Wer Jessie Murph nicht bereits von TikTok kennt, sondern erst 2021 durch die Debütsingle „Upgrade“ auf sie aufmerksam geworden ist, den dürfte die US-Sängerin und -Songwriterin in mehreren Belangen überrascht haben. Zunächst einmal ist es kaum zu glauben, dass da ein Teenager singt. Wie kann eine 17-Jährige so reif klingen? Nachfolgende Singles wie „Always Been You“ oder „Sobriety“ lassen den Hörer angesichts ihres jungen Alters ebenso ungläubig den Kopf schütteln. Denn sowohl inhaltlich als auch stimmlich klingt Jessie Murph wie eine Frau mit jeder Menge Lebenserfahrung.
Erlebt hat die aus einer Musikerfamilie stammende Nachwuchskünstlerin tatsächlich schon einiges. Schmerzliche Erlebnisse verarbeitet sie in ihren Songs; Emotionen drückt sie in Musik aus. „When I’m Not Around“ etwa handelt davon, wie sie in der High School wegen ihrer auf TikTok geposteten Gesangsvideos gemobbt wurde. In „Sobriety“ setzt sie sich mit Ängsten und Depressionen auseinander. Wenn so ein junges Mädchen Zeilen singt wie „Motherfuckin’ mess, I don’t fit in society, demons inside of me, fuck my sobriety, I got anxiety“, dann laufen einem beim Zuhören eiskalte Schauer den Rücken runter. Jessie Murph schreckt nicht davor zurück, zwar unbequeme, aber eben auch wichtige Themen anzusprechen – oder in ihren Lyrics zu fluchen, was das Zeug hält. In ihren furchtlosen Texten nimmt sie kein Blatt vor den Mund, lässt ihrer Wut und anderen starken Gefühlen freien Lauf.
Jessie Murph: Popmusik mit Ecken und Kanten
Im weitesten Sinne der Popmusik zuzuordnen, sind in Jessie Murphs vielseitiger Musik Einflüsse diverser Genres erkennbar. Dazu zählt Hip-Hop ebenso wie R&B oder Country. „Pray“ ist eine berührende Ballade mit traurigen Pianoklängen, während sich „Look Who’s Crying Now“ vielleicht am ehesten als Alternative Pop beschreiben lässt. Unabhängig von der jeweiligen Thematik und dem Musikstil haftet allen Jessie-Murph-Songs etwas Düsteres an.
Die Stimme der im Süden der USA aufgewachsenen Sängerin ist angenehm kratzig, wahnsinnig ausdrucksstark und passt perfekt zu dieser Art emotionsgeladener Musik. Vor allem aber ist sie derart markant, dass sie praktisch unverwechselbar ist. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn Jessie Murph sich in den nächsten Jahren nicht von einer Newcomerin zur weithin anerkannten Künstlerin entwickeln würde.