Bild: Marina Hunter
Corey Taylor ist dieser Tage ein viel beschäftigter Mann: Die Tour seiner Band Slipknot ist gerade erst zu Ende, da veröffentlicht er direkt sein zweites Soloalbum „CMF2“. Darauf zeigt er sich musikalisch noch vielseitiger als auf dem vor drei Jahren erschienenen Vorgänger „CMFT“: Neben harten Riffs und lauten Screams gibt es auch country-eske Akustikballaden und sogar an der Mandoline versucht Taylor sich. Pünktlich zu seinen anstehenden Tourdaten – seine erste Solotour hierzulande – sprachen wir mit dem 49-Jährigen über unvergessliche Bühnenmomente, in Flammen stehende Bandkollegen und stinkende Masken.
Corey Taylor: Die erste Show, die ich jemals gesehen habe, war Steppenwolf – aus Versehen. Ich bin in Waterloo, Iowa aufgewachsen, wo es dieses Event namens „The 4th Street Cruise“ gibt, eine Art Jahrmarkt für Arme. All jene Leute, die alte Autos besitzen, fahren damit die 4th Street auf und ab. Für uns war das als Jugendliche eine gute Ausrede, Zuhause rauszukommen, zu rauchen und zu trinken. Wir liefen dabei immer im Kreis, denn wenn man stehen blieb, riskierte man, dass man erwischt wird. Erst sahen wir, wie diese Band auf einem Trailer aufbaute. Später, als wir wieder vorbei kamen, kehrten sie gerade für die Zugaben zurück und auf einmal erklangen „Magic Carpet Ride“ und „Born To Be Wild“. Ich dachte nur huch, das ist doch diese Band, die meine Mum liebt! Es waren Steppenwolf.
Ich war noch sehr jung, als ich anfing, mit anderen Leuten zu jammen. Meinen ersten Pseudo-Gig spielte ich, als ich 13 war, auf einer Hausparty in einem Keller. Wir spielten ganz schreckliche Cover, keiner von uns war wirklich gut, aber die Leute sind durchgedreht. Da wusste ich, dass das etwas ist, das ich machen will, das mir ein Gefühl der Selbstsicherheit gibt. Etwa sechs Jahre später sah ich dann diese wunderbare Performance von Faith No More mit „Epic“ bei den MTV Video Music Awards und danach stellte ich meine erste richtige Band zusammen. Der Rest ist Geschichte.
Wenn alles stimmt und ich gesund bin, muss ich mich zusammenreißen, nicht zu früh dort aufzuschlagen! Nicht nur, weil ich es verabscheue, zu spät auf die Bühne zu kommen, sondern auch, weil ich es einfach nicht erwarten kann, endlich da raus zu gehen. Ich liebe es einfach. Selbst, wenn ich mal schlecht drauf bin, ist das die eine Sache, die mir immer leicht von der Hand geht und von Herzen kommt. Und zu sehen, wie das Publikum abgeht, ist einfach eins der besten Gefühle auf diesem Planeten. Man kann es mit nichts anderem vergleichen und ich kann bis heute nicht glaube, dass ich die Möglichkeit habe, das zu tun.
Das ist interessant, denn auf den ersten Blick unterscheidet sich das beides natürlich stark, aber ich ziehe eine ähnliche Liebe aus beidem. Bei Slipknot geht es darum, sich der dunkleren Seite zu widmen – die Altlasten der Trauma meiner Jugend. Im Laufe der Jahre hat mir das definitiv geholfen, damit umzugehen und es zu verarbeiten. Ich habe immer gesagt Musik ist die beste Form von Therapie, die man sich vorstellen kann! Bei meinen Solosachen geht es natürlich ein bisschen mehr um mein Ego und das genieße ich auch. Zudem mag ich es einfach, Entertainer zu sein. Bei Slipknot ist es manchmal schwer, der klassische Frontman zu sein. Wenn ich solo spiele, gehe ich einfach auf die Bühne und versuche, das Publikum so gut es geht zu unterhalten – ob das nun bedeutet, einen schrecklichen Dad-Witz zu reißen oder mich mit der Akustikgitarre hinzusetzen und mich komplett zu öffnen. Beide Arten von Performance sind für mich eine Offenbarung, die die jeweils andere nicht bieten würde.
Oh ja, mehrmals! Es gab Zeiten, wo ich bei bestimmten Songs einfach losheulen musste. Vor allem „Snuff“ ist ein schweres Stück. Ich kam aber auch bei „Home“, den ich für meine Frau geschrieben habe, schon ins Stocken, weil ich sie plötzlich im Publikum sah. Da flossen die Tränen einfach. Meine Frau hat auf so vielen Ebenen mein Herz gerettet. Ich kam damals aus einer toxischen Beziehung und befand mich in einem desolaten Zustand. Aber dann trat sie in mein Leben und ob ich es wollte oder nicht, wurde sie mein Lieblingsmensch auf der ganzen Welt. Wenn ich den Song heute singe, bringt er mich direkt an den Punkt in meinem Leben zurück.
Als wir mit Slipknot das erste Mal Headliner beim Download Festival waren! 2009 war das. Die Fans hatten seit Jahren darauf gewartet. Hinter den Kulissen gab es allerdings viele Leute, die dachten, dass wir das nicht packen, dass wir es nicht verdienen – aber das wussten wir nicht! Wir wussten nur, dass wir endlich Headliner sind. Und wo wir gerade schon vom Weinen sprachen: An dem Tag musste ich alles geben, um nicht komplett in Tränen auszubrechen. Am Ende der Show sagte ich „welcome to a dream come true“ und man hört, wie meine Stimme dabei zittert. Dann schaute ich mich noch einmal um, um sicherzustellen, dass ich dieses Bild für immer mitnehme. Das zwar zweifellos eine der wichtigsten Shows meines Lebens.
Oh ja, unsere Show in Hamburg 2002. Ich liebe diese Stadt und es lag nicht an den Fans, sondern war unsere Schuld. Wir spielten zu der Zeit schon große Hallen, unsere Produktion war dafür ausgelegt. In Hamburg hatte man uns aber aus irgendeinem Grund ins Docks gebucht. Die Bühne war so klein, dass nicht genug Platz für unser ganzes Zeug war und in unserer unendlichen Weisheit beschlossen wir, die Show „besonders“ zu machen: Wir betranken uns und spielten 30 Minuten am Stück den Song „Iowa“. Danach fühlten wir uns so schlecht, dass wir auf die Bühne zurück kamen und versuchten, mehr Songs zu spielen, aber ich war so betrunken, dass ich einfach nur beschissen klang. Nach 45 Minuten taumelten wir von der Bühne und als das Publikum sah, dass unsere Crew mit dem Abbau begann, fingen sie an, zu randalieren. Ein Fan, ein echter Riese, den wir Hermann the German nannten, ging dann da rein, schrie laut „nein“ und schaffte es tatsächlich, dass die Meute sich beruhigte. Ich werde ihm immer dankbar sein! In den folgenden Jahren habe ich mich jedes Mal entschuldigt, wenn wir in Hamburg waren. Ich bereue nicht viele Dinge in meinen Leben, aber diese Show bereue ich (lacht).
Ich sag dir was: 2008 wäre Clown in Berlin fast in Flammen aufgegangen. Zum Glück hatte er die „All Hope Is Gone“ Maske auf. Sie war aus Leder und richtig dick. Unser Pyrotechniker sah ihn nicht, als er oben lang lief – und Boom! Er hätte dabei echt drauf gehen können, aber die Maske hat ihn gerettet. Dank ihr war er nur leicht angekokelt. Das war glaube ich das schlimmste Erlebnis. Abgesehen davon, als unser DJ Sid sich bei einer Show in Seattle beide Fersen brach, aber das war seine eigene Schuld. Er sprang von einer Plattform auf die Bühne und landete falsch. Das war die erste Show der Tour! Den Rest der Tour absolvierte er dann im Rollstuhl…
Ich nehme immer nur zwei mit auf Tour. Die zweite ist mein Backup, falls die erste mal während der Show kaputt gehen sollte. Aber tragen tue ich eigentlich immer nur eine. Das heißt nicht, dass die nicht irgendwann stinkt… Früher waren wir da richtig abergläubisch, nach dem Motto die Maske wird nicht gewaschen. Aber irgendwann wurde es echt eklig und ich hatte das Gefühl, irgendwas wächst auf meinem Gesicht…
Der ist heutzutage super langweilig. Unsere Frauen kriegen verrücktere Sachen als wir! (lacht). Für mich steht da eigentlich nur schwarzer Kaffee drauf, was echt traurig ist. Früher waren das mal zwei bis drei Flaschen Jack Daniels. Heute würde ich wahrscheinlich ohnmächtig werden, wenn ich den nur riechen würde. Stattdessen gibt es heute Tiger Balm für schmerzende Muskeln…
Am 20. November 2023 startet Corey Taylor seine erste Solotour durch Deutschland. Die ursprünglich angekündigten Termine in Berlin und Köln sind bereits ausverkauft, für die Zusatzshow in Köln gibt es noch Tickets. Ihr findet sie mit einem Klick auf den Button.