Bild: Paul Harries
Den Titel ihres Debütalbums „Take to the Skies“ setzten Enter Shikari von Anfang an in die Tat um: Seit 2007 befinden sich die Trancecore-Pioniere auf einem nicht endenden Höhenflug. Mit ihrem aktuellen Album „A Kiss For The Whole World“ erreichten die Briten in ihrer Heimat erstmals die #1 der Charts. Sänger und Keyboarder Rou Reynolds plauderte mit uns über denkwürdige und peinliche Live-Momente, das Leben auf Tour, die bevorstehenden Deutschlandkonzerte und mehr.
Da gab es diesen lokalen Jugendclub, der prägend war für die örtliche Szene und meine Band. Da bin ich häufig hingegangen. Die ersten Bands, die ich gesehen habe, waren also vermutlich eher miese lokale Bands – keine, an die ich mich besonders erinnere. Die erste richtig große Show, bei der ich war, müsste Oasis im Londoner Finsbury Park gewesen sein. Ich war etwa 15 Jahre alt und mit ein paar Schulfreunden da und wir waren alle ganz aufgeregt, weil es unser erstes großes Konzert war. Ich erinnere mich, dass ich völlig überwältigt war von der Größe, der Menge an Leuten und der Pracht eines derartigen Events.
Wahrscheinlich. Als Jugendlicher war ich nie der Typ, der entschlossen darauf hingearbeitet hat, Musiker in einer Band zu werden. Meine Eltern stammen aus Arbeiterfamilien. Im UK denken wir sehr stark in traditionellen Klassen – man sollte sich innerhalb der entsprechenden Grenzen bewegen und keine zu großen Träume haben. Ich habe nie gedacht, dass ich jemals in einer Band sein würde, die solche großen Shows spielt. Doch ich war schon besessen von Musik und davon, Musik zu schreiben – Musik war mein Leben. Wir hatten damals bereits unsere erste Band, eine fünfköpfige Punkband. Der Wille war also da, aber ich dachte nicht, dass es jemals passieren würde.
Nein, das war vorher, mit etwa zwölf Jahren. Ich, unser Schlagzeuger Rob und unser Bassist Chris hatten eine Band mit zwei anderen Leuten. Wir haben Cover von The Beatles, Oasis, Queen und alle mögliche Indie- und Britpop-Songs gespielt. Wir traten auf Schulfesten, Geburtstagen und auf der Hochzeit meines Cousins auf (lacht).
Daran kann ich mich sehr genau erinnern. Ich, Rob und Chris hatten ursprünglich zu dritt unter dem Namen Hybrid angefangen, haben bei „Battle of the Bands“ mitgemacht und solche Sachen. Als wir dann 16 oder 17 waren, kam unser Gitarrist Rory dazu und wir entschieden, dass ich mich darauf konzentrieren würde, als Frontman zu agieren und Keyboard zu spielen. Von da an haben sich die Dinge stark verändert, unsere Musik hat sich weiterentwickelt. Angesichts unserer ersten Show war ich total aufgeregt. Wir hatten wochenlang geprobt, wir hatten einen neuen Sound, einen neuen Gitarristen und einen neuen Namen. Die Venue hieß The Harlow Square, eine von vielen, die es heute leider nicht mehr gibt. Wir hatten uns Wochen lang darauf gefreut. Drei Tage vor dem Konzert hat sich Rob dann beim Skaten die Schulter gebrochen. Also musste ein Ersatzschlagzeuger her. Zum Glück kannten wir einen Drummer, der netterweise bereit war, zu versuchen, die Songs innerhalb von drei Tagen zu lernen. Fest im Gedächtnis geblieben ist mir die Erinnerung an Rob, der mit seinem Gipsarm im Pit steht und abgeht. Er hatte also trotzdem eine gute Zeit. Die Show hat Spaß gemacht, aber es war so frustrierend, dass es nicht die große Enthüllung unserer neuen Band war, die ich mir vorgestellt hatte.
Das variiert von Mal zu Mal. Wie aufgeregt ich bin, hängt bei mir oft von der Größe der Show ab. Ich liebe die richtig großen Shows – auf die Konzerte, die wir demnächst in Deutschland spielen, freue ich mich sehr. Bei Rob ist das zum Beispiel anders: Er liebt gerade die kleinen, verschwitzen Clubshows und findet die großen weitaus nervenaufreibender. Bei mir ist es genau anders herum. Ich werde schon manchmal noch nervös, zum Beispiel wenn wir lange keine Clubshow mehr gespielt haben, etwa nach der Festivalsaison, dann muss ich mich erst wieder daran gewöhnen. Normalerweise freuen wir uns aber einfach, bevor wir auf die Bühne gehen. Und wir wärmen uns physisch und stimmlich auf.
Über die Jahre ist es zunehmend – ich würde nicht sagen professionell geworden –, aber uns ist bewusster, dass wir auf uns selbst Acht geben müssen. Ich bin keine 18 mehr (lacht), ich kann nicht auf der Bühne herumrennen wie ein verrücktes Huhn und erwarten, dass ich mich am nächsten Tag gut fühle. Innerhalb der letzten vier Monate hatte ich einige Verletzungen, daher werde ich das Auf- und Abwärmen auf der kommenden Tour besonders ernst nehmen. Wir haben ein paar Playlists mit Musik, die sich gut zum Aufwärmen eignet und gleichzeitig anspornt und motiviert, die sozusagen unseren Geist aufwärmt. Ich mache außerdem viel Yoga. Rob spielt sich auf seinen Pads warm. Was außerdem immer wichtiger geworden ist: Wenn wir auf die Bühne gehen, müssen wir uns als Einheit fühlen. Wir müssen psychisch aufgewärmt sein. Die schlechtesten Shows, bei denen wir uns nicht wohl fühlen auf der Bühne, sind die, bei denen wir keine feste Einheit bilden. Wir sind keine Drama-Band, die ständig herumstreitet, aber es kann passieren, dass wir abgelenkt sind. Deshalb haben wir die Regel aufgestellt, dass wir eineinhalb Stunden vor der Show alle gemeinsam in der Garderobe sind. Wir reden, fühlen eine Verbindung zwischen uns und wenn wir auf die Bühne gehen, fühlen wir uns als Einheit.
Das wechselt zwar und wir hören alles mögliche, am häufigsten ist es jedoch Motown und Soul. Das ganze Genre ist so aufmunternd, es zaubert dir immer ein Lächeln aufs Gesicht. Ich bin mit dieser Musik aufgewachsen – mein Vater war DJ, überwiegend für Northern-Soul-Musik, daher fühle ich mich ausgeglichen und glücklich, wenn ich sie auflege. Es gibt da einige unglaubliche Stimmen und viele interessante Melodien und Harmonien, daher eignet sich diese Musik perfekt dazu, seine Stimme aufzuwärmen. Darüber hinaus gibt es zwei Bands, mit denen wir schon auf Tour waren und die gute Freunde von uns sind, die wir sehr oft hören, bevor wir auf die Bühne gehen, und zwar aus denselben Gründen: Die eine ist Bad Rabbits, eine Art Funk-Soul-Punkband aus Boston. Absolut brillant, hochtalentiert und vollkommen unterschätzt – die sollten riesig sein. Die andere ist Fatherson, eine schottische Indie-Rockband. Fantastische Melodien und sehr nostalgisch für mich, weil ich als Kind in Schottland gelebt habe. Ihr Sound hat etwas Wunderschönes; man hört, dass sie umgeben von Natur aufgewachsen sind.
Blackout Problems kennen wir schon ein Weilchen, sie haben letztes Jahr schon mal mit uns gespielt. Sie sind wundervolle Menschen, großartige Songwriter und auch live richtig gut. Ich freue mich darauf, sie diesmal in größeren Venues zu sehen. Und ich freue mich darauf, die gemeinsame Single mit ihnen zu spielen – einmal haben wir das schon. Was Fever 333 angeht: Jason kennen wir seit über zehn Jahren. Wir sind gemeinsam mit seiner alten Band Letlive getourt. Alles, was Jason macht, ist energiegeladen, interessant, dynamisch und vielschichtig. Seine neue Version von Fever 333 sieht unglaublich aus und hört sich auch so an, es ist einfach inspirierend, da ist so viel Energie. Ich denke, ein Abend mit uns und Fever 333 zusammen wird der Wahnsinn. Die Shows werden absolut verrückte Partys und eine Menge Spaß machen.
Das hängt natürlich davon ab, wo wir sind und wie groß die Location ist. Auf der kommenden Tour wird es einen Haufen Arbeit geben. Wir sind immer noch sehr DIY-mäßig drauf und möchten in jeden Aspekt der Show und der Organisation involviert sein. Je größer die Konzerte, desto leichter ist es, das Ganze umweltfreundlicher zu gestalten. Wir stellen sicher, dass wir ein rein pflanzliches Catering bekommen, dass die Venues recyceln und dass wir wiederverwendbare Wasserflaschen haben. Und dass unsere Lichtanlage so energieeffizient wie möglich ist. Das ist das eine. Zum anderen sind wir stark involviert in Licht, Visuals und Produktion. In den letzten Wochen haben wir an den Visuals gearbeitet, gemeinsam mit unserer Lichtdesignerin Lucy und unserem Visuals-Guide Johnny, der in Tokio lebt, was viele Stunden und lange Nächte bedeutete, aber wir sind total begeistert. Da wir an allem beteiligt sind, gibt es dann auf Tour immer etwas zu tun. Wir sind keine Band, die an der Venue ankommt, sich volllaufen lässt, den Gig spielt und schlafen geht, um dasselbe am nächsten Tag zu wiederholen. Wir wollen vielmehr sicherstellen, dass das gesamte Erlebnis das beste ist, das wir den Leuten geben können und dass wir viele gute Erinnerungen an die Tour mitnehmen können und den Zuschauern hoffentlich einen der besten Abende des Jahres bescheren konnten. Ich freue mich auf die Tour und die ganze Arbeit. Über Weihnachten und Neujahr konnte ich mich gut erholen, sodass ich mich jetzt voller Energie und bereit fühle.
Wir wollen versuchen einen Raum zu erschaffen, der sich von allen anderen Teilen des modernen Lebens unterscheidet. Das hört sich jetzt sehr groß an, doch ich glaube, es stimmt. Wenn man genau überlegt, kann man nirgendwo mehr als Gemeinschaft zusammenkommen, seine Sorgen vergessen und mit Leuten verbunden sein. Bei Religion oder Sport ist es zum Beispiel so, dass sie die Menschen nicht vollkommen zusammenbringen. Da gibt es immer Unterscheidungen: Du musst an diese Religion glauben oder jenes Team unterstützen. Bei der Musik geht es nur darum, Musik zu mögen. Und Menschen mögen Musik, sie wirkt sich auf unser Gehirn und die Ausschüttung von Dopamin aus und lässt und etwas fühlen. Das ist das Schöne, denn es erinnert uns daran, dass wir alle ähnlich sind. Durch Musik werden wir alle ganz leicht beeinflusst und inspiriert und spüren diese Emotionen. Wir nehmen das sehr ernst und versuchen, einen Raum zu kreieren, in dem es ausschließlich um menschliche Verbindungen geht. Wir spielen nicht einfach nur unsere Musik und das Publikum hat eine gute Zeit – für uns ist das tiefer. Wir möchten die Leute daran erinnern, dass wir alle derselben Spezies auf demselben Planeten angehören – die Welt ist schließlich zunehmend gespalten.
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, die Leute wollen eine ehrliche Show sehen mit aufrichtiger Begeisterung. Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Künstler auf der Bühne zu sehen, der sich offensichtlich langweilt oder müde ist oder genug davon hat, jeden Abend dieselben Songs zu spielen. Egal, wie aufregend das was du machst am Anfang ist, wenn du es tausendmal machst, Abend für Abend, geht es dir erst in Fleisch und Blut über, und danach wird es langweilig. Eben das versuchen wir zu vermeiden. Wir bringen andauernd neue Versionen von Songs und Remixes ein und lassen Tracks ineinander fließen, sodass es sich anfühlt wie ein DJ-Set. So bleibt es vielfältig und interessant. Die Leute wissen, wenn sie uns zweimal innerhalb eines Jahres sehen, bekommen sie nicht zweimal dieselbe Show geboten. Das ist uns wichtig, aber der Hauptgrund ist, dass die Show für uns selbst spannend bleibt. Das klingt vielleicht egoistisch, doch ich glaube, das ist es, was die Leute sehen wollen – eine Band, die mit Begeisterung bei der Sache ist. Genau das wollen wir sicherstellen.
Oh Gott, ich habe so viele Erinnerungen an Shows! Rock am Ring – dieses Festival und die Hauptbühne sind so groß und die Menschenmenge so unfassbar ist riesig, dass es sich immer anfühlt wie ein echtes Spektakel. Ich erinnere mich daran, dass ich es jedesmal genossen habe, auf dieser Bühne zu spielen. Davon blitzen viele Bilder in meinem Kopf auf. Ich freue mich total darauf, bald dorthin zurückzukehren. Davon abgesehen erinnere ich mich an viele kleine Momente, etwa vom letzten Mal als wir in Tokio auftraten. Das war unglaublich, wir haben zusammen mit Slipknot und Limp Bizkit auf dem Knotfest gespielt. Es ist immer großartig, nach Japan zu reisen – es ist so weit weg, so anders und interessant. Bevor es die Band gab, war ich nie weiter von zu Hause entfernt als die kleine Insel Gurnsey im Ärmelkanal zwischen England und Frankreich, also überhaupt nicht weit weg (lacht). Wenn wir dann an Orten spielen wie Japan, Nordamerika, Kanada oder Australien, empfinde ich das als total surreal. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich dort hinkommen, all diese Menschen treffen und meine Musik spielen kann.
Oh, viele! Zwischen 2015 und 2017 gab es einige schwierige Tourneen. Ich habe mich damals unsicher gefühlt, hatte Probleme mit Schlaflosigkeit, sozialen Ängsten und so. In dieser Zeit gab es eine Nordamerika-Tour, bei der ich die Konzerte einfach nicht genießen konnte. Ich war nicht richtig präsent, mein Kopf voller Ängste. Überhaupt fühlen sich diese vier- oder fünfwöchigen Touren quer durch die USA manchmal endlos an. Aber wir hatten auch schon ganz tolle US-Touren. In den ersten Jahren nach der Bandgründung gab es ein paar geradezu schockierende Erlebnisse. Wir haben mal in einem Hells-Angels-Club in London gespielt. Das war etwa 2006 und niemand außer uns spielte solch einen Mix aus Rock, Metal, diversen Dance-Elementen, Drum ’n’ Bass und House – aggressiv und gleichzeitig sanft, männlich, aber auch feminin. Diese kräftigen, harten Biker-Typen, die ausschließlich Metal hören und alles außer Slayer scheiße finden, haben uns einfach nicht verstanden. Die Blicke der Anwesenden reichten von Verwirrung im besten Fall bis zu Hass im schlimmsten. Und als wäre das nicht genug, ging unsere Elektronik auf der Bühne auch noch kaputt. Wenn ich mich recht erinnere, kletterte Rob auf eine Lautsprecherbox, sprang und landete auf unserer Elektronik. Wir versuchten einfach weiterzumachen, aber die Elektronik versagte immer wieder. Es war schrecklich. Ich dachte: Was machen wir hier eigentlich? Bestimmt geraten wir gleich in eine Schlägerei. Das ist so eine Show, an die wir lieber nicht zurückdenken. Und mir fällt noch eine ein: Das war auf einem Festival in Deutschland oder Holland, ebenfalls ziemlich am Anfang, 2007 oder 2008. Ich stand auf einer Absperrung und lehnte mich in Richtung Menge hielt ihnen das Mikrofon hin. Jemand von der Security hielt mich am Gürtel fest, um mich zu sichern. Dann riss mein Gürtel und meine Hose rutschte runter und so stand ich dann da oben, wo mich jeder sehen konnte (lacht). Das war ziemlich peinlich.
Genau, die vier Singles haben wir schon gespielt. Wir sind total heiß darauf, einige der anderen Tracks zu spielen. Es ist jedes Mal extrem spannend, neues Material live zu präsentieren. Bei der kommenden Tour freue ich mich total auf „Jailbreak“. Bei den Proben fühlte sich dieser Song sehr emotional an, nicht zuletzt wegen der Lyrics, die davon handeln, Dinge an sich selbst zu ändern, die man nicht besonders mag – das bedeutet etwas für jeden in der Band. Viele Fans haben sich „goldfish ~“ gewünscht, daher freuen wir uns darauf, den zu spielen. Und was noch niemand weiß: Ich habe einen Remix von „goldfish ~“ gemacht, der absolut verrückt ist, das wird richtig Spaß machen! Außerdem spielen wir „Giant Pacific Octopus (i don’t know you anymore)“. Dabei darf ich Gitarre spielen, was ich sehr vermisse.
Ja, absolut.
Das letzte ist schon eine Weile her (überlegt). Vor ein paar Wochen war ich in einem Jazzclub in London. Sowas macht mir großen Spaß und ist natürlich total anders als unsere eigene Musik. Davor war ich irgendwann bei einem Hardcore-Konzert mit Old-school-Hardcore-Bands. Ich liebe diese ganze Szene, alles von Gorilla Biscuits, über Youth of Today bis Sick of It All – den ganzen East Coast Hardcore. Ansonsten waren wir so beschäftigt mit Tourvorbereitungen, dass ich nicht so viel Zeit hatte. An freien Tagen gehen wir auf Tour öfter mal auf Konzerte. Meist spielt irgendwo eine Band oder ein DJ, mit denen wir befreundet sind. Wir schätzen uns glücklich, so viele Künstler kennenzulernen. So gehen wir manchmal zu einer Show, anstatt selbst eine zu spielen.
Im Februar 2024 spielen Enter Shikari vier Konzerte in Deutschland. Anfang Juni kehren sie dann für Shows bei Rock am Ring und Rock im Park zurück.