Bild: Ingo Petramer
Drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung gehören Sportfreunde Stiller längst zu den prägenden deutschen Bands zwischen Indie und Pop. Von ersten Auftritten in kleinen Clubs führte ihr Weg in die Arenen und auf Festivalbühnen vor Zehntausenden Menschen. Zum 30-jährigen Jubiläum erscheint nun nicht etwa ein nostalgischer Rückblick, sondern das neue Album „Happy Birthday“. Parallel zeichnet die Dokumentation „Mit dem Herz in der Hand“ (zu sehen am 12. Juni im Ersten plus in der ARD Mediathek) die Geschichte der Band nach. Im Interview spricht Bassist Rüdiger „Rüde“ Linhof über die wilden Anfangsjahre, emotionale Live-Momente, Krisen, Humor als Überlebensstrategie – und darüber, warum Sportfreunde Stiller auch nach 30 Jahren den Blick konsequent nach vorn richten.
Kurz und knapp gesagt: Es fühlt sich großartig an, auf dieses Leben zurückzuschauen, das so unglaublich ereignisreich, turbulent, schön und voller guter Energie war. Normalerweise haben wir nie richtig zurückgeschaut. Es hat immer nur eine Rolle gespielt, was als Nächstes kommt. Die nächste Platte, die nächste Tour. Aber dadurch, dass wir jetzt eine Doku über die Band gemacht haben und dafür ein Jahr lang von einem Filmteam begleitet wurden, haben wir uns vielen Details noch mal gestellt.
Sybille Koller, die Produzentin, ist eine alte Freundin von uns und wollte schon seit 15 Jahren eine Doku über uns machen. Irgendwann fragte sie dann, ob sie ihr Konzept einreichen dürfte. Die Doku entstand an 25 oder 30 Drehtagen, aus langen Einzelinterviews und ganz viel Archivmaterial. Sie hat etwas von einem Zeitdokument von den Neunzigern bis zur Gegenwart, aus der Sicht unserer Band – wahnsinnig liebevoll gemacht, witzig, kurzweilig, aber auch mit tiefen Momenten. Man sieht die Sportfreunde so, wie wir sind.
Vor allem unsere Anfangszeit! Das Leben heutzutage scheint einem ja manchmal selbstverständlich zu sein. Aber wie blank wir angefangen haben! Mit einem VW-Bus und mit einem Rider, auf dem stand: Wir spielen überall, wo es eine Steckdose und einen Kasten Bier gibt. Alles selber aufbauen und abbauen, ohne Tontechniker – und das jahrelang. Man hat das fast vergessen, weil es so lange her ist, aber dann schaut man in diese jungen, lachenden Gesichter, die immer so optimistisch und voller Bock nach vorne gegangen sind. Die Gesichter sind heute zwar älter, aber Bock haben wir noch genauso viel.
Ja, damals hießen wir noch Stiller. Ich war der Neue, denn ich kam nach ungefähr einem Jahr in die Band. Mein erster Auftritt war in Nürnberg im Klüpfel – fünf Tage nach der ersten Probe. Ich weiß noch, wie unglaublich das für mich war, jetzt eine Band zu haben, die ich einfach geil fand. Ich bin förmlich über die Bühne geflogen. Danach kam Peter zu mir und hat mich gebeten, ein bisschen auf ihn aufzupassen, weil ich mit meinem Bass so wild um mich gehauen habe (lacht).
Das sind oft Shows, bei denen etwas Neues begonnen hat. Zum Beispiel das Bizarre Festival 2000. Wir hatten damals gerade Powerplay bei VIVA 2, aber unser Slot war nachts um 3 Uhr 30 auf der Aftershow-Bühne. Am Anfang waren da nur Schnapsleichen, doch nach zehn Minuten war der Hangar randvoll mit Tausenden Menschen, die total Party gemacht haben. Wir konnten es kaum fassen. Das war ein sehr besonderer Moment. Genau wie Rock am Ring und Rock im Park 2006, wo wir einfach nicht erwartet hatten, dass die Leute Bock auf uns und unser Fußballlied haben. Wir hatten uns entschieden, mit dem Lied anzufangen – und auf einmal siehst du, wie 60.000 Menschen zu toben beginnen. Das sind sehr positive Erinnerungen. Es gab aber auch Momente wie 2017, wo wir auf der Bühne standen und einfach nichts mehr gespürt haben.
Sowas passiert, wenn man sich überspielt. Wenn man den Moment verpasst, in dem man eine Pause bräuchte, in dem man die Energie zueinander verliert. Aber das ist das Privileg, wenn man als Band so lange existiert: Man kann auch tiefe Momente durchleben und daran reifen.
Ja, das war der Wahnsinn! Wir waren damals echt ausgebrannt, weil wir praktisch zehn Jahre lang nur auf Tour waren. Deshalb haben wir zunächst abgesagt, als die Anfrage von MTV kam. Aber dann hat unsere Plattenfirma uns mit einer flammenden Rede überzeugt und wir haben zehn Monate richtig reingehauen. Ich habe Kontrabass geübt wie blöd. Der Moment, als wir dann durch den Gullideckel in diese Kulisse kamen, war einfach nur krass. Gefühlt haben wir ein neues Leben betreten, denn Unplugged zu spielen, hätten wir uns vorher nie vorstellen können.
Stimmt, am Geschwister-Scholl-Platz. Da sind die Studierenden alle rausgerannt, haben den ganzen Platz gefüllt und die Autos kamen nicht mehr richtig durch. Wir wurden dann von der Polizei mitgenommen – aber nur zur Seite, wo sie uns nach Autogrammen gefragt haben (lacht). Wir waren da ein bisschen blauäugig, aber so ein kleines positives Chaos herzustellen, ist natürlich schon auch ein Riesenspaß.
Unsere Tour durch Usbekistan! Wir haben dort, organisiert vom Goethe-Institut, in verschiedenen Städten gespielt: Taschkent, Samarkand, Shahrisabz. Da wurden zum Teil Bühnen vor heiligen muslimischen Orten aufgebaut. Als Musiker erlebt man immer wieder unglaubliche Sachen. Wir sind auch mal auf 3.300 Metern Höhe bei einem Ski-Event aufgetreten und ich musste in Socken spielen, damit ich die Fußorgel bedienen kann. Ich kann gar nicht genau sagen, was der abgefahrenste Ort war. Unser Leben ist einfach unglaublich bunt und voller Geschichten.
Man kommt immer in diesen komischen Konzert-Flow. Etwa eine Stunde vor der Show wird man nervös, fängt an, Schwachsinn zu reden. Wir haben uns aber auch angewöhnt, uns eine halbe Stunde vor Showtime zu treffen und einzuspielen. Dafür haben wir einen kleinen Proberaum. Danach trinken wir vielleicht noch ein Getränk, nehmen uns in den Arm – und dann geht es auf die Bühne.
Ich bin auf jeden Fall der Ruhigste auf der Bühne. Ich weiß nicht, ob das Lampenfieber ist. Ich bin aber froh, dass Peter und Flo so gerne mit den Leuten reden. Ich bin gerne einfach nur am Spielen.
Für uns geht es ja immer weiter. Wir schauen nach vorne und haben Bock weiterzumachen. Wir bringen nichts raus, um damit Geld zu verdienen oder so. Wir sind Künstler. Es war schon eine Diskussion, ob wir die Platte rechtzeitig zum Jubiläum fertig kriegen. Aber dass ein neues Album ansteht, war klar.
Das kann man sich einfach nicht ausmalen. Ich hatte damals total viele Helden-Bands und habe mich immer gefragt: Wie ist das, ein Leben so zuzubringen? Aber man lebt in der Musik halt von Platte zu Platte. Man denkt sich Dinge aus, stellt das nicht in Frage und geht dem halt nach. Das ist eigentlich das Schönste, fast ein Akt der Befreiung, dass man keine Angst mehr davor hat, Künstler zu sein. Dass man sich nicht schämt oder kein komisches Gefühl hat, mit 40 oder 45 auf der Bühne zu stehen. Man wächst einfach rein in dieses Leben.
Ach, wir machen einfach Musik. Wir versuchen nicht mal, uns nicht zu kopieren. Manchmal haben wir Bock auf ein Stück mit einem Beat, das ein bisschen Hiphoppiger klingt. Wann anders setzen wir vielleicht auf einen Bass-Groove. Wir spielen einfach und suchen nach guten Momenten. Dabei entstehen auch mal echte Scheißsongs. Die Kunst ist, die nicht aufs Album zu nehmen und rauszufiltern, bevor sie jemand anderes hört (lacht).
Klar, das ist die Stimme, das ist die Art, wie wir spielen. Die Lieder sind teilweise schon ein bisschen komplexer geworden, ohne dass man es vielleicht sofort merkt. Es hat einen tollen Flow. Aber es gibt schon neue Elemente. Zum Beispiel „Ti Amo“, ein deutsch-italienisches Lied, oder „Wir laden uns auf“, das postpunkig daherkommt.
Die Doku ist ja aus unendlich viel Material entstanden und daher total komprimiert: 30 Jahre in 90 Minuten. Der Podcast schaut noch mal in andere Ecken rein. Das hat mich auch total überrascht. Es gibt einfach so viel zu erzählen von dieser Band.
Vieles wussten wir natürlich schon irgendwie, aber es gab einfach Momente, in denen wir es sehr schön fanden, dass wir uns haben. Das bekommt durch so einen Rahmen eine andere Bedeutung, wenn man ständig gefragt wird, wie es dazu kam. Und es ist schön, wahrzunehmen, dass unsere Musik Menschen etwas bedeutet. Auf all das zurückzublicken war eine Mischung aus Nostalgie, Stolz, „Mein Gott, weißt du noch?“ und „Wie krass, dass wir uns da durchmanövriert haben“ – aber auch schallendes Gelächter.
Ja, das menschliche Miteinander ist eine Wechselwirkung mit der Musik. Ohne die Musik wären wir nicht so zusammen. Und ohne die Art, wie wir zusammen sind, gäbe es diese Lieder nicht. Wir haben einfach einen brutalen Humor miteinander. Eine gesunde, teilweise rücksichtsvolle Art, aber auch eine brutale Art. Manchmal hauen wir Dinge raus, die schon auch so gemeint sind, aber zu hart, um nicht dabei zu lachen. Zwischen uns herrscht diese Offenheit. Eine Art, Dinge zu sagen, die nicht viel offen lässt.