Bild: Andre Josselin
In unserer neuen Serie „Backstage“ treffen wir Künstler und Bands hautnah und sprechen mit ihnen über alles, was mit dem Live-Erlebnis zu tun hat: Triumphe und Pleiten, ihren ersten Konzertbesuch – und natürlich verrückte Tour Rider. Den Anfang macht Tim Bendzko, der gerade sein neues Album „April“ veröffentlicht hat und damit in Kürze auf Clubtour geht.
Tim Bendzko: Das war wahrscheinlich Peter Maffay. Meine Mutter ist großer Maffay-Fan und da musste ich natürlich das eine oder andere Mal mit. Was ich gerade vor mir sehe, ist Tabaluga und Lilli in der Max-Schmeling-Halle in Berlin. Ich bin nur mitgegangen, weil die Freundin meiner Mutter plötzlich abgesagt hat – aber das hat etwas mit mir gemacht! Live-Musik hat eine Power, die sich über CDs oder Streams nicht wiedergeben lässt.
Ich hatte eine kleine Waldbühnen-Serie: Das erste Mal durfte ich 2009 dort auftreten, als ich an einem Wettbewerb der Söhne Mannheims teilgenommen habe. 2011 kehrte ich im Vorprogramm von Joe Cocker zurück und zwei Jahre später habe ich dann auf meiner eigenen Tour dort gespielt. In der Heimatstadt zwei Jahre nach dem ersten Album vor 22.000 Leuten aufzutreten – das war schon absurd. Es war der wärmste Tag des Jahres und 15 Minuten vor Beginn sagten mir die Securities, dass sie das Konzert wegen eines aufziehenden Unwetters vermutlich nach wenigen Songs abbrechen müssen. Ich dachte nur: Da hatte ich ein Jahr lang Angst, dass es nicht voll wird, und dann sowas? Aber das Unwetter blieb aus und es war ein magischer Abend! Wir hatten Gäste wie die Söhne Mannheims und Cassandra Stehen und es passte einfach alles. Man hat gemerkt, dass alle spürten, wie besonders dieser Abend für mich ist.
Klar denke ich manchmal das hätte ich jetzt lieber nicht gesagt oder gemacht. Aber ich bin generell gut vorbereitet und achte auf mich, deswegen kann es mir unter normalen Umständen eigentlich nicht passieren, dass ich ein ganzes Konzert verkacke. Einmal hatte ich von einer Sekunde auf die andere das Gefühl, dass ich nicht mehr intonieren kann. Manchmal ist man einfach müde, die Ohren sind müde und du hörst nicht mehr alles so konkret wie sonst. Aber sowas bleibt nicht aus, man ist ja ein Mensch. Peinlich finde ich das trotzdem nicht. Oder letztes Jahr: Da haben wir sowohl vor 15.000 als auch vor 200 Leuten gespielt – bei einem kleinen Festival, wo die Veranstalter sich offenbar verschätzt hatten. Aber auch das ist nicht peinlich. Peinlich wäre, wenn man sich aufspielt und sagt jetzt spiele ich nicht. Am Ende des Tages hat es richtig Spaß gemacht, weil so eine intime Atmosphäre entstanden ist.
Ja, in Erfurt zu meinem zweiten Album. Ich war total erkältet. Beim Einsingen habe ich schon gedacht das kann ja was werden. Normalerweise erledigt das Adrenalin dann den Rest, aber nach zwei Songs habe ich angefangen, Melodien zu singen, die es eigentlich nicht gibt. Ausgerechnet bei „Am seidenen Faden“ musste ich das Konzert dann unter Tränen abbrechen. Das war das erste – und zum Glück bis jetzt auch das letzte Mal – dass ich ein Konzert abbrechen musste und da denkt man natürlich, das ist der absolute Weltuntergang. Und klar ist das für die Zuschauer super blöd, aber die meisten haben Verständnis. Wir haben es nachgeholt und total abgerissen, da war dann alles wieder gut.
Die Band und ich machen vorher immer einen Kreis. Ich halte dann eine "Rudi-Völler-Jürgen-Klinsmann-Rede" und versuche was dazu zu sagen, wo wir heute sind und was ansteht, versuche auf die Abende, die Band und die Umstände einzugehen. Ansonsten habe ich keine festen Rituale – schon um zu vermeiden, dass ich abergläubisch werde, wenn ich sie mal nicht einhalten kann.
Ich halte es immer so, dass sich sowas ergeben muss. Ich habe zum Beispiel gerade ein Duett mit Giovanni Zarella in seiner Show gesungen, was super schön war. Wir haben sofort festgestellt, dass wir auf einer Wellenlänge sind und die gleiche Sprache sprechen. Sowas macht mir total Spaß. Das ist organisch und das merkt man dann auch. Features, die sich jemand überlegt, damit die Songs besser streamen, sind nicht mein Ding. Und ich bin auch kein Freund davon, mir die Bühne mit meinen Idolen zu teilen. Stell mal vor, die sind womöglich doof. Ich bin zum Beispiel riesengroßer Michael-Bublé-Fan. Der ist bestimmt der netteste Kerl der Welt, aber ich möchte den lieber nicht treffen. Ich finde den so super cool und das soll auch so bleiben.
Ich wäre gerne zu der Tour von Michael Bublé gegangen, aber ich war nicht da. Und Emilie Sandé würde ich unfassbar gerne mal live sehen. Ich stand vor vielen Jahren mal mit ihr im Fahrstuhl und wusste nicht, wer sie ist, dachte mir aber direkt, dass diese Frau neben mir ein Weltstar sein muss. Kurze Zeit später hörte ich einen Song von ihr und war begeistert, als ich feststellte, dass sie die Frau aus dem Fahrstuhl ist. Eine unglaubliche Sängerin mit tollen Songs.
Das abgefahrenste ist wahrscheinlich, dass wir immer zu erreichen versuchen, dass in meinem Backstage nichts steht. Es wird oft so viel hingestellt, was am Ende keiner isst und weggeschmissen wird. Also in meinem Rider steht, dass ich eine bestimmte Art von Wasser haben möchte – aber da geht es gar nicht darum, dass es genau dieses Wasser ist, sondern dass es nicht ein 19 Cent Wasser ist. Meine Band freut sich über regionales Bier. Sonst stehen da glaube ich noch Nüsse und Beeren drauf, ein paar alltägliche Dinge wie guter Kaffee, Milchvarianten, frisches Obst und die Anzahl der veganen, vegetarischen und Gerichte mit Fleisch. Eine Zeitlang hatte ich auch mal eine bestimmte Flasche Champagner auf dem Rider, aber das war eher ein kleiner Charaktertest. Wenn man sich rechtzeitig mit dem Rider beschäftigen würde, könnte man den für 12,90 Euro bestellen. Die Alternative aus dem Supermarkt kostet 49 Euro. Bis jetzt hat genau ein einziges Mal jemand den günstigen bestellt (lacht).
Ab dem 1. April ist Tim Bendzko auf „April“-Clubtour, die ihn noch bis Herbst quer durch Deutschland führt. Die genauen Termine und Tickets findet ihr, wenn ihr auf den Button klickt.