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Interviews

Im Interview zu "Impera": GHOST-Frontmann Tobias Forge

30.03.2022 von Nicole Pietzsch

Ghost sind zweifelsohne eine der angesagtesten Rockbands der Gegenwart. Mit ihrem neuesten Output „Impera“ setzen die schwedischen Okkult-Rocker den Siegeszug, auf dem sie sich seit „Meliora“ befinden, ungebremst fort. Dabei gelingt es der Band um Tobias Forge scheinbar tatsächlich, den Mega-Erfolg des Grammy-nominierten Vorgängers zu toppen. Inhaltlich entführt uns „Impera“ nicht ganz so weit in die Vergangenheit wie „Prequelle“, das im 14. Jahrhundert, der Zeit der europäischen Pest-Pandemie, angesiedelt ist. Der neue Geniestreich handelt von entstehenden und zerfallenden Imperien, etwa im Viktorianischen Zeitalter. Aber auch das Alte Ägypten („Kaisarion“), Jack the Ripper („Respite On The Spitalfields“) und Halloween-Schlitzer Michael Myers („Hunter’s Moon“) finden ihren Platz. In den sowohl bedeutungsschweren als auch augenzwinkernden Lyrics gibt es also jede Menge zu entdecken.


Musikalisch kommt „Impera“ wieder etwas heavier als das stellenweise recht poppige „Prequelle“ daher – der Hard Rock und Heavy Metal der Siebziger- und Achtzigerjahre und dessen bekannte Vertreter lassen grüßen. „Impera“ ist ein weiterer Schritt in Richtung Stadion-Rockband. An Mitsing-Hymnen mangelt es jedenfalls nicht. Ebensowenig am charakteristischen Ghost-Sound. Und natürlich gibt es auch diesmal eine musikalische Überraschung, und zwar in Form des evil Reggaeton-Tracks „Twenties“, sowie eine ergreifende Ballade namens „Darkness At The Heart Of My Love“.


IMPERATOUR im Frühjahr 2022

Beim Hören des Albums bekommt man mächtig Bock, das neue Material live zu hören – neben all den großartigen Hits, die Ghost mittlerweile im Repertoire haben. Da trifft es sich doch hervorragend, dass Tobias Forge alias Papa Emeritus IV und seine Nameless Ghouls bereits in den Startlöchern für ihre „Imperatour“-Europatournee 2022 stehen. Im April und Mai machen die Geister Arenen in Deutschland, Österreich und der Schweiz unsicher. Tickets für die Shows findet ihr bei EVENTIM. Übrigens: Bis zum Freitag, den 08. April, 23:59 gibt's eine interessante Rabattaktion für die anstehenden Shows.

Ghost Tickets

Über die bevorstehende Headliner-Tour sprachen wir auch im Interview mit Sänger Tobias Forge, dem Hauptverantwortlichen hinter dem Phänomen Ghost. Außerdem ging es in dem Gespräch um den Entstehungsprozess sowie den mit Hinblick auf aktuelle Entwicklungen beinahe prophetisch anmutenden Charakter von „Impera“, das Touren in Pandemie-Zeiten und die Zukunft von Ghost.

Hi, Tobias! Erst einmal: Glückwünsche zum grandiosen neuen Album, das zudem ungeheuer erfolgreich ist und es hier in Deutschland ebenso wie in Schweden an die Spitze der Charts geschafft hat. Was für eine Leistung! Wie fühlt sich das an?

Fantastisch! Es ist ein wunderbares Gefühl. Es ist schon komisch, wie so etwas so viel bedeuten kann, aber das tut es. Wenn man eine Platte macht und plötzlich ist es in den Zeitungen, Leute rufen an und gratulieren, dann fühlt sich das an wie ein extragroßer Erfolg, obwohl es die Platte ja eigentlich nicht besser macht als sie vorher war (lacht), aber es fühlt sich natürlich so an. Es ist, als hätte sich das Album in ein noch besseres verwandelt – was immer ein schönes Gefühl ist.

„Impera“ handelt vom Aufstieg und Fall von Imperien. Warst du überrascht, wie sehr einige deiner Lyrics zu den aktuellen Geschehnissen passen? Mit „Prequelle“ verhielt es sich ja ähnlich – die Platte handelt von der Pest und dann kam Covid.

Also, ich habe natürlich nicht im Geringsten erwartet, dass das Album irgendwie hellseherisch sein würde und habe auch nichts dergleichen gehofft. Die aktuelle Situation ist keine, die man irgendwem oder der Welt wünscht. Ich denke, wir alle müssen den Fokus darauf lenken, dass Dinge in Kreisläufen geschehen. Es ist weniger Hellseherei als die Akzeptanz des repetitiven Charakters der Art, wie wir leben  – und damit meine ich nicht nur in der modernen Welt. Ich glaube, einer der größten Fehler, den wir in modernen Zeiten machen, ist, Geschichte als etwas zu betrachten, das ausschließlich in der Vergangenheit stattfand und zu denken, dass alle unsere neuen Errungenschaften uns auf die höhere Ebene einer neuen Welt heben. Aber die Dinge geschehen in Kreisläufen. Das ist, abgesehen von dem Schrecken und der Bedrohung eines Krieges, einer der Schocks der letzten paar Jahre. Wir dachten, Pandemien und Kriege gehörten der Vergangenheit an. Wir haben doch Twitter und Instagram – wir sind in der neuen Welt. Aber nein. Die Sonne und der Mond gehen weiter auf, alles ist immer noch wie immer. Tyrannen sollten wir auf jeden Fall bekämpfen, böse Imperien sollten verdammt noch mal zerfallen und Diktatoren sollten verdammt noch mal beseitigt werden. Aber wir sollten auch die Tatsache annehmen, dass wir menschlich sind und das die Art ist, wie wir leben. Wir können versuchen, einige Dinge besser zu machen. Wir können jedoch nicht ausblenden, dass wir sterblich sind und dass wir diese Dinge tun. Dennoch sollten wir diejenigen, die Böses tun, bekämpfen.

Unbedingt! Wie würdest du „Impera“ musikalisch beschreiben?

Was die Musik angeht, soll die Platte, zumindest in Teilen, erhebend sein. Sie ist wie ein Imperium aufgebaut und beginnt und endet an derselben Stelle. Wenn man sich das Album zweimal anhört, merkt man, dass es ein Kreislauf ist. Aber es beginnt auch sehr stark mit einem Sonnenaufgang und endet mit dem Sonnenuntergang. Auf der ersten Seite ist das Thema eher erhebend und wenn man die Platte umdreht – ich rede so, als würde sich jeder die Schallplatte anhören, denn es ist gemacht, um auf Vinyl gehört zu werden; kauft die CD oder hört das Album auf Spotify, wenn ihr wollt, aber es wurde für Vinyl gemacht – in der Mitte gibt es einen Wechsel zum zweiten Akt. Die zweite Hälfte ist auf gewisse Weise bedrückender, weil sie das Ende des Imperiums andeutet, im Gegensatz zum Anfang, wo es aufgebaut wird.

Würdest du zustimmen, dass es auf Ghost-Alben immer einige Instant-Hits gibt, wie „Kaisarion“ oder „Spillways“ auf diesem, und daneben solche, die bei mehrmaligem Hören wachsen? Versuchst du bewusst eine Balance zu schaffen zwischen „Instant-Hits“ und „Growers“?

Nicht wirklich – man versucht immer, den besten Song zu schreiben, den man schreiben kann. Auf dem Weg von der Demo-Version eines Songs bis zum Zusammenstellen einer Platte kann man natürlich ein wenig vorab beurteilen: Dieser Song klingt eher wie ein „Grower“, wenn man so will. Geht man pragmatisch an die Sache heran, kann man sagen: Dieser Song klingt nach einem Radiohit und jener nicht. Natürlich ist beides erlaubt. Das Ziel war nie, ein Album mit zehn Nummer-Eins-Singles zu machen. Es soll eine interessante Platte sein. Bei „Respite On The Spitalfields“ etwa war mir klar, dass es absolut kein Radio-Song sein würde. Von daher brauchte ich mir über die Länge überhaupt keine Gedanken machen. Ich glaube, bei „Watcher In The Sky“ habe ich einen „Fehler“ gemacht, weil ich ihn als Track angesehen habe, den ich zwar sehr mag, der aber nicht besonders gut performen würde. Daher dachte ich: Dieser Song schließt den ersten Akt des Albums, also lass ihn ruhig sechs Minuten lang sein. Und jetzt fragt jeder: „Können wir einen Radio-Edit machen?“ Und ich denke mir: „Nein, ich will den Song in keiner Weise kürzen oder verändern.“ Irgendwann muss man das natürlich in Erwägung ziehen. Wenn Radiosender den Song spielen wollen, brauchen sie ihn in einem bestimmten Format. All das sind aber natürlich keine Probleme, sondern gute Dinge. Deine Meinung als Urheber passt nicht zwangsläufig zur Realität. Du kannst nicht bestimmen, welche Songs die Leute mögen werden.

Gab es eine bestimmte Musik, die dich beim Schreiben inspiriert hat? Oder hast du irgendwelche Allzeit-Inspirationsquellen?

Ich denke, ich habe eher Allzeit-Inspirationsquellen. Man beginnt die Arbeit an einer Platte mit dem Ziel, etwas zu erreichen, das man bislang noch nicht erreicht hat. Es gab beim Schreiben einiger Songs diesmal eine Art gedankliches Experiment. Ich wollte mehr Teile haben als nur: Strophe – Pre-Chorus – Refrain – Strophe – Refrain. Das ist ein sehr Ramones-mäßiger Aufbau. Wir haben viele solcher Songs, wie „Square Hammer“, mit einer sehr simplen Songstruktur. Ich war immer beeindruckt von Def Leppard. Auf deren Album „Hysteria“ bestehen alle Songs aus fünf oder sechs Teilen. Es dauert zwei Minuten bis der Refrain einsetzt – und es funktioniert trotzdem richtig gut. An einem gewissen Punkt wollte ich daher versuchen, etwas mehr wie Def Leppard zu denken, um zu sehen, ob ich vielleicht noch einen weiteren Part unterbringen und trotzdem einen „Hit“ kreieren kann. Aber es sollte lediglich ein Experiment sein und nicht wirklich nach Def Leppard klingen. Ich wollte nur ausprobieren, wie viel man in einem Song unterbringen kann, ohne dass er überfrachtet wirkt.

Wie ist es denn zur Zusammenarbeit mit Opeth-Gitarrist Fredrik Åkesson gekommen?

Ganz einfach: Wir sind sehr gute Freunde. Wenn man heutzutage Demo-Songs zu Hause oder in einem kleinen Studio aufnimmt, ist das gar kein so großer Unterschied dazu, eine Platte aufzunehmen. Das Equipment ist einfach so gut und alles läuft ohnehin durch einen Computer. Viele Bands nehmen ihre Alben gewissermaßen zu Hause auf und vielleicht nur das Schlagzeug anderswo. Ich gehe lieber in ein richtiges Studio, aber manchmal gerät man unter Zeitdruck. Auf den ganzen Demos habe ich Gitarre gespielt. Die Gitarrenspuren auf den Demo-/Vorproduktions-Dateien wurden zu vielen verschiedenen Zeitpunkten aufgenommen. Hört man sich etwa die Demo-Version von „Kaisarion“ an, dann wurde die Strophe im April 2020 aufgenommen, der Pre-Chorus vielleicht im August und der Refrain im Mai, und das mit unterschiedlich klingenden Gitarren und verschiedene Saiten. Du kannst diese Aufnahmen in dieser Qualität nicht verwenden, das würde seltsam klingen. Als es dann an die tatsächliche Albumaufnahme ging, mussten wir die Gitarren komplett neu aufnehmen. Das bedeutet eine Menge Arbeit und Zeit. Ich habe mir gedacht: Wenn ich singe, Bass spiele, einen Überblick über das Schlagzeugspiel behalte, mitproduziere und an vielen Stellen zusammen mit Klas (Åhlund, Produzent – Anmerkung d. Redaktion) arbeite, habe ich keine Zeit, auch noch acht Stunden am Tag die Gitarren einzuspielen. Und Fredrik ist so ein großartiger Gitarrist. Daher fand ich, wir können ebensogut jemanden fragen, der einfach besser ist und dem es leichtfällt. Das ist einer der Vorteile der Pandemie. Obwohl Fredrik und ich recht nah beieinander wohnen, viel Zeit gemeinsam mit unseren Frauen und Familien verbringen und zu einer großen Familie aus Leuten in Bands gehören, sehen wir uns normalerweise oft für lange Zeit nicht, weil alle unterwegs auf Tour sind. Wegen der Pandemie war aber nun jeder daheim und man konnte jemanden wie Fredrik, der normalerweise beschäftigt wäre, fragen, ob er für sechs Wochen mit dir ins Studio gehen will, um die Gitarren einzuspielen – und er wollte. Das war eine tolle Möglichkeit, nicht nur zusammen zu arbeiten, sondern auch Zeit miteinander zu verbringen.

Wie hast du die US-Tour mit Volbeat erlebt? Waren die Leute noch ein wenig zurückhaltend aufgrund der Pandemie oder waren alle einfach nur glücklich euch zu sehen?

Die Erfahrungen auf der Bühne waren größtenteils super. Von den Auswirkungen der Pandemie haben wir während der Auftritte nicht wirklich viel mitbekommen. Es gab keine richtigen Einschränkungen, die Leute haben überwiegend keine Masken getragen und sie haben definitiv keinen Abstand zueinander gehalten. Der größte Schock und ein großes Novum dieser Tour war es, dass man morgens an der Venue aufgewacht ist und gehört hat: Es wurden 7.000 Tickets verkauft. Okay, großartig! Am Abend kamen dann jedoch nur 5.900 Leute. Es war einfach erstaunlich, dass so viele Leute einfach nicht auftauchten. Vor der Pandemie sind vielleicht mal hundert Leute nicht erschienen, weil sie keinen Babysitter bekommen haben oder Ähnliches. Das waren aber so wenige, dass es nicht weiter ins Gewicht fiel. Doch jetzt wurde aus einer eigentlich ausverkauften Show plötzlich eine, die eben nicht mehr ausverkauft war. Es ist schon verblüffend, dass tausend Menschen sich nicht wohlfühlen dabei, zu einer Show zu gehen. In den Staaten ist es aber natürlich auch ein wenig anders als in Europa. Und es war unterschiedlich, je nachdem, wo wir gerade waren. Im Landesinneren haben die Menschen weniger Angst, während sie sich in großen Küstenstädten wie Seattle mehr Sorgen über ihre Sicherheit machen.

Was können die Fans hierzulande von den bevorstehenden Liveshows erwarten?

Es wird unsere neue Show sein. Wer Mitschnitte der Konzerte aus Amerika kennt, weiß, dass die Auftritte kürzer waren, weil es eine Co-Headliner-Tour war. Außerdem war das Album noch nicht draußen, weswegen wir nicht viele neue Songs gespielt haben. Wir werden also mehr neue Sachen spielen und außerdem eine Handvoll alter Songs, die wir nicht gespielt haben.

Meinst du alte Songs, die ihr lange nicht gespielt habt oder solche, die ihr noch nie live gespielt habt?

Hmmm (zögert) … beides, denke ich … das kann ich dir nicht verraten (mit geheimnisvoller Stimme).

Du bist mit dieser Band so weit gekommen – inzwischen spielt ihr Arena-Konzerte. Gibt es noch etwas, das du mit Ghost gerne erreichen würdest?

Oh, da gibt es noch vieles, das ich erreichen möchte und es ist noch jede Menge Arbeit nötig, um diese Dinge zu erreichen. Ich habe in keiner Weise das Gefühl, wir wären fertig und angekommen und hätten den Traum erfüllt. Würde ich heute von einem Zug überrollt und kurz zurückblicken, könnte ich auf jeden Fall sagen, dass wir vieles geschafft haben und ich vieles von dem, was ich mir vorgenommen hatte, erreicht habe. Aber es gibt noch vieles, das ich gerne in die Tat umsetzen würde. Wenn man bedenkt, was gerade so alles los ist, liegen sicherlich deutlich leichtere Zeiten vor uns, zu denen ich liebend gerne den Soundtrack liefern würde (lacht). Es fühlt sich wie eine miese Rechtfertigung an, um zu touren, aber ich denke, es ist wichtig, gerade jetzt auf Tour zu gehen, das habe ich in den USA gemerkt. Es gab so viele Leute, die uns erzählt haben, dass sie seit zwei Jahren zu keiner Show – oder sogar kaum aus dem Haus – gegangen sind. Endlich sind diese Leute nun wieder ausgegangen und sie fühlten sich echt gut dabei. Und die Leute in Europa brauchen genau das auch – nicht unbedingt nur von uns. Ich denke, jede Band, die gerade touren kann und es wagt zu touren, sollte es tun. Auch wenn die Welt gerade alles andere als normal ist, und man sich auch nicht einreden braucht, dass es so wäre, sollte man das dennoch ab und zu für eine Stunde oder zwei vergessen und aus der Monotonie ausbrechen. Wir sollten all das Schreckliche, das gerade vor sich geht, nicht aus den Augen verlieren, aber ich glaube, es ist auch wichtig, das für einen Moment hinter sich zu lassen. Ich freue mich darauf, in der Zukunft hoffentlich in einer Welt zu rocken, die weniger tumultartig zur Hölle geht.

Oh ja! Vielen Dank für das Gespräch, Tobias, und bis demnächst auf Tour!

Ja, ich freue mich darauf.

Und wir erst!

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