Wohl so ziemlich jeder, der sich ein wenig auskennt in der aktuellen deutschen Musiklandschaft, denkt bei dem Namen Kantereit unmittelbar an die Kölner Erfolgsband AnnenMayKantereit. Und das ist auch gar nicht falsch – allerdings geht es in diesem Falle nur um eines der drei Mitglieder: Schlagzeuger Severin Kantereit. Dieser ist im Mai 2024 erstmals offiziell als Solomusiker in Erscheinung getreten – mit einem elektronischen Sound, den man so nicht unbedingt von ihm erwartet hätte. Mit den beiden zeitgleich erschienenen Singles „control.“ und „change.“ präsentiert er eine bislang unbekannte Seite von sich und darüber hinaus einen Vorgeschmack auf seine „ep #1“, die er im Zuge der Single-Releases für den 16. August 2024 ankündigte.
„control.“ und „change.“ strotzen nur so vor Experimentierfreude. Besonders deutlich wird das, wenn man Kantereits Solo-Ausflüge mit der Musik des Trios, in dem er seit 2011 Schlagzeug und Cajón spielt, vergleicht. Auch wenn organische Instrumente durchaus ihren Platz haben in den neuen Songs, so stehen die digitalen Klänge dennoch deutlich im Vordergrund. Ebenfalls neu: Der Drummer bringt seine Gesangsstimme zum Einsatz, und zwar mit Lyrics auf Englisch – ein weiterer Unterschied zu seiner Band. Die Arbeit an den Songs für „ep #1“ fand vor der Öffentlichkeit verborgen in Kantereits Studio in Berlin Kreuzberg statt. Seine zwei Bandkollegen waren hingegen eingeweiht und standen voll hinter Severin. So konnte dieser seine musikalische Vision ungestört umsetzen.
Severin Kantereit als DIY-Soloartist
Kantereit ist ein echtes DIY-Projekt – das Gros der Arbeit, vom Songwriting bis zur Produktion, übernimmt Severin Kantereit selbst. So spielt er etwa Gitarrenspuren und Schlagzeug sowie Percussions ein und bedient sich andererseits diverser elektronischer Tools. Analog trifft auf digital. Einen guten Eindruck davon vermittelt das Musikvideo zu „control.“. Der Clip zeigt Severin, wie er über mehrere Tage an seinem Song feilt. „control.“ steckt voller kleiner Details, die darauf warten, entdeckt zu werden. Es ist ein fresher Sound mit treibenden Beats, den Kantereit da kreiert. Wobei es zugegebenermaßen nicht sonderlich überraschend ist, dass der Schlagzeuger ein sicheres Händchen für Beats beweist. Die Zeile, „I can’t control it“ aus seinen aufs Wesentliche reduzierten Lyrics, kann sich jedenfalls nicht aufs Musikmachen beziehen – was das angeht, hat Severin Kantereit offensichtlich alles unter Kontrolle.
Ähnlich verspielt und detailreich wie „control.“ kommt auch „change.“ daher. Beiden Tracks ist anzuhören, dass sich der Künstler alle Freiheit genommen hat, sich kreativ auszutoben. Während man elektronische Elemente in AnnenMayKantereits eigenständigem Indie-Sound vergebens sucht, kann Severin seinem stets dagewesenen Hang zu diesen im Rahmen seines Soloprojekts hemmungslos frönen. „ep #1“ erscheint auf KANTEREIT Records, einem Sublabel des bandeigenen Plattenlabels. Der DIY-Approach setzt sich also auch darin fort – und er geht noch weiter, denn auch das Cover-Artwork stammt von ihm selbst. Man darf hochgespannt sein, was das Multitalent in Zukunft noch so alles von sich hören und sehen lässt.