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Interviews

Backstage mit Yungblud: „Ich will die Leute herausfordern“

20.06.2025 von Nadine Wenzlick

Laut, unbequem, emotional und kompromisslos ehrlich – seit Veröffentlichung seines Debütalbums „21st Century Liability“ im Jahr 2018 gehört Dominic Harrison alias Yungblud zu den spannendsten Stimmen der britischen Rockszene. Mit seinem neuen Album „Idols“ unterstreicht er, warum. Musikalisch ist es eine Hommage an britische Rockmusik, textlich setzt er sich mit Themen wie Selbstliebe und Selbstfindung auseinander. Im Interview spricht der 27-Jährige nicht nur darüber, sondern auch über Kindheitserinnerungen an Rod Stewart, eine Fast-Verhaftung in Japan und sein eigenes Festival – das BludFest.

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Yungblud, die erste Single aus deinem neuen Album war „Hello Heaven, Hello“ – ein Song, der 9 Minuten und 13 Sekunden lang ist. Ein Statement?

Yungblud: Absolut. Tatsächlich meinten alle zu mir, dass es kommerzieller Selbstmord wäre, diesen Song als Single zu veröffentlichen! Aber ich wollte damit Maßstäbe setzen. Meine neue Platte ist kein Album voller Singles. Es ist kein Album für den Moment. Ich hatte kein Interesse, ein Album zu machen, das im Jahr 2025 relevant ist. Ich wollte ein Projekt machen, das größer denkt. Das tiefer geht. Ich finde, Musik ist im Moment wirklich oberflächlich. Es geht nur darum, einen Hype-Moment zu erschaffen. Ich wollte ein Album machen, das ein Klassiker werden kann. Etwas zeitloses, das nicht an eine bestimmte Epoche gebunden ist. Ich will das Publikum auf eine Reise mitnehmen – und „Hello Heaven, Hello“ ist das Prelude des Albums. Es ist ein Abschied von der Vergangenheit und ein Tor zu dem, wohin ich gehe. 

Warum ist Musik in deinen Augen denn derzeit so oberflächlich?

Ich habe das Gefühl, wir konsumieren so viel, dass wir uns mit 15 verschiedenen Menschen vergleichen, bevor wir überhaupt gefrühstückt haben. Wir haben so eine Angst, überhaupt irgendetwas zu sagen, dass keiner mehr in der Lage ist, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und es fehlt an originellem Denken, weil eigentlich niemand mehr wirklich hinschaut. Wenn ich Leute frage „Was hast du heute gesehen?“, sagen sie Sachen wie „Ich habe diese TV-Show geschaut“ oder „Ich habe dieses Reel gesehen“. Ich denk mir dann: Nein – was zur Hölle hast du heute wirklich gesehen? Hat dich ein Hund angebellt? Hast du gesehen, wie ein Fremder nett zu jemandem war? Wie sah die Person aus, die dir heute Morgen deinen Kaffee verkauft hat? Wir haben keine Aufmerksamkeitsspanne mehr, um wirklich tiefere Gefühle zuzulassen. Deswegen ist alles so oberflächlich. 

Und mit einem 9-Minuten-Song willst du das durchbrechen?

Ich will die Leute herausfordern. Ich versuche bewusst, das Gegenteil von dem zu machen, was gerade angesagt ist – und selbst wenn es kommerziell ein kompletter Flop wird, dann ist das für sich genommen ein Kunstwerk. Ich denke einfach: Mach, was du liebst. Und nicht das, von dem du glaubst, dass es gut aufgenommen wird. Ist „Idols“ ein Album, das man von Yungblud erwarten würde? Nein! Aber wenn man es wirklich auf sich wirken lässt, ergibt es Sinn. Und immer dann, wenn ich am ehrlichsten war, haben die Menschen am stärksten damit resoniert.

„Idols“ ist der erste Teil eines Doppelalbums. Wann kommt Teil zwei – und warum erscheint er getrennt?

Der zweite Teil wird vermutlich Ende des Jahres folgen. Und er erscheint getrennt, weil ich wollte, dass dieses Doppelalbum sich über die Zeit entwickeln kann. Es wird sich verändern, bevor es wirklich fertig ist. Vielleicht wird es auch einen dritten oder vierten Teil geben – warum nicht? Wenn ich morgen etwas schreibe oder in fünf Jahren, wird die Idee weiterwachsen. Wie gesagt: Ich will gemeinsam mit den Menschen, die meine Musik hören, auf eine Reise gehen – statt mir den Kopf zu zerbrechen, welcher Song ein Hit werden könnte.

Du hast vorab gesagt, dass „Idols“ von Selbstliebe und davon, zu sich selbst zurückzufinden, handelt. Was bedeutet das?

Ich musste mir bei diesem Album wirklich selbst in die Augen schauen. Yungblud wurde zu einem Bild, das jeder kannte – aber das hat mich daran gehindert, zu wachsen. Ich wurde in eine Schublade gesteckt, obwohl die ursprüngliche Idee war, keine Schublade zu haben. Ich musste herausfinden, wer ich wirklich bin, weil ich anfing, einen Charakter zu spielen, um mich zu verstecken. Obendrauf hatte ich nach meinem letzten Album mit vielen persönlichen Dingen zu kämpfen – Sucht, Essstörungen. Ich tat alles, um mich nicht mit dem auseinanderzusetzen, was tief in mir lag. Aber dann bin ich zurück nach Hause gefahren, nach Nordengland, mit meinem Produzenten, den ich kenne, seit ich 15 bin, und meinem Gitarristen, mit dem ich Yungblud gegründet habe. Wenn du mit Menschen arbeitest, die dich wirklich kennen, geht es ihnen nur um eines: Die Wahrheit. Ich war also gezwungen, ehrlich mit mir selbst zu sein. Ich habe viel durchgemacht, um die Texte zu schreiben, und ich glaube, das spürt man.

Musikalisch ist „Idols“ eine Hommage an britische Musik. Ist das der Soundtrack deiner Jugend, den du mit diesem Album einfangen wolltest?

Ja. Weißt du, ich war auf der ganzen Welt unterwegs, habe so viele verschiedene Kulturen erlebt. Ich schätze mich wirklich glücklich, so viele Orte und Menschen kennengelernt zu haben. Aber irgendwann bin ich ein bisschen zu sehr abgehoben und musste zurück nach Hause. Denn ich bin wirklich sehr englisch. Ich liebe britische Kunst, Kultur und Musik. Ich musste mich wieder Zuhause fühlen. Und genau dorthin wollte ich mit diesem Album. Ich wollte einer neuen Generation die großartige britische Musik der Vergangenheit näherbringen – aber sie neu denken, wieder lebendig machen. 

Was ist deine erste musikalische Erinnerung?

Rod Stewart. Meine Mutter wuchs ohne Vater auf. Meine Oma spielte mir als ich klein war immer Platten von Rod Stewart vor und meinte „das ist dein Großvater“. Bis wir eines Tages – ich glaube ich war damals neun – in einem Supermarkt waren, ich eine CD von Rod Stewart griff und mit zitternder Lippe frage „Oma, wann treffe ich endlich Opa?“ Alle im Supermarkt lachten!

Warum hat sie sich das ausgedacht?

Keine Ahnung. Ich glaube, es war einfach eine lustige, dumme Idee. Sie liebte Rod Stewart und Bryan Adams. 

Hast du Rod Stewart inzwischen mal getroffen? 

Er schickte mir eine Nachricht auf Instagram: „Hey mein kleiner Enkel“.

Kannst du dich noch an dein erstes Konzert erinnern?

Das war lustig: Meine Mutter nahm mich an einem Dienstagabend mit zu Bryan Adams und mein Dad nahm mich am Freitag derselben Woche mit zu Metallica. Beides hat mich total umgehauen. Bryan Adams war ein riesiges Konzert im Stadion von Sheffield vor 40.000 Menschen. Metallica hingegen spielten damals in einer Arena, auf ihrer „Death Magnetic“-Tour. Das war personifizierte Wut! Ich liebte es zu sehen, wie diese Songs die Menschen bewegten und was sie mit ihnen machten. In dem Moment dachte ich: Ich will Rockstar werden und in Stadien auftreten! Mir ging es immer darum, große Shows zu spielen. Und darum ist dieses Album auch so ambitioniert. Wir haben es für die Live-Shows geschrieben, für große, große Konzerte. Es ist mein Traum, vor 50.000 Menschen zu spielen.

Wann hast du das erste Mal selbst auf der Bühne gestanden?

Ich habe angefangen, in Bands zu spielen, als ich 10 oder 11 war. Wir traten bei Rock-Abenden in meiner Heimatstadt Doncaster auf. Die erste Show unter dem Namen Yungblud spielte ich dann in einer Bar in Shoreditch in London. Es war niemand dort außer meiner Mitter, meinem Manager, meinem Produzenten und zwei Leuten an der Bar. Mein Produzent erzählt die Geschichte besser als ich, aber ich kam auf die Bühne gerannt und schrie, als würde ich im Wembley Stadion auftreten.

Was waren bisher die denkwürdigsten Shows deiner Karriere?

In der ausverkauften Wembley Arena zu spielen, war ein ziemlich großer Moment. Mein Großvater war da. Es war das letzte Konzert von mir, das er sah, bevor er starb. Er war eine riesige musikalische Inspiration für mich. In Argentinien und Japan zu spielen, war auch unglaublich. Das ist einfach eine komplett andere Kultur. In Japan schreien die Leute in einer Lautstärke! Ich wäre dort allerdings fast ins Gefängnis gekommen, weil ich zu einem Moshpit animiert habe.

Wie bitte?

Das war direkt nach COVID und Moshpits waren nicht erlaubt – wegen der Ansteckungsgefahr. 6.000 Leute in einer Arena, aber Moshpits sind verboten… verstehe ich nicht! Auf jeden Fall kam vor meinem Auftritt dieser DJ auf die Bühne, der dem Publikum sagte ‚was immer euch der nächste Musiker sagt, fangt nicht an zu moshen‘. Aber er sagte das auf Japanisch. Wir saßen Backstage und dachten er macht die Menge heiß. Ich rannte also auf die Bühne und die Hölle brach los. Ich glaube, weil man es ihnen verboten hatte, gingen die Leute noch heftiger ab! Die Show hat echt Spaß gemacht, aber als sie zu Ende war, warteten fünf Polizisten auf mich, die mich in einen Raum brachten und anschrien. Rock’n’Roll Baby…

Ging auch mal eine deiner Shows in die Hose?

Ich spielte am Anfang bei diesen Studenten-Partys in Birmingham und Manchester. Keiner wusste, wer wir waren. Die Leute waren bloß da, um die Arctic Monkeys und Taylor Swift zu hören und sich zu betrinken. Als ich auf die Bühne kam, gingen also 1.000 Leute schnurstracks zur Bar. Das war brutal. Aber ein paar von denen sind heute wahrscheinlich bei meinen Gigs (lacht).

Was passiert mit dir, wenn du auf die Bühne gehst? 

Mein Blut kocht, mein Herz rast, du hörst das Schreien – und dann lässt du einfach los. Ehrlich, es ist wie ein Blackout. Es ist verdammt großartig. Freiheit, absolute Freiheit. 

Bist du nervös?

Ja, jedes Mal! Vor großen Gigs kann ich nicht schlafen. Also vor monumentalen Shows.

Am kommenden Wochenende steht so eine an, und zwar beim zweiten BludFest – dein eigenes Festival in Milton Keynes. Wie kam es dazu, dass du es letzten Sommer ins Leben gerufen hast?

Ich finde es einfach nicht okay, welche Preise einige Festivals inzwischen aufrufen. Mir wurde richtig schlecht bei dem Gedanken, dass meine Fans so über den Tisch gezogen wurden. Also wollte ich mein eigenes Festival ins Leben rufen – eins, das meinen Idealen und Vorstellungen entspricht. Die erste Ausgabe letztes Jahr war großartig! 

Die Tickets haben nur 50 Pfund gekostet – und du hast damit angeblich nicht mal Geld verdient?

Das stimmt, mit meinem Auftritt habe ich nichts verdient. Mir war wichtig, dass ich die Künstler fair bezahle, also habe ich mir selbst keine Gage gezahlt. Ich habe in anderen Bereichen Geld verdient, zum Beispiel durch die Bar oder Merchandise. Aber das ist das Coole, wenn man die Dinge selbst in die Hand nimmt: Man kann ehrlich sagen ‚Hey, das hier finde ich fair.‘ 

Was erwartet die Besucher dieses Jahr?

Das zweite BludFest wird noch größer! 35.000 Leute statt 27.000. Echt verrückt, wenn man darüber nachdenkt. Es werden 20 Bands auftreten, wir haben eine größere zweite Bühne, viel mehr Aktivitäten und Vibe. Wir haben Straßenmusiker, eine Skaterampe, Performance-Künstler – das wird wild. Es ist echt so cool, dass ich mein eigenes Festival habe. In Zukunft will ich es unbedingt auch nach Deutschland bringen, nach Prag, Frankreich, Japan, Lateinamerika… Am liebsten würde ich eine BludFest-Welttour machen.

Warum nahm es denn ausgerechnet in Milton Keynes seinen Anfang?

Weil die National Bowl, wo das Festival stattfindet, einer der ikonischsten Orte ist, um ein Konzert zu spielen. Bowie, The Prodigy und Queen haben dort gespielt, Green Day haben ihre „Bullet In A Bible“ DVD dort aufgenommen. Es war mein Kindheitstraum, dort irgendwann selbst aufzutreten!

Anschließend beginnt deine „Idols“-Tour, in deren Rahmen du einige der größten Shows deiner Karriere spielen wirst. Worauf dürfen sich die Fans freuen?

Unsere bisher ambitionierteste Show! Es wird komplett um die Musik gehen und sehr orchestral werden. Ich bringe eine große Band mit. Es wird die beste Rockshow überhaupt! Wir sind gerade die beste Rockband der Welt unter 30 – Fakt! Und wir haben wahrscheinlich eine der besten Liveshows. 

Wovon träumst du noch in deiner Karriere?

Ich würde unglaublich gern mit meinen Idolen zusammenarbeiten, bevor sie von der Bühne verschwinden. Bands wie Aerosmith, AC/DC, Metallica – mit denen zu kollaborieren wäre ein absoluter Traum. Und ich würde gerne einmal als Headliner bei Rock am Ring auftreten. Neben Glastonbury ist es einfach eins der ikonischsten Festivals. Wenn du da Headliner bist, spielst du in der obersten Liga.


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