schreiben hat etwas Befreiendes. Ich habe schon mit vierzehn oder fünfzehn Jahren angefangen, meine Gefühle auf Papier zu bringen und daraus Songs zu machen.
Ja, wir waren damals an der Universität in Stafford und hießen noch Pilot. Unser allererster Auftritt fand in einem kleinen Pub statt. Stafford ist keine besonders große Stadt und kulturell war dort nicht viel los. Aber wir hatten uns eine kleine Werbeaktion ausgedacht: Überall in der Stadt hingen Plakate mit der Aufschrift „Who's the Pilot?“ auf. Das hat funktioniert, der Raum war brechend voll. Ich erinnere mich kaum noch an das eigentliche Konzert. Ed war damals noch nicht unser Schlagzeuger, aber es war sein Geburtstag und wir haben „Happy Birthday“ für ihn gespielt. Das würden Editors heute wohl nicht mehr machen. (lacht) Ungefähr zwei Monate später haben wir dann noch einmal in demselben Laden gespielt, haben die ganze Werbeaktion aber nicht wiederholt – und es kam praktisch niemand. Nur Ed und ein paar unserer Mitbewohner.
Etwa ein Jahr später, als wir in Birmingham lebten und bereits Songs wie unsere erste Single „Bullets“ spielten. Wir waren damals Teil dieser Szene aus jungen, noch unbekannten Bands und haben ständig Konzerte gespielt. Anfangs standen hauptsächlich andere Bands im Publikum, hin und wieder kam jemand von einer Plattenfirma aus London vorbei. Aber irgendwann änderte sich das. Plötzlich waren da Leute, die uns wirklich sehen wollen. Da merkst du: Hier passiert gerade etwas. Aber wir hatten schon vorher an die Band geglaubt. Wir wussten, dass da etwas zwischen uns war, das eine Chance verdiente.
Oh ja, das war riesig! Wir standen kurz vor der Veröffentlichung unseres zweiten Albums und diese Zeit war unglaublich aufregend, wie ein Wirbelsturm. Wir waren praktisch um die ganze Welt gereist, für den Mercury Prize nominiert und hatten ein Nummer-eins-Album. Und dann Glastonbury! Wir spielten genau, als die Sonne unterging. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass wir wirklich auf diese riesige Bühne gehörten. Für mich war das besonders emotional, weil ich als Jugendlicher selbst beim Glastonbury gewesen war. Ich bin nicht weit entfernt aufgewachsen und habe dort Bands wie Radiohead, The Prodigy und R.E.M. gesehen. Diese Auftritte waren einer der Gründe, warum ich selbst Musiker werden wollte.
Das hat sich definitiv entwickelt. Beim unserem Glastonbury-Auftritt 2007 zum Beispiel war ich noch unglaublich angespannt und hatte Angst. Ich glaube, ich habe mich erst zur Zeit von „The Weight of Your Love“ wirklich entspannt und angefangen, die Auftritte zu genießen. Mit dem Älterwerden wird man einfach gelassener und damit kommt auch eine gewisse Freiheit. Eine wichtige Erfahrung war für mich, mit R.E.M. auf Tour zu sein und Michael Stipe jeden Abend auf der Bühne zu beobachten. Wenn man sich frühe Aufnahmen von R.E.M. anschaut, sieht man, dass er damals eher in sich gekehrt war – aber im Laufe seiner Karriere ist er zu diesem überlebensgroßen Frontmann geworden.
Auf jeden Fall Rock Werchter 2012. Nach unserem dritten Album hatten wir eine schwierige Phase: Unser Gitarrist war ausgestiegen und wir standen kurz davor, uns aufzulösen. Dann kamen Justin und Elliott dazu und plötzlich sollten wir mit dieser neuen Besetzung eines der größten Festivals headlinen. Das war unser bis dahin größter Auftritt, vielleicht sogar bis heute. Dieser Abend hat das zweite Kapitel von Editors entscheidend geprägt. Ein weiterer besonderer Auftritt war kürzlich in Bogotá – unser erstes Konzert in Kolumbien. Eine der großen Enttäuschungen unserer Bandgeschichte ist für mich, dass wir es nie wirklich nach Südamerika geschafft haben. Nach über zwanzig Jahren hatte ich schon fast nicht mehr daran geglaubt – aber dann bekamen wir einen Slot auf einem Festival dort. Die Menschen waren unglaublich dankbar. Diesen Abend werde ich so schnell nicht vergessen.
Wir haben unter Autobahnbrücken gespielt, ich habe einmal mit Andy an der King's Cross Station gespielt. Aber eine meiner liebsten Geschichten ist Red Rocks in Colorado. Wir sollten dort im Rahmen eines Festivals auftreten und waren total aufgeregt, weil es so eine legendäre Konzertstätte ist. Als wir ankamen, sahen wir dieses unglaubliche Amphitheater. Nur stellte sich heraus, dass unsere Bühne auf dem Parkplatz dahinter stand. (lacht)
Es wäre schön, es irgendwann vom Parkplatz auf die richtige Bühne von Red Rocks zu schaffen. (lacht) Und ich würde wirklich gerne noch mehr von Südamerika sehen. Natürlich sind Shows in Stadien toll, aber es geht mir weniger um die Größe der Bühne als um die Orte, an die wir noch reisen können.