Bild: Manuel Schütz
Gut Ding will Weile haben – wenn es sein muss, sogar Jahrzehnte. So wie im Falle des neuen Coroner-Albums „Dissonance Theory“, das mehr als 30 Jahre nach dem Vorgänger „Grin“ erscheint. 1996 hatte sich die Schweizer Thrash-Metal-Band aufgelöst; 2011 fanden die Mitglieder jedoch wieder zusammen, um in den folgenden Jahren eine Reihe Live-Auftritte zu absolvieren. Sogleich brodelte es in der Gerüchteküche ob einer möglichen neuen Veröffentlichung. Mit Brodeln und Gerüchten ist nun ebenso Schluss wie mit Hoffen und Bangen, denn die neue Coroner-Scheibe ist endlich und wahrhaftig da. Seit dem 17. Oktober erfreuen sich Thrasher und andere Metalheads an „Dissonance Theory“. Und Grund zur Freude ist dieses Brett von einem Album in der Tat.
In den Achtziger- und Neunzigerjahren machten sich Coroner mit technisch anspruchsvollem Avantgarde-Thrash Metal einen Namen. Denn anders als viele Genre-Kollegen setzen die Schweizer vermehrt auf progressive Elemente und mitunter an Jazz erinnernde Komplexität. Weitere Zutaten wie verspielte Riffs und schwindelerregende Soli von Maestro Tommy Vetterli, bleischwere Heaviness und saftige Grooves, Flirts mit Industrial- und Synth-Sounds sowie Ron Broders markanter Gesang tragen ihren Teil dazu bei, dass Coroner ein gewisser Kultstatus anhaftet. Dieser lässt sich vor allem damit erklären, dass die Schweizer mittels der genannten Trademarks ihren ureigenen Sound kreiert haben: Coroner erkennt man nach wenigen Takten.
Da sich die Band trotz ihres charakteristischen Klangs im Laufe der zwischen 1987 und 1993 veröffentlichten Studioalben stilistisch durchaus wandelbar präsentiert hat, war es umso spannender, welche Richtung sie mit „Dissonance Theory“ einschlagen würde. Von der geradlinigen, temporeichen Vollbedienung des Debüts über den darauffolgenden progressiven Tech-Thrash bis zum düster-atmosphärischen Groove-Metal auf „Grin“ war alles möglich. Statt den einfachen Weg zu wählen und an ihr altes Material anzuknüpfen – was nach all den Jahren möglicherweise etwas angestaubt geklungen hätte –, katapultieren sich Coroner mit Karacho ins Hier und Jetzt. „Dissonance Theory“ ist ultra heavy, wütend, finster und messerscharf. Zudem triefen die zehn neuen Songs geradezu vor Ideenreichtum und Spielfreude. Den Schweizern ist mit diesem Comeback tatsächlich ein Geniestreich gelungen.
Dass Coroner nicht nur auf Platte, sondern auch live amtlich abliefern, hat das Trio seit seiner Wiedervereinigung insbesondere im Rahmen einiger Festivalauftritte bewiesen. Ende des Jahres gibt es nun wieder Gelegenheit, Sänger/Bassist Ron Broder, Gitarrist Tommy Vetterli und Schlagzeuger Diego Rapacchietti auf der Bühne zu erleben, wobei die Herren sicher auch den einen oder anderen neuen Track zum Besten geben werden. Am 27., 28. und 29. Dezember übernehmen Coroner den Headliner-Slot bei einem feinen Metal-Event namens Evil Obsession, das in Coesfeld, Heidelberg und Regensburg-Obertraubling stattfindet.
Neben Coroner treten dort drei weitere Bands auf: Messiah spielen eine Mischung aus Death und Thrash und stammen ebenfalls aus der Schweiz. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, denn auch Messiah haben sich Mitte der Neunziger aufgelöst und sind viele Jahre später, nämlich 2018, zurückgekehrt. Bei Dust Bolt handelt es sich um eine 2007 gegründete deutsche Band, die modernen Thrash Metal spielt und dabei nicht vor Ausflügen in Rock-Gefilde zurückscheut, wie das letzte Album „Sound & Fury“ beweist. Live sind die Jungs eine absolute Macht! Last but not least komplettieren Catbreath das Evil Obsession-Line-up. Die Kieler, deren Mitglieder bereits von den Bands Vladimir Harkonnen und Ash Return bekannt sind, machen Thrash (was auch sonst?!) mit politischer Ansage – der Kater, der so finster vom 2024er Album „Slice 'em All“ blickt, jagt mit Vorliebe Naziratten. Mit Catbreath, Messiah, Dust Bolt und Coroner ist das Evil Obsession ein wahres Fest für alle Thrasher.