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Interviews

Zum Release von „Glück auf den Straßen“ haben wir mit Max Giesinger ausführlich im Interview gesprochen

26.09.2025 von Felix Goth / Nadine Wenzlick

Max Giesinger hat es in nur wenigen Jahren geschafft, sich als feste Größe im deutschen Pop zu etablieren. Seit seinem Durchbruch mit „80 Millionen“ zählt er zu den meistgehörten Künstlern des Landes und überzeugt mit eingängigen Melodien, die eine ganze Generation begleiten. Mit seinem neuen, fünften Album „Glück auf den Straßen“, schlägt Giesinger ein besonders persönliches Kapitel auf. Die neuen Songs erzählen von Nächten voller Sehnsucht, Momenten der Rastlosigkeit, einzigartigen Begegnungen – und davon, wie man trotz aller Zweifel immer wieder zu sich selbst zurückfindet. 

Im Interview hat er mit uns nicht nur über seine neue Musik gesprochen, sondern auch darüber, warum er heute gelassener auf seine Anfänge zurückblickt, wie ihn die Zeit als Straßenmusiker geprägt hat – und weshalb er auf der Bühne genau dort steht, wo er hingehört. Im November und Dezember stehen die Konzerte seiner „Menschen Tour 2025“ an – für den Sommer 2026 hat der Singer-Songwriter eine Reihe „Glück auf den Straßen Open Airs“ angekündigt. Tickets dafür findet ihr auf eventim.de

Max, dein neues Album trägt den Titel „Glück auf den Straßen“. Liegt das Glück für dich zu einem gewissen Grad wortwörtlich auf den Straßen, nämlich im Touren und Reisen?

Max Giesinger: Definitiv. Ich habe mittlerweile akzeptiert, dass das Unterwegssein zu meinem Leben dazugehört und mich glücklichmacht. Ich war die letzten drei Monate mehr oder weniger die ganze Zeit unterwegs – ob bei Oasis in London, auf einem Männertrip nach Mallorca oder in den Bergen. Ich mag das einfach. Was ich nicht mag, ist das Kofferpacken. Aber neue Orte zu entdecken, liebe ich. Vielleicht ist das mit 50 anders und ich bin am liebsten Zuhause, aber im Moment ist es genau mein Ding. Was in dem Albumtitel auch mit drin steckt, ist aber, dass das Glück oft auf dem Weg liegt. Es geht nicht immer ums Ankommen oder Erreichen von Zielen – zum Beispiel die Veröffentlichung eines Albums – sondern darum, den Weg dorthin zu genießen.

Glück ist ja sowieso ein großes Wort und eher ein flüchtiger Moment als ein Dauerzustand. In welchen Momenten bist du wirklich glücklich?

Wenn ich hier in meiner Wohnung am Klavier sitze, oder mir morgens einen leckeren Kaffee mach und damit in die Sonne gehe. Glücklich bin ich auch, wenn ich in der Natur bin. Wenn ich durch den Wald laufe, eine Hüttentour durch die Alpen mache, wenn ich bei irgendwelchen Abenteuern neue Leute treffe und aus meiner gewohnten Bubble rauskomme. Und natürlich wenn ich Musik höre und auf der Bühne stehe. Wenn irgendwo jemand Musik macht und mich mit dem richtigen Song abholt.  Das sind wunderschöne Augenblicke. 

„Laufen lernen“, „Der Junge der rennt“ und „Die Reise“ – deine ersten drei Alben hatten alle mit Bewegung zu tun. „Glück auf den Straßen“ klingt nun irgendwie mehr angekommen. Bist du das?

Ich komm immer schon mehr bei mir selbst an, auch von Platte zu Platte entwickelt sich da was. Ich hatte einen klaren Plan, wo ich hin wollte und ich bin sehr zufrieden, wie alles klingt. Weil es auch meine Anfänge umarmt – die Mucke, die ich durch meine Mutter gehört habe, Fleetwood Mac oder Bruce Springsteen. Mir war dieses Mal vollkommen egal, was gerade angesagt ist. Früher hat das noch eine größere Rolle gespielt. Meine alten Platten waren für meine aktuelle Lebensphase jeweils genau richtig. Bei diesem Album dachte ich mir: Was würde ich eigentlich für Mucke machen, wenn es kein Publikum gäbe? Das war ein cooles Gedankenexperiment, weil ich direkt viel befreiter rangegangen bin.

Mit einer Hymne wie „80 Millionen“ im Rücken – wie wichtig ist dir, ob deine Songs Hits werden?

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir komplett egal ist. Es gibt schon eine Seite in mir, die nach Erfolg schreit und immer Bock auf den nächsten Hit hat. Wenn man einmal einen deutschlandweiten Hit hatte… ich habe noch nie Drogen genommen, aber das ist ein absoluter Rausch. Da möchte ich schon wieder hin. Trotzdem bin ich einen Tick entspannter geworden und weiß: Wenn ich einen Song total abfeiere, dann werden den vermutlich auch ein paar andere Leute ganz gut finden.

Du hast dir für das neue Album bewusst mehr Zeit genommen. Wie hat sich der Entstehungsprozess verändert?

Diesmal gab es keinen Abgabestress und keinen festen Release-Plan. Stattdessen konnte ich freier arbeiten. Wenn ich Lust hatte, bin ich einfach losgezogen – auf einen Songwriting-Trip nach La Palma oder in eine Berghütte in Chamonix. Ein anderes Mal waren wir an der Mecklenburgischen Seenplatte. Ich bin das alles ganz entspannt angegangen. 

Du hast sogar eine Woche in einem buddhistischen Kloster in Bordeaux verbracht – und angeblich zwölf Stunden am Tag geschwiegen?

Ja, vor drei Monaten. Mein ehemaliger Keyboarder war in dem Kloster während der Corona-Zeit fünf Jahre lang Mönch. Wir sind gute Kumpels, aber in der Zeit war er komplett abgetaucht. Ich fand das mega spannend und wollte immer wissen, wie es in diesem Kloster ist. Anfang des Jahres erzählte er mir dann, dass dort ein Künstler-Retreat stattfindet, zu dem ich dann gefahren bin. Das war richtig gut! Ich hatte vorher ein bisschen Angst, aber es hat mir total gutgetan. Morgens eine Stunde meditieren, dann in den Garten, Pflanzen anschauen, irgendwo in die Sonne setzen, Tee trinken – alles in Stille. Es ging viel um Achtsamkeit. Sich voll auf das zukonzentrieren, was man tut. Für Essen, das man sonst in fünfMinuten runterschlingt, hat man plötzlich fast eine Stunde gebraucht

Was hat das mit dir gemacht?

Alles hatte plötzlich ein anderes Tempo. Ich erinnere mich an einen Mönch, der minutenlang einfach nur einem Vogel nachgeschaut und ihn angelächelt hat. Wenn man den Speed der Stadt gewohnt ist, wirkt das total absurd. Auch die Walking-Meditation war krass: Man geht dabei so langsam, dass es einen fast verrückt macht. Aber dann kann man relativ schnell ganz klare Gedanken fassen und erkennt, was man will und was nicht. Nächstes Jahr im September möchte ich eine Pause machen. Ich würde in der Zeit gerne ein bisschen die Welt erkunden und seit langer Zeit hege ich den skurrilen Traum für ein paar Monate als Barista in einer fernen Stadt zu arbeite. Irgendwo, wo mich keiner kennt.

Auf deinem neuen Album gibt es einen Song namens „Butterfly Effect“, in dem es darum geht, was wäre wenn. Auch dein Weg ging nicht immer geradeaus – du wurdest an der Popakademie abgelehnt und hast dein erstes Album, nachdem du bei „The Voice“ 4. wurdest, per Crowdfunding aufgenommen. Hattest du auch Momente des Zweifels, oder war dir dein Weg immer klar?

Ich habe in Bezug auf meinen Karriereweg wenig Entscheidungen getroffen, die ich bereue. Aber natürlich habe ich wahnsinnig oft an mir gezweifelt. Nach den Absagen dachte ich jedes Mal, ich habe nichts auf dem Kasten. Aber ich bin echt stolz, dass ich es geschafft habe, mich da wieder raus zu ziehen, und an das Gefühl geglaubt habe, dass da was ist.  Da war immer eine Ahnung, dass irgendwann etwas passieren wird, wenn ich nur lange genug dranbleibe.

Kannst du dich noch an deinen ersten Auftritt vor Publikum erinnern?

Das war 2000 oder 2001 bei einer Veranstaltung meines Gitarrenlehrers. Einmal im Jahr hat er so ein Konzert mit all seinen Schülern und Schülerinnen organisiert. Ich sollte damals zusammen mit meinem Kumpel Kevin „Dust in the Wind“ von Kansas spielen. Das war wahnsinnig aufregend, aber auch voll schön. Danach war mir klar: That’s it!

Du hast viel Straßenmusik gemacht und später auf Hochzeiten und Geburtstagen gespielt. Gab es mal einen besonders verrückten Auftritt?

Einmal haben mich ein paar Mädels engagiert, um für ihre Freundin, die mit verbunden Augen auf einer Wiese saß, zu singen. Das war verrückt. Oder mein erstes Konzert, bei dem es Freigetränke gab. Das war in einem ziemlich schicken Restaurant, in dem es auch teure Cocktails gab. Wir haben dann die ganze Zeit Caipirinha for free getrunken und ich konnte die Songs am Ende nur noch lallend vortragen!

Welche Shows aus deiner professionellen Karriere sind dir besonders in Erinnerung geblieben?

Meine erste Headliner-Show dieses Jahr bei Das Fest in Karlsruhe, dem größten Festival in meiner Heimat. Ich habe zwar schon dreimal dort gespielt, aber noch nie als Headliner. Emotional war das natürlich der absolute Overkill. Vor der ganzen Familie. Dazu hatte ich Gäste wie Mark Forster, Johannes Oerding, Mieze Katz, Peter Schilling. Das war der wichtigste Gig meines Lebens. 

Hast du in solchen Momenten noch Lampenfieber?

Ja, ich werde dann ganz ruhig, sitze da wie ein Schluck Wasser in der Kurve und werde auch hibbelig – aber nicht in dem Sinne, dass ich rumlaber, sondern ich werde ganz still und bin nicht mehr so richtig anwesend. Vor Das Fest war ich wirklich 3 Wochen aufgeregt, mit nachts um vier aufwachen und durch die Wohnung laufen. Bei 30.000 Leuten im Publikum bin ich natürlich nervöser als bei 2.000 – aber eine Grundaufregung ist immer dabei.

Kamen dir auf der Bühne schon mal die Tränen?

Total oft. Gerade, wenn man Songs zum ersten Mal spielt und dann sieht, wie die Leute darauf reagieren. Oder wenn sie eine super persönliche Message haben. Da ist es mir auch schon passiert, dass ich fast keinen Ton mehr rausbekommen habe, weil ich richtig am Schluchzen war. Zum Beispiel, als ich das erste Mal „4.000 Wochen“ gespielt habe. In München war das. „Ich red mir ein, dass ich frei bin / Will auf allen Hochzeiten tanzen, nur nicht meiner eignen / Bloß nichts entscheiden / Könnt ja was Besseres kommen“, singe ich darin, und „Wenn ich am Ende allein bin, weiß ich warum“. Ich hatte mich damals gerade getrennt und habe nach dem Song geweint wie ein Schlosshund. Es war krass, was für eine Energie durch den Raum ging, weil der Moment so ehrlich war.

Was bedeutet das Tourleben heute für dich? Ist es immer noch ein großes Abenteuer oder auch ein Job?

Ein großes Abenteuer ist es nicht mehr. Dafür habe ich es zu oft gemacht. Es ist eher so ein schönes, wohliges Zurückkommen ins zweite Zuhause. Ich bin halt wirklich mit meinen besten Kumpels unterwegs und es ist cool, dass wir das schon so lange zusammen machen.

Gibt es etwas, das du auf Tour immer dabei hast? 

Ein kleines Köfferchen mit meinen ganzen Gedöns. Mundharmonika. Ein Sportbeutel mit meinen Schuhen. Letztes Jahr hatte ich auch immer ein Schachbrett dabei – und ging damit allen auf die Nerven! Das ist gerade etwas eingeschlafen, was für meine Handyzeit aber gut ist, denn ich habe bestimmt zwei Stunden pro Tag Schach auf dem Telefon gespielt…

Welches Konzert hat dich zuletzt nachhaltig beeindruckt?

Angus & Julia Stone in der Hamburger Laeiszhalle letztes Jahr. Ich hatte einen richtig guten Platz in der dritten Reihe und die haben einfach so geil gespielt! Ich höre die Band auch schon seit zehn Jahren und kenne jedes Lied. Das war wirklich das beste Konzert meines Leben, das war so pur.

Im Herbst gehst du selbst auf Tournee, vorab spielst du aber noch zwei besondere Album-Release-Shows in Hamburg und Karlsruhe, für die es Tickets nur über die Album-Fan-Box gibt. Was erwartet die Leute?

Die Fan-Box-Konzerte werden zwei einzigartige Shows mit Streicher-Arrangement werden. Für die große Hallentour überlegen wir uns eine komplett neue Show. Natürlich mit den ganzen Hits, aber eine auf links gezogene Show. Über Social Media habe ich für die Tour eine Support-Band-Aktion gestartet: Ich habe mich als Late-Night-Show-Moderator ausgegeben und dazu aufgerufen, Cover-Versionen von „Wimpernschlag“ aufzunehmen. Da kamen über 500 Einsendungen, wir haben stundenlang Leute gescoutet und jetzt sieben Gewinner ausgewählt, die jeweils bei einer Show Support spielen werden. Also früh kommen!

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