Bild: Steve Bright
In diesem Jahr feiern Sabaton ihr 25-jähriges Bandjubiläum. Diesen Meilenstein zelebrieren die Schweden mit einem neuen Album und einer zugehörigen Tour. „Legends“ heißt das frisch erschienene elfte Studioalbum. Der Name ist Programm. Statt sich wie zuletzt mit dem Ersten Weltkrieg auseinanderzusetzen, widmen sich Sabaton elf historischen Figuren mit Legendenstatus, von den Tempelrittern über Dschingis Khan, Cäsar und Napoleon bis zu Johanna von Orléans. Im November und Dezember bringen Sabaton ihre „The Legendary Tour“ nach Deutschland. Im Vorprogramm spielt The Legendary Orchestra beliebte Sabaton-Songs, wie man sie noch nie gehört hat. Es verspricht eine besondere Tour voller Überraschungen zu werden.
Wir trafen Sänger Joakim Brodén und Schlagzeuger Hannes Van Dahl, um mit ihnen über das neue Album und die anstehenden Konzerte zu sprechen. Außerdem berichten die beiden gut aufgelegten Musiker über ihre Idole, denkwürdige Live-Erlebnisse, außergewöhnliche Musikvideodrehs, Traum-Konzertlocations und den Sabaton History Channel.
Joakim: Ich würde mich wohl für Miyamoto Musashi entscheiden, der japanische Samurai aus „The Duelist“. Cäsar oder Napoleon sind ebenso interessant – aber weniger überraschend. Als jemand, der sich intensiv mit Militärgeschichte beschäftigt, sind mir diese Figuren häufig begegnet. Im Zuge der Recherchen für die Lyrics gab es daher wenige Überraschungen. Miyamoto Musashi, sein „Buch der fünf Ringe“ und seine philosophische Seite, das waren Dinge, über die ich bisher nicht viel wusste. Ähnlich verhielt es sich mit Vlad, von dem der Track „Impaler“ handelt. Auch hier gab es weit mehr zu entdecken, als das, was man normalerweise über ihn liest. Diese beiden waren also am interessantesten für mich.
Hannes: Für mich eindeutig „Templars“. Der Song und das Thema harmonieren so gut miteinander. Und das Musikvideo ist super geworden! Aber was der aktuelle Favorit ist, kann sich jederzeit ändern. Gerade wenn man Songs live spielt, fühlen sie sich teilweise anders oder unerwartet gut an.
Joakim: Das „Hordes of Khan“-Video haben wir im Natural History Museum in London gedreht, was ein wenig kompliziert war, da wir nachts drehen mussten, weil das Museum tagsüber natürlich geöffnet ist.
Joakim: Absolut. Mitten in der Nacht vollkommen alleine unter diesem riesigen Walskelett zu stehen!
Hannes: Das war wirklich cool. Und ich lief als französischer napoleonischer Kommandant mit diesem dämlichen Schnauzbart herum und hab mir gedacht: „Wie bin ich hier bloß gelandet?“ (beide lachen).
Joakim: Zu beiden Videos haben wir Behind-the-Scenes-Clips veröffentlicht.
Hannes: In meinem Fall waren das natürlich Drummer. Keith Moon von The Who hat definitiv Legendenstatus. John Bonham (Led Zeppelin, Thin Lizzy – Anm. d. Red.), Scott Travis (Judas Priest – Anm. d. Red.) und Nicko McBrain (Iron Maiden – Anm. d. Red.) – sie alle haben mich zum Spielen gebracht. Ebenso Cozy Powell (Rainbow – Anm. d. Red.), Alex Van Halen … wie viel Zeit hast du?
Joakim: Die erste Rock-/Metalband, die ich mochte, als ich noch sehr jung war, waren Twisted Sister. Aber eigentlich war es alles von ABBA über Beethoven und Bach bis hin zu ZZ Top. Es gibt bestimmte Musikstile, mit denen ich nicht viel anfangen kann, wie Jazz oder Hip-Hop. Aber sowohl Klassik als auch Rock von Elvis Presley bis zu den härteren Sachen, gefällt mir. Den größten Einfluss hatte wohl der klassische Hardrock und Heavy Metal aus den 80ern, aber auch Bands aus den 70ern, wie Rainbow oder Black Sabbath. Das ist eine Gemeinsamkeit innerhalb der Band. Wir alle mögen Metal, aber auch Musik außerhalb von Metal, wobei jeder seine persönlichen Vorlieben hat. Auf Heavy Metal von den späten Siebzigern bis in die frühen Neunzigerjahre können wir uns aber alle einigen.
Joakim: An das erste Metalkonzert kann ich mich erinnern. Das war eine schwedische Band namens Grief. Da war ich Teenager. Wenige Monate später habe ich dann Dee Snider solo gesehen, als er nicht mehr bei Twisted Sister war.
Hannes: Ich glaube bei mir waren es Hammerfall im Alter von 12 Jahren.
Hannes: Als ich Metallicas „Ride the Lightning“ das erste Mal gehört habe. Da wusste ich: Das will ich machen. Ich wusste nicht, was das ist, wie man es macht oder wo man anfängt, aber ich wollte lernen, wie man diese Sounds produziert. Ein sehr klarer Moment.
Joakim: Es war nie mein Plan, Musiker zu werden – obwohl ich Musik liebe und selbst Musik gemacht habe. Ich habe Hammondorgel gespielt, bin Keyboarder und Sänger von Sabaton geworden, aber ich habe mir nie gedacht: Das soll mein Job werden – bis es schließlich mein Job war. Ich erinnere mich noch genau, als ich in Athen auf der Bühne stand. Wir spielten „Ghost Division“ und in der Mitte des Songs fühlte sich plötzlich alles an wie in Zeitlupe. Ich dachte: Hier bin ich also, das erste Mal in Griechenland, und die Leute singen die Songs, die wir geschrieben haben, und ich habe schon länger keinen anderen Job mehr gehabt – ich bin jetzt wohl professioneller Musiker. Das ist mir in diesem Moment bewusst geworden. 2009 müsste das gewesen sein.
Hannes: Absolut.
Joakim: Nicht jeden Tag, aber regelmäßig, ja. Als ich Twisted Sister das erste Mal im Fernsehen sah, bin ich ausgeflippt. Eines Tages dann, vor ungefähr zehn Jahren, spielten wir eine Show in Schweden und die Band vor uns war Twisted Sister. Ich dachte nur: Oh Shit! Sie haben ihr Set mit „We’re Not Gonna Take It“ beendet – der Song, der mich zum Metalhead werden ließ, eine der größten Rock-Hymnen aller Zeiten. Wie soll man danach denn auf die Bühne?! Klar, „Primo Victoria“ ist beliebt, aber nicht im Vergleich dazu. Solche Momente gibt es also hin und wieder, aus unterschiedlichen Gründen.
Die erste unter dem Namen Sabaton war am 12. Dezember 1999, im Dalarnas Museum in unserer Heimatstadt Falun. Lokale Bands bekamen dort die Gelegenheit zwei oder drei Songs zu spielen. Wir spielten einen Coversong, nämlich Twisted Sisters „Stay Hungry“, dann noch „Shadows“ und entweder „Viking’s Prayer“ oder „Glorious Land“. Ich kann mich nicht genau erinnern, aber wir haben es auf Band – allerdings kein Interesse daran, dass das irgendjemand zu Gesicht bekommt. Die ersten Shows einer Band sind niemals sonderlich gut.
Joakim: Der Prozess beginnt eigentlich schon vor dem Zusammenstellen der Setlist, nämlich wenn man ein neues Album schreibt. Das Ziel ist, dass man sich auf Tour nicht nur auf das verlassen muss, was man in den Jahren davor herausgebracht hat. Dass man nicht einfach fünf neue Songs in die Setlist packt, sondern diese fünf ihren Platz auch verdienen. Außerdem ist es von Land zu Land verschieden. Da wir über militärhistorische Themen singen, haben die Songs unterschiedliche Bedeutungen in einzelnen Ländern. Ein Song wie „Winged Hussars“ kommt in Polen besonders gut an, Songs über die schwedische Geschichte entsprechend in Schweden. Daher passen wir unsere Setlist gerne ein wenig an das jeweilige Land an. Manchmal müssen wir auch Songs, die lange Bestandteil jeder Show waren, vorübergehend rausnehmen, um andere spielen zu können. Außerdem achten wir darauf, ob wir das jeweilige Land bei der letzten Tour besucht haben und welche Songs wir dort gespielt haben, damit wir nicht dasselbe spielen. Zu guter Letzt müssen wir das Programmieren von Pyro-Effekten und Licht bedenken.
Hannes: Für mich ist das ein Grund dafür, dass ich gerne in Sabaton spiele. Es ist dynamisch. Ich fange schnell an mich zu langweilen, weshalb es für mich eine gute Sache ist, dass wir immer wieder neu überlegen, welche Songs wir wo spielen. Und wir bleiben als Musiker technisch auf der Höhe.
Joakim: Schon, aber nichts Ernsthaftes.
Hannes: Pär kam einmal auf der Bühne zu mir uns sagte: Sieh dir meinen Bart an! Der war um die Hälfte kürzer.
Joakim: Ich hab mir auch schon mal die Haare an meinem Arm abgefackelt, während ich auf der Bühne herumgesprungen bin. Es riecht dann etwas merkwürdig und du denkst dir: What the fuck?! (lacht) Aber wir haben hochprofessionelle Leute, die sich um die Pyros kümmern und normalerweise passiert nichts. Schwierig wird es auf Festivals, wenn der Wind die Flammen zur Seite bläst. Man muss schon aufpassen mit diesen Sachen. Was absolut nicht passieren darf, ist, dass etwas losgeht, was in dem Moment nicht hätte losgehen sollen.
Hannes: Wenn man bedenkt, wie viele Pyros wir schon abgefeuert haben, ist wirklich wenig passiert.
Joakim: Wir haben alles Bisherige über Bord geworfen und neu angefangen. Und wir haben uns überlegt, was wir selbst gerne erleben würden – egal, ob wir uns eine Sabaton-Show oder ein Konzert unserer Lieblingsband anschauen würden: Was wäre das Coolste, das wir uns vorstellen können? Wir hoffen, es ist uns gelungen, genau das umzusetzen. Letztlich müssen das die Fans entscheiden. Aber ich wette, dass niemand, der Sabaton schon live erlebt hat, aus der Show kommen wird, ohne mehrere Male überrascht worden zu sein – vorausgesetzt man hat nicht vorher nach Spoilern gesucht.
Hannes: Miteinander. Wir werden ab und zu gefragt, ob wir ein bestimmtes Ritual vor einer Show haben, und verneinen das immer. Aber auf unsere eigene Art haben wir schon eins, auch wenn es nichts Besonderes ist. 45 bis 60 Minuten vor der Show sind wir fünf alleine in einem Raum.
Joakim: Dann reden wir viel Blödsinn, ärgern uns gegenseitig und ziehen unsere Bühnenklamotten an. Das sind immer echt schöne Momente. Beim Durchgehen der Setlist sprechen wir auch mal über Dinge, die am Vorabend nicht so gut gelaufen sind und wie wir das ändern können. Anschließend gibt es Fistbumps untereinander und mit der gesamten Crew und dann geht es los.
Joakim: Ich schalte in den Profimodus. Es kann sein, dass ich vorher total panisch bin, weil ich an so vieles denken muss – bestimmte Songs, Lyrics, Showelemente. Vor allem wenn es eine besondere Show ist, wie die in Wacken, als wir auf beiden Hauptbühnen gespielt haben. Oder es ist eine neue Produktion, eine neue Tour, all die Kostümwechsel – du musst dir eine Menge merken. Du bist also den ganzen Tag nervös. Wenn dann aber der erste Song beginnt, ich auf die Bühne laufe und anfange zu singen, dann ist das für mich wie ein mentaler Lockdown.
Hannes: Ich liebe diesen Moment. Aber es gibt dann ja nunmal auch kein Zurück mehr. Nach so langer Zeit vertrauen wir einander aber auch und wissen, dass jeder live sein Bestmögliches gibt, um eine gute Show abzuliefern. Man muss schon lange zusammen spielen, um sich so aufeinander verlassen zu können – es ist sehr cool, dass wir das können.
Hannes: Ich würde gerne einmal in Island spielen, da war ich nämlich noch nie, außer für Zwischenstopps.
Joakim: Für mich ist es immer etwas Besonderes, an Schauplätzen von historischen Ereignisses zu spielen, sei es in dem jeweiligen Land, der Stadt oder tatsächlich an Plätzen, die einst als Schlachtfeld dienten. An eine solche Sache erinnere ich mich sehr genau: Wir haben einen Songs namens „40:1“ vom Album „The Art of War“. Es muss der 8. September 2009 gewesen sein, denn am 8. September 1939 fand das Gefecht damals statt, da spielten wir am Ort des Geschehens mitten im Nirgendwo in Polen. Mein Traum wäre es, am 6. Juni in der Normandie zu spielen, am besten 2034, also 90 Jahre nachdem es passiert ist.
Hannes: Wir haben dieses Jahr beim Sweden Rock gespielt, neun Jahre nachdem wir das erste Mal da waren – verrückt irgendwie! Manchmal sind es aber die kleineren Shows, die besonders intensiv sind. Da kommt mir eine in meiner Heimatstadt in den Sinn, in einem kleinen, verschwitzten Club mit etwa 1.300 Leuten. Das war großartig!
Hannes: Einmal in Frankreich hat sich mein verdammter Schnürsenkel im Pedal verheddert. Das würde ich wirklich gerne vergessen. Je öfter ich das Pedal betätigt habe, desto schlimmer wurde es. Ich hab meinen Drum-Part so dermaßen verhauen.
Joakim: Bei mir ist es das Bloodstock Festival 2013. Ein Teil unserer Crew war nicht dabei und wir mussten uns auf andere Leute verlassen, die nicht mit unserem Zeug vertraut waren. Es waren aber alles Profis, also eigentlich kein Problem. Beim Soundcheck hat irgendwann alles funktioniert. Dann war aber die nächste Band an der Reihe, deren Techniker leider alles durcheinander brachte. Auf der Bühne hatten wir zeitweise nur Gesang und Schlagzeug.
Hannes: Was ja ehrlich gesagt auch alles ist, was man braucht (beide lachen).
Joakim: Auf jeden Fall zogen sich die Probleme durch die ganze Show. Mal waren die Gitarren da, dann wieder nicht. Da fängst du an, an dir und deiner Professionalität zu zweifeln, bis du schließlich dahinter kommst, was eigentlich los war. Dennoch bin ich stolz darauf, wie wir damit umgegangen sind, aber es hat keinen Spaß gemacht, unter diesen Bedingungen auf der Bühne zu stehen.
Joakim: Ja, auf dem History Channel gab es jetzt länger nichts Neues mehr, da wir keine neuen Songs hatten. Aber da wird wieder was kommen. Ob es dieses Jahr eine Cruise geben wird, ist noch unklar. Unsere Europatour endet in Stockholm zur selben Zeit, wenn wir normalerweise die Cruise starten würden. Daher müssen wir schauen, ob es im Anschluss zeitlich noch passt. Im schlimmsten Fall verschiebt sich das Ganze um ein paar Monate. Aber wir haben nicht vor, sie einzustellen, es macht nämlich wirklich Spaß.