„Musik zu machen ist für mich das kindlichste überhaupt“, so der Synthesizer-Schamane Jian Liew, besser bekannt als KYSON. "Du bist einfach frei, rennst nackt auf einem Feld und kannst machen, was du willst. Es gibt keine Grenzen, was du tun kannst und was nicht. Musik ist grenzenlos." Über zwei Alben und zahlreiche Kollaborationen hinweg (darunter: Shigetos „ Water Collides “ und Bon Ivers „ Holocene ") kreierte der Musiker und Produzent sprudelnde Hip-Hop-Klanglandschaften, die das Online-Magazin Pitchfork als exotisch, gleichzeitig aber auch vertraut beschreibt. Dies gipfelte in seinem dritten, self-titled Album „ Kyson “ – ein musikalischer Blick auf sein Leben, welcher KYSON‘s Ausbruch aus seinem bisherigen musikalischen Umfeld markiert. Während er sich mit seinen früheren Veröffentlichungen noch in andere Welten flüchtete und seine Sounds an einen anderen Ort transportierten, trifft einen dieses Album mit der ehrlichen, brutalen Realität durch erzählende, fühl- und greifbare Elemente absichtlich mitten in die Seele.
Der zauberhaft kontemplative Track „ The Boy “ ist ein schwindelerregender Rückblick auf seine australische Kindheit. Hier findet der interkulturelle KYSON sich selbst an einem Scheideweg zwischen der westlichen Assimilation und seinem asiatischen Erbe wieder. Es folgt der federleichte instrumentale Song „ Penang Stories “, der subtil von chinesisch inspirierten Streichern durchdrungen wird. Der Pop- Song „ One & Amp “ fungiert als begleitender Track, in dem KYSON erklärt: “That beauty’s on my side / Shielded like a mother’s smile / I’m all in now.” Kreativ ebnete „ The Boy “ den Weg für ein Album, welches eine seltene Balance zwischen „für jeden nachvollziehbar“ und „persönlich“ schafft. „Ein Jahr lang hatte ich diese eine Wiederholung von vier Akkorden auf meinem Computer" sagt KYSON, der kürzlich von Berlin nach Wien gezogen ist. In einer frühen Demo sang er „Am I still a boy?“ – immer und immer wieder singt er es wie ein Mantra. Es dauerte fast ein Jahr, bis KYSON fertig wurde, doch das Lied öffnete die Schleusen für das, was sein bis heute bahnbrechendstes Werk sein würde.
Die Artworks des Albums und der Singles stammen vom deutschen Künstler BD Graft : „Er hat ein Projekt, in dem er zufällige Dinge mit gelber Farbe versieht. Ich wollte ihn dazu bringen, seine Add Yellow Serie bei den Erinnerungen anzuwenden, die ich an meine Kindheit hatte“, sagt KYSON, der echte Bilder aus dem Haus seiner Mutter für dieses Projekt verwendete. „Am Ende hat er ungefähr 40 Arbeiten gemacht. Wir werden ein kleines Buch damit herausbringen, das der Sonderausgabe beiliegen wird.“
KYSON gibt zu, dass das erste Jahr, in dem er das Album geschrieben hat, eine Herausforderung war. „Mein letztes Album „ A Book of Flying “ war unkomplizierter“, sagt er. „Mit diesem Album war ich wie an einem anderen Ort. Ich bekam so viel Inspiration von diesen Erinnerungen, dass ich erst einmal aufhören und einfach nachdenken musste.“ Schließlich wagte er sich aus seiner Komfortzone heraus und umarmte das reale Geschichtenerzählen und die musikalischen Elemente, die diese ungeschminkte Authentizität widerspiegelten. „Ich wollte mehr echte Sounds: zum ersten Mal ein echtes Schlagzeug, einen echten Bass und eine Gitarre“, erklärt KYSON, der es gewohnt ist, alles zu Hause zu produzieren. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft treffen auf Singles wie „ Slowdown “ in einem multidimensionalen Zusammenspiel zwischen schimmernden Synths, gurrenden Gitarren und auf- und abfallenden Vocals, aufeinander. „Ich bin nie in ein Studio gegangen und habe gesagt: „Okay, wir gehen mit einem Album hier raus.“
Der Titel des Albums ist von besonderer Bedeutung. KYSON‘s Künstlername war sein Spitzname als Kleinkind. Seine freigeistigen Eltern (sine Mutter ist Engländerin, sein Vater Malaysier) konnten sich nach seiner Geburt nicht für einen Namen entscheiden, also nannten sie ihn vorübergehend Kysan – "Ky“ abgeleitet aus dem Namen seines Vaters und "san“ für Sohn. Als KYSON älter wurde, führte ihn sein Vater an die asiatische Kultur heran, doch KYSON zeigte kaum Interesse. Es dauerte bis zum Tod seines Großvaters, als der Wunsch in ihm geweckt wurde, mehr über seine chinesischmalaiischen Wurzeln zu erfahren. „In diesem Album“, stellt er fest, „geht es wirklich darum, wie neugierig ich geworden bin." Darauf geht KYSON im zarten Arpeggio geprägten Song „ Innocence Arrogance “ ein – ein menschlicher Psalm über Tapferkeit und Bedauern. Das Lied begann als eine Audioskizze: „Ich ging ich in mein Studio und fing an, alle meine Synths auf Band aufzunehmen. Ich habe Stunden damit verbracht und hatte schließlich diesen einen kleinen Ton, auf den ich dann die Gitarre drüberlegte.“
KYSON begann seine musikalische Laufbahn im Alter von 16 Jahren, indem er in seinem Kinderzimmer erste Hip-Hop-Beats produzierte. „Wenn man in seinem Schlafzimmer Musik produziert, ist das für mich der tiefste meditative Zustand, den man erreichen kann “, erinnert er sich. „Es ist ein Gefühl, das ich bis dato noch nie zuvor bei anderen Dingen erlebt hatte.“ Den ersten Vers zu „ Inn ocence Arrogance ” gestaltete er instinktiv: „My arrogance battles with my innocence / A surrogate to every thought / I watch it all come round again.” KYSON erklärt: „Ich frage mich, ob wir zu arrogant sind, um die Unschuld zu ignorieren, die zeigt, wie zerbrechlich wir als Menschen sind. Es geht darum, diese Unschuld und meine sanfte Seite in mein Leben zu lassen.“
Jedoch ist es das pulsierende, spektrale „ Calibrate “, welches eines der faszinierendsten Lieder des Albums ist. „Es ist ein merkwürdiger Song auf dem Album. Er ist fehl am Platz“, sagt er. „Es ist eine sehr abstrakte Geschichte über die Liebe, über mich und ein Gespräch mit mir. Der Erzähler schließt Frieden mit der Idee, dass eine andere Person ihn von dem Gefühl der Unruhe befreien und helfen kann, seine Prioritäten zu überdenken.“
Mit seiner diskret verschobenen Perspektive ist KYSON einzigartig. Lieder wie das wehmütige „ Bliss “ (eine Hymne an die Nachdenklichkeit: “I can only fuck up when I’m feeling like this…I just need another, another moment of bliss”), sind kraftvolle introspektive Erzählungen. Andere Songs wiederum, wie zum Beispiel „ The Body “ (ein Song über die Geist-Körper-Verbindung) und „ After the Rain “, sind Beobachtungen thematischer Fortschritte, die er durchlebt hat. („After the rain comes the mind / After the mind comes the blood /After the blood comes the river.”) „Er beinhaltet diese Synths, die überall verstreut sind – sie stellen Emotionen dar, die außer Kontrolle geraten“, sagt er. „Es war wirklich interessant für mich, nachdem ich fertig war, mein eigenes Album in kleine Einzelteile zu zerlegen und zu überlegen, wie ich versuchen kann, die Musik mit der Geschichte in Beziehung zu setzen.“
Es überrascht daher nicht, dass „ After the Rain “ der letzte Song war, den KYSON geschrieben hat. „Ich habe ihn nach einigen Studiositzungen in meinem Studio in Wien gemacht. Grundsätzlich versuche ich, jeden Tag Musik zu machen – Ich möchte da sein, wenn die Inspiration kommt. Also habe ich weiter Musik gemacht.“ Genauso instinktiv, wie er seine eigene Identität finden musste, um „ Kyson “ zu produzieren, wusste er intuitiv auch, wann er damit aufhören sollte: „Ich verbrachte zwei Jahre damit, an diesem Album zu arbeiten. Ich hatte immer sehr umfangreiche Ideen, wiederholte dieselben Parts immer und immer wieder und arbeitete mit Menschen, die mir nahestanden. Ich wusste, dass ich mit den richtigen Leuten am richtigen Ort war und habe dieses Album so ziemlich genau dahin gebracht, wo ich es haben möchte."