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Interviews

Backstage mit Samu Haber: „Jetzt habe ich die Freiheit, als ich selbst zu kommen“

07.10.2024 von Nadine Wenzlick

Mit Sunrise Avenue hat Samu Haber zahlreiche Rekorde gebrochen – doch 2019 beschloss der Finne, die Band aufzulösen und eigene Wege zu gehen. Nach ihrer Abschiedstour nahm er zunächst ein Album auf Finnisch auf. Nun ist er mit seinem ersten englischsprachigen Soloalbum „Me Free My Way“ zurück – und zudem auch wieder als Coach von „The Voice of Germany“ im TV zu sehen. Pünktlich zum Start seiner Solo-Clubtour durch Deutschland verriet der 48-Jährige im Interview, warum es Zeit für eine Veränderung war, welche Konzerte er nie vergessen wird und welchen Rat er für junge Musiker hat.

Bild: Universal Music

Samu, deine Clubtour im Oktober ist restlos ausverkauft und du hast bereits neue Termine für 2025 angekündigt. Es fühlt sich so an, als hätte Deutschland nur darauf gewartet, dass du zurückkommst.

Samu Haber: Weißt du, man muss diese Clubs ja lange im Voraus buchen und als meine Booking-Agentur mir letzten November die möglichen Termine schickte, sagte ich zu ihnen: „Ihr seid verrückt! Da passen zum Teil über 2.000 Leute rein, das ist viel zu groß! Könnt ihr nicht was kleineres buchen?“ Aber sie meinten „mach dir keine Sorgen“. Als die Daten dann bekannt gegeben wurden, war gerade mal eine Single von meinem neuen Soloalbum veröffentlicht – aber die deutschen Shows waren am ersten Tag direkt ausverkauft, zwei Wochen später dann auch alle anderen Shows in Ländern wie Tschechien, Finnland und Luxemburg. Ich war wirklich überrascht! Das gleiche gilt für meine Open-Air-Tour nächsten Sommer: Ich glaube immer noch, dass die Venues zu groß sind. Aber ja… wenn die Leute in Deutschland mich lieben – ich liebe sie definitiv zurück!

Nach einem Album auf Finnisch ist „Me Free My Way“ dein erstes englischsprachiges Soloalbum nach dem Ende deiner Band Sunrise Avenue. Bist du nervös, wenn du an die Tour denkst?

Ich bin immer nervös! Ich war mit Sunrise Avenue nervös, vor den finnischen Shows – ich bin einfach immer nervös! Und wenn ich‘s mal nicht bin, stimmt etwas nicht. Ich brauche das irgendwie. Ich muss aber sagen: Neulich habe ich eine Radio-Show für 300 oder 400 Leute in Saarbrücken gespielt, und während ich alleine mit der Akustikgitarre zur Bühne ging, habe ich mich gefragt, warum ich gerade so entspannt bin. Ich glaube bei Sunrise Avenue war alles auf so einem Niveau, dass jede Show groß werden musste. Das war wunderschön, aber auch immer mit Erwartungen verbunden. Jetzt habe ich die Freiheit, als ich selbst zu kommen. Als Samu eben. Der Druck ist nicht mehr da und das ist schön. Dafür sind die Backstage-Bereiche natürlich viel kleiner als der im Olympiastadion und ich habe keinen eigenen Fahrer mehr (lacht). Aber das brauche ich auch nicht. Also ja, ich freue mich auf die Tour! Ich habe gerade die Setlist geschrieben – und alles ist neu. Ich liebe diesen kreativen Teil.

Wirst du auch den einen oder anderen Song von Sunrise Avenue spielen?

Vielleicht einen oder zwei, ich weiß noch nicht genau. Erst dachte ich lieber nicht. Aber wenn Leute bei den Shows rufen „spiel ‚Fairytale Gone Bad‘, vielleicht mache ich es dann. Denn die Show ist doch für die Leute im Publikum. Nicht für mich. Ich trete für sie auf. Und am Ende sind das ja auch meine Songs, ich habe sie für Sunrise Avenue geschrieben und will sie nicht verstecken. Aber ich freue mich natürlich sehr auf all die neuen Songs!

Warum hast du die Band denn eigentlich überhaupt aufgelöst?

Es fühlt sich einfach nicht mehr richtig an. Die anderen haben mir hinterher sogar gesagt, dass sie erleichtert waren, als ich ihnen gesagt habe, dass ich die Band verlassen möchte. Es ist natürlich schwer, so etwas loszulassen – für mich und auch für die Jungs. Deswegen haben wir lange versucht, daran festzuhalten. Es ist halt toll, in vollen Stadien zu spielen. Super fürs Ego. Aber tief in uns drin war einfach niemand mehr glücklich. Und dann muss man loslassen.

Eine große Abschiedstour zu spielen, habt ihr euch aber nicht nehmen lassen. Was waren die denkwürdigsten Momente?

Die Tour sollte ja eigentlich 2020 schon stattfinden und wurde wegen Corona drei Mal verschoben. Die erste Show in Zürich hat sich komisch angefühlt, weil man ja so daran gewöhnt war, mit einer Maske zu leben und anderen Menschen nicht zu nahe zu kommen. 15 Minuten vor der Show meinte ich dann zu den anderen: „Ich muss gucken, ob überhaupt jemand hier ist“ – und sah all diese Menschen! Es war so toll, endlich wieder auf der Bühne zu stehen und zusammen zu feiern. Wir sind gesprungen, haben gesungen, geweint und geschrien. Und das war dann eigentlich jeden Abend so. Die Fans waren unglaublich. So laut! Und wir haben so viele Geschichten gehört, wie ihnen unsere Songs im Leben und in schwierigen Momenten geholfen haben. Ich bin wirklich froh, dass wir diese letzte Tour gespielt haben.

Ihr habt die Band unter dem Namen Sunrise im Jahr 1992 gegründet. Kannst du dich noch an euren ersten Auftritt erinnern.

Da waren wir 16 oder 17. Wir hatten fünf Lieder, drei auf Englisch und zwei auf Finnisch, und es war die „Kunstnacht“ in unserer Stadt. Ich war so nervös! Wir spielten in der Basketball-Halle unserer Schule. Es war eine wunderschöne Augustnacht. Den Applaus am Ende werde ich nie vergessen. Ich fühlte mich wie ein Rockstar! Um ehrlich zu sein dachte ich, dass ich bei den Mädels jetzt ziemlich gute Chancen habe (lacht). Und dass ich reich werde! Nein, im Ernst: Es war toll und das sind so schöne Erinnerungen. Wir haben dann auf Beerdigungen, Geburtstagsfeiern, Firmenfeiern und so Sachen gespielt. Das war eine tolle Zeit.

Du hast dann 102 Plattenfirmen und Agenten besucht, bevor ihr einen Vertrag bekommen habt. Um euer erstes Album aufzunehmen, hat ein Freund von dir angeblich sein Haus verkauft. Hast du ihn später ausbezahlt?

Oh ja, mehrfach! Aber es hat lange gedauert. Er verkaufte sein Haus 2004 oder 2005, weil ich die finanziellen Mittel für die Studios nicht aufbringen konnte. Ich hatte einen Businessplan erstellt – aber ich hatte natürlich keine Ahnung. Ich vertraute einfach darauf, dass es irgendwie klappen würde und fragte ein paar Leute nach Geld. Miko war einer von ihnen, er kam immer zu unseren kleinen Bar-Konzerten. Er verkaufte damals Kopierer und wir machten bei seiner Arbeit nachts heimlich die Tourplakate, die wir dann in der Stadt aufhängten. Jedenfalls brauchte ich 20.000 Euro und zeigte ihm meinen Plan. Er sagte „das ist eine Menge Geld“, aber am nächsten Tag meinte er „Samu, ich werde nicht der Typ sein, der nein zu deinem Traum sagt, ich verkaufte mein Haus, ziehe in ein kleineres etwas außerhalb der Stadt und wir gründen eine Firma zusammen“. Das muss man sich erstmal vorstellen – was für ein Typ! Ich fühlte mich ziemlich schlecht, weil es so lange gedauert hat. Die ersten Royaltys bekamen wir erst 2011. Aber als „Hollywood Hills“ herauskam, meinte ich zu ihm „schick mir eine Rechnung“. Ich werde nicht sagen wie viel es war. Aber das war der beste Moment.

Ihr habt im Laufe der Jahre so viele Konzerte gespielt. Welche wirst du nie vergessen?

Da gibt es viele! Das erste Festival, auf dem wir je gespielt haben war Rock am Ring, und zwar auf der Main Stage – was ziemlich unfair ist, wenn man mal darüber nachdenkt. Nach uns haben Thirty Seconds to Mars gespielt. Ich ging mit meiner Gitarre auf die Bühne, die so groß war wie ein Flughafen, und dachte nur „Scheiße“… (lacht). Das werde ich nie vergessen. Aber es gab noch so viele andere großartige Momente, ich könnte 1.500 Shows aus 31 Ländern, in denen wir gespielt haben, nennen.

Hast du Rituale, bevor du auf die Bühne gehst?

Nicht wirklich. Ich versuche vorher etwas Sport zu machen, so dass mein Körper aufgewärmt ist. Yoga zum Beispiel ist großartig, um den Körper aufzuwecken. Ich liebe es aber auch zu boxen. Das einzige Ritual, das wir dann haben, ist dass alle sich versammeln, noch mal in die Augen schauen und versprechen, dass wir den Leuten das geben, was sie verdienen. Tatsächlich liebe ich diese 10-15 Minuten vor der Show. Wenn man sich aufwärmt und fertig macht, die Stufen zur Bühne hochgeht – und dann gibt es kein Zurück mehr und du schwimmst. Was passiert, passiert.

Kamen dir auf der Bühne schon mal die Tränen?

So viele Male! Das einzige Problem ist: Ich bin Sänger. Wäre ich Schlagzeuger, wäre es egal, aber als Sänger ist deine Stimme ruiniert, wenn du weinst, weil du deine Muskeln dann nicht mehr kontrollieren kannst. Aber es ist trotzdem schön, wenn es passiert. Ich habe neulich einen Clip von der letzten Sunrise-Avenue-Show gesehen. Als wir „Hollywood Hills“ spielten, kämpfte ich mit den Tränen und dann trat ich einfach einen Schritt zurück, die Leute sangen den Song weiter und aus mir kam alles heraus. Das ist schon krass, wenn das passiert. Und ich wäre auch nicht überrascht, wenn mir bei meiner kommenden Tour die Tränen kommen! Man ist dann auch erleichtert, wenn alles klappt und die Leute alle da sind.

Sprechen wir noch kurz über dein neues Album „Me Free My Way“. Was war dir bei der Platte wichtig, wo wolltest du musikalisch hin?

Es ist auf jeden Fall viel Rock and Roll drin, aber auch vieles, was man nicht erwarten würde. Ich würde sagen wir gehen von links nach rechts. Es ist so pur und ehrlich, wie es nur geht, und bei weitem das am meisten geliebte Baby, dass ich je in die Welt entlassen habe!

Du bist aktuell auch wieder als Coach von „The Voice of Germany“ zu sehen. Welchen Ratschlag, den du jungen Künstlern heute gibst, hättest du damals selbst gerne bekommen?

Ich bin froh, dass ich die Dinge, die ich damals nicht wusste, nicht wusste! Wenn man wüsste, wie es wirklich ist, würden viele diesen Weg glaube ich nicht gehen. Aber ich denke der wichtigste Ratschlag ist: Machen! Neulich habe ich ein Mädchen im Flugzeug getroffen. Als sie meine Gitarre sah, meinte sie, sie sei auch Musikerin, sie wolle ihre Songs aber nicht veröffentlichen. Ich meinte nur zu ihr „mach es!“ und habe ihr gesagt, dass ich ihr auf Instagram folgen werde und sauer werde, wenn sie in zwei Jahren keinen Song veröffentlicht hat. Ich glaube die Leute denken zu viel nach, wegen Tiktok, Instagram und all dem Zeug, wo sich alle bestmöglich präsentieren wollen. Aber was ist denn das Schlimmste, das passieren könnte? Meine letzte Single kam auch nicht in die Top 100. Na und? Es ist Teil der Reise! Also einfach machen und schauen, wie es läuft. Wenn die Leute es mögen, mögen sie es. Und wenn nicht, dann lernst du daraus. Aber bleib nicht im Schatten stehen, nur weil du Angst hast.

Die Clubtour von Samu Haber im Oktober 2024 ist bereits ausverkauft. Im Juni 2025 beginnt seine große Open-Air-Sommer-Tour.

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