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Metal

So klingt das neue The Hirsch Effekt-Album „Der Brauch“

09.02.2026 von Nicole Pietzsch

So viel vorweg: Der Versuch The Hirsch Effekt einem einzelnen Genre zuzuordnen, ist zwecklos. Progressive Metal, Post-Rock/Metal/Punk, Indie-Rock oder Artcore – das 2009 in Hannover gegründete Trio ist all das und noch so viel mehr. Vor allem aber sind „THE“ eines: unverwechselbar. Dazu tragen die deutschsprachigen Texte ebenso bei wie die prägnanten Stimmen und das verlässliche, aber niemals vorhersehbare Wechselspiel zwischen cleanem Gesang und Screams, ruhigen Momenten und brachialen Ausbrüchen, eingängigen Refrains und wirr anmutenden Passagen. 

Mit „Der Brauch“ präsentiert die Band, bestehend aus Gitarrist und Sänger Nils Wittrock, Bassist und Sänger Ilja John Lappin und Schlagzeuger Moritz „Moe“ Schmidt, ihr siebtes Werk. Und der im Vergleich zu früheren Alben ungewöhnlich unkryptische Titel ist nicht das einzige, das dieses Mal anders ist. Wittrock hat „Der Brauch“ größtenteils im Alleingang geschrieben – und lädt die Hörerschaft ein, tief in seine Gefühlswelt einzutauchen. Emotional und nahbar auf der einen Seite, dramatisch und herausfordernd auf der anderen, entfernt sich „Der Brauch“ ein Stück weit von vorangegangenen stark Metal-lastigen Alben wie „Urian“ oder „Eskapist“. Wenn man einen Vergleich zu einem Vorgängerwerk ziehen möchte, bietet sich am ehesten das von vielen Fans besonders geschätzte „Holon: Anamnesis" an. Klassische Elemente mit Streichern, Chor-Gesängen und akustischen Gitarrenparts sorgen vermehrt für emotionale Momente. Doch in bekannter Manier kontrastieren The Hirsch Effekt diese mit Härte und Wahnsinn. 

Die drei Vorabsingles – das persönliche „Der Brauch“, das sich zu einem diabolischen Finale steigernde „Das Nachsehen“ und der Postrock-Banger „Die Brücke“ – gaben bereits einen recht umfassenden Ausblick auf die stilistische Bandbreite und den thematischen Kontext des Albums. Opener ist der Titeltrack, geprägt von Akustikgitarre und einem Nils Wittrock, der mit Leid klagender Stimme von den Zweifeln an seinem Musikerdasein singt – und damit gleich zu Beginn sehr viel von seinem Innersten preisgibt. Es ist der Auftakt für ein ungemein intensives, vor Komplexität, Virtuosität, Kreativität und Atmosphäre strotzendes Werk – ein The Hirsch Effekt-Album eben. 

Es gibt auf „Der Brauch“ jede Menge zu entdecken und erleben und es braucht definitiv mehrere aufmerksame Hördurchgänge, um die aus neun Tracks bestehende Platte zu greifen. Manches geht überraschend schnell ins Ohr – der Refrain von „Die Brücke“ ist ein Ausflug in Pop-Gefilde und tatsächlich haben sich The Hirsch Effekt damit (erfolglos) für den ESC-Vorentscheid beworben. Ob das von der Band so ganz ernst gemeint war, sei dahingestellt. Andere Songs, „Das Seil“ etwa oder „Der Doppelgänger“, kommen zunächst sperriger daher. Hat es aber „Klick“ gemacht, graben sie sich tief ins Bewusstsein ein. 

Bei einem so vielfältigen Album, das so viele unterschiedliche Elemente vereint, besteht immer die Gefahr, dass es sprunghaft oder willkürlich zusammengeschustert wirkt. Aber genau hier liegt eine der großen Stärken von The Hirsch Effekt: „Der Brauch“ ist ein in sich stimmiges, schlüssiges Ganzes. Die erste Albumhälfte erstreckt sich vom ruhigen Anfang über das komplexe Zweier-Gespann „Der Faden“ und „Das Seil“ und das anschließende Zwischenspiel „Brauch Reprise“ als kurze Atempause. Auf diese folgt das zunehmend härter werdende und in einem irrsinnigen Part mündende „Der Doppelgänger“. „Die Lüge“ ist ebenfalls eher ein Grower als ein Instant-Hit. Ein solcher folgt dann aber mit „Die Brücke“, dessen Text die alltägliche Unterhaltung eines Paares nach einem langen Tag zugrunde liegt. Auf „Das Nachsehen“ – und dem zugehörigen Musikvideo – regt sich Wittrock anschließend auf eindrucksvolle Weise auf, bevor „Die Heimkehr“ dieses beeindruckende Album ausklingen lässt – ein Album, wie es nur The Hirsch Effekt hervorbringen können.

Wer The Hirsch Effekt live erleben will – und das sei an dieser Stelle ganz unbedingt empfohlen – hat dazu in Kürze Gelegenheit. Von Ende Februar bis in den Mai ist die Formation im deutschsprachigen Raum unterwegs.

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