Bild: Sony Music
Von der Mittelalter-Formation zur Folk-Rock-Band, die zum Jubiläum mal eben eine Arena ausverkauft – in den über 20 Jahren seit der Bandgründung durch Sänger Malte Hoyer haben Versengold eine beachtliche Entwicklung vollzogen. Sie gehören zu den vielseitigsten Acts der deutschen Musiklandschaft. Dank grenzenloser Spielfreude und einem Œuvre, das von Party-Krachern und Trinkliedern über Songs mit gesellschaftspolitischer Botschaft bis zu stimmungsvollen Balladen reicht, begeistern Versengold ihr Publikum, sei es auf Metal-Festivals oder im ZDF-Fernsehgarten. Auf ihrem neuen Album „Eingenordet“ setzt die Band ihre Entwicklung voller Experimentierfreude fort. Ab März präsentieren sie eine Vielzahl ihrer neuen Tracks im Rahmen der „Eingenordet“-Tour live. Kurz vor dem Release sprachen Sänger Malte Hoyer und Violinist Florian Janoske mit uns über ihre Lieblingstracks auf dem neuen Album, gemeinsames Songwriting im Bandcamp, ihre denkwürdigsten Konzerterlebnisse und die Nähe zu ihren Fans.
Florian „Flo“ Janoske: Das ist ja ein Begriff aus der Nautik. Wenn man etwas einordnet, stimmt man quasi die Seekarte mit den Instrumenten ab. Das ist aber nicht die Bedeutung, die die meisten Leute im Kopf haben, wenn sie den Titel lesen, weil der Begriff umgangssprachlich für „jemanden auf Linie bringen“ benutzt wird. Dabei schwingt eine leichte Aggressivität mit, die wir aber im zugehörigen Titelsong ganz gut klarstellen, glaube ich. Und es kommt „Norden“ drin vor, was wichtig ist, weil sich die ganze Platte auch um unsere Herkunft dreht.
Malte Hoyer: Genau, wenn man den Song hört, versteht man schon, wie wir das meinen und dass es nicht ganz ernst gemeint ist. Aber es ist auch gut, wenn der Albumtitel ein wenig polarisiert und Fragen aufwirft.
Malte: Da haben wir sicher alle verschiedene, weil wir auch sehr unterschiedliche Typen sind. Ich bin zum Beispiel ein großer Balladen-Fan, weshalb mein absoluter Lieblingstrack „Krug voll Mondenschein“ ist. Ich sitze total gerne in Gemeinschaft am Lagerfeuer, jemand spielt Gitarre und wir trinken heißen Wein – das ist für mich der Inbegriff eines gelungenen Abends (lacht).
Flo: Ich sitze auch gerne am Lagerfeuer. Aber ich höre auch gerne Rockmusik und mag es, wenn wir bei Versengold rockigere Töne anschlagen. Deshalb battlen sich bei mir „Falscher Leuchtturm“ und „Der Tag mag kommen“. Ich finde außerdem den Titelsong „Eingenordet“ sehr geil, weil er musikalisch ein bisschen anders ist, als das, was man sonst von uns kennt.
Malte: Die letzten beiden Alben haben wir im Harz geschrieben, auch in Bandcamps, aber an einem festen Ort, der uns schon bekannt war. Der Vorteil ist, dass du die Atmosphäre der Umgebung mit aufnehmen und einfließen lassen kannst. Genau das war der Plan diesmal. Wir haben uns unsere Heimat, den Norden, als Oberthema gesetzt und haben uns daher Orte im Norden gesucht, wo wir aufnehmen und uns inspirieren lassen können. Ein Nachteil ist manchmal, dass es nicht genug Raum für alle gibt. Wenn mit Produzent sieben Leute künstlerisch tätig sind, brauchen wir auch Rückzugspunkte, manche mehr, andere weniger. Ich als Songtexter brauche meine absolute Ruhe. Wenn die Örtlichkeit das nicht hergibt, ist es für mich sehr schwer. Aber im Großen und Ganzen lohnt es sich, so zu verfahren.
Flo: Ja, die gibt’s. Man muss eben abwägen: Will man solche Diskussionen haben? Denn das bremst mitunter aus und kostet Effizienz und Nerven. Dafür hat man am Ende ein Album, hinter dem alle stehen können und ein Bandgefüge, in dem sich jeder gehört fühlt. Oder opfert man das zugunsten der Effizienz? Wir haben uns für den ersten Weg entschieden. Wir haben ja eine langfristige Perspektive. Wir wollen möglichst lange als Versengold aktiv bleiben und die Bühnen dieser Republik bespielen. Dafür muss man gut miteinander arbeiten und sich in die Augen gucken können. Das funktioniert am besten, wenn man diese Konflikte austrägt, auch wenn es nervig ist.
Malte: Wir sind alle unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Geschmäckern und sehen darin einen großen Vorteil. Dass es funktioniert, wissen wir, schließlich sind wir in dieser Konstellation schon über zehn Jahre zusammen aktiv – und es läuft sehr gut. Wir kommen zusammen und der eine mag es ein bisschen rockiger, der andere ruhiger, der nächste will bestimmte Instrumente einbringen, ein anderer Beat-lastiger produzieren. Das hört sich erstmal nach einer Menge Chaos an, und das ist es auch, aber: Im Chaos werden Sterne geboren. Am Ende kommt etwas heraus, was alle mögen und die Platte wird entsprechend vielfältig.
Flo: 2015 sind ja Eike und Sean dazugestoßen (Bass und Schlagzeug – Anm. d. Redaktion). Das war einer der größten stilistischen Brüche in der Bandgeschichte, weil wir durch die Änderung der Instrumentierung in eine viel rockigere Richtung gegangen sind. Entsprechend hört sich „Zeitlos“, das erste Album in der Besetzung, ein bisschen wie die eierlegende Wollmilchsau an, weil wir versucht haben, den Kompromiss zu finden zwischen dem, was wir vorher gemacht hatten und dem, was wir danach machen wollten. Auf dem nächsten Album „Funkenflug“ ist das alles sehr viel klarer, weshalb dieses für mich das erste Album ist im Versengold-Stil, wie man ihn jetzt kennt. Der ist über die Jahre immer weiter verfeinert worden. Nach „Was kost die Welt“ haben wir dann angefangen mehr zu experimentieren, was besonders auf dem neuen Album zu hören ist.
Malte: Wir alle feiern Auftritte in schöner Atmosphäre, egal, wie groß sie sind. Und wir spielen alle gerne vor großem Publikum auf Festivals, weil das einen ganz eigenen Reiz hat. Ich persönlich mag es auch, wenn es ein bisschen kleiner ist und man den Leuten ins Gesicht schauen kann und die Emotionen zwischen Bühne und Publikum direkt fließen. Das Tolle an unserer Musik ist, dass wir überall hinpassen, sowohl auf ein Metal-Festival als auch auf den Kultursommer oder ein historisches Festival. Ich mag es, wenn ich die Leute singen höre und ihnen ansehe, welche Wirkung die Musik auf sie hat. Das ist für mich eine schöne Sache, wenn ein paar Tausend Leute die Texte singen, die man geschrieben hat. Aber persönlich tendiere ich zu den kleineren Konzerten, wobei ich mit klein keine 50 Leute meine, obwohl das früher auch eine schöne Zeit war. Ich hab auch schon vor einem Freizeitpark auf einem Grashügel musiziert (lacht). Versengold haben wirklich ganz klein angefangen und sind von da auf die großen Bühnen gekommen.
Flo: Ich glaube, es gibt wenige Bands, die ein so breites Spektrum an Veranstaltungen bespielt haben wie wir, weil wir eben durch unseren Stil so breit aufgestellt sind. Deswegen ist es für mich total schwer zu sagen, was mir das Liebste ist. Da gibt es so unterschiedliche Eindrücke und Emotionen. Ein Jubiläum ist natürlich immer etwas Besonderes, zum einen auf der emotionalen Ebene, zum anderen aufgrund der Größe. Das bisher größte Versengold-Konzert war das zum 20. Jubiläum in der Barclays-Arena in Hamburg. Das ist natürlich ein Wahnsinns-Gefühl und Privileg in einer ausverkauften Arena spielen zu dürfen. Kleine Konzerte können wir ja auch einfach machen, so wie die beiden Release-Shows im Januar, wo wir uns einen kultigen Laden in Worpswede ausgesucht haben, in den höchstens 500 Leute reinpassen.
Malte: Diese Shows waren binnen Stunden ausverkauft. Da freue ich mich drauf. Es wird aber auch etwas experimentell, da wir neue Songs spielen (lacht).
Flo: Solche Challenges, die man sich selber stellt, sind ja auch das geile an dem Job. Dann müssen wir halt mal ne Woche proben, aber das ist es wert. Da sieht man wirklich jedes Gesicht von der ersten bis zur letzten Reihe. Und man kann in solchen Läden nach dem Konzert in Ruhe mit den Leuten sprechen, ohne dass jemand zu kurz kommt.
Malte: Wahrscheinlich bin ich der einzige in der Band, der am liebsten textet und Lieder schreibt. Das ist es, was mich am meisten erfüllt. Auf Bühnen zu gehen, musste ich lernen. Ich habe auch keinen musikalischen Background, wie manch anderer in der Band. Ich hab mich erst als Jugendlicher mit Instrumenten beschäftigt und bin über das Schreiben von Gedichten dazu gekommen, Songtexte zu schreiben. Irgendwann habe ich Versengold gegründet und bin so in diesen ganzen Musikmarkt reingeraten. Für mich war es ursprünglich eine sehr große Herausforderung überhaupt auf eine Bühne zu gehen und dort zu moderieren – das musste ich jahrelang lernen. Mittlerweile ist das fast Routine und ich mag es aufzutreten, vor allem den Kontakt mit den Leuten. Aber am allermeisten Spaß macht mir das Entwickeln von Ideen.
Flo: Ich glaube, Malte und ich repräsentieren, was das angeht, die beiden Pole innerhalb der Band. Er ist eher der Schreibtischtäter und ein unfassbar kreativer Geist. Und ich bin ein Endorphin-Junkie und hüpfe auf der Bühne rum – das ist für mich ein absolut geiles Gefühl. Ich empfinde vor einem Gig auch keine Nervosität, sondern Vorfreude. Ich freue mich immer mega auf die Live-Auftritte. Als Band ermöglichen wir uns, unsere Stärken auszuleben. Ich darf mich auf der Bühne austoben, ohne dass ich dem Sänger und seinem Ego reingrätsche. Für Malte ist das eher ein Vorteil, weil er nicht der Typ ist, der auf der Bühne rumtanzt. Andersherum ist klar, dass Malte 100 Prozent der Texte schreibt, weil er es am besten kann.
Malte: Dass Flo wie auch Eike und Dan (Bass und Gitarre – Anm. der Red.) auf der Bühne Power geben und Alex (Violine, Nyckelharpa, Concertina – Anm. der Red.) und ich uns eher zurückhalten können, bedeutet außerdem, dass wir authentisch sind. Das merken die Leute, glaube ich, dass da keiner eine Rolle spielt. Wir sind halt wir und genau das schafft eine gewisse Intimität zwischen uns und dem Publikum.
Malte: Ich bin oft aufgeregt, bei manchen Konzerten weniger oder gar nicht, bei anderen mehr. Das hängt auch davon ab, wie lange die Saison schon geht. Auf Tour stellt sich irgendwann eine gewisse Routine ein, auch wenn jedes Konzert anders ist. Es ist mir sehr wichtig, mich nicht zu versingen und keine Texthänger zu haben. Bei mir kommt die Endorphin-Ausschüttung eher, wenn ich von der Bühne gehe und merke, dass es ein gutes Konzert war. Dann freue ich mich und kann mich fallenlassen. Vorher versuche ich, konzentriert zu sein und das durchzuziehen. Wenn ich doch mal einen Fehler mache, ist das nicht gleich super schlimm für mich, aber gerade bei Konzerten, die entweder besonders groß oder besonders klein sind, bin ich schon angespannt.
Malte: Wir haben uns auch schon Klaus Kinski reingezogen (beide lachen). Wenn draußen das Intro läuft, dann haben wir das auf dem Ohr. Zusätzlich läuft bei uns aber noch irgendeine Rede, die meistens Dan vorbereitet. Wenn die Tour losgeht, wissen wir meist gar nicht, was da kommt.
Flo: Ich weiß noch, als einer von uns – ich sag jetzt nicht wer – in einem Hotelzimmer eine etwas unsaubere Toilette vorgefunden hat. Er hat sich dann super aufgeregt und eine Sprachnachricht in unseren Band-Chat gehauen – und genau die lief dann am selben Abend unter dem Intro (beide lachen).
Malte: Ich habe immer ein bisschen Angst, dass das in der Technik vertauscht wird und die Leute dann das hören, was eigentlich nur für uns bestimmt ist.
Flo: Wir hatten schon alles mögliche. Die „Herr der Ringe“-Reden eignen sich aber besonders gut, um eine bestimmte Energie zu erzeugen. Für uns ist es wichtig, mit Power auf die Bühne zu gehen, aber auch mit einem Lächeln im Gesicht. Dafür sind diese Reden perfekt, weil sie „empowern“, aber man gleichzeitig schmunzeln muss.
Malte: Es gibt viele Konzerte, die ich nie vergessen werde. Die letzte Jubiläums-Show gehört dazu, aber auch die zum 15. Bandjubiläum, weil da viele Gäste dabei waren und eine wahnsinnige Stimmung herrschte. Die Show in der Barclays-Arena war nicht nur besonders, weil sie groß und ausverkauft war, sondern es sind ja die Hardcore-Fans, die da kommen und alle textsicher sind – von elftausend Menschen singen dann gefühlt zehntausend mit. Ich war da so auf Adrenalin, dass ich viele Teile der Show vergessen habe. Daher erinnere ich mich zwar daran zurück, aber lückenhaft (lacht). Ich mag es aber auch, wenn wir auf Burgen oder an anderen Sehenswürdigkeiten spielen.
Flo: Es sind echt so viele. Ich weiß noch, als wir das erste Mal die Nacht der Balladen in der Historischen Stadthalle in Wuppertal gespielt haben. Mittlerweile haben wir da acht oder zehn Mal gespielt, aber beim ersten Mal hat mich dieser Saal echt umgehauen. Oder das erste Mal Wacken. Wir haben auch schon mal auf einer Hallig im Schafstall gespielt. Das war eine Party und die Bezahlung bestand hauptsächlich aus Flüssignahrung, die man dort zu sich genommen hat. Und auf dem Rückweg auf der Fähre haben wir auch gespielt – oh mein Gott (lacht)! Da war ich eigentlich nicht mehr in der Lage, ordentlich zu geigen – zu meinem Leidwesen haben Leute an Bord mitgefilmt.
Flo: Einmal mussten wir, weil der Feueralarm losging, draußen singen.
Malte: Genau, nachdem der Feueralarm anging, machten wir draußen akustisch weiter, bis wir wieder reinkonnten. Als wir dann ein Jahr später wieder dort gespielt haben, ist wieder der Feueralarm losgegangen. Wir dachten nur: Das kann doch nicht sein! Also sind wir wieder rausgegangen und haben mit den Fans zusammen gesungen.
Flo: Zuerst einmal natürlich einen Großteil der Songs vom neuen Album. Ansonsten kennt man uns ja durchaus für unsere Live-Qualitäten, sag ich mal ganz selbstbewusst. Auch diesmal werden wir eine Menge Energie und Spaß auf die Bühne bringen und einen Abend kreieren, an dem man sehr ausgelassen feiert und sich freut – das ist das oberste Ziel eines Versengold-Konzerts. Abgesehen von den neuen Sachen – bei denen wir übrigens wahnsinnig nervös sein werden – spielen wir vieles, was man kennt und wo man mitsingen kann.
Malte: Unser Anspruch ist, dass die Leute eine Menge Emotionen erleben, dass wir zusammen feiern, aber vielleicht auch ein bisschen nachdenklich werden, eine gemeinsame Reise unternehmen. Am besten geht man aus einem Versengold-Konzert und sagt: Jetzt fühle ich mich richtig gut, weil ich alles erlebt habe: ein Tränchen verdrückt, gelacht, gesungen und gefeiert, einfach einen runden Abend gehabt habe. Es gibt es auch ein tolles Bühnenbild – da legen wir diesmal noch eine Schippe drauf.
Flo: Wichtig ist mir noch zu sagen: Auch wenn die Locations diesmal etwas größer sein werden, sind wir immer bemüht, eine Nähe zum Publikum herzustellen. Es geht nicht nur darum, eine fette Show mit Licht und Pyros abzuliefern, sondern bei uns sind wir als Musiker immer noch nahbar. Das ist uns wichtig hinzubekommen, egal wie groß die Halle ist.