Bild: Ben Wolf
Emotionale Texte und eingängige Melodien – Florian Künstler geht ab dem 23. März auf „Du bist nicht allein“-Tour und hat sein gleichnamiges neues Album dabei. Der geborene Berliner wuchs in einer Pflegefamilie auf, geriet einmal fast auf die schiefe Bahn und arbeitete in verschiedensten Berufen wie Konditor, Sanitäter und medizinischer Bademeister. In all dieser Zeit fand der Sänger immer Zuflucht und Sicherheit in seiner Musik, die ihn bereits seit seiner Kindheit begleitet. Einst als Straßenmusiker begonnen, hat er inzwischen zwei Alben veröffentlicht und seine Fangemeinschaft wächst stetig weiter. Im Interview spricht Florian Künstler über seinen Vater, einen Freund, der ihm in schwierigen Zeiten seine Hand reichte, seinen ersten Auftritt in der Barbarabar in Hamburg und warum ihm die Songs „Völlig ok“ und „Papa“ aus dem neuen Album besonders viel bedeuten.
Florian Künstler: Ich glaube wenn man weiß, dass wir alle dieselben Ängste teilen – dass viele nicht wissen, wie es weitergeht mit ihrem eigenen Leben oder mit der Zukunft oder wir einfach gerade in einer Situation stecken, wo wir jemanden extrem vermissen – dass es extrem helfen kann, wenn man sich vor Augen führt, dass es vielen Leuten ganz genauso geht wie einem selbst. Wir sind mit all unseren Sorgen nicht allein und uns verbindet mehr als uns trennt – das ist ein Gefühl, das ich auch in meiner Musik widerspiegeln möchte.
Ich glaube man kann Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten: Man kann im Schmerz untergehen oder man nutzt dieses Gefühl, um daraus zu wachsen und ein anderer Mensch zu werden. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass es ein Danach gibt und manchmal führt der Weg hinaus erst einmal tiefer hinein. Dieses Sprichwort stimmt für mich. Ich glaube es macht einen Unterschied, ob man sagt ‚ich vermisse jemanden und ich kann ohne diese Person nicht leben‘, oder ‚es ist schön, mit diesen Menschen eine bestimmte Zeit gemeinsam auf diesem Planeten verbracht zu haben‘. Das ist vielleicht eine tröstendere Perspektive und deswegen versuche ich einfach einen anderen Blickwinkel zu haben auf diese Dinge und den Schmerz in meiner Musik zu kanalisieren.
Ich bin auf alle Songs stolz, aber natürlich gibt es so Songs wie „Völlig ok“, der mir sehr viel bedeutet, weil er einfach dafür steht, dass man nicht immer stark sein muss, auch wenn einem die Social Media-Welt vielleicht das Gegenteil vorlebt. Aber tatsächlich ist es auch mal völlig okay, dass nichts okay ist und das zuzugeben heilt einen am Ende mehr, als diese Gefühle zu überspielen. Und natürlich ist auch „Papa“ ein Song auf dem Album, der für mich eine ganz besondere Bedeutung hat und den mein Vater bisher noch nie live gehört hat. Da gibt es ganz, ganz viele Songs, die auf eine gewisse Art und Weise einen Platz in meinem Herzen haben – denn aus dem Herzen kamen sie ja auch.
Florian Künstler meldet sich mit seinem zweiten Album „Du bist nicht allein“ zurück. Mit einfühlsamen Texten und authentischen Melodien knüpft der Singer-Songwriter an sein letztes Album „Leise“ an und liefert Songs, die berühren und Hoffnung schenken. Seine Lieder handeln von Zusammenhalt, Liebe und den kleinen aber bedeutungsvollen Momenten des Lebens. „Du bist nicht allein“ ist ein Album, das Trost spendet und gleichzeitig Mut macht – ein musikalischer Begleiter für alle, die sich verstanden fühlen wollen.
Ich glaube, meine Vergangenheit hat mich sehr stark beeinflusst, weil ich durch meinen Lebensweg einen ganz anderen Blick auf die Welt habe. Ich habe schlimme Zeiten erlebt und wusste teilweise nicht, wie es weitergeht, beziehungsweise ob es weitergeht, deshalb weiß ich das Leben jetzt umso mehr zu schätzen. Jeder Atemzug und alles, was tagtäglich passiert, ist ein Geschenk und keine Selbstverständlichkeit. Das inspiriert mich beim Songwriting und lässt mich Songs schreiben, die einen anderen Blickwinkel und eine gewisse Dankbarkeit haben und versuchen anderen Menschen Trost zu spenden.
Ja, „Verzeih dir selbst“ – das ist immer einfacher gesagt als getan. Das ist eine Sache, an der ich aktuell noch immer arbeite. Mein erster Duett-Partner Immo, mit dem ich eine Band gegründet hab, hat mich damals davon abgehalten auf die schiefe Bahn zu geraten, indem er mir angeboten hat, in seine WG zu ziehen, damit ich einen Ort habe, um erstmal klarzukommen und vor allem, um Musik machen zu können. Ich glaube, es ist immer einfach, sich an Personen zu hängen, denen es auch schlecht geht, um gemeinsam zu leiden und gemeinsam wütend auf die Welt zu sein. Aber sich an gute Leute zu hängen, die nichts von dir fordern und die dir nichts Böses wollen, das ist viel schwieriger, weil es auf einmal heißt, dass man die Liebe zulassen muss, die man ja vorher abgelehnt hat, weil man so wütend auf die Welt war. Mein Rat wäre also, ein bisschen mehr Liebe zuzulassen und die Hoffnung, nicht aufzugeben, dass dich jemand liebt, auch wenn man denkt, dass es nicht so ist. Ich glaube das ist ein ganz wichtiger Punkt.
Also früher unter Freunden war es nicht üblich, dass man überhaupt Gefühle zeigt. Mein Vater hat das schon eher gemacht, mein Opa aber noch nicht. Ich glaube generell, dass es einen wachsen lässt, denn wenn man Gefühle zeigt, heißt das auch, dass man nichts in sich reinfrisst. Ich weiß aus eigener Erfahrung ganz genau, was passiert wenn man seine Sorgen in sich reinfrisst, nämlich Panikattacken und neue Ängste. Ich glaube, dass es megawichtig ist, offen mit seinen Gefühlen umzugehen - wie auch ein Song von mir sagt, „Jede Träne, die du nicht weinst, stellt sich hinten wieder an“. Der Druck wird irgendwann so groß, dass du es nicht mehr aushältst und dagegen hilft nur, offen mit seinen Emotionen umzugehen.
Es gibt so viele Menschen, die einfach so selbstlos sind: Notärzte, alle, die in Pflegeberufen arbeiten. Es gibt natürlich die Polizei und die Feuerwehr, das sind Leute, die das Allgemeinwohl auch mit dem möglichen Preis ihres eigenen Lebens zahlen. Aber es gibt auch so viele ungesehene Helden, die man im Alltag leicht übersehen kann: Leute, die einfach den Mut haben, über ihre Ängste und über ihre Schwächen zu sprechen. Alleinerziehende Eltern, die ihr Leben ihrem Kind gewidmet haben, um diesem ein schönes Leben zu ermöglichen. Ehrenamtliche Helfer, die zum Beispiel für die Tafeln arbeiten, die viel für andere tun. Die Pflegeeltern, die Kinder mit Behinderung haben, wie meine Eltern auch. Es gibt so viele stille Kämpfer und Kämpferinnen da draußen, die man fast übersieht und eigentlich müssten diese Menschen noch viel mehr gehört werden.
Ja, Musik hat schon am Anfang eine Rolle gespielt, als Teenie hatte ich die erste Band mit meiner Schwester. Aber dann kam die Phase, als ich von Zuhause rausgeworfen wurde und drohte auf die schiefe Bahn zu geraten, da habe ich die Musik kurzzeitig aus den Augen verloren, zum Glück aber schnell wieder gefunden. Ich habe immer schon Texte geschrieben, auch für Poetry Slams und mit 24 ging es dann irgendwann los, dass ich gemerkt habe, dass die Leute meine Texte mögen und stehenbleiben, wenn ich Straßenmusik gemacht habe. Und da dachte ich, das ist vielleicht eine ernsthafte Perspektive für mich.
Ich bin damals neben der Arbeit gefühlt jeden zweiten Tag zu einem Slam gefahren oder bin auf irgendwelchen Kleinkunstbühnen aufgetreten, um überhaupt einen Song vor Publikum spielen zu können. Als ich dann bei Slams gewonnen habe, kam im Anschluss vom Publikum öfter die Nachfrage, ob es denn irgendwo noch Tourtermine von mir gibt, aber ich habe damals noch gar nicht diese professionellen Strukturen gehabt, ich habe keine eigenen Konzerte gespielt oder CDs dabei gehabt, die ich hätte verkaufen. Ich wollte einfach nur vor Menschen auftreten und das waren schon besondere Momente, überhaupt auf der Bühne zu stehen, mit wackligen Knien. Und dann gab es irgendwann Buchungen für Hochzeiten oder Partys, wo auf einmal jemand gesagt hat, ich gebe euch Geld dafür, ihr könnt hier im Pub spielen, hättet ihr Bock? Und da ist mir zum ersten Mal klar geworden, dass man die Musik vielleicht tatsächlich auch beruflich machen kann.
Mein erstes Konzert war, wenn ich mich richtig erinnere, in der Barbarabar auf dem Hamburger Berg, damals noch mit anderen Künstler:innen zusammen. Das erste richtig eigene Konzert war dann in der Nochtwache in Hamburg. Auf einmal waren da Menschen, die meine Texte kannten – und das obwohl ich die Songs noch gar nicht richtig rausgebracht hatte, das war total verrückt.
Ich habe nie gedacht, dass ich Musik überhaupt beruflich machen kann, aber es hat mir immer so viel Spaß gemacht, weshalb ich auch nie aufgehört habe, weil die Musik das einzige war, wo ich mich richtig aufgehoben gefühlt habe. Trotzdem war erstmal nicht daran zu denken, dass ich es beruflich mache, weil ich nicht wusste, dass das überhaupt geht. Aber als dann irgendwann der erste Produzent kam und meinte, ob wir nicht mal was zusammen machen wollen, da habe ich mir gedacht, ob das vielleicht in die richtige Richtung gehen kann. Acht Jahre lang haben wir dann an meiner Musik gearbeitet und es wurde zwar Stück für Stück immer ein bisschen größer, aber der richtige Durchbruch hat erstmal auf sich warten lassen. Trotzdem war meine Einstellung, dass jeder Mensch, vor dem ich die Chance habe live zu spielen, ein Mensch mehr ist, dem ich zeigen kann, was ich mache und dadurch wurde mein Publikum mit der Zeit immer größer.
Bei dieser Frage antworte ich immer das gleiche: Das ist ganz eindeutig Herbert Grönemeyer, weil ich seine Musik so sehr liebe. Mit ihm würde ich sofort ein Duett machen, also wirklich sofort.
Ich durfte Support machen bei ganz vielen tollen Künstlerinnen und Künstlern und ein Jahr später dann selbst auf diesen Bühnen zu stehen, das war für mich total verrückt. In einer Venue wie in der Großen Freiheit in Hamburg, wo schon so viele Bands, die ich bewundere, auf der Bühne gestanden haben, in eine Menschenmenge zu gucken – da ist man eher ehrfürchtig und kriegt so ein bisschen Bammel, aber hat trotzdem in erster Linie total Bock. Aber es gibt so viele Gigs, die alle ihre eigene Magie haben, sei es an einer Strandpromenade oder bei Stadtfesten. Aber die erste Tour so richtig mit einem Nightliner zu fahren, das war verrückt, das war eine der schönsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. In Berlin mit Gestört aber Geil vor 16.000 Leuten aufzutreten oder bei Festivals auf der Bühne zu stehen, wo ich das Ende von den Leuten gar nicht sehen konnte – das sind krasse Erfahrungen! Aber eigentlich mag ich am liebsten die Club-Shows – es gibt so viele geile Locations, die ich alle jetzt gerade kennenlerne. Die erste Tour mit meinen Freunden zu spielen, die alle Teil meiner Band sind und gemeinsam in den Nightliner zu steigen und zur nächsten Stadt zu fahren, ist einfach ein Traum.
Ja, Lampenfieber habe ich auf jeden Fall immer. Ich habe sogar jetzt schon Lampenfieber, bevor die Tour losgeht! Ich denke vor jeder Stadt irgendwie immer, dass ich nicht vorbereitet genug bin, obwohl das natürlich gar nicht stimmt. Aber da kommen viele Menschen, die ihre Zeit opfern und die eine Erwartung haben, was beim Konzert passieren wird und ich will, dass alle einen richtig perfekten schönen Abend haben. Deshalb bin immer sauer auf mich selbst, wenn ich mich versinge oder irgendwie stolpere, aber ich hoffe, dass die Leute mir das verzeihen (lacht).
Bei der Tour freue ich mich am meisten darauf, dass ich alle wiedersehe, denn man kennt ja sehr, sehr viele Gesichter schon und ich freu mich auch darauf neue Gesichter kennenzulernen. Ich freue mich auf neue Clubs, in denen wir noch nie gespielt haben. Und ich freue mich vor allen Dingen darauf, so lange Zeit mit der Band und mit der ganzen Crew verbringen zu dürfen, die alle schon Family für mich geworden sind. Und natürlich freue ich mich auf das ganze Set und darauf die neuen Songs live zu spielen – das wird eine Mischung von Bruce-Springsteen-Style bis hin zu Balladen. Ich glaube, ein Konzert muss beides haben, du musst ein bisschen tanzen können, du musst ein bisschen weinen können, du musst ein bisschen lachen können, es müssen einfach verschiedene Zutaten drin sein und da freue ich mich am meisten drauf.
Auf der musikalischen Bucketlist steht natürlich ganz oben, dass ich weiter von der Musik leben kann. Abgesehen davon würde ich gerne mal zu „Sing meinen Song“, weil ich es einfach total gerne mag, Songs auf meine Art zu interpretieren. Ich würde auch gerne mal zu „Inas Nacht“, das sind einfach Shows, die ich früher schon immer geguckt hab und die für mich als Musiker eine große Ehre wären. Vielleicht klappt's, vielleicht auch nicht, aber das sind so meine Bucketlist-Wünsche. Und natürlich Duette mit Idolen - ich weiß nicht mal, ob die mich kennen, ob sie wissen, dass ich existiere. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. (lacht)