Bild: Ed Mason
Gut zwei Jahre nach ihrem Album „Holy Hell“, das inhaltlich stark vom Verlust ihres Gitarristen und Hauptsongwriters Tom Searle geprägt war, melden sich die britischen Metal-Baumeister Architects nun mit ihrem neuen Studioalbum „For Those That Wish To Exist“ zurück. Wie der Titel vermuten lässt, geht es auch darin nicht um eitel Sonnenschein, sondern um existenzielle Fragen. „Auf diesem Album beschäftige ich mich mit unserer Unfähigkeit, unseren Lebenswandel so zu verändern, dass die Menschheit und unser Planet eine Zukunft haben“, sagt Drummer Dan Searle, der nach dem Tod seines Bruders das einzig verbliebene Gründungsmitglied ist und eine Art „kreative Führung“ innerhalb der Band übernommen hat.
Nicht nur, aber auch wegen ihres kreativen Drummers klingen die Jungs aus Brighton auf ihrem mittlerweile neunten Werk vielseitiger und variabler als je zuvor. Satte 15 Tracks sind auf dem knapp eine Stunde langen Album zu hören – und keiner ist wie der andere. Von der melodiösen, beinahe linkinparkigen Single „Animals“ über das garstig-ballernde „Black Lungs“ bis zum fast schon verträumt-poppigen „Dead Butterflies“ zeigen Architects hier eindrucksvoll, dass sie inzwischen so viel mehr sind als die Metalcore-Band, die sie mal waren. Mit Winston McCall von Parkway Drive, Simon Neil von Biffy Clyro und Mike Kerr von Royal Blood gibt’s sogar drei großartige Gast-Features zu hören.
Zu den gehaltvollen Texten und der faszinierenden Musik gesellt sich noch ein weiterer Punkt, der diese Band so sympathisch macht: Sie prangern Missstände nicht nur an – sie tun auch etwas dagegen. Seit langem unterstützen Architects Organisationen wie PETA und Sea Shepard, engagieren sich gegen brutale Traditionen wie die Fuchsjagd und achten nicht nur bei ihrem Merchandise, sondern auch beim Thema Touren auf Nachhaltigkeit.
Inwieweit Letzteres bei einer international erfolgreichen Band überhaupt möglich ist, was die Hintergründe des neuen Albums sind und warum sie ihren Sound so mutig und unerschrocken weiterentwickelt haben, hat uns Drummer Dan freundlicherweise im Interview erklärt.
Unser Gitarrist Josh schreibt auch einen großen Teil der Musik, wir haben also auch die „normale“ Gitarrendynamik. Das Ungewöhnliche ist wohl, dass ich als Drummer so stark in die Vocals involviert bin. Bevor mein Bruder gestorben ist, war ich aber auch deutlich weniger am Schreibprozess beteiligt. Ich habe zwar mit Tom die Songs geschrieben, hatte aber nicht diese „kreative Führung“, die ich jetzt habe. Das ist eine sonderbare Dynamik und wir haben ein wenig Zeit gebraucht um herauszufinden, wie das funktionieren soll, nachdem wir Tom verloren hatten. Und wir sind immer noch dabei, das herauszufinden. Ich bin kein gelernter Musiker, sondern einfach immer meinem Instinkt und Bauchgefühl gefolgt. Das Geheimnis ist wohl, dass man an sich glauben muss. Selbst wenn man keinen Plan hat, muss man daran glauben, es schaffen zu können.
Einige Leute sehen das anders, aber es freut mich, dass du das so siehst (lacht). Wenn ich mir die Songs anhöre, bin ich zufrieden damit und auch stolz darauf. Und das ist es doch, was zählt. Natürlich beschweren sich einige Leute, wenn sich der Sound einer Band ändert. Aber jeder Künstler versucht doch einfach nur einen Song zu schreiben, der ihm selbst gefällt. Und wenn es dir gelungen ist, willst du dieses Gefühl mit anderen teilen.
Ich denke, Künstler sollten einfach tun, was sich für sie richtig anfühlt. Das ist authentisch. Die Leute sagen immer, dass sie Authentizität wollen. Ich denke aber, was sie wirklich wollen, ist etwas hören, das sie etwas Bestimmtes fühlen lässt. Verändert eine Band ihren Sound, gibt das einigen Fans dann manchmal nicht mehr dieses Gefühl. Ich kann verstehen, dass sich Leute darüber aufregen. Sie müssen aber verstehen, dass es nicht die Pflicht eines Künstlers ist, ihren Geschmack zu treffen und ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Es ist die Pflicht eines Künstlers, etwas zu erschaffen, was dem Künstler gefällt. Und wenn das dann auch anderen gefällt, ist das einfach ein Bonus. Das ist natürlich das, was wir alle wollen – wir können aber keine Garantie dafür geben. Wir können nur tun, was sich für uns richtig anfühlt. Ich wusste schon beim Schreiben einiger Songs, dass sich einige darüber aufregen werden. Das liegt aber nicht in meiner Verantwortung. Vielmehr muss ich alles versuchen, um dieses Feedback zu ignorieren.
Es ist hart, wirklich! Ich habe eine Tochter, eine Frau und eine Hypothek. Und diese Band ist das, womit ich mein Leben finanziere. Veränderung ist daher immer auch ein Risiko. Das sichere Ding wäre gewesen, noch mal so ein Album wie das letzte zu machen, das sehr erfolgreich war. Dann hätte man mit einiger Sicherheit sagen können, dass wir weiterhin einigermaßen erfolgreich sind. Als Künstler hätte ich mich aber auf kreativer Ebene extrem unbefriedigt gefühlt und wäre vermutlich ziemlich unglücklich.
Viele Jahre und Alben lang waren wir ja ziemlich erfolglos. Und ich habe immer versucht herauszufinden, warum wir keinen Erfolg hatten. Eigentlich dachte ich nämlich, dass wir gut sind. Dann habe ich aber irgendwann verstanden, was eine Band erfolgreich macht: ob sie gute Songs schreibt oder nicht. Wir sind viele Jahre lang durch die Welt getourt und haben hunderte, vielleicht tausende Shows gespielt. Eines Tages haben wir dann ein neues Album veröffentlicht und plötzlich war der Erfolg da. Und das lag nicht daran, dass wir jahrelang getourt sind, sondern weil wir einfach ein besseres Album gemacht haben. Deswegen stelle ich mir jetzt immer nur eine Frage: Sind die Songs gut? Denn das ist es, was am Ende zählt.
Zu hundert Prozent! Wenn man einige der Lyrics liest, könnte man denken, dass ich sehr traurig und depressiv bin. Das ist aber nicht der Fall, meistens bin ich ein sehr glücklicher Mensch. Das aufzuschreiben ist aber eine Form, all diese Dinge von den Schultern zu bekommen. Die Menge an Dunkelheit, Schmerz und Leid auf dieser Welt ist nahezu unendlich, daher ist es auch fast unvermeidlich, über solche Dinge zu schreiben. Darin einzutauchen, ist aber nur bis zu einem gewissen Maße gesund. Wir schreiben sehr schwere, harte und emotionale Musik. Ich glaube, dass mir die Musik, die wir machen, deswegen so gut gefällt, weil sie mir die Möglichkeit gibt, mit den dunkleren Gedanken klarzukommen. Durch das letzte Album „Holy Hell“ konnte ich den Tod meines Bruders schneller verarbeiten als der Rest meiner Familie. Dieses Album zu schreiben, hat mir dabei geholfen, den Heilungsprozess zu beschleunigen. Was mir diese Band in dieser Zeit gegeben hat, war unbezahlbar.
Natürlich möchte man versuchen, Veränderung zu bewirken. Als Schreiber möchte ich auf jeden Fall mehr in diese Richtung gehen. Ich möchte jetzt kein „Anführer“ oder so etwas sein, weil ich nicht das Gefühl habe, dass ich die Antworten oder Fähigkeiten habe, irgendjemanden anzuführen. Ich bin nicht so unwissend wie einige, aber ich bin auch deutlich unwissender als andere. Dennoch möchte ich aber ein Album schreiben, das positiv ist und die Leute inspiriert sich zu verändern, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Beim neuen Album bin ich vielleicht manchmal ein wenig zu düster geworden: Es geht darum, dass die Welt stirbt und wir nichts dagegen tun. Diesen Gedankengang können aber sicherlich viele nachvollziehen. Denn selbst diejenigen von uns mit den allerbesten Vorsätzen machen vermutlich immer noch nicht genug.
Es sind wohl die kleinen Dinge. Veränderung muss auf einem persönlichen Level anfangen, jeder muss Verantwortung übernehmen. Eins der Hauptthemen des Albums ist, dass wir alle zu sehr mit unseren eigenen kleinen Problemen beschäftigt sind um zu verstehen, womit wir es hier überhaupt zu tun haben. Wir sind so in den Alltag eingespannt, dass es schwer ist, mehr Zeit für die nötige Veränderung aufzubringen. Und dennoch müssen wir es ja irgendwie schaffen. Was ich von diesem Album mitnehme, ist, dass wir uns unseren Dämonen stellen und einen Weg finden müssen, in unserem Leben mehr Raum und Zeit für Veränderung zuzulassen. Das ist ein schwieriger Prozess, für den ein fundamentaler Wandel in unserer Kultur und unserer Art zu denken nötig ist. Dass ich Vater geworden bin, hat meine Sicht auf diese Dinge noch einmal völlig verändert, denn plötzlich geht es nicht mehr um meine Zukunft, sondern um die Zukunft meiner Tochter, die weit über mein eigenes Leben hinausgeht.
Nein, wir kommen ja überhaupt nicht mehr zusammen. Nichts von diesem Album wurde gemeinsam in einem Raum geschrieben und nichts wurde gemeinsam aufgenommen. Alles entstand getrennt voneinander. Nur ich und Sam waren manchmal zusammen.
Es ist wirklich weird, aber in einer Pandemie kann man ein Album nicht anders aufnehmen. Und als es geschrieben wurde, war ich in Australien und auch der Rest der Band auf der ganzen Welt verteilt. Da kann man sich natürlich glücklich schätzen, dass wir in einer Zeit leben, in der das möglich ist. Grundsätzlich war unser Leitspruch bei diesem Album: Es gibt keine Regeln. Innerhalb eines gewissen Rahmens, versteht sich – es gibt natürlich ein paar Dinge, die diese Band nicht machen kann. Wir haben dann relativ früh beschlossen, dass wir uns schon zu lange auf gewisse Kniffe und Tricks beim Songwriting verlassen hatten, durch die wir zu sicher oder zu formelhaft geworden sind. Also haben wir Regeln aufgestellt, was wir auf keinen Fall machen werden. Davon abgesehen war es aber ein „lasst uns einfach machen, worauf wir Lust haben“. Und dann haben wir drauf los geschrieben und uns zwischendurch immer mal wieder die Frage gestellt, ob wir zu weit gegangen sind und es noch genug von der Identität dieser Band enthält. Oder ob wir ein paar Metalcore-Songs schreiben müssen, um es auszubalancieren und eine Brücke zwischen dem Neuen und dem Alten zu spannen. Wir hatten aber immer das Gefühl, dass es eine gute Balance hat und wir ein Album machen, auf dem wir uns nicht ständig wiederholen. Das war alles sehr befreiend und hat Spaß gemacht, es gab keine Beschränkungen oder Ängste, sondern einfach nur Vertrauen in uns selbst.
Nein, das war nie ein Faktor. Die Band größer werden zu lassen, indem wir mehr Mainstream-Musik schreiben, so etwas gibt es in unserem kreativen Prozess nicht. Ich wollte schon länger die melodische Seite der Band ausbauen. Ich hatte das Gefühl, dass Sam eine Variabilität und Vielseitigkeit in seiner Stimme hat, die wir nie wirklich genutzt haben. Auf diesem Album ging es also auch darum, uns darüber zu freuen, dass wir einen Sänger haben, der viele verschiedene Styles und Stimmungen mit seiner Stimme bedienen kann. Offensichtlich hat das Album mehr „kommerzielles Potenzial“, aber das war nicht unsere Motivation, als wir es geschrieben haben. Wie gesagt: Es fühlt sich für uns eher wie ein riskanter und unbequemer Move an, denn wenn du dich veränderst, besteht immer auch die Gefahr, dass sich jemand darüber aufregt. Und im Jahr 2021 gehen die Leute ziemlich hart mit dir um, wenn du etwas machst, was ihnen nicht gefällt. Manchmal fühlt es sich an, als würde einem jemand ein Messer in den Hals stechen – kein wirklich schönes Gefühl. Die einfache und sichere Option wäre also gewesen, ein Album wie das davor zu schreiben. Wir sind ja bislang einigermaßen erfolgreich gewesen. Wir sind jetzt nicht wohlhabend oder so, aber wir haben alles, was wir brauchen. Trotzdem wollten wir jetzt einfach dieses Album machen.
Nein, aktuell nicht. Ich habe gerade erst eine Diskussion mit jemandem geführt, der uns vorgeworfen hat, dass wir unsere Alben bei Amazon verkaufen. Das ist doch genau das Problem: Wir sind so sehr damit beschäftigt, Erbsen bei denjenigen zu zählen, die tatsächlich etwas verändern wollen, anstatt uns mit denen zu beschäftigen, die rein gar nichts tun. Als Band sind wir uns unserer CO2-Bilanz absolut bewusst. Wir zahlen CO2-Ausgleich-Gebühren und all diese kleinen Sachen, die nicht obligatorisch sind. Wir tun, was wir können, es sind momentan aber eher kleine Sachen.
Zum Beispiel haben wir kein Plastik auf unserem Rider. Wenn wir mehr für einen elektrischen Tourbus zahlen könnten, würden wir mehr für einen elektrischen Tourbus zahlen. Bis das kommt, bedarf es aber einfach noch technologischer Weiterentwicklung bei der Laufzeit von Elektro-Akkus. Es wird teuer sein, wenn es kommt, aber wir werden dann hoffentlich in der Position sein, dass wir uns das leisten können. Unsere Einstellung ist: Lass die Perfektion nicht dem Guten im Wege stehen. Wir alle wollen Sachen besser machen. Es kann nicht alles perfekt sein, aber das muss doch nicht bedeuten, dass man es nicht versuchen sollte. Wir stehen für eine grünere Welt und sind besorgt ob des Klimawandels – trotzdem steigen wir in Flugzeuge, um nach Australien zu fliegen und dort zu touren. Wir steigen in Tourbusse und fahren tausende Meilen durch die Vereinigten Staaten. Wir haben eine enorme CO2-Bilanz. Wir tun aber, was wir können, um diese Themen anzusprechen und zu verbessern. Wir sind uns der Heuchelei mehr bewusst als sonst jemand. Wir hoffen einfach, dass es mit der Zeit möglich sein wird, diese Dinge zu ändern.