Bild: Tim Saccenti
Am 04. Februar hat das Warten auf den „The Nothing“-Nachfolger ein Ende – dann nämlich erscheint „Requiem“, das sage und schreibe 14. KORN-Album. Nachdem der Vorgänger inhaltlich stark vom Verlust von Jonathan Davis’ Ehefrau geprägt war, stellt sich die Frage, ob „Requiem“ ähnlich düsterer Natur ist. Immerhin sind die Zeiten aktuell alles andere als rosig. Da es aber gerade die schwierigen Momente im Leben sind, aus denen KORN ihre kreative Kraft schöpfen, könnte das neue Werk ohne Weiteres einen erneuten Geniestreich der Bandgeschichte darstellen. Zumal die Pandemie in diesem Fall auch einen Vorteil mit sich brachte: „Requiem“ ist ohne jeglichen Zeitdruck entstanden, was der Scheibe sicher nicht geschadet hat. Mit den Vorabsingles „Start The Healing“ und „Forgotten“ gaben Jonathan Davis, Brian „Head“ Welch, James „Munky“ Shaffer, Reginald „Fieldy“ Arvizu und Ray Luzier bereits einen ersten Hinweis darauf, wohin die Reise diesmal geht. Eines steht nach diesen Veröffentlichungen fest: Auch nach fast 30 Jahren liefern die Nu-Metal-Pioniere noch große Hits ab. Und, so viel sei verraten, das neue Album hält noch mehr davon bereit.
Dass KORN nicht nur auf Platte abliefern, sondern auch eine erstklassige Live-Band sind, kann jeder bestätigen, der die Amis schon einmal auf Tour oder bei einem Festival-Gig erleben durfte. Bald gibt es endlich wieder Gelegenheit dazu: Am 01. Juni spielen KORN ein Konzert in Berlin – Tickets findet ihr auf eventim.de.
Im Interview hat Schlagzeuger Ray Luzier mit uns darüber geplaudert, wie das neue Album entstanden ist, wie er vor fast 15 Jahren zu KORN gekommen ist, welchen Stellenwert Live-Musik für ihn hat und wo das Touren am meisten Spaß macht.
Wie jeder weiß, ist KORN keine normale Band. Ich war in vielen Bands: mit David Lee Roth, Jake E. Lee, Army Of Anyone mit den Jungs von Stone Temple Pilots und in vielen gescheiterten eigenen Bands. Ich wollte eine eigene Band wie KORN, KISS, Mötley Crüe, Guns N' Roses haben. Als ich dann bei David Lee Roth war, haben wir eine Menge Van-Halen-Songs gespielt. Das war wirklich seltsam, denn ich bin mit dieser Musik aufgewachsen, und da war ich nun und spielte sie mit ihm gemeinsam. Natürlich möchte man seine persönliche Note da reinbringen, aber man muss die ursprünglichen Werke respektieren, die schließlich Kult sind. KORN ist eine dieser Bands, bei denen man nicht einfach eins der Mitglieder ersetzen kann – jedenfalls denken die meisten Leute so. Ich bin selbst Fan und mag es nicht, neue Leute in einer Band zu sehen – ich will diejenigen, die mich umgehauen, inspiriert und glücklich gemacht haben. Aber Bands sind wie Ehen: Manchmal will jemand nicht mehr oder steigt aus irgendwelchen anderen Gründen aus.
Das Label meiner letzten Band, Army Of Anyone, war The Firm, die auch KORN unter Vertrag hatten. Immer wenn ich dort zu einem Meeting vorbeischaute, sah ich die neue KORN-Scheibe "See You on the Other Side" und meinte etwas wie „Oh, ich liebe diese Band, hört euch unbedingt das neue Album an, das ist großartig". Eines Tages fragte ich, was eigentlich Drummer-mäßig bei denen los sei, seit David ausgestiegen ist. Sie hatten Terry Bozzio, Joey Jordison war auf Tour eingesprungen und auch Brooks Wackerman war kurz dabei. Die Leute vom Label sagten, dass KORN einen langfristigen Ersatz suchten – und schlugen vor, dass ich mich auf den Posten bewerbe. Ich meinte nur: „Ach Quatsch." Ich hatte damals lange blonde Haare, keine Tattoos, war kein Party-Typ – wie sollte ich in diese Band passen? Als ich dann gerade mit der Drum Clinic an der Westküste war und Joey seine letzte Show in Seattle spielte, schaute ich vorbei, spielte sechs Songs – und hab den Job bekommen. Das war so ein eigenartiges Gefühl! Ich dachte mir: „Was werde ich bloß in dieser Band machen?" Die haben so viele großartige Alben draußen und schon über 40 Millionen Platten verkauft. Es war also nicht leicht, da einzutreten. Und ich verstehe die Fans. Aber wäre ich nicht gekommen, dann eben jemand anderes. Gibt es den perfekten Ersatz? Ich glaube nicht, denn jeder wird etwas von seiner Persönlichkeit, seinen Erfahrungen und Emotionen in die Musik einfließen lassen.
Eine tolle Sache war, dass Jonathan Davis sagte: „Hey Mann, wir haben dich engagiert, weil wir deine Art zu spielen lieben, also spiele so, wie du eben spielst." Ich fragte: „Aber was ist mit den alten Songs, wollt ihr, dass ich die exakt so spiele wie auf Platte?“ Und er meinte: „Nein, wir wollen dich in dieser Band. Mach was immer du willst.“ Das war ein großes Kompliment. Viele Jahre lang beklagten sich Leute, dass ich nicht so klinge wie der alte Drummer. Aber ich will nicht klingen wie er. Ich bin ich. Natürlich respektiere ich ihn und das, was er für die Band getan hat, aber er ist derjenige, der gegangen ist – das vergessen viele Fans. Er wurde nicht von KORN gefeuert, sondern ist gegangen, ohne sich von den Fans zu verabschieden.
Das war damals eine sehr ungewöhnliche Situation für mich. Jetzt ist es mein fünfzehntes Jahr in der Band, und ich habe mich sicherlich weiterentwickelt und bin richtig reingekommen. Die Arbeit an „Requiem“ war einer der besten Momente meiner Karriere, weil wir nun alle Brüder sind. Wir sind um die Welt getourt und haben so viel Musik zusammen gemacht. Ich mache das, was ich für das Beste für die Band halte. Wir sind auf jeden Fall eine Einheit. Ergibt das Sinn?
Beim neuen Album waren wir alle die ganze Zeit da, das war großartig. Mit unserem Produzenten Chris Collier habe ich seit 2013 in verschiedenen Projekten zusammengearbeitet. Er ist so ein toller Tontechniker, Produzent, Mixer. Außerdem spielt er jedes Instrument so erstaunlich gut, dass man sich fragt, wie er bloß derart großartig in allem sein kann. Chris hat sich manchmal den Bass geschnappt, bevor Fieldy dazu kam und improvisiert. Dann kam Munky und wir haben weiter gejammt. Irgendwann tauchte Jon auf und fragte, was wir schon hätten – es war diesmal alles gemeinschaftlich, was super war. Bei „The Nothing“ war es zwar ähnlich, aber durch die Pandemie, und weil wir nicht auf Tour gehen konnten, war es bei „Requiem“ noch stärker so. Es gab keinen Druck, da keine Tour anstand. Wir konnten uns Zeit lassen beim Songwriting. Brian und ich leben in Nashville, Tennessee. Wir sind also nach Kalifornien geflogen, ins Studio gegangen und dann wieder nach Hause geflogen für ein paar Wochen, wo wir uns die Songs angehört haben, um zu entscheiden, welche Parts wir gut finden und behalten wollen und welche nicht. Das Ganze lief diesmal sehr entspannt und ruhig ab, statt gehetzt oder erzwungen.
Wir haben nicht groß darüber gesprochen, sondern uns einfach hingesetzt und Sachen geschrieben. Es gab kein „Lasst uns ein besonders hartes Album schreiben“ oder etwas in der Art. Jeder hat seine eigenen Ideen beigesteuert, die wir dann zusammengesetzt haben. Eines ist sicher: Die Pandemie hat uns richtig fertig gemacht. Live-Shows, Sport – alles, wobei Leute zusammenkommen, war nicht mehr möglich. Aber das alles ist Nahrung für unsere Seelen; es ist das, was wir tun und was wir sind. Die Leute brauchen das. Ich brauche es auch. Wir lieben es, in Deutschland zu spielen, es ist einer unserer Lieblingsorte mit Rock am Ring und Rock im Park und dergleichen. Das ist es aber, was dieses Album so besonders macht. Wir saßen im Studio und dachten: „Wow, wir wissen nicht, wann unsere nächste Show sein wird.“ Das war sehr merkwürdig. Mit jedem weiteren Monat dachten wir, dass nun doch mal wirklich Schluss sein muss. Inzwischen sind es fast zwei Jahre. Ich hoffe sehr, dass wir im Mai und Juni für unsere Europatournee rüberkommen können.
Ich weiß nicht genau. Auf unserer Tour im Sommer waren alle sehr vorsichtig, haben Masken getragen und es gab keine Meet-and-Greets. Das war komisch, weil wir die Interaktion mit unseren Fans lieben. Gerade in Europa gibt es regelrechte KORN-Freaks. Wir haben eine Doku über Susie gedreht, die bei etwa 80 Shows war. Auf dem KORN-YouTube-Kanal kann man sich ihre Geschichte ansehen. Sie nimmt sich von der Arbeit frei und reist uns hinterher. Solche Leute brauchen das, wir brauchen das. Wir müssen das irgendwie lösen. Ich weiß nicht, ob es ganz verschwindet oder die neue Grippe wird – niemand kann das vorhersehen. Aber so viel steht fest: Es ist zu heilsam, um darauf zu verzichten. Manche Leute verstehen die Kraft nicht, die in der Musik liegt. Ob ein Familienmitglied stirbt oder man sich gerade scheiden lässt, Musik bringt uns da durch, durch schöne und traurige Zeiten.
Ich liebe es! Ich bin immer der Erste, der aus dem Bus kommt oder in der Venue ist. Ich liebe es, auf Festivals zu den kleinen Bühnen zu gehen und irgendeine abgefahrene Band um drei Uhr nachmittags zu sehen. Ich dachte, wenn ich älter werde, mag ich das nicht mehr so, aber ich liebe es immer noch.
Ja, klar! Ich lebe 20–25 Minuten südlich von Nashville und liebe es, Konzerte dort oder hier vor Ort zu besuchen. Viele meiner Freunde gehören zur lokalen Musikszene und mussten irgendwelche Jobs auf Baustellen oder so annehmen, während sie darauf warteten, wieder auftreten zu können. Das war wirklich seltsam.
Ich war viel in meinem Heimstudio und ich habe neun Drumkits hier. Das hat sehr geholfen. Ein Freund von mir, der in der Nähe wohnt, ist ein super Tontechniker. Wir haben im Jahr 2000 in einer Band namens The Nixons zusammengespielt; er ist auch ein toller Gitarrist. Ihn habe ich angerufen und wir haben was aufgenommen. Billy Sheehan – ein legendärer Musiker, der bei Mr. Big und David Lee Roth dabei war – wohnt ebenfalls die Straße rauf, und wir haben Zoom-Calls abgehalten, bei denen wir zur Musik anderer Musiker gespielt haben. Das hat mich gut beschäftigt und in Bewegung gehalten, auch wenn es nicht dasselbe ist, wie live zu spielen. Ansonsten habe ich darauf geachtet, was ich esse – ich liebe Süßigkeiten und habe etwas zu viel zugenommen (lacht).
Ich liebe es wirklich, in Deutschland zu sein. Früher hatten wir unser Lager in Hannover, jetzt ist es in Berlin. Seit Langem sind wir mit KORN zweimal pro Jahr in Europa und es kostet zu viel, alles jedes Mal hin und her zu verschiffen, deshalb haben wir uns für ein Lager entschieden. Ich habe vier oder fünf Drumkits in Berlin. Es gibt so viele Orte in Europa, die wir lieben: das Donington-Festival in England zum Beispiel. Am häufigsten bin ich in Japan, weil ich dort für Musikschulen tätig bin. Daher war ich dreimal pro Jahr in Japan. Ich liebe es da – die Leute sehen anders aus als wir, sie reden anders und haben eine unglaubliche Arbeitsmoral. Ich war wahrscheinlich 35 oder 36 Mal da und habe das Land gut kennengelernt. Die Sprache spreche ich zwar nicht, aber ich kann sie verstehen.
Außerdem liebe ich Teile von Kanada, auch wenn wir da nicht so viel unterwegs waren. Und Südamerika natürlich – das Publikum geht da oft richtig ab und rastet komplett aus. Als wir da unten gespielt haben mit Tye Trollijo, Robert Trojillos Sohn, der bei uns eingesprungen ist, bei diesen Konzerten gab es eine wahnsinnige Energie. Ich glaube, ich habe so einige Lieblingsorte.
Danke! Ich hoffe, ihr hört euch alle „Requiem“ an, wenn es rauskommt. Und hoffentlich verschwindet dieses ganze Virus einfach.