Es ist noch gar nicht lange her, dass Jassin auf der Bildfläche erschien, aber dass er von dieser nicht so schnell – wenn überhaupt – wieder verschwinden wird, steht schon so gut wie fest. Seinen ersten Liveauftritt absolviert der Nachwuchsrapper beim kultigen Konzertformat Berlin Unreleased vor rund 1.200 Leuten. Am Ende seines Sets lassen diese Jassin nicht ohne Zugabe gehen – das gab es bis dahin noch nie. Conscious-Rap-Nummern wie „Wellness am Scherbenmeer“ und „Bind mir die Augen zu“ treffen einen Nerv – und füllen einen leeren Fleck auf der deutschen Rap-Landkarte.
Jassin Awadallah, wie der Newcomer mit vollem Namen heißt, hat deutsche und ägyptische Wurzeln und kommt aus Ostdeutschland, genauer gesagt aus Wittenberg in Sachsen-Anhalt. Von dem damit verbundenen Lebensgefühl, seinen Erlebnissen, etwa mit Rassismus, erzählt er in seinen Songs. Das ist so intim wie nahbar und hoch emotional. Wer selbst in der ostdeutschen Provinz aufgewachsen ist und ähnlich denkt und fühlt wie Jassin, wird sich mit den Songtexten identifizieren können. Doch man muss keineswegs aus dem Osten stammen, um die Essenz von „Wellness am Scherbenmeer“ zu fühlen oder die Frustration hinter „Bind mir die Augen zu“ nachvollziehen zu können.
Jassin macht keine Gute-Laune-Musik
„Bind mir die Augen zu“ entstand im Anschluss an die Europawahl im Juni 2024, bei der die AfD 30% der Stimmen einholte. Jassin drückt seinen Unmut und sein Unverständnis darüber in Zeilen wie „Vom Auf-den-Boden-Rotzen geht mir so langsam die Spucke aus“ und „Ich hab’ mich mal wieder beim Frustfressen verschluckt“ aus und stellt fest: „Es ist Krieg im Dorf“. Im Verlauf des Tracks prangert der Rapper nicht nur die politische Lage in seiner Heimat an, sondern nimmt auch Bezug auf allgemeine und globale gesellschaftliche Missstände. Und er wünscht sich, dass ihm jemand die Augen zubindet und ihn weit weg von hier führt. Dass Gute-Laune-Musik nicht Jassins Metier ist, ließ er schon mit seiner Debütsingle „Wellness am Scherbenmeer“ erahnen. Darin rappt er über seine zerrüttete Familie, über falsche Freunde und ebenso falsche Entscheidungen sowie über persönliche Erfahrungen mit Alltagsrassismus, ob im Fußballverein oder mit den Eltern seiner ersten Freundin.
Allem Anschein nach spricht Jassin vielen Menschen aus der Seele. Nach dem Konzert bei „Unreleased Berlin“ bricht ein regelrechter Hype um ihn los. Es folgen weitere umjubelte Auftritte und auf den Socials, wo er unter Jassinmachtjasinn zu finden ist, überschlägt sich die rasant wachsende Fangemeinde mit begeistertem Lob und Forderungen nach weiteren Tracks. Insbesondere der Release von „Kinder können fies sein“, den es live bereits zu hören gab, wird immer wieder gewünscht. Und Jassin liefert: Auf „Wellness am Scherbenmeer“ und „Bind mir die Augen zu“ folgt im August 2024 die dritte Single „Duftkerzen“. Im selben Zuge kündigt der Rapper seine Debüt-EP „Kinder können fies sein“ für September 2024 an. Mehr als ein talentierter Nachwuchskünstler, ist Jassin eine mutige, wichtige Stimme in unserer unruhigen Zeit – und eine vielversprechende Hoffnung für den Deutschrap.