Bild: Shanti Tan
„Sunnyside” lautet der Titel des neuen Bosse-Albums, das am heutigen 27. August endlich das Sonnenlicht der Welt erblickt. Die bereits veröffentlichten Singleauskopplungen „Der letzte Tanz”, „Wild nach deinen Augen”, „Der Sommer”, „Das Paradies” sowie der Titeltrack ließen schon erkennen, wie vielseitig der „Alles ist jetzt”-Nachfolger ist. „Sunnyside” klingt eindeutig nach Bosse – allerdings gibt es den einen, klar definierten Bosse-Sound ja gar nicht, schließlich überrascht der Sänger und Songschreiber auf jeder Platte mit neuen Facetten. Genau so ist es auch bei seinem achten Studioalbum.
„Ich wollte, dass jeder Song musikalisch das bekommt, was er verdient”, erklärt Bosse die Vielfalt von „Sunnyside”. Die zeigt sich auch in den Texten, in denen Bosse zum einen Persönliches thematisiert, etwa in „Vater”, zum anderen aktuelle Missstände benennt, wie in „Das Paradies”, aber zwischendurch auch einfach mal auf Tiefgang pfeift, um das unbeschwerte „Wild nach deinen Augen” rauszuhauen. „Sunnyside” lädt ebenso zum Nachdenken wie zum Tanzen ein, ist zeitgemäß und zeitlos zugleich – ein Kunststück!
Was aber wäre ein neues Album ohne eine Tour?! Bosse tourt ab April 2022 mit „Sunnyside” im Gepäck durch die großen Hallen der Republik – und freut sich schon wahnsinnig darauf, jenes magische Erlebnis, das ein Live-Konzert ist, mit seinen Fans zu teilen. Tickets für Bosse bekommt ihr wie immer auf eventim.de.
Im Interview zu „Sunnyside” hat uns Bosse verraten, was er in der Zeit ohne Live-Auftritte besonders vermisst hat und auf welche Songs er sich live am meisten freut. Außerdem sprachen wir mit ihm über den Entstehungsprozess und die Vielseitigkeit seines achten Albums, über soziales Engagement, die anstehende Tour und vieles mehr.
Total.
Aufgeregt bis zu einem gewissen Grad. Bei mir ist das so: Wenn ich so eine Platte erst mal losgelassen hab – und fertig machen ist echt immer das Schwierigste – dann müssen das wirklich die Leute sagen. Ich freue mich gerade über alles – die ganzen Gespräche und dass ich wieder unterwegs bin. Das ist die größte Vorfreude: Was machen die Leute damit? Und das Darüber-Reden, weil ich das Gefühl hab: Ey, ich glaub, es geht gerade wieder los.
Ich würde sagen, es ist musikalisch sehr divers. Dann würde ich sagen tief und ... (überlegt) tanzbar. Das wäre jetzt aber eine eigene Lobhudelei, aber ich hab natürlich versucht, gute Sachen zu sagen. Man soll ja nicht selber über seine eigene Musik reden, aber so würde ich das beschreiben für jemanden, der es gar nicht kennt, im Guten.
Bei mir war es so, dass ich drei Wochen eine Schockstarre hatte – Angst um die Familie und Freunde. Dann kam die Angst dazu, dass es die Kulturbranche ganz schön treffen wird. Die ganzen Freiberufler*innen haben ja keine richtige Lobby. Als dann klar war, dass man wirklich die ganze Zeit zu Hause bleibt, zweimal die Woche einkaufen geht und mehr nicht, hab ich mich irgendwann ans Klavier gesetzt. Das war sowieso höchste Zeit. Es war das erste Mal seit ich 20 war, dass ich wirklich Zeit hatte. Beim ersten Album hatte ich so viel Zeit, das war fast schon langweilig. So ähnlich war das jetzt auch und ich hoffe, das hat der Platte gut getan. Spätestens alle drei Tage unterwegs zu sein, dieses Rastlose, ist vielleicht gar nicht so gut, wenn man etwas erschaffen will. Ich habe dann knallhart Musik gemacht, die ganze Zeit, hab super viel Musik gehört, total viel gelesen, mir meine letzten Jahre angeguckt und Zeit gehabt zum Sortieren und Archivieren. Ich glaube, man merkt der Platte an, dass ich mehr Zeit hatte.
Ja, voll. Das hat wieder was mit Vorfreude zu tun. Wenn ich Musik mache, ist das manchmal gar nicht so leicht, weil es echt schwierig ist zu schreiben. Dann ist es toll, wenn man nach drei, vier Tagen drinnen wieder irgendwo hinfährt und ein Festival spielt, dann hat man wieder dieses Außen. Ich hab dann gemerkt, dass es sich gerade wahnsinnig unlebendig anfühlt, nicht weil ich nicht auf der Bühne stehen kann, sondern weil ich keine Sachen hab, auf die ich mich freuen kann. Dann haben ganz viele Leute geschrieben: „Bitte geh doch mal live, mach doch irgendwas” und dann hab ich das gemacht. Das waren dann feste Termine für mich, auf die ich mich gefreut hab. Das war für mich die Rettung und für die Leute auch. Die haben sich gefreut, dass ich aus meinem Wohn- oder Arbeitszimmer ab und zu mal einen raushaue.
Was ich auch positiv finde, ist, dass ich angefangen hab mit Leuten zu sprechen, die auch freiberuflich sind, und gemerkt habe: Die Jazzsängerin aus Köln hat gerade dasselbe Problem wie der Punk-Bassist aus Leipzig – die sind nicht fest angestellt und haben niemanden, der für sie spricht. Da hab ich gemerkt, dass sich da was formiert, was für die nächsten Jahre total toll sein wird für all die Leute, die Musik machen. Das ist das eine Gute. Das andere war, dass ich irgendwie demütig geworden bin. Das bin ich sowieso, ich freue mich fast täglich über das, was ich machen darf. Aber man merkt es eben oft erst, wenn es gar nicht mehr da ist. Und dass ich endlich mal lange Zeit zu Hause bei der Familie war und man hier so ein WG-Leben geführt hat, war voll gut.
Das kann ich gar nicht so richtig sagen – manchmal ist es ganz schwierig, manchmal ganz leicht. Das war im Lockdown genauso. Ich kenne viele andere, die arbeiten viel weniger und machen trotzdem gute Alben. Bei mir passieren Sachen, wenn ich dran sitze, das heißt, ich spiele wirklich ein Jahr lang jeden Tag zehn Stunden Klavier, sitze am Rechner, baue Beats, schreibe Texte und schmeiße wahnsinnig viel weg, um nach zwei Jahren 14 Songs zu haben. Ich habe wirklich jeden Tag gearbeitet und wenn ich nicht gearbeitet hab, hab ich die ganze Zeit drüber nachgedacht. Manchmal fliegen einem Sachen zu, manchmal schreibe ich drei Wochen lang für die Mülltonne und plötzlich, wenn ich ganz verzweifelt bin, kommt etwas, wo ich denke: „Oh mein Gott, vielen Dank, das ist es”. Das kommt bei mir aber immer durchs harte Arbeiten.
Nee, das weiß ich nicht, ich denke immer, ich weiß es. Diesmal habe ich mir vorgenommen – und das habe ich dann auch durchgezogen – ich möchte meine eigene musikalische Favela verlassen, weil ich mich sonst wahnsinnig langweile. Es tut mir ganz oft leid für meine Fans, die das schon lange hören. Dass es immer auch anders sein wird, haben die jetzt aber verstanden nach sieben Alben. Ich liebe Zeitgeist. Ich finde alles gut, was die jungen Leute machen, aber auch, was die alten Leute machen. Ich liebe Songs und Melodien und Popmusik und ich liebe gute Songs. Auf dem neuen Album kann man das divers nennen und das finde ich richtig gut. Ich wollte, dass jeder Song musikalisch das bekommt, was er verdient – ich hatte Lust, alles zu bedienen, was ich gut finde für den Song. Textlich fand ich diesmal total relevant, dass ich über Gesellschaft singe. Bei einem Liebeslied dachte ich früher immer: „Wenn die jetzt am See sind, muss sie aber noch ein AFD-Plakat zerreissen”. Diese Vermischung wollte ich diesmal nicht. Deshalb hab ich gedacht, wenn ich gesellschaftlich schreibe, dann hau ich „Paradies” oder „Blumen über Dreck” raus und wenn die einfach nach dem Kochen abends zusammen in die Kiste hüpfen sollen, dann schreib ich „Wild nach deinen Augen” und dann will das genau das – nicht mehr und nicht weniger. Das ist neu auf diesem Album.
Voll! „Wild nach deinen Augen” ist so ein Grenzsong für mich. Da muss ich manchmal mit Freunden reden, die dann sagen: „Ja, das kannst du ruhig so machen, Musik muss nicht immer alles wollen und total tief sein, Aki.” Das musste ich so akzeptieren, weil ich mir sonst schnell zu oberflächlich vorkomme und sowas sofort wegschmeiße. Dann brauche ich aber sofort ein Gegengewicht. Da finde ich „Vater” gut, weil mir das total viel bedeutet. Und das, was mir etwas bedeutet, das singe ich dann die nächsten zehn Jahre am liebsten. Deswegen fällt auch immer so viel weg. Sobald ich das Gefühl habe, das ist nicht tief genug oder schlau genug oder irgendwas stimmt da nicht, dann schmeiß ich’s eben weg.
Es geht auf der Platte viel um Selbstwert und um das Glück, um Kraftlosigkeit, Einsamkeit und Abschiede, und trotzdem geht es vor allen Dingen darum, eine Brücke zu nehmen von der dunklen Seite Richtung heller Seite. Dann habe ich den Song „Sunnyside” geschrieben, weil ich es gut fand, über den Punkt zu sprechen, wenn man durch den Schmerz durch ist und man wieder anfängt zu leben. Dann fand ich den Titel gut und hatte direkt diese Sonnenblume im Kopf. Da war der Song „Blumen über Dreck” auch schon da und ich dachte: „Geil, die Sonnenblume wächst so schnell und wird so groß und setzt sich über alles hinweg, und ich kann mit meinen Fans ne Aktion starten.” Da fand ich den Titel genial. Auch wenn das Album überhaupt kein Mallorca-Album geworden ist.
Das ist weder von der Privatperson noch vom Künstler zu trennen. Vor ziemlich vielen Jahren hatte ich ne Idee, das hieß „Dein Zelt kann ein Zuhause sein”, weil es mich angekotzt hat, dass Leute auf großen Festivals ihre Zelte stehen lassen und da ein Riesenhaufen Müll entsteht. Wir haben dann die Zelte, Isomatten und Schlafsäcke gereinigt und an Obdachlose und Bedürftige verteilt. Das war super! Seitdem hab ich da ne krasse Energie, Sachen zu unterstützen, die ich gut finde. Das hab ich jetzt im „Projekt Paradies” weitergeführt. Das sehe ich als meine Pflicht an und es macht mir total viel Spaß.
Sie hat einfach total viel auf dem Album gesungen, auch ganz viele Chöre, weil sie einfach schön singen kann und weil ich sowieso alles zu Hause aufgenommen hab. Am Ende hat mein Produzent gesagt: „Heiliger Strohsack, das soll aber niemand anders singen!”. Ich hätte sonst einfach jemand anders angerufen und ein Duett gemacht oder so. Dann haben wir kurz Familienrat gehalten, weil sich in dem Song ja zwei Leute unendlich wegknallen, um hinter den Mond zu gelangen. Der Familienrat meinte: „Muss es denn direkt ein Sauflied sein mit 15?”. Da hab ich gesagt: „Ja, das muss jetzt sein.” Und jetzt singt sie mit (lacht).
Natürlich ist es gerade nicht dasselbe, das Spielen vor Menschen in Strandkörben oder Picknickkonzerte. Es freuen sich alle, auf der Bühne und im Publikum, dass wieder getanzt werden kann, dass man sich wieder in die Augen gucken kann und ein bisschen Musik macht, das ist ja schon mal toll genug. Trotzdem ist es nicht dasselbe Gefühl wie in einer vollen Halle.
Voll. Ich freu mich über jeden Tag, an dem ich auf der Bühne stehen kann. Ich hab das ja jetzt auch mit Uhlmann und Wiebusch ein paar Tage gemacht. Alles immer richtig gut, alle gut drauf, wahnsinnige Freude. Wenn man das so viele Jahre macht, dann fehlen einem diese Adrenalinausschüttungen und die Freude.
Sich abzuschießen in so einem Moment, eine Mischung aus Adrenalinausschüttung, Im-Moment-Sein und über nichts nachdenken und einer Energie, die man nur hinkriegt, wenn man mit und vor Leuten spielt, die das mögen. Da passiert irgendwas. Dieses Gefühl ist ganz schön unschlagbar, im Moment zu sein und zu singen und zu tanzen und, scheißegal, es gibt gerade nur das. Auf das Gefühl freue ich mich am meisten.
Fünf neue Songs spielen wir gerade schon. Mir ist klargeworden, dass „Der letzte Tanz” wirklich ein Hit ist, der alles rasieren kann auf jedem Festival. Da sind die Strandkörbe echt durch die Gegend geflogen. Der macht richtig Spaß. Ansonsten freue ich mich auf „Vater” live. Den kennen die Leute noch nicht, den würde ich am liebsten spielen.
Ich hab ja so einen festen Wagen an der Elbe. Da schlafe ich total oft. Gerade, wenn ich von einer Tour komme, wie jetzt gerade von der Uhlmann-Wiebusch-Tour, dann steige ich aus dem Nightliner aus, schnappe mir meinen Hund und lege mich da unten hin. Das ist immer gut. Innerhalb von zwei Minuten brennt das Lagerfeuer, es ist alles da, was man so braucht, dann ist da die Elbe und es wird dunkel und das ist schon krass. Es wirkt immer ein bisschen, als wäre man in Südfrankreich, weil es so schön ist.
Ich glaub, am allerliebsten würde ich mal mit der Sängerin von London Grammar singen. Das muss auch nicht veröffentlicht werden. Das ist die tollste Sängerin auf der ganzen Welt. London Grammar, das ist es, die nehm ich, mit der sing ich. Danke, dass ich mir das jetzt aussuchen durfte! (lacht)